Das elektrische Taschenbuch

17. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (31) Der Buchhandel geht mit dem Digitalzeitalter entspannter um als die Musikindustrie. Noch.

Kindle e-book Reader

„Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen…“

(Johann Wolfgang von Goethe, “Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“)

Ja, der gute, alte Goethe. Wird wohl gerade von Google digitalisiert. Von bibliophilen Raubrittern in jeder erdenklichen Form gescannt und kopiert. Und demnächst, ganz nach Belieben, im freien pdf-Format oder als wohlfeile Klassiker-Gesamtausgabe mit dem Logo von Sony, Amazon, Time Warner & Co. samt Lese-Instrumentarium unterm Weihnachtsbaum liegen. Denn ausgerechnet bei den Ikonen der Geistesgeschichte muss man keine langwierigen Debatten fürchten, ob denn das nun legal und angebracht und moralisch einwandfrei sei; lebende Autoren und heute aktive Verlage sind da schon ein bisschen feinfühliger, was Copyrights betrifft. Der kommerziellen Krake Google auf die Tentakel zu klopfen ist aber erst ansatzweise gelungen. Bei den Raubkopierern ist es, allen Digital Rights Management-Barrieren zum Trotz, sowieso hoffnungslos.

Im Verlagssektor spielt’s sich gerade genauso heftig ab wie in jeder anderen Industrie und Branche, deren Handelsgüter sich in Nullen und Einsen zerlegen lassen – und die sich ob der Entwertung durch unendliche Kopierbarkeit und unkontrollierbare Verbreitung jeglichen „contents“ ihres Geschäftsmodells beraubt sehen. Es ist ja hoch sympathisch, bei Buchhändlern und in „Amadeus“-Filialen vermehrt Informationsständer und Kauftheken für eBooks und eBook Reader, die nun allerorten getesteten, diskutierten, gelobten und verdammten Lesegeräte für digitale Bücher, vorzufinden. Von wegen Kompetenzzentren: immerhin eine Chance.

Aber ich fürchte – und der CD-Handel gibt nach der Schließung von Tower Records, HMV- und Virgin Megastores, WOM-Filialen und lokalen Grössen wie Kastner & Öhler in Graz ein trauriges Fallbeispiel ab –, das wird á la longue nur ein paar „High Fidelity“-artige Feinschmeckerläden für die Liebhaber der Papier-Ausgaben von Nick Hornby, Peter Handke und Herta Müller überleben lassen. Und Amazon hält ja schon kräftig dagegen: ab kommender Woche gibt’s den hauseigenen „Kindle“ in einhundert Ländern weltweit zu kaufen, auch in Österreich. Das ist erst der Beginn. Und zunächst sind es nur englischsprachige Titel, die zum Download per UMTS-Netz bereit stehen. Ein Umstand, der nicht lange vorhalten wird.

Ich weiß schon: Papier ist sinnlich, der Mensch ein haptisches Wesen, die Buch-Form ein jahrhundertealtes, perfekt ausgereiztes Kulturgut, die Badewannen- und Freibad-Tauglichkeit hoch, der Internet-Nerd ein Literatur-Banause. Und überhaupt. Aber insbesondere als Fach- und Sachbuch-Verleger würd’ ich mir perspektivisch wirklich Sorgen machen: was nur ein-, zweimal, eventuell sogar gezwungenermassen, gelesen, benutzt und studiert wird, will man sich partout nicht ewig ins Bildungsbürgerregal stellen. Und der Kostenfaktor wiegt in Schüler- und Studentenkreisen doppelt. Das hat schon den Brockhaus, den Duden und die Musikindustrie (fast) gekillt.

Tröstlich, wenn man – wie ich dieser Tage in Innsbruck, in der Auslage der Wagner’schen Buchhandlung (Werbespruch: „Bildung seit 1639“) – ein trautes Nebeneinander uralter, wertvoller Buchschinken, sentimentaler Neuerscheinungen („Der Buchdrucker der Medici“) und erster eBook-Reader von Sony vorfindet. Ich fürchte nur, die Idylle dieses Stillebens wird nicht lange anhalten.

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3 Antworten to “Das elektrische Taschenbuch”


  1. Und wieder wird dasselbe passieren, wie in der Musikindustrie. Die eBooks werden gehackt und weiterverbreitet. Und Wehklagen über die böse Menschheit wird aus den Verlagsgebäuden erschallen, die sich gerade noch über einen neuen Umsatzschub gefreut haben.


  2. […] Leute wirken ja nicht gerade unglücklich mit ihren taschenbuchgrossen Geräten, auf die sie leidlich entspannt starren. Im Gegenteil: gelegentlich scheint mir, sie werfen ihrem […]


  3. […] die Buchpreisbindung in Frage stellen – sie gilt in Österreich demnächst auch für E-Books – und die Leser an neue, lohnendere Bezahlmodelle gewöhnen. Für Amazon & Co. lohnendere, […]


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