Fragliche Innovationen, leere Pisten

7. November 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (34) Stichwort Wintersport. Der manische Innovations-Drang der Skihersteller beschleunigt nur ihre wirtschaftliche Talfahrt.

Ski

Österreich, die Nation der Skifahrer, hat ein Problem: der Nachwuchs pfeift auf’s Skifahren. Eine halbe Million Schüler, rechnete ein Wirtschaftskammer-Funktionär, Sparte Tourismus, öffentlich vor, sei seit der Abschaffung verpflichtender Schulskikurse Mitte der neunziger Jahre nicht auf Wintersportwoche gefahren. Was den Mann nicht ruhen lässt – dann müsse man die Jugend und die Schulen eben wieder in die Pflicht nehmen. Denn: was Hänschen nicht lernt, lerne Hans nimmermehr. Dabei gibt der durchschnittliche Ski-Crack im Lauf seines Pistendaseins rund 47.000 Euro aus. Für g’führige Brettln, Skischuhe, Bekleidung, Skipässe, Hotel und Anreise. Zweifelsohne ein teurer Spass.

Und er wird immer teurer. Armadas von Schneekanonen, exorbitante Preiserhöhungen für Liftkarten (samt schlaumeierischen, verdeckten „Vorzugspreisen“ für Einheimische), DJ Ötzi-verbrämte Abzocke auf den Almhütten – die Misere ist hausgemacht. Auch die Skihersteller klagen. Jahr für Jahr. Allzuviele gibt es ja nicht mehr: die drei grössten Anbieter Amer (Atomic, Salomon), Rossignol und K2-Völkl beherrschen 70 Prozent des Weltmarktes. Megatrends wie Snowboards und Carving-Skier konnten nichts daran ändern, dass die Hersteller kaum mehr Profit machen. Überproduktion, das Verschleudern von Auslaufmodellen, der nervöse Handel und ein generell schwache Konjunktur beschleunigen die Talfahrt.

„Die Technik wurde erfolgreich weiterentwickelt, aber die Preise konnten nicht angehoben werden“, zitiert die „Welt am Sonntag“ einen Sprecher der Händlervereinigung Intersport. Und exakt hier möchte ich einhaken: die Innovation um der Innovation willen ist eine Pest, die auch diese Industrie erfasst hat. Vielleicht stärker noch als andere. Oft sind es nur preistreibende Pseudo-Verbesserungen, elitärer Zierrat oder kuriose Mode-Gimmicks, die einen brutalen Verdrängungswettbewerb abfedern sollen. „Power Switch“, „Flex Adapter“, „Vario Cut“, „Dynamic Grip Control“, „Doubledeck“-Technologie etc. usw. usf. – merken die Designer und Entwickler nicht, dass die breite Masse mit dieser ewigen Neuigkeiten-Manie wenig anfangen kann? Und will? Oder, wenn schon, gern zum Leihski greift? Es geht schlichtweg darum, halbwegs elegant und/oder rasant den Berg hinunter zu kommen. Und das zu erschwinglichen Preisen. Vielleicht kann man ja mit den High Tech-Wunderdingern dieser Saison auch bergauf fahren. Ich fürchte nur, viele Jugendliche betreten eine weisse Piste, wenn überhaupt, nur mehr virtuell. Mit dem PC-Steuerknüppel in der Hand.

P.S.: Manchmal wünsche ich mir die schlichten – und schönen, im Gegensatz zu den vom Design-Overkill verunstalteten Plastik-, Carbon-, Aluminium- und Hybrid-Konstruktionen von heute – Uralt-Modelle Blizzard „Firebird“, Fischer „C4“ oder Head „Hot“ zurück. Die begehrtesten Brettln meiner Jugend. Man fuhr auf ihnen, der Kondition und dem skifahrerischen Können entsprechend, durchwegs probat. Die Erinnerung verklärt, würden mir wahrscheinlich die Skiexperten von heute bedeuten. Aber die Freude am Herumteufeln im Schnee entsteht auch (und vielleicht zuvorderst) im Kopf. Wenn Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühl ob eventuell veralteteter Technik, Ärger über die leere Geldbörse oder Desinteresse an Sport generell Raum gegriffen haben, wird’s wohl nichts (mehr) mit dem gepflegten Winter-Spass.

P.P.S.: Immerhin, ein Hype der letzten Jahre macht Sinn: man sieht immer mehr Skifahrerinnen und Skifahrer, junge wie alte, gute und schlechte, mit Helm auf der Piste. Gut so.

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