Am Ende die Ente

3. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (29) Egal, ob Mercedes-Benz, Audi oder Citroen – Hässlichkeit ist Trumpf. Oder einfach ein Fanal genereller Uninspiriertheit.                                                                                                                                             

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Auf einem Transatlantik-Flug hat man in der Regel viel Zeit und wenig Ablenkung. So man sich nicht den Vergnügungen des Bordprogramms hingeben will – aber ein mässig spannender Hollywood-Film wird auch nicht besser, wenn man ihn zum dritten Mal sieht.

So studierte ich unlängst auf der Heimreise von Costa Rica ein paar Tonnen Papier, die für hibbelige Passagiere als intellektuelles Sedativum bereitgehalten werden. Sonntagszeitungen (besonders kurzweilig die „FAZ am Sonntag“, die eine hohe Wahlbeteiligung in Deutschland prognostizierte; genau das Gegenteil war der Fall), Touristik- und Frauenzeitschriften, Motormagazine, die „Financial Times“, was immer mir in die Finger kam.

Und, was soll ich Ihnen sagen, das war ja weithin anregend und vernünftig, was da so zu lesen stand. Leicht nervös machte mich als Freund unbekümmert-eleganter Mobilität allein das Wortgetrommel in Bezug auf die IAA, die internationale Automobilausstellung in Frankfurt. Elektromobile als Muss der Saison etwa, freilich zwischen den Zeilen (und manchmal auch expliziter) immer der Hinweis, dass die noch nicht wirklich serienreif seien und man bis 2014 einen Marktanteil von allerhöchstens 2 Prozent erwarte. Herkömmliche „Sparautos“ werden vom Konsumenten als zu teuer empfunden, Luxus-Krise bei Mercedes, Mobbing des Chefs Dieter Zetsche, Russlands KfZ-Industrie – noch ohne Opel-Technologiespritze – kann zusperren. Und so weiter, und so fort.

Und dann, kaum hatte ich zwei Seiten weitergeblättert, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: woran die Autoindustrie heute wirklich leidet, ist ihre eigene Verkrampftheit. Frisch entdeckter Sparwille (ja: -Zwang), Wertediskussionen und neue Techniken müssen ja nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen mit Rückzugsfanfaren, Verzagtheit und hochgradigem Defensivgeist. Oder dem absoluten, stupenden Gegenteil davon: Flucht in die Irrealität.

Der x-te Supersportwagen – und sei es noch so ein Retro-Monster wie der neue Mercedes SLS – wird Daimler nicht aus der Misere retten. Und Porsche muss wohl weniger ein Auge auf den Audi R8 haben als auf den TT RS derselben Marke, eine 340 PS-Allrad-Rakete zum halben Preis eines Carrera (mit vergleichbaren Leistungsdaten). Den lästigen Manager-Boni-Diskussionen kann man mit dem Gefährt aber auch nicht davonfahren. Und, sorry, der leicht pummelige Audi mit seinem aufdringlichen Heckflügel und verchromten Überrollbügeln ist wirklich hässlich. Da muss man ihn noch nicht mal mit wohlproportionierten – um nicht zu sagen: grazilen – italienischen Sportwagen der sechziger Jahre vergleichen.

Das ist ein weiteres Problem unserer Zeit. Und insbesondere dieser Industrie: der Drall zur Uniformität. Die Autos werden immer gleichförmiger, uninspirierter, hässlicher. Ich war regelrecht geschockt – wir verlassen jetzt das einsame Terrain der sowieso unerschwinglichen High End-Männerspielzeuge –, einen Prototypen des neuen Citroen 2CV in der „Welt am Sonntag“ serviert zu bekommen, wie er auch auf der IAA herumstand.

Okay, das Ding war und ist als „Studie“ zu betrachten (und wird so wahrscheinlich nie in Serie gehen), aber wie konnte man das jahrzehntealte Ideal der „Ente“ – zweckdienlichen Reduktionismus, gepaart mit französischem Charme – so vergewaltigen? Alleine die chromblitzenden Felgen im Hot Rod-Stil deuten auf ein absolutes Missverständnis (oder einen üblen Scherz) hin. Vom Rest des Wägelchens, das eben kein Wägelchen sein möchte, sondern vielleicht ein TT RS für Junior-Marketingassistenten, ganz zu schweigen.

Citroen, c’est de la merde! Dass diese Missgeburt auch als Hybrid-Fahrzeug mit Lademöglichkeit an der Steckdose geplant ist, macht die Sache auch nicht besser. Nur noch zeitgeist-konformer.

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Eine Antwort to “Am Ende die Ente”


  1. […] optisch ungebrochen hinreissend. Was mich zu der Frage bringt: warum schaffen das heutige Designer kaum je? Oder bin ich so retro-fixiert, dass mich die Formensprache der sechziger und siebziger Jahre, […]


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