Keine Angst!

12. September 2009

Der Eindruck, den der diesjährige „Amadeus“ hinterlassen hat, ist zwiespältig. Für einen wirklichen Relaunch des grössten und wichtigsten heimischen Musikpreises fehlt es noch an klaren Absichten, Einsichten und Visionen.

amadeus_award trophy

Ich werd’ jetzt einen Teufel tun und mich auf eine geschmäcklerische Nachbetrachtung des diesjährigen „Amadeus“ einlassen. Nix da. Denn die Wahrheit ist: was immer ich auch schreibe, das genaue Gegenteil davon ist mindestens genau so zutreffend. Man kann den „Amadeus“ als burleske Provinzposse sehen, mit gleichem Fug’ und Recht aber auch als kurzweilige, charmante Selbstbespiegelung und PR-Veranstaltung der österreichischen Musikszene. Man kann Moderator Michael Ostrowski („Nacktschnecken“) für einen Meister der Ironie halten, zugleich aber für vollkommen unpassend für eine ernsthafte Ehrung künstlerischer Leistungen. Man kann offensiv darüber rätseln, warum man viele Preisträger weithin kaum kennt und welche realen Verkaufszahlen diverse Bands, Songs und Alben des Jahres erzielen, man kann sich aber auch über pompöse Nachwuchsförderung und vifes Guerilla-Marketing freuen.

Und gewiss kann man den „Amadeus“ ungebrochen für peinlich, lustig, unnötig, nötig, kurzweilig, lähmend, angemessen, belanglos, grotesk, glamorös, unbedeutend, wohldurchdacht, konzeptionell schwach, hochseriös und eine Farce halten. Und das alles gleichzeitig. Die Meinungen über diese Veranstaltung waren und sind so bunt, vielgestaltig und widersprüchlich, daß man fast geneigt ist, sich dem offiziellen Resümée der Veranstalter anzuschliessen: alles eitel Wonne. Aber nur fast.

Denn die grundsätzlichen Konstruktionsfehler, Fragwürdigkeiten und Bruchlinien im Vorfeld des Preises lassen sich nicht leugnen. Zunächst einmal hat man sich einmal mehr nicht klar entschieden, was man eigentlich will (vielleicht, weil man alles möchte): einen Kritiker- oder einen Publikumspreis. Der „Amadeus 2009“ war weder das eine noch das andere. Das Procedere, das zum Siegertreppchen führt, ist ebenso umständlich wie undurchsichtig: zuerst lässt man eine – relativ willkürlich nominierte und mit einem diskussionswürdien Genre-Raster ausgestattete – Schar von Experten, Journalisten und Business-Spezis über eine Nominierten-Shortlist entscheiden (und kann ihnen nicht einmal eine Liste aller Neuerscheinungen des fraglichen Zeitraums als Anhaltspunkt zur Verfügung stellen), danach überlässt man es den Künstlern, Labels und Fanclubs, quasi in eigener Sache Stimmung zu machen und die Welt in die Widget-Wahlkabinen zu treiben. Auch hier: null Überprüfbarkeit, was zählt, ist der Rummel, den Fans und Infrastruktur eines Künstlers entfachen können und wollen (von wegen „Aufmerksamkeit als neue Währung“). Die Aussagekraft einer solchen Wertung ist, gelinde gesagt, gering. Konsequenter wäre es allemal, entweder wirklich strikt subjektiv Experten entscheiden zu lassen. Oder, weit objektiver, Verkaufszahlen doch nicht gänzlich ausser acht zu lassen, Downloads inklusive. Es gibt keine härtere Währung.

Dann wäre da der Preis selbst. Das „Amadeus“-Megaphon aus Glas, das mich ja eher an eine Bowleschüssel erinnert oder an eine medizinische Apparatur, wie sie bei einer Infektion der Harnwege zum Einsatz kommt (aber das ist natürlich gemein), soll ja eine Bestätigung und Auszeichnung sowohl für künstlerische Leistungen als auch für deren Wahrnehmung und Widerhall am Markt sein. Sorry, daß ich das schnöde Wort in den Mund nehme: aber noch ist die IFPI, der Dachverband der grössten heimischen Labels, der Ausrichter des Preises. Und hier zählt gewiß nicht l’art pour l’art.

Damit ist man aber im nächsten Dilemma gefangen: wenn sich selbst ausgezeichnete Künstler wie Anna F. oder Texta darüber wundern, Preisträger zu sein, wo sie doch im fraglichen Zeitraum gerade mal einen Song veröffentlicht haben, dann gerinnt der „Amadeus“ mehr oder minder zur reinen Sympathie-Bekundung. Geht auch in Ordnung. Aber dann sollte man jedes seriöse Kriterium gleich fallen lassen und einfach eine ausgelassene Party feiern. So stärkt man nur die – hierzulande sowieso gern gepflegte – Tradition milden Selbstbetrugs: für ein paar Jahrzehnte, ein paar Jahre oder Monate, eventuell aber auch nur eine Nacht, weltberühmt zu sein. In Österreich. Gegenseitige Schulterklopferei, die schätzomativ doch einige hunderttausend Euros kostet (und dann wahrnehmungstechnisch hauptsächlich in „Partnermedien“ stattfindet, die mit auf der Payroll stehen), kann sich die Branche eigentlich nicht (mehr) leisten.

Und wenn selbst die Chefs aus Deutschland, wo längst die Strippen gezogen werden im und für den lokalen Markt, oder mit hiesigen Potentaten befreundete internationale Künstler – aus dem Stand fallen mir da Jan Delay ein, Peter Fox, Udo Jürgens, Wir sind Helden, Tomte, Franz Ferdinand oder, hm, Lenny Kravitz – nicht zur Anreise bewegt werden können, dann stimmen weder der Glamour-Faktor noch der Propaganda-Nutzwert der Veranstaltung. Pop ist nun mal zuvorderst eine internationale Angelegenheit, ein Blick über den Tellerrand, eine weltoffene (und nicht nur kulturell, sondern auch business-getriebene) Verortung in Zeit und Raum. Ausser man besteht auf Austropop.

Dem „Amadeus“ mangelt es zudem – und das halte ich für den grössten Lapsus – an Kategorien, die wirklichen Errungenschaften, Innovationen und Heroen des Musikmarkts 2.0 abzubilden. Wozu hält man in der YouTube-Epoche noch krampfhaft an der Musik-DVD-Kategorie fest? Warum holt man z.B. nicht den Oberösterreicher Martin Stiksel, einen der „Last.fm“-Impresarios, auf die Bühne? Feiert nicht die „Red Bull Music Academy“, „Rebeat Digital“, „Zero Inch“ oder „play.fm“? Würdigt FM4 – etwa den „Soundpark“ – als wichtigen und loyalen Wegbegleiter? (Der Sender muß sich vice versa etwas überlegen, da der „Coolness-Faktor“ des Alibi-Antagonisten wegfällt. Ein FM4-„Alternative Award“, der nach dem gleichen Modus vergeben wird wie alle anderen Auszeichnungen, ist keine Alternative mehr.) Oder verleiht generell einen Preis für strukturell, technisch und inhaltlich visionäre Weichensteller und Querverbinder?

Ein Christoph Moser, ein Monti Lüftner, ein Joe Zawinul hätten einen Preis für ihr Lebenswerk ebenso verdient wie Hansi Lang (dessen stimmige und würdige Ehrung der Höhepunkt des „Amadeus“ 2009 war, trotz störenden Partygeschnatters von der Tribüne). Auch Mario Rossori hätte ich für die bisherige Aufbauarbeit einen Ehren-„Amadeus“ überreicht (und ich neige nicht zu Larmoyanz und übertriebener Höflichkeit).

Es geht um klare Signale, um kräftige Handschläge, um zielführende Überlegungen, wie man wirklich etwas bewegen und weiterbewegen will. Und kann. Ein Anfang ist gemacht. Aber noch viel zu tun (daß der ORF im nächsten Jahr wieder mit an Bord ist, halte ich für eine Grundnotwendigkeit. Für beide Parteien.) Um es mit Hansi Lang zu sagen: keine Angst!

14 Antworten zu “Keine Angst!”


  1. Ja, ja und ja. Treffend – und schon dort ansetzend, wo ich sanfterweise bei meiner Nachbetrachtung aufgehört habe.

  2. Walter Gröbchen Says:

    Ich verlinke auch gern Deine Nachbetrachtung… Wo ist die denn zu finden, Hannes?

  3. Mecki Says:

    Kann das voll und ganz so unterschreiben!

  4. pjebsen Says:

    Wahrscheinlich ist dieser Rückblick unterhaltsamer als die ganze Veranstaltung. (Das kenne ich von deutschen Musikpreisen.)


  5. die amadeus awards-nachbesprechungs awards:

    1.platz
    schachinger (lustig)
    2.platz
    gröbchen (konstruktivismus)

    den rest hamma nicht gelesen, wir sind österreiche.)

  6. schütter Says:

    Warum bringt man der österreichischen Musikszene eigentlich nicht den Respekt entgegen, den sie verdient. Das ist so typisch österreichisch: Bevor wir jemandem Erfolg vergönnen, blamieren wir ihn lieber, damit er ja nicht zu erfolgreich wird. Ich würde den Amadeus in der Form Geschichte sein lassen.


  7. […] Andert von der Kronen Zeitung, Martin Blumenau aus dem Hause FM4 , Hannes Tschürtz und Walter Gröbchen haben sich (teilsweise sehr böse) Gedanken über diesen Abend gemacht. share| print| comments […]


  8. […] Amadeus diese Woche ein paar Zeilen wert. Eine der wenigen treffenden und lesenswerten Analysen hat Walter Gröbchen im präsidentiellen “einerseits-andererseits” Stil beigetragen und mir damit aus der […]


  9. sehr treffend!
    ein oder zwei oder drei worte zu unser aller freund und sehr vermissten kollegen christoph moser hätte ich mir auch gewünscht. auch aus künstlermund.
    aber nix war’s!
    wenn ich an die party von vor 7 tagen denke, krieg ich hunger. ;-)

  10. emanuel r Says:

    ungeteilte zustimmung.


  11. […] nicht uninteressante Behandlungen dieses Themas gibt es von den geschätzten Kollegen Walter Gröbchen und Martin Blumenau – sowie eine Außensicht der Dinge von Christian Schachinger im […]


  12. […] – durchgemacht. Einiges davon liess unbedingte Durchdachtheit und Fingerspitzengefühl im Detail vermissen, vieles ging und geht in die richtige Richtung. Wenn man der Meinung ist – und ich bin es –, […]


  13. […] sollte über Auszeichnungen abseits reiner Künstler- und Interpreten-Ehrungen allemal nachdenken. Vorgeschlagen wurde es schon oft […]


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