Come Together, Again

20. September 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (27) Legal stehen ihre Werke immer noch nicht zum Download bereit, aber auf CD klingen die Beatles nun wie neugeboren.

Beatles Remasters

„Das ist die grösste Wiederveröffentlichung, die es je in der Geschichte der Musikindustrie gegeben hat“, wird der Leiter der EMI-Katalogvermarktung in der „Financial Times“ zitiert. Fünf Millionen „Einheiten“, so das schnöde Wort für wahre Meisterwerke der Pop-Historie, hat die Plattenfirma (und, ja, hier hat diese Bezeichnung noch ihre Berechtigung) ausgeliefert. Fast scheint es, als wäre – rund vierzig Jahre nach dem Ende der wichtigsten Band des zwanzigsten Jahrhunderts – eine neue Beatlemania ausgebrochen. John, Paul, George und Ringo beherrschen wieder die Charts. Mit einer Remaster-Edition des Gesamtwerks der Beatles.

Die Arbeit an der Neuauflage der 13 Alben, die nun einzeln und als erweiterte Sammelboxen (wahlweise auch mono) vorliegen, dauerte rund vier Jahre. Mit Unterbrechungen. Man hat nichts „remixed“, also quasi neu interpretiert, sondern nur die Staubschicht weggeblasen, behutsam an den Reglern gedreht und die einzelnen Tonspuren frisch poliert. Modernste Digitaltechnik wurde mit analogem Equipment der siebziger Jahre kombiniert. Mit teils frappantem Ergebnis: „Alles klingt klarer, sauberer, schärfer“, urteilte ein vertrauenswürdiger Bekannter (ich habe gerade erst den Bestellzettel ausgefüllt). „Bisweilen auch verstörend.“

Genau das könnte die Wiederentdeckung doppelt spannend machen: der 1:1-Vergleich der Original-Vinyl-LPs, die jeder ernsthafte Pop-Kenner und -Sammler natürlich nachwievor im Regal stehen hat, mit der ersten, eher miesen Digitalüberspielung Mitte der achtziger Jahre. Und nun mit der pressfrischen State of the Art-Version. Kann das was? Und, wenn ja, ist es fast zweihundert Euro wert? Keine Frage. Über den künstlerischen Gehalt müssen wir nicht diskutieren. Die emotionale Dringlichkeit jener unzähligen Stunden anno dazumal, als ich auf einem billigen Philips-Kofferplattenspieler das „rote“ und das „blaue“ Album herunternudelte, ist schwerlich reproduzierbar. Besser wird „Come Together“ nie mehr klingen. Sei’s drum.

Generell ist es ja mehr als erstaunlich, was an den Mono- und Stereo-Mischkonsolen der Abbey Road Studios in den sechziger Jahren auf Band gebannt wurde, mit einer archaischen Technik, die heutigen SAE-Schüler wohl nur zum Kichern verleiten würde. Zu unrecht. George Martin, der legendäre Beatles-Produzent, hatte in punkto Mikrofonierung, Arrangement, Recording und finale Mischung (die Stereo-Mixdowns waren zunächst ja nur „progressive“ Nebenbei-Produkte) wohl mehr am Kasten als 99 Prozent der heutigen Knöpfchendreher…

Die Glanzpolitur der Beatles-Remasters – das zeitgleich erschienene, aufwändige Videospiel von Electronic Arts interessiert mich, ganz im Gegensatz zum Kollegen Rotifer, nicht die Bohne, und ich fürchte, das gilt auch für das Zielpublikum – wird wohl nicht allein dem akuten Finanzloch der EMI geschuldet sein. Sondern auch einer klangtechnischen Kulturmission. Paul McCartney soll sich jedenfalls herzlich bei den Toningenieuren bedankt haben. George Martin blieb dagegen mit Hinweis auf seine fortgeschrittenen Gehörschäden dem Studio fern.

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