Die neuen, toten Österreicher

14. November 2009

Die Debatte um ein neues ORF-Gesetz ist in der heissen Phase. Nicht vorrangig, aber doch, geht es auch um Inhalte. Etwa um den österreichischen Film. Oder heimische Musik. Letztere leidet seit Jahren unter massiver Ignoranz in TV- und Radioprogrammen des öffentlichen-rechtlichen Leitsenders. Auch Aktionen wie „Die neuen Österreicher“ auf Ö3 bewirkten wenig Positives. Eher das Gegenteil.

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Die Meldungen waren relativ versteckt. In der Presse. Auf jener Seite, die am engagiertesten über jene Handvoll Künstler berichten sollte, die man so demonstrativ ans Herz gedrückt hatte, stand dagegen kein Pieps zu lesen. Fakt ist: SheSays haben sich aufgelöst. Mondscheiner haben sich aufgelöst. Und bei Luttenberger-Klug kracht’s auch heftig im Gebälk. Selbst Christina Stürmer schwächelt. Bleibt die Hoffnung, daß Österreichs Pop-Mainstream (und zuvorderst Österreichs medialer Pop-Mainstream-Durchlauferhitzer, also Ö3) auf Dauer Gefallen an Anna F. oder Eva K. Anderson findet. Denn sonst sieht’s eher düster aus. Acts wie Tuesday, Saint Lu (die als Debut ein famoses Retro-Rock-Album hingelegt haben), Cama, The Whazz oder Leo Aberer kennt kaum jemand. Cardiac Move, die Gewinner des letztjährigen „Ö3-Soundcheck“, verschwanden alsbald wieder in der Versenkung. Und andere „Neue Österreicher“-Hoffnungsträger wie Zweitfrau, Valerie, Band WG, Zeronic, PBH Club oder Excuse Me Moses leiden, wenn sie nicht schon jede Hoffnung fahren haben lassen, an Ö3-Lippenbekenntnissen, gepaart mit zögerlicher Aufmerksamkeit und mangelndem Airplay.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Nun: der mögliche Einwand, mich interessiere diese dünnhäutige und -blütige Szene ja wohl auch nur am Rande, stimmt nur zum Teil. Denn Pop als Format und Konzept trägt das Populäre, die Reichweite, den Mainstream in sich. Und Popkultur hat mich immer interessiert. Schliesslich gab es auch mal Zeiten bei Ö3, da war man mittendrin im Geschehen, ein geschätzter Kommunikationspartner und wesentlicher Katalysator, wenn nicht gar Antriebsmotor für die Entwicklung und das Aufblühen einer Szene. Heute ist Ö3, so hart dieser Befund klingen mag, eher ein entscheidender Faktor für das Absterben einer Idee. Der Idee, daß guter, konsensfähiger, populärer (und gewiß auch weithin verkäuflicher) Mainstream-Pop auch aus Österreich kommen kann.

„Die neuen Österreicher“ mögen ursprünglich eine gut gemeinte Projektion gewesen sein. Ein pragmatisches Vehikel, die selbstauferlegten Kommerz-Spielregeln und Formatzwänge eines öffentlich-rechtlichen Privatradios zu durchbrechen oder doch clever zu umgehen, und solchermassen on- und off air etwas für heimische Künstler zu erreichen. Aber „gut gemeint“ ist das Gegenteil von „gut“, und die Aktion – sie läuft nun schon einige Jährchen, mittlerweile wohl nur mehr auf Sparflamme – trug und trägt, wenn überhaupt, nur zum gern geübten Selbstbetrug der hiesigen Medien- und Kreativszene bei. Der Selbstbetrug lautet, verkürzt: weltberühmt in Wien zu sein genügt. Die ganze Chose sei letztendlich bedeutungslos. Und natürlich seien alle guten Willens, aber es gebe einfach zu wenig Qualität und Quantität und Finanzkraft und Vision und Bedarf in diesem kleinen, engen Land. Insofern mache man eh das Beste draus.

Das ist natürlich eine Bankrotterklärung. Oder zumindest eine Selbstbescheidung, die einer grossen, mächtigen, stolzen Medienorgel, deren Organisten bei Bedarf so gern die „österreichische Identität“ und jegliche damit verbundene Sinnstiftung im Munde führen, nicht annähernd gerecht wird. Gewiß: gerade Mondscheiner und SheSays hat es an Ö3-Airplay nicht gemangelt. Aber ich wage zu behaupten, daß die enge Formatierung des Senders (und der noch engstirnigere programmatische Umgang damit) eine künstlerische Weiterentwicklung der Bands nicht gerade begünstigte. Die „Neue Österreicher“-Punzierung viele eher abschreckte als anzog. Und es die Künstler schliesslich zerriss im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eine künstliche Pop-Glückseligkeit, fassbare Authentizität und eine stringente Karriere kann auch der ORF nicht vermitteln. Oder gar garantieren. Die typische „Starmaniac“- oder „Neue Österreicher“-Karriere verlief denn auch so: stark begonnen, stark nachgelassen, ganz schwacher Abgang. Oder: schwach begonnen, starker, weil baldiger Abgang. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die A&R-Spürnasen des Senders, zumeist strikt parallel operierend mit der A&R-Politik weniger Major-Firmen (oder vice versa), setzten zu oft aufs falsche Pferd.

Es ist seit Jahren immer dieselbe Geschichte. Um ehrlich zu sein: ich kann sie nicht mehr hören, ich will sie nicht mehr erzählen, ich bin es müde, die ewig gleichen, gleich gültigen und für die Empfänger gleichgültigen Argumente herunterzubeten. Der „Dialog“ mit dem ORF gleicht einer Konfrontation mit einer Gummiwand. Es hat auch offensichtlich wenig Sinn, auf jene aktuell besonders vitale, weit aufgefächerte, in Qualität und Quantität höchst bemerkenswerte österreichische Pop-Szenerie zu verweisen, die abseits Ö3 blüht. Und trotz der Ignoranz des Senders – oder gerade wegen ihr? – gelernt hat, ein Publikum zu suchen und zu finden. Teils über die Grenzen des Landes hinaus.

Das letzte, halbwegs konstruktive Gespräch, das ich diesbezüglich mit den Managern des mit Abstand wichtigsten Senders zwischen Eisenstadt und Bregenz (mit Strahlkraft bis nach München, Bozen, Bratislava) geführt habe, enthielt einen sehr ernstgemeinten Vorschlag: spielt doch Clara Luzia, Soap&Skin, Russkaja, Parov Stelar, Ernst Molden, Florian Horwath, Mauracher, Dzihan & Kamien, Guadaljara, Sabina Hank, Rodney Hunter, Ja, Panik, Madita, Texta, Waldeck, Axel Wolph, Hot Pants Road Club, Vera, Coshiva, Bauchklang, A Life, A Song, A Cigarette, Ramon, Celia Mara, Count Basic, Son of the Velvet Rat, Herbstrock, Zeebee, Naked Lunch oder Louie Austen (just to name a few) rauf und runter.

Sie existieren real, sie schlagen sich achtbar, sie sind keine künstlichen „Starmania“-Kreaturen, sie haben Aufmerksamkeit und Airplay verdient. Seit vielen Jahren. Klebt ihnen kein dämliches „Neue Östereicher“-Etikett auf – das haben sie nicht gern. Und noch weniger verdient. Denn es sind keine Neulinge, keine Newcomer, und vor allem keine Geschöpfe, die man im eigenen Treibhaus gezüchtet hat. Diese, die alten „Neuen Österreicher“, haben sich ja in freier Wildbahn meist als eher wenig widerstandsfähig, glaubwürdig und überlebenstüchtig erwiesen (quod erat demonstrandum, wenn ich zum Anfang dieser Polemik zurückkehre). Tut das, was ein guter, zeitgemässer, noch dazu mit öffentlichen Mitteln finanzierter Sender tun soll: nehmt sie wahr. Nehmt sie ernst. Und nehmt euer Publikum ernst. Denn das würde durchaus gerne etwas mehr von den Künstlern in seiner nächsten Nachbarschaft hören. Und sehen. Haltet euch einfach an den Programmauftrag. Und den Kulturauftrag. Erfüllt ihn mit Leben. That’s it. Und alles wird gut. Und ihr werdet – das ist ja die grösste Angst der Macher in der Heiligenstädter Lände – keinen einzigen Hörer und keine einzige Hörerin verlieren.

Wie gesagt: das waren meine letzten, direkten Worte an diverse Ö3-Potentaten. Zumindest in der Causa „Airplay für österreichische Künstler“. Das ist nun doch schon einige Zeit her. Seither herrschte Funkstille. Weitgehend. Nun: dieser Tage nehmen ein paar Damen und Herren, die aus verschiedensten Ecken, Landeswinkeln, Vereinigungen und Interessensverbänden kommen und gemeinsam eine nicht ganz unbeachtete Initiative gesetzt haben, einen neuen Anlauf. Es wird wieder geredet. Noch mehr geredet. Eventuell konkreter, härter, deutlicher geredet als all die Jahre zuvor. Mit ORF-Direktoren, Senderchefs, Musikredakteuren. Ob es hilft?

Damit zurück zum Ausgangspunkt: zumindest eine Nachricht wären sie wert gewesen, an der Realitäts-Nebenfront. Eventuell hätten sie sich auch einen Nachruf verdient, SheSays, Mondscheiner und einige mehr, die in diesem endlosen, endlos zähen und endlos beschämenden Kampf bislang auf der Strecke blieben. „Die neuen Österreicher“ von ORF-Gnaden sind tot. Die neuen, untoten ÖsterreicherInnen werden nicht endlos Geduld haben.

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5 Antworten to “Die neuen, toten Österreicher”

  1. Erich Says:

    Und wieder einmal mehr voll aus dem Herzen geschrieben! Ich für meinen Teil habe nach Jahrzehnten der ohnmächtigen Diskussion einen Schlussstrich unter dieses frustierende Thema gezogen und produziere ab sofort zum Geldverdienen nur mehr Schlager- und Volksmusik; sollte mit irgendwann ein wenig Kohle überbleiben, werde ich mir den Luxus einer schönen Pop-Produkion leisten, sie aber sicher nicht an Ö3 bemustern, weil ich mit den Portokosten was Besseres anfangen kann, z.B. mit den Küsntlern auf ein Bier gehen :-)
    Ein gepflegtes Servus an alle Ignoranten, Verhinderer, Gechmackspolizisten und sonstige Musikbematen!

  2. manola Says:

    Im genetischen Code von Ö3 ist die legendärste und wirkungsmächtigste Weisung eines ORF-Generalintendanten eingewoben, der sogenannte „Schnulzenerlass“ aus dem Jahre 1968. Mit ihm wurde vor 40 Jahren der ORF aus dem historischen Schatten der Reichsmusikkammer geführt; die „Niggermusik“ war plötzlich nicht mehr nur geduldet, sondern Norm im Heimatland des Führers.
    Für meine Generation war das eine veritable Kulturrevolution, raus aus Sumpertum und Provinz.

    Die große Ära des Austropop war nur vor diesem Hintergrund möglich. Im direkten Wettbewerb gegen die plötzlich präsente Welt-Musik durchgesetzt, nicht in einem Quoten-Schrebergarten künstlich aufgezogen. Ö3 „wollte“ dem Austro-Pop nicht gönnerhaft in die Steigbügel „helfen“, es wurde von ihm überrollt. Der Konsument, der Hörer, das Publikum, der Markt – wir alle damals wollte das.

    Das Ö3 von heute hat beträchtlich sophistiziertere Markt-Seismographen als damals. Es würde heute schneller von „Clara Luzia, Soap&Skin, Russkaja, Parov Stelar, Ernst Molden, Florian Horwath, Mauracher, Dzihan & Kamien, Guadaljara, Sabina Hank, Rodney Hunter, Ja, Panik, Madita, Texta, Waldeck, Axel Wolph, Hot Pants Road Club, Vera, Coshiva, Bauchklang, A Life, A Song, A Cigarette, Ramon, Celia Mara, Count Basic, Son of the Velvet Rat, Herbstrock, Zeebee, Naked Lunch oder Louie Austen“ überrollt werden als damals.

    Wenn sich am Markt, den Ö3 bearbeitet (naturgemäß MOR), auch nur die leiseste Erdbewegung abzeichnen würde, ginge das alles in Heavy Rotation. Völlig zurecht, weil es sich großteils um ganz hervorragende Musik handelt.

    40 Jahre später freilich hat sich, wie wir alle wissen, das Erscheinungbild der Popmusik vorsichtig formuliert fragmentiert, man könnte aber auch sagen atomisiert. Sie ist ein deformierter Drache, mit einem furchtbar flachen Long Tail und einem gequetschten Kopf mit einem gemorphten Antlitz aus Justin-Timberlake- und Bayoncee-Anteilen.

    Ö3 klingt heute streckenweise wie ein Oldie-Format, weil nur mehr der Rückgriff auf amtliche Monsterhit-Antiquitäten aus einer abgelaufen Ära das fehlende Crossover-Material von heute auffüllen kann. Die MOR verläuft heute nur mehr zurück in eine vage Zukunft.

    Deshalb klingt der SOS-Ruf von Musikland Österreich-Funktionären so dissonant und out of time (and touch). Die Street-Kredibilität der meisten hier aufgezählten Acts würde mehr unter einer quotenerzwungenen Ö3-Spielung leiden als diese Form von Pseudo-Öffentlichkeit Nutzen bringen würde.

    Die Öffentlichkeit, die sie brauchen, bekommen viele von ihnen bei FM4 via iPhone in New York gehört, von Menschen, die nicht wissen, wo Österreich liegt, aber die Stimme von Sope&Skin bizzar und irgendwie gut finden.

  3. Walter Gröbchen Says:

    Allright. Da man ja nach Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, ist wohl ein solch ansatzweiser „Dialog“ besser als kein Dialog. Warum sich aber Ö3 dann diesen Schmafu mit den „neuen Österreichern“ antut, erschliesst sich mir aus dieser Darlegung erst recht nicht.


  4. […] die Ö-Kandidaten? Wenn sie “schlecht testen”, warum schickt man sie on air? Und haben Ö-Newcomer eine seriöse Chance gegen international erprobte Radio-Hits, die auf multimedialen Kanälen […]


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