Archive for August, 2009

Armbrustschwach

28. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (24) Mit dem futuristischen „X-Bow“ hat KTM einen Flop gelandet. Und sollte dazu stehen.

ktm-x-bow

Im Zweifelsfall gilt der alte Spruch „The only difference between men and boys is the price of the toys“. Aber 72.000 Euro sind nun mal kein Pappenstiel, auch wenn die Buben mittlerweile das Volksschul-Turnsackerl durch einen Golf Bag ersetzt haben. Und dieser Betrag ist, wohlgemerkt, schon für die Basisversion fällig, Sonderwünsche schlagen extra zu Buche. Dabei ist an dem Spielzeug wenig dran, jedenfalls im Vergleich zu anderen Luxuskarossen. Der „X-Bow“ (sprich: „Crossbow“, zu deutsch: Armbrust) ist ein minimalistischer, offener Rennwagen, der keine 800 Kilogramm wiegt und in 3,9 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Es ist wohl kein Zufall, daß sein Hersteller, das oberösterreichische Paradeunternehmen KTM, sonst nur Motorräder baut. Firmengründer Hans Trunkenpolz, der 1934 in Mattighofen eine Maschinenschlosserei eröffnete, hätte ein solch radikales, futuristisches Konzept wohl nicht mal erträumt.

Nun ist der „X-Bow“, bei allem Respekt vor den Visionen des heutigen KTM-Chefs Stefan Pierer und seiner Crew, leider ein Riesenflop. Die Herstellung des typischerweise knallorange lackierten Gefährts in einem eigens errichteten Werk in Graz wurde nach nicht mal einem Jahr wieder eingestellt. Warum? Schlichtweg: weil man die Marktnische falsch eingeschätzt hat. Statt jährlich eintausend Stück, wie von den Managern prognostiziert, lassen sich nur wenige hundert absetzen. Man produziert auf Halde. Auch sonst laufen die Geschäfte nicht gut. Oberösterreich musste mit einer Landeshaftung einspringen, um eine Kreditklemme bei den Banken und Entlassungen hintanzuhalten. Nur die Fahrräder unter dem Signet KTM, die aber nicht der Sportmotorcycle AG zuzurechnen sind, erleben einen Absatz-Boom.

Damit zum lächerlichen Part der Tragödie: die Krise ist schuld. Weil die Krise einfach an allem schuld ist. „Das einzige, was stört, ist der Kunde“, brachte es ein Posting in der „Kleinen Zeitung“ auf den Punkt. Zynismus, der gern absichtlich als Neid und Missgunst missverstanden wird. Aber gegen die allmächtige, allgegenwärtige, allumfassende Krise, was liesse sich da schon tun? Dem Management fiel auch nichts weiter ein. Und auf.

„Kunden trauen sich nicht, mit einem solchen Spaßauto in ihrem Betrieb vorzufahren. Das ist sozial nicht verträglich“, liess der Konzernsprecher verlauten. Pardon: das ist natürlich kompletter Unsinn. Wer sich traut, solch ein Mittelding aus Rasentraktor, Formel Eins-Geschoss und „Mad Max“-Streitwagen vor der Haustür zu parken, kennt Worte wie „Sozialverträglichkeit“ oder „Krise“ gar nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Aber wieviele grosse Buben, die sich in einem derartigen Gefährt abseits abgesperrter Rennstrecken nicht doch ein wenig lächerlich vorkommen, gibt es eigentlich? In absoluten Zahlen? Tja. Weniger, als man gedacht hat. Man hat sich verspekuliert. Und sollte die Eier haben, das einfach zuzugeben. Im Testosteron-Segment kommt das allemal besser als brustschwache Ausreden und jämmerliches Manager-Gewinsel.

Flaschenpost aus der Retzer Gegend

21. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (23) Es gilt das eherne Gesetz: was passieren kann, passiert. Z.B. Stromausfall in der tiefsten Pampa.

message in a bottle

Nun wäre es ja höchst an der Zeit, wieder einmal über dieses oder jenes Gerät zu schreiben, das neu am Markt ist, positiv herausragt aus der Armada vergleichbarer Produkte oder sich generell als nützlich erweist bei der Bewältigung des modernen Alltags. Da schleppe ich seit Wochen eine Kamera mit mir herum, eine Canon EOS 500D samt wuchtigem 24-70mm Profi-Objektiv, und diese Kombination kann einiges.

Ich muss Sie aber vertrösten mit einer detaillierten Beurteilung. Denn seit heute früh verplempere ich meine Zeit damit, eine Möglichkeit zur simplen Übermittlung dieser Kolumne zu eruieren. Sprich: ich muss es schlichtweg schaffen, die paar Zeilen aus den Innereien der elektronischen Schreibmaschine heraus zu kriegen und an die Redaktion zu senden. Und?, werden Sie denken, what’s the problem? Nun: wenn Sie am Sonntag etwas zu lesen bekommen, war ich erfolgreich. Wie immer auch.

Die Situation ist folgende: ich sitze urlaubend im tiefsten Weinviertel, in der Nähe von Retz. Nahe der tschechischen Grenze. Vorsichtigerweise – man kennt das ja, und ich hatte, der Entspanntheit der Sommerfrische zum Trotz, allerlei vor – befanden sich gleich zwei Laptops im Gepäck. Aber leider nur ein Netzteil. Und, zack, gleich nach dem Frühstück kam, was kommen musste. Das Netzteil – defekt? Durchgebrannt? Oder nur übel gelaunt? – schickt keinen Strom mehr. Und beide Akkus sind leer. Komplett. Nichts geht mehr. Niente. Nada. Und die „Ersatzkolumne“, die ich zur Sicherheit in der „Presse“-Redaktion deponierte, hab’ ich in Urlaubslaune schon vorletzte Woche verbraten. So wird man umgehend zur Witzfigur. Ausser man weiss sich zu helfen.

Unbill in dieser der Moderne fernen, „SonntagsPresse“-losen, aber nicht unschönen Gegend bin ich ja gewohnt (wer’s nachlesen mag, möge einfach „Das ewige Funkloch“ googlen). Aber dass ich mich eines Tages im Presshaus meiner Mutter, wo ich – man ist ja nicht frei von Sentimentalitäten – allerlei ausrangierten technischen Kram endgelagert habe, wiederfinden würde, vor mir eine Phalanx prähistorischer Notebooks mit Windows 2000-Betriebssystem, hätte ich nicht gedacht.

Immerhin haben die Dinger USB-Anschlüsse (Version 1.0), und ich einen Stick in der Hosentasche. Sogar zwei: einmal USB, einmal UMTS. Und in Retz’ gibt’s angeblich auch ein Netzcafé. Und einen EDV-Laden. Mit dem Mut der Verzweiflung werd’ ich schon eine Maschine zum Laufen bringen. Und irgendwie diese Depesche nach Wien. Notfalls per Flaschenpost.

1. September 2009, Rabenhoftheater, Wien

12. August 2009

Menschmaschine – was ist, kann, soll das? Diese Frage taucht dieser Tage öfter mal auf. Zurecht? Sagen wir so: eigentlich sollte die Frage lauten: Menschmaschine – was ist, kann, soll, will, darf das nicht? Denn wir haben es mit einer, nun ja: Menschheitsbeglückung ganz neuen Typs und unfassbarer Dimension zu tun.

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Ich ahne mittlerweile, worauf ich mich da eingelassen habe. Oder sagen wir so: ich weiß es, aber noch tue ich so, als wüsste ich’s nicht. Alles hat mit einer flapsigen, unvorsichtigen, spontanen Bemerkung zu Thomas Gratzer begonnen. Gratzer ist, wie mittlerweile nicht nur Eingeweihte wissen, Direktor des Wiener Rabenhof Theaters, das sich mehr und mehr als alternative Semi-Kult-Spielstätte etabliert (ich sage immer „die Löwingerbühne der FM4-Generation“ dazu). Es war wohl irgendeine Maschek-, Stermann & Grissemann- oder Neo-Kottan-Premiere, wo ich, wie üblich, als „+1“ der Senderchefin herumlungerte. Und dann kam, ganz Hausherr, Gratzer vorbei und spendierte, wie üblich, ein Bier. Oder zwei. Jedenfalls sah ich mich irgendwann, in dieser launigen Atmosphäre generell auf Modernismus und Zeitgeistiges pochend, zu der erwähnten Flapsigkeit veranlasst. Sie lautete: „Wann bringt das Rabenhof Theater das erste Facebook-Musical auf die Bühne?“.

Und schon nahm das Unglück seinen Lauf. Denn Gratzer replizierte trocken: „Wenn Du es schreibst, sofort“. Nun schreibe ich gerne, aber eher Kolumnen, Kurzgeschichten und Kleinkram, und mit dem Genre „Musical“ habe ich bekanntermaßen wenig am Hut. Mit Facebook schon mehr. Aber natürlich war das nur so dahingesagt, wie gesagt: dem Drang nach Modernismus und Zeitgeist geschuldet, den mir Übelmeinende eher als modischen Opportunismus auslegen werden. Noch konnte ich ja nicht ahnen, daß man schon wenige Monate später allerorten auf ähnlich krude Ideen kommen würde – von der Twitter-Oper bis zum einschlägigen Hollywood-Film und Facebook-Roman. Wahrscheinlich schreibt Daniel Glattauer gerade an einem. Video killed the radio star, und jetzt frisst die digitale Revolution ihre eigenen Kinder.

Was soll das überhaupt sein, was ich da so forsch als „Facebook-Musical“ in Aussicht gestellt hatte (und was sowieso die Absichten und Möglichkeiten des Rabenhof Theaters schon im Ansatz übersteigen musste)? Gute Frage. Nächste Frage. Denn außer einem dünnen, unabsichtlich als Konzept mißzuverstehenden Propagandatext – der sich allerdings keineswegs verstiegener Superlative und apokalyptischer Szenarios enthielt – hatte ich zunächst nichts. Keine Idee. Keine Ahnung. Keinen blassen Schimmer. Ja, gewiß, da gab und gibt es halblustige Bildchen und Videos én masse im Internet, und jede Menge Idioten (darunter ich), die diversen Fetischen 2.0 huldigen. Die sich für die Intelligenteren unter uns rasch als unheimliche Zeiträuber, Banalitäten-Zentrifugen und Beziehungskiller erwiesen. Die noch Intelligenteren verliessen alsbald also Facebook, Twitter, Xing & Co. Die anderen (darunter ich) blieben kleben wie Fliegen an einem Honigfliegenfänger.

Okay, daraus ließ sich ein Drama ableiten. Eine Tragödie. Oder ein Lustspiel. Eine Tragikomödie. Eventuell auch eine Farce. Was tun? Das hat nicht nur Lenin beschäftigt. Das sollte bald auch die Rabenhof-Crew beschäftigen. Ich wollte ja das, äh, Musical innert weniger Tage auf die Bühne hieven, von wegen Aktualität, Dringlichkeit, Spontanität (und wer weiß, vielleicht will im Herbst ja niemand mehr etwas von Facebook wissen? Und Zwitschern bei Twitter ist gänzlich aus der Mode geraten? Und selbst YouPorn interessiert keine Sau mehr?). Aber Gratzer & Co. rieten davon ab. So rasch gehe das nun mal nicht. Als besonders pessimistischer Quertreiber („Was soll das überhaupt sein, dieses Web 2.0-Ding?“) stellte sich ein gewisser Roman Freigassner heraus, seines Zeichens Co-Direktor des Rabenhof. Der Wichtigmacher stellte doch glatt eine Wette in Aussicht (und eine Flasche Wodka für den Gewinner): ich würde es niemals schaffen, mit diesem ominösen Vorhaben den Zuschauerraum zu füllen. Und das Publikum für dieses Machwerk Eintritt zahlen zu lassen. Freiwillig. Und überhaupt. Top, die Wette galt!

Seitdem bin ich rastlos auf der Suche nach Inhalten. Mitstreitern. Artisten, Tieren, Attraktionen. Bill Gates ist leider verhindert (irgendwelche Charity-Projekte, wasweißich), Steve Jobs dito (die Gesundheit, ja, dabei keept doch an Apple a day the doctor away, sagt man). Und Ritchie Pettauer, Robert Misik oder Comandantina Dusl haben wahrscheinlich auch keine Zeit. Die Online-Generation geht ja eigentlich gar nicht mehr aus dem Haus. Armin Wolf habe ich noch nicht gefragt, das würde ich mich nie trauen.

Aber wenn wir schon beim guten alten ORF sind: mir wurde das latente Interesse der Herren Hermes und Haipl (beide FM4) und Forcher (Ö3) zugetragen. Alle drei, das stellte sich rasch beim vertraulichen Plausch in der Funkhaus-Kantine heraus, sehen in ihren derzeitigen Jobs keine grosse Perspektive. UKW-Dampfradio, wer will und braucht das noch? Und nur weil der ORF auch ein wenig im World Wide Web mitmischt und hie und da ein paar Bits- und Bytes-Brosamen für altgediente DJs und Moderatoren abfallen, heisst das noch nicht, daß hier die Zukunftsmusik spielt. „Kannst Du da nicht etwas für uns tun?“ fragte zögerlich Herr Hermes. Clemens Haipl setzte nach: „Weisst Du nicht einen Rat?“ und Eberhard Forcher ergänzte hurtig: „Womit können wir anno 2009 unsere Schäfchen ins Trockene retten?“. Nun: er und die anderen zeigten sich alsbald von funkelnden Schlagwörtern wie „Social Communities“, „Schwarmintelligenz“, „Streaming Media“ und „Web 2.0“ magisch angezogen. Twitter, Facebook, MySpace & Co., ja davon hatte man schon einmal gehört (von YouPorn sowieso). Das könnte etwas sein, das könnte vor allem noch mehr werden, das klang nach dem Shangri-La des dritten Jahrtausends. Nach der Chance schlechthin.

Seitdem habe ich leichtes Spiel. Das vormalige „Musical“ würde jetzt, AusdruckstänzerInnen kannte ich sowieso keine, ein Art öffentliches Bühnen-Happening mit Publikumsbeteiligung werden. Und die Herren Hermes, Haipl, Forcher – rasch zur „Menschmaschine“ geformt (danke, Kraftwerk, für die unterlassene Unterlassungsklage!) und als solche kostümiert und tituliert – surfen, mailen, tweeten, twittern, xingen, googlen und blättern öffentlich im Gesichtsbuch, was das Zeug hält, führen launige Gespräche und spontane Kuscheldialoge, versuchen mit dem mächtigen Maschinenpark (danke an den generösen Sponsor Digitalstore Vienna!) klarzukommen und haben sich dazu einige Gäste, Freunde, flüchtige Online-Bekanntschaften und musikalische Kontributoren eingeladen. Und immer mischt das p.t. Publikum innerhalb und ausserhalb des Rabenhofs mit. Per Twitter-Wall. Und Live-Blog. Und und und. Absehbar: Chaos pur. Und von tiefsinnigem Konzept, Diskurs, Gehalt keine Spur.

Aber egal: ein wenig Kurzweil, semierotisches Knisterknaster, pseudoideologische Medienkritik und lustiges Zeit-Totschlagen sind drin. Und dran. Kurzum: ein bunter Abend 2.0 ist garantiert. Natürlich nur, wenn Sie – sollten Sie am 1. September nichts Besseres vorhaben – ein wenig Nachsicht, Kommunikationslaune und Irrwitz mitbringen. Eventuell auch Lachgas (Alkohol gibt’s am Rabenhof-Buffet). Und natürlich einen Laptop (UMTS-Stick nicht vergessen!), ein iPhone oder sonst irgendeins dieser netztauglichen Geräte. Damit Sie mitreden können. Interaktiv mitmachen. Oder eventuell sogar die Hauptrolle übernehmen. Ohne High Tech-Schnickschnack geht da heute gar nichts mehr. Der Hashtag (das hat nichts mit Drogen zu tun!) lautet #menschmaschine. Die Menschmaschine ist zwar dampfgetrieben – jedenfalls von heißer Luft befeuert -, aber durchwegs digital.

Eventuell lassen wir analogen Schlußapplaus gelten. Eventuell. Aber keine Ausreden, Sie hätten nicht gewusst, was Sie erwartet.

Die Gegenwart der Zukunft der Vergangenheit

8. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag“ (22) Alles wird teurer, nur die schöne, ewig neue Welt der Unterhaltungselektronik nicht.

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Ich habe ein seltsames Hobby. Ich lese gern die Zeitung von gestern. Im Ernst: in alten, bisweilen gar vergilbten Gazetten, Magazinen, Zeitschriften zu blättern – also etwas, das schon sprichwörtlich widersinnig ist (von wegen, nichts sei so alt wie… Und auch die Stones sangen einst „Who wants yesterday’s papers, who wants yesterday’s girls?“, tja) – macht mir tierisch Freude. Weil es so wunderbar vorführt, wie rasch die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Und wie sehr Journalisten und von ihnen befragte Experten, Entwicklungsabteilungsleiter und sonstige Visionäre oft daneben liegen. Um es mit Karl Valentin zu sagen: „Die Zukunft war früher auch besser“.

Das stimmt, ist aber nur bedingt richtig. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass – einer ebenfalls von Experten prognostizierten Deflation zum Trotz – alles teurer wird, nur eines nicht? All die bunten Gimmicks, Gadgets und Gerätschaften nämlich, die der Fachhandel unter dem schnöden Überbegriff „Unterhaltungselektronik“ führt. Tatsächlich kann man als freudiger Konsument mit High Tech-Krücken heute besser hören, sehen und die Umwelt festhalten, gestalten und geniessen denn je. Und das zu Preisen, die vor einiger Zeit noch umgehend ins Reich der Phantasie verwiesen worden wären. Beispiele gefällig?

Vor mir liegt, wahllos herausgegriffen, eine Ausgabe der Zeitschrift „Digital World“ (ja, die gibt’s heute noch!), Untertitel „Technik, die Spass macht“, erschienen Ende 2003. Also knapp fünfeinhalb Jahre alt, das Heft. Herrlich! Da wird einem z.B. eine stattliche Spiegelreflexkamera von Nikon, Modell D-2H, nahegebracht. Auflösung 4,1 Megapixel, Kostenpunkt 4000 Euro. Bei der rasanten Entwicklung der Sparte sehe ich Profis weinen ob der Summen, die in Geräte investiert wurden, die innert Monaten veralteten. 17 Zoll-Computermonitore, 700 Euro. DV-Camcorder mit „ordentlicher Bildqualität“ um 1900 Euro. Frühe, klobige MP3-Player. Ein Überblick über gängige Speicherkarten – eine Ein-Gigabyte-Compact Flash Card kostete sage und schreibe 300 (!) Euro. Eine SD-Card mit gleicher Kapazität nochmals einen Fünfziger mehr. Heute werfen sie einem die Minispeicher förmlich nach.

Schliesslich wird mit dem P-800 von Sony-Ericsson einer der ersten „Personal Digital Assistants“ angepriesen, nicht UMTS-fähig und mit 16 MB Speicher wohlfeil zum „Strassenpreis“ von 800 Euro. Man konnte damit immerhin auch telefonieren. Dass ein paar Seiten weiter dann ein grosser Artikel zum Thema „Nepp per Handy und Internet“ zu finden ist, ist vergleichsweise tröstlich. Manche Dinge ändern sich nie.

Menschen- vs. Gelsenschwarm (2)

1. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (21) Menschenschwarm versus Gelsenschwarm – das Finale eines ungleichen Kampfes.

gelsenkirchen

Sie erinnern sich: letzte Woche habe ich an dieser Stelle den Gelsen den Krieg erklärt. Und zwar ohne die Waffenarmada vergangener Jahrhunderte, vom Tomatenkraut bis zum Moskitonetz. Und schon gar nicht mit der chemischen Keule. Das erschiene mir doch ein wenig ungalant (wiewohl „Autan“, „NoBite“ & Co. gewiss nicht gänzlich wirkungslos sind, aber leider stinkt das Zeug wie die Pest. Nicht mehr ganz so wie früher, aber doch). Ich wollte mich – ganz Netizen, eventuell auch Nerd – des sogenannten „Crowdsourcing“ bedienen, der kollektiven Erfahrung und Intelligenz der Leser dieser Kolumne und ihrer Online-Extension. Menschenschwarm versus Gelsenschwarm also, ein an Dramatik nicht einmal von Italo-Western zu überbietender Showdown.

Mein spezielles Interesse richtete sich auf ein Gerät namens „Bite Away“, das war Insektenstiche nicht zu verhindern, ihre Folgen aber zu lindern vermag. Und zwar durch lokale Erhitzung und Zersetzung des Gifts. Wunderwaffe oder Rohrkrepierer? Ersteres, vermeldet Leserin L. Sie nutzt zwar einen „Hitzestick“ anderer Marke, meint aber, der Juckreiz wäre umgehend weg. E. und W. bestätigen dieses Urteil (reicht das als repräsentatives Sample?). H. schwärmt für den Sado-Maso-Aspekt der Anwendung. S. winkt enttäuscht ab, „Bite Away“ sei in Apotheken nicht mehr lieferbar, „gibt es einen Schwarzmarkt?“ K. empfiehlt Verreisen. C. Vitamin B-Impfungen. D. Lavendel. P., laut eigenen Worten „ein bevorzugtes Opfer“, meint, eine heisse Tasse bis zur Schmerzgrenze an den Gelsendippel zu drücken, tue es auch. Andere empfehlen glühende Zigaretten.

W. wiederum ist ebenfalls Fan von „Bite Away“, hat aber die Erkenntnis gewonnen, dass man die Geräte „bisweilen nachlöten muss“. Wie bitte? G. dagegen empfiehlt Radfahren. Warum? „Habe die Erfahrung gemacht, dass selbst abends in der Lobau Radfahren die Gelsen vom Stechen abzuhalten imstande ist. Ich vermute dahinter eine instinktive Abneigung der Stechmücken gegenüber Zweirädern und deren Zubehör (Klingel, Sattel, Gepäckträger usw.). Habe daher einen Hometrainer bei uns auf der Terasse aufgestellt.“ Wer’s mag… Immer wieder auch der Fingerzeig: nicht kratzen! Ja nicht! Unter keinen Umständen!!!

Der widerspenstigste und zugleich berührendste Hinweis aber kommt von M.: eine Apologie der Gelse, geschrieben von Albrecht Haushofer vor über sechzig Jahren in einer NS-Todeszelle. „Stich zu, dass es dir nicht an Kräften fehle! / Wir sind ja beide, Mensch und Mücke, nichts / als kleine Schatten eines großen Lichts“. Das, gestatten Sie den schwermütigen Einwurf, ist wahre menschliche Grösse. Das unterscheidet uns vom Tier. Bisweilen. Ich habe mir Haushofers „Moabiter Sonette“ umgehend bei „Amazon“ bestellt. Die Gelsen sterben dieser Tage übrigens mehr und mehr eines natürlichen Todes.

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