Ausgeschossen

26. September 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (28) Wenn die Krise gute Seiten hat, dann diese: auch Waffenfabriken gehen pleite. Sogar hochprominente.

AK-47 II

Sagt Ihnen das Kürzel „AK-47“ etwas? Ich möchte ja keine empirischen Untersuchungen anstellen, aber die Annahme, dass es sich dabei um ein Frühpensionierungs-Referat der Arbeiterkammer handelt, ist wohl nicht sonderlich verbreitet. Ganz im Gegensatz zum Objekt der Betrachtung: das gemeinhin unter dem Nachnamen seines Erfinders Michail Timofejewitsch Kalschnikow bekannte (sowjet-)russische Sturmgewehr ist die meistproduzierte Waffe weltweit. Oder, zutreffender: sie war es. Denn der Hersteller der Kalaschnikow sitzt aktuell auf einem Schuldenberg von 400 Millionen Rubel (rund neun Millionen Euro). Und soll, wenn man einschlägigen Zeitungsberichten trauen darf, in den Konkurs geschickt werden.

Ein etwas exaltiertes Thema für eine Kolumne, die sich um Alltagstechnik dreht, meinen Sie? Nicht doch. Das Ding ist Teil der Nationalflagge von Mozambik. Und im Wappen von Zimbabwe und Ost-Timor verewigt, von den Fahnen der libanesischen Hisbollah, der kolumbianischen FARC und dem Logo der RAF mal abgesehen. Sechzig Staaten haben ihre Armeen mit der AK-47 ausgerüstet. Die Waffe, „billig und unkaputtbar“ (so „Der Spiegel“), kam in praktisch jedem Krieg seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Einsatz, von Korea und Vietnam über Jugoslawien bis nach Afghanistan und den Irak. Terroristen, Freischärler und andere Mördergesellen können sie blind zerlegen und wieder zusammenbauen. Gangsta-HipHopper träumen von ihr. Zwischen 60 und 100 Millionen Exemplare, je nach Quelle, sind real in Umlauf. Es wurden damit mehr Menschen umgebracht als mit der Atombombe.

Und jetzt ist, und das erlaube ich mir als frohe Botschaft zu werten, das Traditionsunternehmen Ischmasch dran. Schuld an der Pleite des Original-Kalaschnikow-Produzenten seien, so Experten – und das klingt ganz nach einem Treppenwitz der Geschichte – die unzähligen Raubkopien, schleissigen Lizenzfertigungen und illegalen Nachbauten der AK-47, gegen die keine probate Waffe gefunden wurde. Zudem leide die Industrie, die man allseits für krisensicher – mehr als das: für regelrecht krisenbefeuert – hielt, global an einer deutlich zurückgegangenen Nachfrage nach Rüstungsgütern.

Nicht, dass ich mich der naiven Hoffnung hingebe, Waffennarretei, bewaffnete Konflikte oder gar die Natur des Menschen per se („Homo homini lupus est“) seien per UN-Resolution und der flächendeckenden Verschrottung von Schiessprügeln und Waffenfabriken abzuschaffen. Aber die Baisse an den Börsen hätt’ ich partout nicht als Friedensstifter erwartet.

Und auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Steyr-Mannlicher, Glock & Co. eines Tages das Schicksal der Kalaschnikow-Schmiede teilen.

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3 Antworten to “Ausgeschossen”

  1. ahabicher Says:

    RAF hat eine Heckler und Koch im Logo, keine AK.

  2. Walter Gröbchen Says:

    In der Tat. Treu deutsch. Korrigieren oder falsch stehen lassen, als Dokument eines lässlichen Irrtums?


  3. […] Print-Ausgabe der “Presse am Sonntag” ihren Namen geben – wiewohl hier schon einmal die Geschichte der Kalaschnikow referiert wurde, ohne die geringste Verharmlosung freilich. Waffen gehören in die […]


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