Menschen- vs. Gelsenschwarm (2)

1. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (21) Menschenschwarm versus Gelsenschwarm – das Finale eines ungleichen Kampfes.

gelsenkirchen

Sie erinnern sich: letzte Woche habe ich an dieser Stelle den Gelsen den Krieg erklärt. Und zwar ohne die Waffenarmada vergangener Jahrhunderte, vom Tomatenkraut bis zum Moskitonetz. Und schon gar nicht mit der chemischen Keule. Das erschiene mir doch ein wenig ungalant (wiewohl „Autan“, „NoBite“ & Co. gewiss nicht gänzlich wirkungslos sind, aber leider stinkt das Zeug wie die Pest. Nicht mehr ganz so wie früher, aber doch). Ich wollte mich – ganz Netizen, eventuell auch Nerd – des sogenannten „Crowdsourcing“ bedienen, der kollektiven Erfahrung und Intelligenz der Leser dieser Kolumne und ihrer Online-Extension. Menschenschwarm versus Gelsenschwarm also, ein an Dramatik nicht einmal von Italo-Western zu überbietender Showdown.

Mein spezielles Interesse richtete sich auf ein Gerät namens „Bite Away“, das war Insektenstiche nicht zu verhindern, ihre Folgen aber zu lindern vermag. Und zwar durch lokale Erhitzung und Zersetzung des Gifts. Wunderwaffe oder Rohrkrepierer? Ersteres, vermeldet Leserin L. Sie nutzt zwar einen „Hitzestick“ anderer Marke, meint aber, der Juckreiz wäre umgehend weg. E. und W. bestätigen dieses Urteil (reicht das als repräsentatives Sample?). H. schwärmt für den Sado-Maso-Aspekt der Anwendung. S. winkt enttäuscht ab, „Bite Away“ sei in Apotheken nicht mehr lieferbar, „gibt es einen Schwarzmarkt?“ K. empfiehlt Verreisen. C. Vitamin B-Impfungen. D. Lavendel. P., laut eigenen Worten „ein bevorzugtes Opfer“, meint, eine heisse Tasse bis zur Schmerzgrenze an den Gelsendippel zu drücken, tue es auch. Andere empfehlen glühende Zigaretten.

W. wiederum ist ebenfalls Fan von „Bite Away“, hat aber die Erkenntnis gewonnen, dass man die Geräte „bisweilen nachlöten muss“. Wie bitte? G. dagegen empfiehlt Radfahren. Warum? „Habe die Erfahrung gemacht, dass selbst abends in der Lobau Radfahren die Gelsen vom Stechen abzuhalten imstande ist. Ich vermute dahinter eine instinktive Abneigung der Stechmücken gegenüber Zweirädern und deren Zubehör (Klingel, Sattel, Gepäckträger usw.). Habe daher einen Hometrainer bei uns auf der Terasse aufgestellt.“ Wer’s mag… Immer wieder auch der Fingerzeig: nicht kratzen! Ja nicht! Unter keinen Umständen!!!

Der widerspenstigste und zugleich berührendste Hinweis aber kommt von M.: eine Apologie der Gelse, geschrieben von Albrecht Haushofer vor über sechzig Jahren in einer NS-Todeszelle. „Stich zu, dass es dir nicht an Kräften fehle! / Wir sind ja beide, Mensch und Mücke, nichts / als kleine Schatten eines großen Lichts“. Das, gestatten Sie den schwermütigen Einwurf, ist wahre menschliche Grösse. Das unterscheidet uns vom Tier. Bisweilen. Ich habe mir Haushofers „Moabiter Sonette“ umgehend bei „Amazon“ bestellt. Die Gelsen sterben dieser Tage übrigens mehr und mehr eines natürlichen Todes.

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