Die Gegenwart der Zukunft der Vergangenheit

8. August 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag“ (22) Alles wird teurer, nur die schöne, ewig neue Welt der Unterhaltungselektronik nicht.

DW2

Ich habe ein seltsames Hobby. Ich lese gern die Zeitung von gestern. Im Ernst: in alten, bisweilen gar vergilbten Gazetten, Magazinen, Zeitschriften zu blättern – also etwas, das schon sprichwörtlich widersinnig ist (von wegen, nichts sei so alt wie… Und auch die Stones sangen einst „Who wants yesterday’s papers, who wants yesterday’s girls?“, tja) – macht mir tierisch Freude. Weil es so wunderbar vorführt, wie rasch die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Und wie sehr Journalisten und von ihnen befragte Experten, Entwicklungsabteilungsleiter und sonstige Visionäre oft daneben liegen. Um es mit Karl Valentin zu sagen: „Die Zukunft war früher auch besser“.

Das stimmt, ist aber nur bedingt richtig. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass – einer ebenfalls von Experten prognostizierten Deflation zum Trotz – alles teurer wird, nur eines nicht? All die bunten Gimmicks, Gadgets und Gerätschaften nämlich, die der Fachhandel unter dem schnöden Überbegriff „Unterhaltungselektronik“ führt. Tatsächlich kann man als freudiger Konsument mit High Tech-Krücken heute besser hören, sehen und die Umwelt festhalten, gestalten und geniessen denn je. Und das zu Preisen, die vor einiger Zeit noch umgehend ins Reich der Phantasie verwiesen worden wären. Beispiele gefällig?

Vor mir liegt, wahllos herausgegriffen, eine Ausgabe der Zeitschrift „Digital World“ (ja, die gibt’s heute noch!), Untertitel „Technik, die Spass macht“, erschienen Ende 2003. Also knapp fünfeinhalb Jahre alt, das Heft. Herrlich! Da wird einem z.B. eine stattliche Spiegelreflexkamera von Nikon, Modell D-2H, nahegebracht. Auflösung 4,1 Megapixel, Kostenpunkt 4000 Euro. Bei der rasanten Entwicklung der Sparte sehe ich Profis weinen ob der Summen, die in Geräte investiert wurden, die innert Monaten veralteten. 17 Zoll-Computermonitore, 700 Euro. DV-Camcorder mit „ordentlicher Bildqualität“ um 1900 Euro. Frühe, klobige MP3-Player. Ein Überblick über gängige Speicherkarten – eine Ein-Gigabyte-Compact Flash Card kostete sage und schreibe 300 (!) Euro. Eine SD-Card mit gleicher Kapazität nochmals einen Fünfziger mehr. Heute werfen sie einem die Minispeicher förmlich nach.

Schliesslich wird mit dem P-800 von Sony-Ericsson einer der ersten „Personal Digital Assistants“ angepriesen, nicht UMTS-fähig und mit 16 MB Speicher wohlfeil zum „Strassenpreis“ von 800 Euro. Man konnte damit immerhin auch telefonieren. Dass ein paar Seiten weiter dann ein grosser Artikel zum Thema „Nepp per Handy und Internet“ zu finden ist, ist vergleichsweise tröstlich. Manche Dinge ändern sich nie.

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2 Antworten to “Die Gegenwart der Zukunft der Vergangenheit”

  1. tobi Says:

    Das mit den Speichern fällt mir immer wieder auf. Ich kann mich an die 80 Euro erinnern, die ich für die erste Karte gekauft hab: 128 MB CF für meine 2 MPix-Kamera.
    Jetzt hab ich mir um 30 Euro eine 16 GB SD Karte gekauft, für meine 14 MPix-Kamera.
    Das einzige, was sich nicht geändert hat ist, dass ich immer ein bisserl auf den Archivierungsplatz schiele, ich glaub ich brauche eine neue Externe…


  2. […] Die Gegenwart der Zukunft der Vergangenheit […]


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