Unfreiwillige Selbstkontrolle

15. November 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (35) Digitale Medien: der Staat versucht die Jugend vor Schmutz & Schund zu schützen. Allerdings mit den falschen Mitteln.

FSK 18

Moral und Marketing, diese Wörter haben wohl nicht zufällig denselben Anfangsbuchstaben. Eine Ereiferung über die reichlich durchsichtige, aber immer wieder auf’s Neue wirksame Provokationstechnik der deutschen Rockband Rammstein – rollen Sie bitte das „R“ bei lautem Vorlesen rrrichtig geräuschvoll! – ist an dieser Stelle nicht angebracht. Deren neues Album „Liebe ist für alle da“ landete in Deutschland zuerst auf Platz eins der Verkaufscharts, dann auf dem Index. Dass aber Ministerien und Staatsbehörden den Jugendschutz mit Mitteln forcieren, die bestenfalls unwirksam und lächerlich sind, im schlimmsten Fall jedoch sogar noch den Bekanntheitsgrad und Reiz indizierter Produkte steigern, soll, darf und muss auch abseits des Feuilletons kommentiert werden.

Die Sache ist nämlich die: Texte, Töne, Spiele, Bilder, Filmchen – was immer in digitaler Form vorliegt (und das tut heute fast alles), wird kaum mehr über eine Ladentheke verkauft. Und damit auch nicht unter einer Ladentheke. Oder „unter der Budel“, wie man in Ostösterreich sagen würde. Die Ware ist längst zu unkontrollierbarem, beliebig vervielfältigbarem und watscheneinfach zu verbreitendem „content“ mutiert, den weder die Herstellerfirmen, der Handel noch Vater Staat richtig zu fassen kriegen. Eine „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“, wie in Deutschland, kann noch so oft darauf hinweisen, dass die geprüfte Materie moralisch zweifelhaft, tendenziell sittengefährdend und inhaltlich mindestens so fragwürdig ist wie Privatfernsehen nach Mitternacht – es juckt keinen. Vor allem keinen Jugendlichen. Die haben das Zeug natürlich alle längst aus dem Internet oder von der Festplatte der Schulkollegen auf die eigene Festplatte gezogen. Oder sehen sich allerlei Unartiges, Rammstein-Videos zählen da eher zu den harmloseren Dingen, als Pixel-Stream an. Eventuell sogar hochauflösend. Nur der Handel und die Plattenfirma fallen um das Geschäft nach alter Manier um. Und eine Band wie Rammstein darf ob der offiziellen Aufwertung ihres Böse Buben-Status frohlocken.

Bei allem Verständnis für pädagogische Signalsetzungen: wirklich ärgerlich ist dieses längst zu sinnlosem Aktionismus verkommene Hase-Igel-Spiel aber dann, wenn der Staat meint, Kunst- und Kultur-Konsumenten á priori bevormunden zu müssen. Etwa, in dem er auf unübersehbaren, färbigen Stickern erklärt, ein Film wäre z.B „ab 12 freigegeben“. Oder „ab 18“. Oder „ab 0“. Letzteres ist besonders lächerlich. Diese Altersfreigaben müssen seit einiger Zeit fix auf den Hüllen von DVDs angebracht werden. Unablösbar. Also gedruckt. Auf der Vorderseite. Sorry: das läuft meinem ästhetischen Empfinden zuwider. Eventuell haben sich ja Grafiker etwas gedacht bei der Gestaltung eines Covers oder einer DVD-Hülle. Eventuell ist es einer „MediaMarkt“- oder „Libro“-Verkäuferin schnurzegal, wenn sie einem 13jährigen eine DVD verkauft, die erst „ab 16“ freigegeben ist. Eventuell kann ich ja auch soetwas wie Eigenverantwortung zeigen, wenn mich mein vierzehnjähriger Sohn nach dem „Letzten Tango in Paris“ frägt (aber erstens frägt er mich wahrscheinlich nicht, wie ich meine Eltern auch nicht gefragt habe, ob ich frischfröhlich Marquis de Sade lesen dürfe… Und zweitens finde ich den neuen Roland-Emmerich-Katastrophen-Blockbuster – freigegeben ab 12 Jahren – ungeschaut obszöner als Bertoluccis Filmklassiker.)

Was folgt als nächstes? Bücher, deren Umschläge mit fettgedruckten Leserichtlinien versehen werden? Rundgänge durch Museen, wo Rubens– und Hieronymus Bosch-Bilder überhängt sind? Oder auf den Gemälden Warnpickerl kleben? Stadtpläne, in denen Sperrzonen und „No Go Areas“ markiert sind? Technik-Kolumnen, deren Lektüre eine Ausweiskontrolle voraussetzt? Wenn Ihnen jetzt die „Rauchen kann Krebs verursachen“-Kennzeichnungen auf Zigarettenpackungen einfallen: bigotter geht’s wohl nicht. Selbst vom allerletzten Lungenzug der Suchtopfer kassiert der Staat noch annähernd fünfundsiebzig Prozent Tabaksteuer.

Die Filmfirmen haben auf ihre Weise geantwortet: sie bieten „Wendecover“ an, die den FSK-Sticker flugs wieder verschwinden lassen.

P.S.: In Österreich gibt es keine „Freiwillige Selbstkontrolle“ nach deutschem Vorbild. Jugendschutz ist Ländersache, sehr uneinheitlich geregelt (man hat den Eindruck, oft gar nicht), und in Sachen DVD hängt man sich pragmatisch quasi beim grossen Bruder an. Rechtliche Bindung hat das aber nicht. Was nichts an den mehr als markanten, hierzulande erst recht unsinnigen und störenden FSK-Aufklebern ändert.

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4 Antworten to “Unfreiwillige Selbstkontrolle”

  1. marcirolle Says:

    Hi ich finde deinen Blog echt geil. Köntest du mi vieleicht veraten wie man dieses WPtouch Plugin auf einen WordPress-free Blog erstellen kann, Danke

  2. motherfreak Says:

    Mich regt sowas auch teilweise auf, allerdings habe ich schon in manchen Sachen resigniert. Manche Sachen sind sinnvoll zu zensieren, aber doch nicht Dialoge…. So darf ja nicht das böse Wort sterben in Kindersendungen und Animes vorkommen, Schwachsinn…

    Aber ich weiche ab: Den Teenagern, Kindern und vielen Erwachsenen ist es wirklich schnurz, ob was für sie oder ihre Kinder geeignet sind. Sollen sie doch, ist ihre Entscheidung, was sie kaufen, ansehen oder nicht. Ich finde diese Wendcovers ziemlich gut, so muss man sich nicht immer wieder das FSK-Logo anstarren, was das Cover ruiniert.

    Guter Artikel!

  3. Ido Daisuke Says:

    Jugendschutz ist jugendgefährdend.


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