Archive for Oktober, 2009

Video Killed The Radio Star

31. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (33) Als bloggender Kolumnist sollte man sich nicht auf Werbeankündigungen und PR-Getrommel verlassen.

ipod-nano-video-599x337

Leserbriefe sind ja das Salz in der Suppe des Kolumnisten. Auch wenn sie bisweilen auf lässliche Versäumnisse, Irrtümer und Schludrigkeiten hinweisen. So erreichte mich im Lauf dieser Woche Elektropost von Albert Malli, seines Zeichens stellvertretender Senderchef von Ö3. Wer Malli kennt, kennt auch seinen Enthusiasmus für technische Innovationen. Der neue iPod Nano, der auch ein probates UKW-Radio abgibt, begeistert ihn genauso wie mich.

Allein: die netten Funktionalitäten, die ich letztens an dieser Stelle aufgelistet habe, spielt’s nicht. Niente. Nada. Keine Titelanzeige für gespielte Songs, kein Direkt-Link zu Apple’s iTunes Music Store. Warum? „Der RDS-Standard in den USA ist angeblich ein anderer“, schreibt Malli. „Ich rechne aber damit, dass es bald iPods mit UKW-Tunern nach europäischem System geben wird“. Na hoffentlich erbarmen sich die Jungs in Cupertino, Kalifornien! Oder die Behörden in Wien, Österreich. Denn es könnte auch daran liegen, dass RDS-Informationen zu Songs und Interpreten hierzulande nicht am Autoradio (und sonstwo) angezeigt werden dürfen. Irgendjemand in hiesigen Amtsstuben befürchtet wohl Auffahrunfälle durch Pop-Fanatiker, deren Blicke an LCD-Displays kleben. Sollte Ö3 eine Protestaktion gegen derlei weltfremde Regulative starten: ich bin dabei.

Damit zu einem weiteren iPod-Feature, das ich neulich nur am Rande erwähnt habe, zu unrecht: das Ding kann Videos aufnehmen. Keine Fotos, das nicht, aber Bewegtbilder im H.264-Format mit 640 x 480 Pixeln. Das ist zwar nicht gerade High Definition-Qualität, aber für YouTube und andere Internet-Videoportale ein gefundenes Fressen. Bitte lächeln, Sie werden gefilmt! Und zwar vom pickeligen Nachbarjungen oder von Ihrer eigenen Tochter. Das freut die Bürokolleginnen und Ihren Lieblingsfriseur, so sie das Video entdecken – davon können Sie ausgehen.

Für Alltagsforscher müssten die erwartbaren Myriaden an verwackelten Sequenzen und Terabytes an Sozialpornos jedenfalls en gros ein beglückender Fundus sein. Hersteller professioneller Videokameras dagegen dürften die neue Konkurrenz eher mit gemischten Gefühlen betrachten: einerseits haben wir es bei iPod-Filmchen vielleicht mit ersten Gehversuchen künftiger Truffauts, Hitchcocks und Ruzowitzkys zu tun. Anderseits reicht der Mehrheit wahrscheinlich ein MP3-Player als Miniaturkamera bis in alle Ewigkeit. Schau’n wir mal: ich hab’ seit Sommer höherwertige Geräte von Kodak und Sanyo herumliegen. Sie harren intensiver Tests und Exkursionen. Ob ich sie aber noch mal auspacke?

Advertisements

Die Rückkehr des Panzerkreuzers

28. Oktober 2009

Wem nach dramatischen Szenen, wilder Musik, revolutionären Parolen, Aufruhr, Solidarität, Diskussionen, Pathos etc. usw. usf. ist, der kann, aber muß sich dieser Tage nicht zwangsläufig in die Universitätshörsäle bewegen. Das Radiokulturhaus hat am 30. Oktober auch etwas Passendes am Programmzettel. Inklusive pressfrischer neuer, emotional bewegender Tonspur.

PP_COVER_300RGB_mi

„Panzerkreuzer Potemkin“ ist einer der absoluten Klassiker der Filmgeschichte. Das berühmte Opus von Sergej Eisenstein wurde am 1. Dezember 1925 im Moskauer Bolschoi-Theater als offizieller Jubiläumsfilm zur Feier der russischen Revolution 1905 uraufgeführt. Die Handlung lehnt sich sehr frei an die tatsächlichen Ereignisse an, der Meuterei der Besatzung des Kriegsschiffs „Knjas Potjomkin Tawritscheski“ gegen die zaristischen Offiziere – für Eisenstein eine Tragödie in fünf Akten. Wiewohl ein Propaganda- Werk, wurde der Film begeistert aufgenommen und machte den Regisseur weltbekannt. „Panzerkreuzer Potemkin“ wurde mehrfach, unter anderem in den 1950er-Jahren vom britischen Kinomagazin Sight & Sound, zum „besten Film aller Zeiten“ gekürt.

Nun macht sich der Wiener Avantgarde-Veteran Franz Reisecker alias Lichtenberg daran, den Stummfilm neu zu vertonen. Die Bilder-Wucht, Dringlichkeit und Dramatik des Films – die in der berühmten Treppen- Szene im Hafen von Odessa ihren Höhepunkt findet – möchte Lichtenberg in einer zeitgemässen, elektronischen Tonspur widerspiegeln und verstärken. Tatsächlich kein Frevel: Sergej Eisenstein wünschte sich, daß jede Generation ihre eigene Musik zu seinem Film komponiert.

Die erste genuine Komposition wurde von Edmund Meisel 1926 für die deutsche Fassung geschaffen; der Film war zuvor ohne Originalmusik, mit Zusammenstellungen aus Werken klassischer Komponisten wie Beethoven und Tschaikowski, aufgeführt worden. Seither entstanden unterschiedlichste Fassungen, die bekannteste unter Mitwirkung der Pet Shop Boys. 1950 komponierte Nikolai Krjukow die Musik für eine Neufassung des Films. 1976 wurden für eine in der Sowjetunion restaurierte Fassung, die sogenannte „Jubiläumsfassung“, Ausschnitte aus Sinfonien von Schostakowitsch verwendet.

„Panzerkreuzer Potemkin“ zählt zum Bewegendsten und Wertvollsten, was das unendliche Menschheitsarchiv Internet an Fundstücken birgt“, so Reisecker. „Ich finde zunehmend Interesse daran, Töne und Klänge entlang einer vorgegebenen Abfolge von Bildern, Geschichten und Spannungsbögen aufzurollen. Die grossen Werke der Stummfilmära faszinieren mich da besonders“.

Lichtenberg erscheint unter diesem Blickwinkel als besonders trefflicher Künstlername. Als vielseitiger Gitarrist war Franz Reisecker bereits bei Bands wie den Occidental Blue Harmony Lovers, dem Orchester 33 1/3 oder Trio Exklusiv tätig. Das Projekt Lichtenberg bietet dem Musiker die Möglichkeit, sich ganz und gar seiner Vorliebe für elektronische Klänge zu widmen. „Reisecker ist zudem ein Meister darin, sich ständig neu zu erfinden und seine Fühler nach neuen Herausforderungen auszustrecken“ (MICA). Insofern darf man gespannt sein, was ihm zu einer schier übermächtigen Vorlage wie „Panzerkreuzer Potemkin“ – live und frisch auch auf DVD – einfällt.

On Air

24. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (32) Ausgerechnet Apple schiebt das gute, alte UKW-Radio vom Abstellgleis in die Auslage.

iPod UKW

Ich bin ja – entschuldigen Sie bitte die unentgeltliche Werbeeinschaltung – an einer Radiostation beteiligt. Und zwar an lounge.fm, einem kleinen, feinen Privatsender im Raum Linz/Steyr/Wels, der sich soweit wacker gegen Ö3 und den Rest der „Die grössten Hits der Achtziger, Neunziger und von heute“-Heulbojen schlägt. Wie einst ein einzelnes Dorf im von den Römern besetzten Gallien. Man hat mich gewarnt: Geld zu verdienen ist mit derlei Ambitionen eher nicht. Aber ich bin nun mal sentimental veranlangt. Und dem Medium Radio verfallen.

Den Rundfunkkapitänen von heute bereiten sowieso weniger die Nachbar- und Nischensender Sorgen: alle kochen nur mit Wasser. Und Ultrakurzwellen. Die eigentliche Konkurrenz kommt anno 2009 aus dem Internet. Es müssen nicht unbedingt Webradios sein. Auch Musik-Streaming-Dienste, YouTube, MySpace, Facebook, Twitter et al kosten Zeit, Aufmerksamkeit und Hörer. Was heute eine anständige UKW-Station sein will, hat zusätzlich ein halbes Dutzend Online-Kanäle, eine aufwändige Homepage samt interaktivem Community-Service und natürlich Aussenposten in allen erdenklichen Social Networks zu bieten. Und trotzdem schaut die Dampfradio-Behübschung oft vergleichsweise alt aus.

Da kommt ausgerechnet Apple ins Spiel. Das US-Paradeunternehmen hat ja gern mal die Nase ganz weit vorn (und auch aufreizend hoch oben, wie manche meinen). Diese Woche erst präsentierte man wieder neue Gerätegenerationen und abermalige Rekordgewinne. Dabei bin ich noch nicht mal dazu gekommen, ein kurioses Detail der aktuellen „iPod nano“-Linie aus voller Brust zu loben: der ebenso winzige wie beliebte MP3-Player besitzt – zusätzlich zur üblichen Funktionalität – eine Videokamera, ein Mikrofon, Lautsprecher und einen eingebauten Schrittzähler. Und, hoppla!, ein UKW-Radio.

Noch dazu eines, das man quasi anhalten kann: die „Live Pause“-Funktion ermöglicht fünfzehn Minuten virtuelles Zurückspulen. Am Display werden Informationen zum gerade gespielten Titel angezeigt. Und ein Klick markiert den Song, um ihn eventuell später im hauseigenen iTunes Music Store einzukaufen. Was bislang nur mit den Nanos funktioniert, wird Apple wohl bald auch am iPhone undiPod Touch nachrüsten. Famos!

Wenn die Zukunft solchermassen image- und hardwaretechnisch gesichert ist, kann man sich wieder verstärkt dem Programm widmen. Auf lounge.fm läuft übrigens gerade Air, „Radio Number One“. Sie sollten mal reinhören. Gern auch per iPod.

Allein im Papierschiffchen

21. Oktober 2009

Ein Meerschweinchen blökt, pardon: quietscht zurück. Oder: warum die Print/Web-Debatte allmählich ins Lächerliche kippt. Anmerkungen zu einer „Zwischenwarnung“ von Armin Thurnher, nachzulesen im aktuellen „Falter“. Und zwar nur dort. Dem Urheberrecht sei dank.

Falterschweinchen

Ich kaufe, schätze, lese den „Falter“ seit seiner Gründung anno 1977. Schon als Schüler war mir die Idee der Stadt- und Programmzeitung samt Kulturberichterstattung auf der Höhe der Zeit sympathisch; nebstbei nutzte ich den Gratis-Kleinanzeigenteil für allerlei pubertäre Scherze (die mir erstmals die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs Armin Thurnher einbrachten). Ich habe den „Falter“ selbstverständlich abonniert. Selbst meiner Tochter ein Abonnement geschenkt. Und daheim im Fahrradkeller ein „Falter“-Rad stehen, Typus holländisches Bobo-Opa-Vehikel, mit dem ich selten rumgurke, aber wenn, dann mit dem Vergnügen der bequemen, weil aufrechten Sitzposition. Und im Lauf der Jahrzehnte hab‘ ich immer wieder mal Artikel, Rezensionen oder Kommentare für den „Falter“ geschrieben, nicht selten getrieben von Goodwill. Denn die Honorare, die der „Falter“ zahlte, waren eher gering. Und trafen oft erst mit Monaten Verspätung ein. Ich weiß nicht, ob sich das drastisch verändert hat – aber ich habe die Honorarfrage, insbesondere bei Medien wie dem „Falter“, nie für die zentrale gehalten. Wenn auch nicht für gänzlich vernachlässigbar.

Insofern verstehe ich Armin Thurnhers Begehr, für publizistische Leistung tunlichst bezahlt zu werden. Und ich bin der letzte, der mit dem Begriff „Copyright“ fahrlässig umginge. Schließlich hängt auch das Geschäftsmodell eines Label- und Verlagsbetreibers, eines Beraters und Konzeptionisten und jenes eines freien Autors und Kolumnisten nicht unwesentlich davon ab, als Urheber die Art der Auswertung jeglichen „contents“, die Verbreitung, die Vertriebskanäle und kommerziellen Rahmenumstände entscheidend (mit)bestimmen zu können. In diesem Kontext hat sich, wie in vielem anderen auch, in den letzten Jahren doch einiges radikal geändert; Kulturphilosophen sprechen in Bezug auf die Digitalisierung der Medien und die Entwicklung des World Wide Web von einem „Paradigmenwechsel“, andere gar von einer Revolution. Wohl nicht ganz zu unrecht. Schon die Erfindung des Hyperlinks, um ein klitzekleines Beispiel zu geben, hat unser Verständnis, was ein Querverweis ist und kann, ein Zitat oder ein redaktioneller Fingerzeig, drastisch verändert. Es ist heute Usus, einfach zu „verlinken“, wenn ich eine weitergehende Recherche des Lesers umgehend und unkompliziert ermöglichen möchte. Und natürlich macht auch der „Falter“ ausgiebig davon Gebrauch, keine Frage. Zumindest in punkto Eigenrecherche – wäre ich zynisch, würde ich schreiben: in parasitärer Manier.

In der heute erschienenen Ausgabe Nr. 43/09 des „Falter“ verlinkt nun Armin Thurnher, in einer Art Anhängsel auf den „Kommentar des Chefredakteurs“, auf den Verein der Meerschweinchenfreunde in Österreich: www.meerschweinchenverein.at. Das ist zwar nett gedacht (ja, es gibt ihn wirklich, diesen Verein!), hat aber – allein auf Papier – den Nachteil, daß man sich ggf. zum Computer bemühen muß, die Tastatur dito, und nicht einfach wie ein dressierter Affe auf die Maus klicken und sich weiterer Informationen erfreuen kann. Apropos, ob all der tierischen Analogien: rattenscharfe Sache! Denn der Link samt putziger Karikatur ist Bestandteil einer „Zwischenwarnung“. Die schlichtweg darauf abzielt, den Informationsfluß insgesamt auszudünnen und raschest in die rechten, sprich: üblichen Bahnen zu lenken. Sollte dies nicht gelingen, droht mir (und anderen) der Empfang einer Honorarnote, Mindestbetrag 250.- Euro . Dieser Betrag – die Honorarhöhen des „Falter“ scheinen sich doch ein wenig nach oben bewegt zu haben – wäre auf das Konto des genannten Meerschweinchen-Vereins zu überweisen.

Was ist geschehen? Ich hatte mich erdreistet, einen früheren Kommentar Thurnhers („An meine Meerschweinchen: Entwarnung! Das Internet kann bleiben“) mir nichts, dir nichts themenadäquat dem Papier zu entreissen und in gescannter Form ins Netz zu stellen. Denn dieser Kommentar stellte – und Thurnher wird auch jetzt nicht müde, diesen Aspekt zu betonen – eine „Aufforderung zur Debatte“ dar, zuvorderst gerichtet an die „Netz-Community“. Nun: ich fand es aufreizend bescheuert oder zumindest plump provokativ, sich an diese – eventuell real vorhandene oder auch nur herbeiimaginierte, sicherlich aber zuvorderst, wenn überhaupt, in punkto Zugangstechnik homogene – Versammlung zu wenden und diesen Aufruf nicht gleich (auch) ins Netz zu stellen. Und habe das einfach nachgeholt, für die vielleicht gar nicht so wenigen Digital-Nomaden, die den papierenen „Falter“ gerade nicht zur Hand hatten oder nie in die Hand nehmen. Aus welchen Gründen auch immer. Ich empfand das als simple Service-Leistung und initialen Beitrag zu einer Debatte, die ja vom „Falter“ explizit erbeten und erwünscht war und ist. Zumindest, wenn man seinesgleichen Chefredakteur beim Wort nimmt.

Nebstbei: der „Falter“ hat dann im Lauf der folgenden Diskussion – die aber eher einer potjemkinschen Dorfwirtshausdebatte glich als einer wirklich mit Verve, Ernsthaftigkeit und Mut zu offener Kommunikation geführten Auseinandersetzung – sein Versäumnis partiell nachgebessert und doch das eine oder andere Stückchen Originaltext online verfügbar gemacht. Gratis. Auch für Nicht-„Falter“-Leser und -Abonnenten. Armin Thurnhers Originalkommentar, auf den sich das ganze Tohuwabohu bezog, war aber meiner Erinnerung nach nicht darunter (pardon, ich irre, er war nur, hm, relativ versteckt).

Nun beklagt sich jener, der zuvorderst den launigen, aber auch nicht hundertprozentig menschenfreundlichen Terminus „Meerschweinchen“ in die Debatte einbrachte – ja, ich finde ihn eh witzig!, wir bewegen uns nicht in einer humorfreien Zone – darüber, daß die „so zuverlässig auf Reize reagierenden“ Tierchen widerspenstig sind, den Dompteur und seine hochgeworfenen Bälle ignorieren, gern mal die meinungsverfütternde Hand beißen und auch nicht auf Zuruf durch brennende Reifen springen oder sonstige Dressur-Akte vorführen wollen. Und vor allem nicht aufhören, keine Ruhe zu geben. Ich fürchte, das wird anhalten. Und zwar solange, wie Thurnher den Zirkusdirektor gibt und sich als Idealbesetzung für die Rolle des Internet-Bezwingers und Web 2.0-Bändigers wähnt. Das ist er nämlich aus verschiedensten Gründen nicht. Das spricht auch seiner Vita, seinem Denken und Können und seiner Rolle im Medienstadl Österreich insgesamt Hohn. Aber vielleicht wird er ja auch nur „so schnell so falsch verstanden, wie es sich noch nie in meinem ganzen Leben ergeben hat“ (Originalton A.T., siehe „Falter“ 43/09).

Ich hab‘ kurz nachgedacht, ob ich Thurnhers „Zwischenwarnung“ einfach ignorieren soll. Oder offensiv der Beurteilung durch die Meerschweinchen-Gemeinde und andere Interessierte überlassen mag. Aber es ist eben nicht so, wie Thurnher meint und schreibt: das Internet ist kein rechtsfreier Raum. „Anonyme Gestalten“, die dort „herumtappen“, können im Fall von Gesetzesverletzungen dingfest gemacht werden (daß sich Thurnher & Co. gern über Postings unter Pseudonymen ärgern, ist eine ganz andere Sache).

Und natürlich ist auch die Frage des Urheberrechts nicht „ungeklärt“, wie Thurnher schreibt. Sondern glasklar: das Urheberrecht gilt selbstverständlich auch im World Wide Web. Allein: wie es anno 2009 exakt auszulegen, anzuwenden und durchzusetzen ist, ob es durch diese und jene neue Kulturtechnik nicht ausgehebelt wird, ob es nicht überhaupt einer radikalen Überarbeitung, Erweiterung oder Neudefinition bedürfte, darüber streiten Experten, Betroffene, Konsumenten, Urheber, Politiker. Und zwar seit Jahren. Und zwar sehr intensiv. Kann mir nicht vorstellen, daß Thurnher diese Debatte – eine der dringlichsten, schwierigsten und umstrittensten unserer Zeit – entgangen ist. Möglich aber, daß „Abt Armin“ – diesen Spitznamen verpassten ihm vice versa einige „Meerschweinchen“ – meint, das alles ex cathedra für obsolet erklären zu können. Und die Realitäten der Digitalära (die uns gefallen mögen oder nicht) einfach als Kapitän Nemo auf der Kommandobrücke eines vereinzelten Papierschiffchens umschiffen zu können.

Anyway: es gilt, diese – en gros und en detail – demonstrativ trotzige Haltung, kuriose Konservativität und á la longue ohnehin unhaltbare Position nicht noch weiter zu befeuern. Ich werde also folgendes tun: ich nehme das Web-Faksimilie am 23.10., sprich: übermorgen, vom Netz (bis dahin gilt eine Art Gnadenfrist). Ich respektiere das Urheberrecht. Ich respektiere den Wunsch Armin Thurnhers (auch wenn mich sein Befehlston, gelinde gesagt, befremdet). Zudem ist der Schwanz, den es einzuziehen gilt, bei einem Meerschweinchen eh nicht grad‘ lang. Ich fürchte nur, ich werde wenig tun können für oder gegen Kopien, Links oder weitreichende Zitate. Schon gar nichts gegen anderer Leute Meinung, Kommentarwut oder Humorverständnis. Eventuell richtet auch jemand, von wegen „Communitiykohle“, ein Spendenkonto ein. Die Meerschweinchen wollen schliesslich gefüttert werden.

Und, nein, ich werde das „Falter“-Abo nicht kündigen. Gewiss nicht. Ich liebe diese Knirschgeräusche zwischen Papier und Netz.

Beiläufige Musiktipps (5)

19. Oktober 2009

Das ERSTE WIENER HEIMORGELORCHESTER wirkt auf’s erste Hinhorchen wie Plastik-Kinderspielzeug für überdrehte IT-Manager. Dahinter steckt aber ein Abgrund an schwarzem Humor, punktgenauer Zeitkritik und poppigem Melodienreichtum. Das neue Album „Es wird schön gewesen sein“ ist das bislang beste des Quartetts aus Wien. Und Ronnie Urini darf auch mitsingen.

EWHO_Cover

Das erste Mal wahrgenommen, richtig wahrgenommen, habe ich das Heimorgelorchester – Sie gestatten die légere Abkürzung des üppig geratenen Bandnamens – beim „Protestsongcontest“ im Wiener Rabenhof Theater. Und zwar im Januar 2009. Das ist, zugegeben, reichlich spät für den Umstand, daß dieses Orchester seit über fünfzehn Jahren existiert, bereits drei CDs veröffentlicht hat und auf diversen Live- und Theater-Bühnen omnipräsent ist. Zu meiner Entschuldigung kann ich anführen, lange Jahre im Exil in Deutschland zugebracht zu haben (wohin der Ruf des Wiener Quartetts noch nicht recht gedrungen ist; etwas, das sich raschest ändern sollte). Und eventuell die Bescheidenheit der Truppe. Obwohl sie etwa Fritz Ostermayer, der FM4-„Im Sumpf“-John Peel und Doyen der österreichischen Pop-Intelligenzija, launig als „beste Band aller Zeiten“ bezeichnet, halten sich die Herren Florian und Daniel Wisser, Jürgen Plank und Thomas Pfeffer tendenziell gern im Hintergrund.

Bis, nun ja: zumindest meiner subjektiven Wahrnehmung nach, bis zu jenem denkwürdigen Moment, als dieser „Protestsongcontest“ in Szene ging. Mittlerweile ist die Veranstaltung – die übrigens auch einen Export nach Berlin, Hamburg, München, Zürich vertragen würde, ja geradezu danach schreit – eine Kult-Konstante des Wiener Musik- und Kulturgeschehens. Und wenn auch eine nicht ganz ironiefreie Paraphrase auf den wirklichen, den Eurovisions-Songcontest, so bietet der „Protestsongcontest“ im Rabenhof jährlich diverse Anhaltspunkte für jene, die in der Populärkultur ein wenig mehr suchen als billige Ablenkungen oder wohlige Sedativa. Politisch Lied, garstig Lied? I wo: 2009 standen die vier Herren, um die es sich hier dreht, zackig adrett auf der Bühne, schrien nicht und rauften sich nicht die Haare, deklamierten und proklamierten nicht, liessen nicht die sprichwörtliche Sau raus – und gewannen dennoch überlegen die Protest-Abstimmung. „Widerstand ist Ohm“ hieß der Siegertitel – er ist auch auf dem aktuellen, vorliegenden Album zu finden. Und „Widerstand ist Ohm“ brachte und bringt die Formel des Ersten Wiener Heimorgel Orchesters auf den Punkt: Witz, Wärme und Wunderlichkeit, gepaart mit kühler Analytik, punktgenauer Zeitkritik und hinterhältigem Charme.

Und das alles versehen mit einer billig-beiläufigen Tonspur, deren Präzision, Originalität und kompositorische Exzellenz sich erst nach und nach erschliesst. Heimorgeln? Nein danke. Das ist der erste Reflex. Heimorgeln, das klingt doch arg nach achtziger Jahre, nach Klavierübungsstunden und Familienfeier-Untermalung. Aber die Orgeln, die die Herren Wisser, Plank und Pfeffer da exklusiv – in jedem Sinn des Wortes – malträtieren, kommen direkt aus dem Klangmuseum: kleine, kuriose, billige „consumer keyboards“ der Marken Casio, Bontempi, Yamaha & Co. Ausschließlich. Und unsere Herren beherrschen sie virtuos – so virtuos, daß man sie auf die Bühne des Burgtheaters gebeten hat („Untertagblues“ nach Peter Handke), Stummfilme bei den Wiener Festwochen untermalen ließ oder zu Workshops beim Steirischen Herbst einlud.

Natürlich steht das EWHO (ab sofort gilt diese Abkürzung) unter Kraftwerk-Verdacht. Das ist Teil des Witzes. Aber wo Ralf Hütter und seine Mannen teutonisch-ernst bleiben – hat man Roboter je lächeln gesehen, geschweige denn lauthals lachen? – , bringen die Wiener immer ein Augenzwinkern ins Spiel. Oder zwei. Stücke wie „Vaduz“, „Pfirsich Melba“, „Kastelseer“ oder „Uri Geller“ schrammen knapp an der reinen Blödelei vorbei, können aber jederzeit auch als Bestandaufnahme und Parodie einer sinnentleerten, hochtourig im Leerlauf drehenden Pop-Maschinerie durchgehen.

Damit kommen wir zu einem der Höhepunkte des Albums (und stellen ihn gleichzeitig als Vorgeschmack auf mehr online): Konrad Bayers Suizid-Poem „Niemand hilft mir“. Einer mein „All Time Favourites“. Als Früh-Achtziger-Punk-Song (im Original von Willi Warma, bekannter in der Version von Ronnie Urini & den letzten Poeten) energetisch, tragisch, messerscharf, als Bontempi-Petitesse annähernd dreißig Jahre später auch nicht von schlechten Eltern… Am Mikrofon: Ronald Iraschek alias Ronnie Urini. Authentizität meets Verfremdung. Schwärze trifft auf Samtanzüge. Ent- oder Verschärfung der Situation, ganz nach Geschmack.

Der abgründige Humor des EWHO tritt auch in Pretiosen wie dem titelgebenden Elektro-Couplet „Es wird schön gewesen sein“, seltsamen Freizeit-Hymnen wie „Weekend“, dem auch abseits von Protestsongcontesten trefflichen „Widerstand ist Ohm“ oder dem arg fröstelnd machenden „Die Ruhe im Zimmer“ zutage. Solche Entwürfe brauchen adäquate Assoziationen, Querverweise und Beschreibungen. Robert Glashüttner von FM4 hat sie parat: „Die in gekonnter Dada-Manier ungeheuer starke Schlagwort- und Synonym-Zuweisung bäumt sich mit der hypnotischen Sound-Kulisse zu einer poetischen Protesthymne auf, einer brillanten Elektro-Minisinfonie der experimentellen Semantik…“

Man sollte also nicht den Fehler machen, dieses – sich vordergründig so harmlos gebende – Taschenorchester gedanklich in den Hobbykeller, das Wirtshaus-Hinterzimmer und die Amateur-Bastelwerkstatt zu stecken. Florian Wisser, Daniel Wisser, Jürgen Plank und Thomas Pfeffer haben es faustdick hinter den Ohren. Und das musikalische Können im kleinen Finger. Das neue Album ist ein Anstoß mehr, dieses Quartett als das zu werten, was es immer sein wollte. Und mehr denn je ist: Österreichs Antwort und Kommentar zur elektrifizierten, verlöteten, analog-digitalen Pop-Historie jenseits des Alpenrandes, von Jean-Michel Jarre bis Orchestral Manouvres In The Dark, von Hot Butter bis New Order, von Trio bis zum Jeans Team aus Berlin. Schlimmstenfalls packen die Jungs auch noch die Stalinorgel aus, um uns auf Betriebstemperatur zu bringen. Es wird sein. Und es wird schön gewesen sein.

Noch ein Fingerzeig: Albumpräsentation ist am 7. November im Rabenhof Theater (wo sonst?). Karten gibts hier.

ERSTES WIENER HEIMORGEL ORCHESTER feat. RONNIE URINI – „Niemand hilft mir“

Das elektrische Taschenbuch

17. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (31) Der Buchhandel geht mit dem Digitalzeitalter entspannter um als die Musikindustrie. Noch.

Kindle e-book Reader

„Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen…“

(Johann Wolfgang von Goethe, “Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“)

Ja, der gute, alte Goethe. Wird wohl gerade von Google digitalisiert. Von bibliophilen Raubrittern in jeder erdenklichen Form gescannt und kopiert. Und demnächst, ganz nach Belieben, im freien pdf-Format oder als wohlfeile Klassiker-Gesamtausgabe mit dem Logo von Sony, Amazon, Time Warner & Co. samt Lese-Instrumentarium unterm Weihnachtsbaum liegen. Denn ausgerechnet bei den Ikonen der Geistesgeschichte muss man keine langwierigen Debatten fürchten, ob denn das nun legal und angebracht und moralisch einwandfrei sei; lebende Autoren und heute aktive Verlage sind da schon ein bisschen feinfühliger, was Copyrights betrifft. Der kommerziellen Krake Google auf die Tentakel zu klopfen ist aber erst ansatzweise gelungen. Bei den Raubkopierern ist es, allen Digital Rights Management-Barrieren zum Trotz, sowieso hoffnungslos.

Im Verlagssektor spielt’s sich gerade genauso heftig ab wie in jeder anderen Industrie und Branche, deren Handelsgüter sich in Nullen und Einsen zerlegen lassen – und die sich ob der Entwertung durch unendliche Kopierbarkeit und unkontrollierbare Verbreitung jeglichen „contents“ ihres Geschäftsmodells beraubt sehen. Es ist ja hoch sympathisch, bei Buchhändlern und in „Amadeus“-Filialen vermehrt Informationsständer und Kauftheken für eBooks und eBook Reader, die nun allerorten getesteten, diskutierten, gelobten und verdammten Lesegeräte für digitale Bücher, vorzufinden. Von wegen Kompetenzzentren: immerhin eine Chance.

Aber ich fürchte – und der CD-Handel gibt nach der Schließung von Tower Records, HMV- und Virgin Megastores, WOM-Filialen und lokalen Grössen wie Kastner & Öhler in Graz ein trauriges Fallbeispiel ab –, das wird á la longue nur ein paar „High Fidelity“-artige Feinschmeckerläden für die Liebhaber der Papier-Ausgaben von Nick Hornby, Peter Handke und Herta Müller überleben lassen. Und Amazon hält ja schon kräftig dagegen: ab kommender Woche gibt’s den hauseigenen „Kindle“ in einhundert Ländern weltweit zu kaufen, auch in Österreich. Das ist erst der Beginn. Und zunächst sind es nur englischsprachige Titel, die zum Download per UMTS-Netz bereit stehen. Ein Umstand, der nicht lange vorhalten wird.

Ich weiß schon: Papier ist sinnlich, der Mensch ein haptisches Wesen, die Buch-Form ein jahrhundertealtes, perfekt ausgereiztes Kulturgut, die Badewannen- und Freibad-Tauglichkeit hoch, der Internet-Nerd ein Literatur-Banause. Und überhaupt. Aber insbesondere als Fach- und Sachbuch-Verleger würd’ ich mir perspektivisch wirklich Sorgen machen: was nur ein-, zweimal, eventuell sogar gezwungenermassen, gelesen, benutzt und studiert wird, will man sich partout nicht ewig ins Bildungsbürgerregal stellen. Und der Kostenfaktor wiegt in Schüler- und Studentenkreisen doppelt. Das hat schon den Brockhaus, den Duden und die Musikindustrie (fast) gekillt.

Tröstlich, wenn man – wie ich dieser Tage in Innsbruck, in der Auslage der Wagner’schen Buchhandlung (Werbespruch: „Bildung seit 1639“) – ein trautes Nebeneinander uralter, wertvoller Buchschinken, sentimentaler Neuerscheinungen („Der Buchdrucker der Medici“) und erster eBook-Reader von Sony vorfindet. Ich fürchte nur, die Idylle dieses Stillebens wird nicht lange anhalten.

Immer mehr Meerschweinchen

8. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (30) TV, Radio, Print, Web: die Zukunft der Medien findet nicht in Messehallen statt.

medienmesse_logo

Können Sie sich vorstellen, für diese Kolumne extra zu bezahlen? Sagen wir mal: 20 Cent. Das ist leicht leistbar. Oder nur für diese Kolumne zu bezahlen, den Leitartikel, das Kreuzworträtsel und die Sportseiten der „Presse am Sonntag“, keinesfalls aber für die Society- und Innenpolitik-Berichte. Weil Sie das nicht die Bohne interessiert. Oder – falls Sie Geiz so geil finden, wie uns ein penetranter Werbespruch seit Jahren suggeriert –, würden Sie es akzeptieren, wenn ich diesen Text von Markenartiklern, Technikunternehmen und Sponsoren (mit)finanzieren liesse, eventuell zuungusten kritischer Berichterstattung? Dafür dürfen Sie das Papier gratis lesen. Wahlweise, á la longue wohl auch realistischer, Ihrem Drucker entnehmen. Oder via Monitor, Handy oder Mobile Reader, wie jetzt gerade, einen von Werbebannern und Pop-Ups weitgehend unbeeinträchtigten Blick auf Sätze wie diese werfen.

Absurd? Das sind Szenarios, wie sie von Fachleuten und Zaungästen diese Woche auf den „Österreichischen Medientagen“ (samt angeschlossener Medienmesse) in Wien diskutiert werden. Ich muß gestehen, ich habe mir das Eintrittsgeld erspart, da ich es leid bin, den ewig gleichen Protagonisten der engen heimischen Medien-, Werbe-, Marketing- und Mobilfunkszene beim Karussellfahren am Jahrmarkt der Eitelkeiten zuzusehen. Ersatzweise liess ich mir dies und jenes, quasi live, von Journalistenkolleg(inn)en via Twitter erzählen.

Und was sie erzählten, klang nicht selten bissig bis zynisch. „Hausaufgabe: endlich dieses Internet probelesen“. Oder: „Social Media macht Kunden und Werber nervös“. Oder, hui!: „Print ist tot, weil die 2. Führungsebene (nicht die Chefs, aber diejenigen dahinter) nicht mehr daran glaubt“. Zwischenresümée: „Immer wieder nett: wie manche Print-Leute über Online-Medien reden. Mischung aus Unverständnis, Angst, Abneigung und Hochnäsigkeit.“ Schulterzucken: „Langweilen kann ich mich auch anderswo“. Lakonisch: „Wir sind im Chaos und probieren weiter“. Oder auch: „Twitterwall #fail“. Letztlich: „Für ein paar Jahre ist der Glamourfaktor jetzt mal weg“. Warum nur, warum erinnert mich das alles so sehr an die „Midem“ oder die „PopKomm“, die Leit-Messen der Musikbranche, die gern von Journalisten geschmäht wurde (und, tendenziell leiser, immer noch wird)? Jener Branche, der man zuvorderst nachsagt, das „Digitalzeitalter“ verpennt zu haben? Die „PopKomm“ hat, nebstbei, anno 2009 das Zeitliche gesegnet.

Lautet der Kulturkampf der Gegenwart: Schlafmützen versus Web 3.0-Propheten? Sparmeister gegen Zukunfts-Investoren? Besitzstandswahrer versus Risikomanager? Fiebrige Unmittelbarkeit contra Recherche, analytische Tiefe und Bedächtigkeit? Das p.t. Publikum geht mit dem Tohuwabohu jedenfalls pragmatisch um: das Medium ist die Botschaft. Und der kurzweiligste, spannendste, probateste, niveauvollste – kurzum: beste – Inhalt immer da, wo man ihn findet.

Der Vorarlberger Verleger Eugen Russ verkündete, Apples iPhone halte 95% aller mobilen Zugriffe bei seinem Medienhaus, obwohl das Gerät nur drei Prozent Anteil am Handymarkt hat. Der Chef des Mobilfunk-Unternehmens „3“, Berthold Thoma, ist darüber nicht glücklich: „Das iPhone ist der Horror“. Weil er die Kontrolle über Inhalte und Revenue Streams, zumindest partiell, aus der Hand geben muß. Das deutsche Medienhaus Gruner & Jahr sieht einen Fluchtweg aus der Krise ausgerechnet darin, das österreichische „News“-Verlagsmodell aufzugreifen: Mitarbeiter in Hamsterrädern, pardon, Grossraumbüros produzieren Fliessband-„Content“ für alle möglichen Printprodukte, Line Extensions und Web-Plattformen.

Auch RTL-Oberzampano Gerhard Zeiler hatte keine guten Nachrichten: das Fernsehgeschäft bricht massiv ein, jetzt sei Kreativität gefragt. Ich nehme an, der Appell richtete sich nicht nur an genuin Kreative, sondern zuvorderst an Personalchefs und Controller. Nebstbei: wie „kreativ“ ist Werbung, die sich nicht wegzappen oder überspringen lässt? Oder pixelmächtiges HDTV-Pay-TV? Immerhin: die „ORF TVThek“, das lang erwartete Online-Archiv der grössten heimischen Medienorgel, ist startklar. Und soll noch vor Jahresende etwa ein Drittel des ORF-Gesamtangebots (d.h. Eigenproduktionen, an denen man alle Rechte hält) jeweils eine Woche lang abrufbar machen. Inklusive extra-langer, ungeschnittener Interview-Versionen. Anerkennendes Kopfnicken in den Hallen der Medienmesse. Wo angeblich doch der eine oder andere Stuhl leerblieb. Weniger bei den New Media-Panels. Eher schon bei den Old School-VIP-Runden.

Der Betreiber der „Medientage“, der Verleger Hans Jörgen Manstein, stellte zum Auftakt der Diskussionen die Frage: „Wo ist der Nachwuchs? Wo sind die jungen Thurnhers?“. Die Antwort lautet: hier am Messegelände eher nicht. Einige schlagen sich gerade online mit dem alten Thurnher rum, der im „Falter“ die Internet-Generation launig mit „Meerschweinchen“ gleichsetzt. Natürlich nur auf Papier. Immerhin: der Vergleich mit Lemmingen, so sehr er sich auch aufdrängt, ist bislang ausgeblieben. Da wie dort.

Kleiner Blog-Service

7. Oktober 2009

Nachrichten aus dem Meerschweinchenkäfig: ein erster Beitrag zur kurzweiligen und hoffentlich erkenntnisreichen Old- & New Media-Debatte.

Cross

Thurnher. Wenigstens Thurnher hat mich nicht enttäuscht. Schreibt einen aktuellen Kommentar zum, äh, Phänomen Internet („An meine Meerschweinchen: Entwarnung! Das Internet kann bleiben“), in dem er mir und allen anderen Digital-Meerschweinchen allerhand reinsagt. Und schon blökt – blöken Meerschweinchen? – und tweetet es los, was das Zeug hält (nebstbei: Thurnher zwitschert neuerdings auch). Oder doch nicht. Denn, halt!, der Kommentar ist nicht online. Und somit im WehWehWeh nicht zu finden. Bislang.

Denn das betrachte ich mal als ersten persönlichen Beitrag zur Debatte: hier ist er (Bild ggf. downloaden und vergrössern. Die Qualität ist mies, aber Besseres wohl bald in Griffweite). (Anm.: Das Dokument wurde entfernt, warum siehe hier)

Mag Thurnhers Papier-Fixierung die Kiosk-Verkaufszahlen des „Falter“ ein wenig nach oben treiben, freu‘ ich mich schon auf die Zugriffszahlen-Statistik dieses, hm, Blogs (sieh‘ an, Blumenau schwächelt also doch nicht ;-). Service sells! Im übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex wird durch das Internet zerschlagen werden. Und nicht nur der allein.

P.S.: Mein – im Vergleich zu ausführlicheren Analysen (wie dieser oder dieser) – unverdient prominent an den Beginn von Thurnhers Kolumne gerückter – zutreffender: bloß erwähnter, aber hier leicht nachzulesender – Kommentar „von anno Schnee“ ist keine zehn Monate alt. Und eigentlich aktueller denn je (wenn ich zum Beispiel in punkto „TV-Definitionsvormacht“ gerade dies hier lese:

„(…) ...eine nie dagewesene Abwärtsbewegung. Wir erleben Veränderungen in einem Ausmaß, wie ich sie in meiner dreiundzwanzigjährigen Fernsehtätigkeit noch nie erlebt habe.“ (Gerhard Zeiler bei den „Österreichischen Medientagen“, 07.11.2009)

Mein kleiner persönlicher BAWAG-Skandal

6. Oktober 2009

„Unternehmen Österreich“, lautet der aktuelle Werbespruch der BAWAG PSK. „Für eine gemeinsame Zukunft. Für Land und Leute. Seien Sie dabei!“. Nun: ich bin dabei. Aber eventuell nicht mehr lange.

bawag

Montag, 05.10.2009, 19.47h

Sehr geehrter Herr K.,

unser heutiges, unerfreuliches Telefonat möchte ich nicht voreilig als Schlußpunkt unserer geschäftlichen Beziehung werten.

Sie haben mir am 21.09.2009 eine Mahnung zu meinem Geschäftskonto Nr. XXX geschickt (Kopien anbei). Übrigens zweimal, aber darauf komme ich noch zurück. Ich hatte das Konto zu diesem Zeitpunkt unabsichtlich um 1.176,64 Euro überzogen – und befand mich gerade auf Urlaub, aus dem ich vorige Woche zurückgekehrt bin. In Ihrem Schreiben hatten Sie mir 14 Tage Frist eingeräumt, den Kontostand auszugleichen. Das ist vor Ablauf dieser Frist geschehen.

Gestern, bei einem Besuch der Buchhandlung Amadeus in Wien-Landstrasse, wurde zudem meine mit dem genannten Konto verbundene Mastercard mit der Nummer XXX, gültig bis 04/11, eingezogen. Zu diesem Zeitpunkt war das Konto im Plus; eine (aus welchen Gründen auch immer erfolgte) Sperre der Karte somit sachlich unbegründet.

Nun habe ich wohl offenbar bei Eröffnung des Geschäftskontos im Jahr 2005, betreut durch Fr. XXX in der Filiale Wien-Neubaugasse, keinerlei Überziehungsrahmen vereinbart; daß dies pragmatisch gleichbedeutend ist mit null Flexibilität bei leichter Überziehung eines Kontos, das sich jahrelang ausschliesslich im Plus befunden hat, war mir unklar. Und ist mir nachwievor unverständlich – so gesehen hätte ich wohl einen Überziehungsrahmen, inklusive aller notwendigen Bonitätsprüfungen, längst vereinbart. Aber dazu gab es zu keinem Zeitpunkt ein Angebot oder einen Hinweis, weder von Fr. XXX noch von Ihnen (wir hatten bis dato überhaupt keinen persönlichen Kontakt, wenn ich mich recht erinnere).

Denn, ob Sie’s nun glauben oder nicht: an Bonität mangelt es mir nicht. Ich habe nur Aktiva weitgehend abgeschöpft, um die lächerliche Verzinsung eines Girokontos zu vermeiden. Diese Beträge sind ungebrochen bei der BAWAG veranlagt.

Doch zurück zum Anlassfall. Daß Sie einen kurze telefonische Rückfrage nicht tätigen „müssen“, wie Sie mir heute mitteilten, mag formal richtig sein; besondere Höflichkeit oder Sorgfalt im Umgang mit Kunden belegt dies nicht. Daß Sie sich selbst und mir so allerlei Mühen und Umstände hätten ersparen können, ist freilich ein Faktum. Der gleich zweifache Versand desselben Mahnschreibens, jedes mal mit 20,00 Euro „Mahnentgelt“ belastet, dürfte wohl mangelnder Gesamtübersicht oder einer generellen Geschäftstüchtigkeit zu Lasten Ihrer Kunden geschuldet sein. Diese zweifache Verrechnung von Mahnspesen – siehe Kontoauszug anbei – bitte ich umgehend zu korrigieren.

Ich fände es auch angebracht, mir die genannte Mastercard umgehend wieder zur Verfügung zu stellen und ev. damit verbundene Spesen zu übernehmen. Einen Überziehungsrahmen handle ich ggf. gerne mit Ihnen nach üblichem Procedere aus.

Darüber hinaus möchte ich meine spontan ausgesprochene Kündigung unserer Geschäftsbeziehung vorerst aussetzen; d.h. sie bleibt ad hoc aufrecht. Ich werde mir aber erlauben, die weiteren Schritte Ihrerseits aufmerksam zu verfolgen und zu dokumentieren. Eventuell könnte sich daraus ja ein wunderbarer journalistischer Report über die Umgangsformen einer Bank mit Geschäftskunden im Jahr 2009 ergeben.

Gerne stehe ich Ihnen für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Walter Gröbchen

Dienstag, 06.09.2009, 09.10h

Herr K. hat mich freundlicherweise gerade angerufen. Er besteht darauf, formal absolut richtig gehandelt zu haben. Und meint, ich bekäme selbstverständlich keine neue Kreditkarte. Unter keinen Umständen. Auf Kunden wie mich lege seine Bank keinen Wert. Ah ja. Ich beschliesse, dem Leiter des Geschäftskunden-Centers ein kurzes mail zu schreiben.

Sehr geehrter Herr XX,

als Geschäftskunde bin ich im Center Wien-Mitte geführt – und habe da seit kurzem intensiv mit Hrn. K. zu tun. Der Mann ist, was Kundenbeziehungen betrifft, ein interessanter Fall (um es mal zurückhaltend zu formulieren). Ich erbitte ein persönliches Gespräch.

Mit freundlichen Grüssen,
WG

Dienstag, 06.10.2009, 16.05h

Okay, okay. Die BAWAG hat sich gemeldet, entschuldigt, die Sache gebügelt. Insofern ziehe ich da jetzt mal einen – positiven – Schlusstrich unter diesen Thread. Generell ist anzumerken, daß a) die Banken gerade hypernervös sind (Krise, Basel II etc.) b) die Finanzmarktaufsicht des Staates Österreich die Schrauben anzieht und c) man als Selbstständiger, zumal im Kreativsektor, sowieso ein grundsätzlich verdächtiger, unsteter, wenig kreditwürdiger Kerl ist. Schwamm drüber über dieses kleine (wenngleich wahrscheinlich signifikante) Erlebnis. Aber Ohren, Augen, Blog bleiben offen.

Mittwoch, 28.10.2009, 10.12h

Habe soeben ein mail erhalten… Ich trag’s mit Humor.

EINLADUNG ZUR ONLINE-UMFRAGE
„KUNDENZUFRIEDENHEIT UNSERER GESCHÄFTSKUNDEN“

Sehr geehrter Herr Gröbchen,

wir haben uns zum Ziel gesetzt, unsere Angebote und Services noch besser an die Bedürfnisse unserer Geschäftskunden anzupassen. Denn die Erhöhung der Zufriedenheit unserer Top-Kunden hat oberste Priorität!

Zu diesem Zweck führen wir aktuell eine Studie zur Zufriedenheit unserer Geschäftskunden durch. Dazu möchten wir Sie – wie wir Ihnen bereits in einem Brief mitgeteilt haben – um Ihre persönliche Meinung bitten.

Im Speziellen geht es darum, Ihre Bedürfnisse sowie Ihre Zufriedenheit mit der BAWAG noch besser kennenzulernen. Aus diesen Erkenntnissen wollen wir gezielte Maßnahmen zur Erreichung einer bestmöglichen Kundenorientierung ableiten.

Um sicherzustellen, dass Ihre Angaben völlig anonym bleiben, haben wir das renommierte Marktforschungsinstitut marketmind mit dieser Studie beauftragt . Angaben einzelner Personen werden von marketmind völlig vertraulich behandelt und nicht an uns weitergegeben.

Ihre persönliche Teilnahme an dieser Studie ist uns besonders wichtig . Wir möchten Sie daher bitten, sich etwa 15 Minuten Zeit zu nehmen, um den Fragebogen auszufüllen.

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und danken Ihnen schon jetzt für Ihre Mithilfe!

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Jürgen Dostal
BAWAG P.S.K. Marketing

Dr. Christian Bosch
Geschäftsführung marketmind

PS.: Unter den ersten 500 Teilnehmern verlosen wir einen Gutschein für den Aufenthalt in einem Luxushotel in Österreich für zwei Personen sowie zahlreiche, interessante Fachbücher!

Reality Kills

3. Oktober 2009

Der Paradigmen-Wechsel des Digitalzeitalters erklärte die Musikbranche zur Avantgarde des Niedergangs. Die grossen Plattenfirmen („Majors“) bleiben zunehmend auf der Strecke – trotz jahreszeitlich bedingten Superstar-Aufgebots, von den Beatles bis zu Robbie Williams.

RWilliams

„Es gibt keine Majors mehr“, lautet der Standard-Merkspruch von Manfred Lappé. Der Mann muß es wissen: als ehemaliger Geschäftsführer von Warner Music Austria, zudem Finanzchef in Deutschland, Präsident aller ehemaligen Ostblock-Länder und Vorsitzender des Major-Lobbyverbands IFPI, war Lappé lange Jahre der ranghöchste Musikmanager Österreichs. Bis er anno 2007 Warner verliess und tolldreist die Seiten wechselte: er ist heute als Business Consultant für den kleinen Tullner Indie-Vertrieb Rebeat tätig, der mit „Rebeat Digital“ einen innovativen Online-Werkzeugkasten für Newcomer und Selbstvermarkter entwickelte.

Für den internet-affinen Musikfan macht’s, zumindest oberflächlich, keinen Unterschied, ob er Musikstücke eines Warner- oder Rebeat-Künstlers herunterlädt – technisch gesehen rutscht beides längst geschmeidig in die private Pop-Kollektion. Den lästigen Kopierschutz haben mittlerweile (fast) alle Parteien aufgegeben; die Majors Warner, EMI, Sony und Universal erst nach langem Widerstand. „CDs machen zwar ungebrochen den Großteil des Geschäfts aus, aber der Anteil sinkt Jahr für Jahr“, weiß Lappé. Aktuell beträgt er in Österreich immer noch knapp achtzig Prozent. „Es ist klar, wohin die Reise geht. Und es wird kein Stein auf dem anderen bleiben.“ Für die ungebrochen zum Umsatz-Schaufeln gezwungenen Ex-Kollegen des Major-Veteranen haben derlei Aussagen, bei aller Drastik, einen langen Bart. Für die Auguren des neuen Zeitalters ist Manfred Lappé, als graue Eminenz quasi vom Saulus zum Paulus mutiert, dagegen willkommen wie der Weihnachtsmann.

Apropos: für die Musikindustrie hat der Advent längst begonnen. Eigentlich ist das Weihnachtsgeschäft fast schon wieder vorbei. Denn was jetzt noch in der Pipeline steckt – sei es als Projekt der A&R-Abteilung (zuständig für ständigen künstlerischen Nachschub), als Planzahl des Controllings oder als halb fertiges Album eines Superstars –, kann und wird nicht mehr rechtzeitig zum Fest unterm Baum liegen. Die Major-Musikindustrie hat jahrzehntelang in buchhalterischen „Forecasts“ geschwelgt, wo jede CD-Neuerscheinung in bestimmten Quantitäten einem Zielpublikum zugedacht ist. Und sie tut es immer noch. Nur die absoluten Zahlen sind deutlich zurückgegangen. Der Untergang des Abendlandes ist noch nicht (ganz) eingetreten: das Niveau der weltweiten Umsätze mit Musik und damit verbundenen kreativen Inhalten, etwa Videos und Merchandising-Artikeln, bewegt sich auf Höhe der achtziger Jahre. Aber natürlich stimmt diese Entwicklung den Grundtenor einer Branche, die viele Jahrzehnte lang eine annähernd stete Aufwärtsentwicklung und funkelnde Renditen gewohnt war, in Moll.

Was noch vor kurzem das Sahnehäubchen, mehr noch: die Trägerrakete des Jahresumsatzes war – das Weihnachtsgeschäft –, ist nun bisweilen der letzte Hoffnungsschimmer. Die EMI etwa, lange Jahre stolzes Flaggschiff des britischen Musikimperiums, hat seit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma kaum mehr eine Verschnaufpause. Zu groß ist der Druck, die Erwartungen des neuen Managements und die Rückzahlungsraten der Kreditgeber, zuvorderst die New Yorker Citigroup Inc., zu bedienen. Gezwungenermassen setzt man auf Verramschung des Tafelsilbers – Backkataloge etwa von Queen, Pink Floyd, Depeche Mode, Moby, Norah Jones, Radiohead und hunderten anderen Ikonen der Pop-Historie, die immer wieder recycled werden – und spezielle Glanzlichter, die sich als generationenübergreifende Präsente eignen. „Greatest Hits“-Kollektionen haben Hochkonjunktur, aber auch lang erwartete Novitäten von tatsächlichen und vermeintlichen Superstars werden gern genommen.

Waren es vor fünf Jahren Coldplay, die man mittels Millionen-Prämie zu einer bilanztechnisch fristgerechten Ablieferung des Albums „X & Y“ bewegen wollte (die Künstler weigerten sich strikt), sind die Hoffnungsträger dieses Jahres etwas leichter zu verplanen: die guten, alten Beatles. Deren Komplettwerk wurde, klangtechnisch restauriert, neu aufgelegt und rangiert gerade quer um den Globus in allen Hitparaden. HiFi-Feinspitze können Mono- und Stereoversionen vergleichen, Kritiker schwelgen in Erinnerungen, das Jungvolk darf sich zudem an einem Computerspiel („The Beatles : Rock Band“) erfreuen, das John, Paul, George und Ringo drastisch plastisch neu erstehen lässt. Man selbst wird via putzig originalgetreuem Plastikinstrumentarium quasi Teil der Fab Four. Yeah yeah yeah! Enthusiasmus auch in den EMI-Chefetagen: die um ca. 200 (Mono: 300) Euro wohlfeilen Beatles-Boxen verkaufen sich prächtig. Wenn auch das Oeuvre immer noch nicht – legal – online erhältlich ist: der absehbar letzte Abglanz der Silberscheiben rettet anno 2009 die Bilanz. Und eventuell die ehemals grösste Plattenfirma der Welt vor dem Untergang. Bis auf weiteres.

EMI hat aber noch einen Trumpf im Talon: Robbie Williams. Von den restlichen drei des Major-Quartetts – Universal, Sony und Warner Music – kommt zwar auch allerhand auf den Markt, von Madonna’s Greatest Hits (einmal mehr) bis hin zu neuen Alben von Mariah Carey, Rammstein, Backstreet Boys, Kiss, Tokio Hotel, Whitney Houston und einigen Wiedergängern des Pop-Panoptikums mehr. Pearl Jam, Muse und Semino Rossi beherrschen aktuell die Charts. Sogar Papst Benedikt XVI. wird – im Verbund mit Geffen Records – Ende November eine CD („Alma Mater“) mit Litaneien und Gebetsgesängen, begleitet vom Royal Philharmonic Orchestra, geneigten Hörern anempfehlen. Und natürlich wird auch Michael Jackson noch einmal in den Verkaufsregalen irrlichtern. Aber mit Robbie Williams, dem lebendigsten Hoffnungsträger des Mainstream-Musikmarkts, kann es keiner aufnehmen.

Der ehemalige Teenager-Heroe („Take That“) hat bislang über 55 Millionen Scheiben verkauft, litt zuletzt aber an Depressionen, Unlust und einem merkbaren Karriere-Abschwung. Nun soll „Reality Killed The Video Star“ für ein Comeback sorgen. Der Titel des neuen Albums, dessen Veröffentlichung für Anfang November avisiert ist, birgt nicht nur eine gewitzte Anspielung auf den Status Quo der Branche, sondern auch auf den Produzenten Trevor Horn, der es an Szene-Prominenz fast mit seinem Neo-Schützling aufnehmen kann – in den achtziger Jahren sorgte Horn mit Frankie Goes To Hollywood für große Erfolge, zuvor war er bei den Buggles („Video Killed The Radio Star“) aktiv.

Abgesehen vom obligaten Best Of-Album könnte das Opus aber das letzte für EMI sein. Schon in den letzten Jahren hatte es, trotz Rekordsummen und innovativer Vertragsgestaltung, heftige Spannungen zwischen der Record Company und ihrem Goldesel gegeben. „Auch wenn es inzwischen fast ein Klischee ist“, zitiert das deutsche Branchenblatt „Musikwoche“ Williams’ Manager Tim Clark, „Wir gehen von zwei Koordinaten aus: Künstler und Fans. Und jeder, der dazwischen stehen will, muß seine Rolle erst rechtfertigen.“ Die neuen EMI-Hausherren kämen ihm vor wie „Plantagenbesitzer, die nur aus Eitelkeit ins Record Business geraten seien“.

Die Maxime lautet ungebrochen: pecunia non olet, Geld stinkt nicht. Daß zudem immer mehr Künstler „grundlegende Fragen rund um das Musikgeschäft im digitalen Zeitalter stellen“, wie „The Times“ festhielt, kommt nicht weiter überraschend. Antworten haben aber weder Künstlermanager – außer vielleicht jene Handvoll, die Megastars betreuen und ungeniert weiter auf konventionelle Marktmechanismen setzen können – noch Plattenfirmen, die absehbar das Präfix Platten- aus dem Firmenschild streichen müssen. Das digitale Zeitalter und das Internet haben Musik als Ware entwertet, eine komplette Branche ist gezwungen, sich neu zu erfinden. Seit Jahren wogt ein Streit zwischen Filesharing-Aktivisten, Hobby- und Profi-Piraten und Wortführern einer „Kreativität gehört allen“-Gratis-Ideologie einerseits und Kreativen, Labels, Urheberrechtsvertretern und Interessensverbänden anderseits. Die Frontlinie verläuft oft unübersichtlich, es ist für alle Beteiligten weithin unbekanntes, abseits populistischer Binsen und tradierter Business-Parolen, argumentativ und geschäftlich wenig trittfestes Terrain.

In England bemerkt man gerade einen leisen Meinungsumschwung: eine von der Künstlerin Lily Allen losgetretene Debatte brachte den Branchenverband FAC (Featured Artists Coalition) dazu, radikal umzuschwenken und dem Mythos vom Filesharing-Aktivisten mit durchwegs lauteren Absichten ein „It’s not allright!“ entgegenzuhalten. Populäre Stars wie James Blunt, Elton John, Muse oder Gary Barlow deklarierten sich umgehend als Unterstützer. Auch in Deutschland entwickeln Vertreter der „Piratenpartei“ zunehmend ein rudimentäres Grundverständnis für die akuten Sorgen und Nöte der Künstler (die allerdings eher Newcomer als Superstars zu spüren bekommen).

Auf der Strecke bleiben aber nicht nur Nachwuchskünstler und Grassroots-Strukturen, sondern auch die Dinosaurier der Branche. Obwohl sich die Majors mehr und mehr zu Entertainment-Universalisten verwandeln und ein „180 Grad“-Business-Modell forcieren, das auch Verlagsrechte, Management-, Live- und Merchandisingeinnahmen in die Rechnung einbezieht, ist der Schrumpfprozeß kaum umkehrbar. Die digitale Revolution hat künstlich errichtete Markteintrittshürden zerbröselt, mediale Kanäle transformiert und Marktmonopole zerstört. Und „Cherrypicking“, die heutzutage so kommode Möglichkeit, sich nur mehr die neuen und wirklich begehrten Songs einzeln aus jeder „Best Of“-Kollektion zu pflücken, erodiert schon lange den wichtigsten Rendite-Bringer: das Album. Zunehmend geht es um Cent-Beträge, die sich nur mehr im Ausnahmefall zu Millionen addieren. Und diese Ausnahmefälle marketingtechnisch zu triggern gerät teurer und teurer.

Für die EMI wird es jedenfalls – Beatles hin, Robbie Williams her – knapp. Die „New York Post“ berichtete von zunehmender Ungeduld der Citigroup als Hintergrund-Finanzier des Musikkonzerns. Sollten die Zahlen nicht stimmen, werde die Bank nicht zögern und den traditionsreichen Major in die Insolvenz schicken. Warner als einer der wenigen verbliebenen Konkurrenten reibe sich schon die Hände.

Dabei wollte, ein Treppenwitz der fortgesetzten Krisen-Historie, noch vor Jahresfrist die EMI Warner kaufen. Ausgerechnet.

%d Bloggern gefällt das: