Archive for Dezember, 2009

Die dritte Dimension

28. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (41) James Camerons opulentes SciFi-Opus „Avatar“ ermöglicht einen Blick in die Bewegtbild-Zukunft.

Natürlich haben wir alle schon 3D-Filme gesehen. Entweder mit diesen dämlichen Rot-Grün-Brillen. Oder vor Jahren in Disneyland, als futuristische Demonstration des technisch Machbaren (wenn ich mich recht erinnere, spielte da Michael Jackson die Hauptrolle). Eh lustig. Wessen Wahl aber rund um Weihnachten 2009 auf den Kino-Renner der Saison, „Avatar“, fiel, der hat hoffentlich nicht den Fehler gemacht, die normale, zweidimensionale Version zu betrachten. Denn „Avatar 3D“ eröffnet tatsächlich neue Kinowelten. Jedenfalls fiel mir und meinen Sitznachbarn doch ein wenig die Kinnlade runter ob der greifbaren Plastizität des Gebotenen. Nimmt man die schwarze Ray Ban-Imitation, die man vor Betreten des Kinosaals erhält, von den Augen, sieht man unscharfe Mehrfach-Bilder. Setzt man sie wieder auf, erhält die ganze Sache eine bislang unbekannte Dimension und Schärfe – sieht man einmal von der Realität selbst ab. Wow! Und ich dachte, unsereins hätte schon alles gesehen.

Ob man sich mit der Story des teuersten Films der Filmgeschichte anfreunden mag, tut da vergleichsweise wenig zur Sache. Für die einen ist „Avatar“ ein neumoderner Cowboy-Indianer-Streifen oder schlicht ein pathosgetränktes, actiongeladenes Science Fiction/Fantasy-Spektakel. Für die anderen dagegen eine naive, dafür umso deutlichere Allegorie auf die Rolle und den inneren Konflikt der Vereinigten Staaten von Amerika Anfang des dritten Jahrtausends. Oder den ewigen Kampf zwischen Empathie und Abstossung, Dominanz und Anpassung, Gut und Böse. Rettet Hollywood die Welt? Also uns vor uns selbst? Sagen wir so: ich habe schon miesere Streifen gesehen als diesen. „Ich kam als Krieger, um Frieden zu bringen“, spricht der Held Jake in James Camerons Epos sinngemäss in die Kamera. „Aber es gab ein Erwachen.“ Afghanistan, Irak & Co. lassen grüssen.

Wohlan: eine Technik-Kolumne ist nicht der rechte Ort für eine Filmrezension. Doch die CGI (Computer Generated Imagery)-Effekte sind derartig sensationell, dass nicht nur der imaginäre Planet Pandora – der Ort der Handlung von „Avatar“ – förmlich greifbar wird. Sondern auch die Zukunft des Genres Film per se. Selbst das gute, alte Patschenkino wird bald anders aussehen. Ich musste unlängst leise lächeln, als in einer Pressemitteilung von Sony die Rede davon war, dass in drei Jahren bereits bis zu 50 Prozent der TV-Geräte (!) 3D-fähig sein werden. Jetzt lächle ich nicht mehr. In Südkorea startet gerade der Probebetrieb in HD-Qualität. Ob’s mit dem rauschhaften Cinemascope-Eindruck von „Avatar“ mithalten kann? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur soviel: bald werden wir die dritte Dimension nicht mehr missen wollen. Man gewöhnt sich verdammt rasch daran.

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Listen!

21. Dezember 2009

Alle Jahre wieder: noch vor Silvester muss die Ernte des Jahres eingefahren werden. Und gesichtet. Und bewertet. Anfang nächsten Jahres erscheint dann das Substrat des Pop-Jahrgangs 2009 (oder die Essenz der kompletten Nullerjahre), fein säuberlich versammelt und durchnummeriert, als „Best Of“-Liste. Auf Papier. Im Web. Und als CD-Stapel neben der Stereoanlage.

Ich habe alle Fristen verstreichen lassen. Jetzt, knapp vor Jahresende (und erst recht vor dem Ende eines Jahrzehnts, der sog. Nullerjahre) häufen sich obligaterweise die Anfragen. Man möge doch die besten Alben der letzten zwölf Monate (respektive der letzten zehn Jahre) benennen. Die besten Songs. Die wichtigsten Ereignisse. Die wesentlichen Austro-Künstler. Die nachhaltigsten Erfolge. Die prägendsten Kunst-Werke. Die einschneidendsten Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen. Die Essenz eines Jahrzehnts. Und so weiter. Und so fort.

Vor einigen Tagen etwa trudelte die Anfrage nach einer Auflistung der persönlichen Top 10 CDs, Songs, Videos ein, gestellt von einer nicht ganz unwichtigen, aber auch nicht gänzlich unentbehrlichen Pop/Kultur-Gratis-Gazette. Die Antwort, die ich immerhin rudimentär skizziert habe, liegt immer noch im „Entwürfe“-Fach meines Mail-Programms. Die – eh generös verlängerte – Frist ist verstrichen. Der Redaktionsschluß hat das Begehren mit der Feinfühligkeit einer Guillotine von seiner Realisierung getrennt.

Ich muß zugeben: mehr nachgedacht als über Antworten auf all die Fragen habe ich über eine einzelne Frage. Die Frage, warum mir diese „Best Of“-Listen-Manie zunehmend auf den Keks geht. Und weil ich nicht ganz unhöflich sein und als überheblicher Frist-Verstreichen-Lasser und Keine Antwort-ist auch-eine Antwort-Autist gelten will, mögen diese Zeilen ihren Empfängern eines signalisieren: eine progressive Distanz zum allgemeinen Jahreskehraus-Brauch.

Warum der Überdruß? Ich will, neben allgemeinem Zeitmangel (ich komm‘ ja nicht mal mehr richtig dazu, persönliche Lieblingssong-Kollektionen für Freunde zusammenzutragen und rund um Weihnachten auf CD zu brennen oder auch nur zum Download bereitzustellen), dafür drei Gründe anführen. Hier gleich der erste: was mich seit Jahren, nein, Jahrzehnten verblüfft, ist der weitgehende Gleichklang der „Best Of“-Guides weltweit. Egal, ob Alternative Rock, World Music oder elitäre Elfenbein-Elektronik, egal ob NME, Spex, Rolling Stone Magazine oder Uncut, FM4, Der Standard, Die Presse, The Gap oder TBA – all die Schreiber, Hörer, Kenner in all den Redaktionen rund um den Globus scheinen aus einem Fundus von höchstens 300, vielleicht 500 potentiellen „Alben des Jahres“ zu schöpfen. Dabei erscheinen weltweit, pardon, zigtausend mehr interessante Werke, von den Myriaden an tatsächlich uninteressanten zu schweigen. Natürlich kann man da keinen wirklichen Überblick haben. Aber warum tut man dann so?

Der alljährliche Kanon der Kritiker-Lieblinge, meist vorhersehbar, konservativ und langweilig wie die österreichische Innenpolitik, nährt einen, meinen immer schon gehegten Verdacht: Journalisten schreiben gern voneinander ab. Und wir alle kennen die Meinungsführer, Leitmedien und Opinion Leader. Hintendrein hampeln und humpeln die Nachbeter, Popkultur-Ministranten und Listen-Apostel. Klar: die Börsenkurse im Live-Markt und im CD-Geschäft werden davon massgeblich (mit) beeinflusst. Aber, sorry, auf meine subjektiven Kursnotierungen hat der Sermon kaum einen Einfluss. Außer vielleicht den, gelegentlich eine Art Post It!-Funktion („Ah, sollte ich mir bei Gelegenheit mal anhören…“) zu erfüllen.

Zweitens, und das erscheint mir ein weit maßgeblicherer Impuls für eine abschlägige Handbewegung zu sein: all diese Listen, „Best Of“-Wahlen und „Top 10“-Pyramiden kommen meist ohne Begründung daher. Einfach so. Platz 100 bis 1, schmecks! Siegertreppchen für Fanboy-Teppchen. Erst heute wieder habe ich mit einem Freund über die Jahresbestenliste des englischen Avantgarde-Magazins „Wire“ gerätselt. Angeführt wird der „Rewind 2009“ von Broadcast & The Focus Group mit dem Album „Investigate Witch Cults of the Radio Age“. Hab‘ ich – zu meiner Schande? – nie zuvor gehört, vor allem das genannte Album (gilt es, das Interesse ist geweckt, nachzuholen), mein Freund aber schon. Sein Kommentar „Eh nicht schlecht, aber warum zur Hölle soll das das beste Album des Jahres sein? Weltweit?“. Die Antwort kann ihm vielleicht das Magazin selbst liefern. Denn, soviel Fairness muß sein: „The Wire“ hat „writers‘ and musicians‘ reflections and discussions of the state of the art in sound“ in Aussicht gestellt. Online ist der Teaser, das Heft am Kiosk dann der Pleaser.

Aber genau das gilt für viele Magazine nicht: sie liefern endlose Listen ohne Begründungen, ohne (oder nur mit flapsigen, lapidaren) Kommentare(n), ohne begründete und/oder nachvollziehbare Bewertungen. Und genau das wäre die wesentliche Aufgabenstellung für jeden ernsthaften Journalisten, Jury-Beisitzer und Kultur-Kommissar: sachliche, fachliche, kompetente Anhaltspunkte für Reihungen, Wertungen und olympische Ränge zu liefern. Oder meinetwegen auch unsachliche, aber zumindest strikt kurzweilige und unterhaltsame. Ohne erläuterndes Wortbeiwerk sind diese ganzen „Best Of“-Schauen zum Krenreiben.

So. Damit noch ganz kurz zum dritten und letzten Punkt meines Absageschreibens. Es ist eine Frage grundsätzlicher Philosophie. Ich bin, je länger ich im Spannungsfeld zwischen Kunst, Kultur, Showbusiness, Medien und Social Media unterwegs bin (und das sind nun doch schon einige Jährchen), immer überzeugter davon, daß man künstlerischen Hervorbringungen jeglicher Art nicht einen „Höher, Schneller, Weiter“-Raster anlegen sollte. Kunsthandwerk, meinetwegen. Charts, ok. Verkaufszahlen, einigermassen objektiv (aber natürlich vielfach auch nur ein Maßstab für Marketing-Etats und PR-Manipulation). Soll alles sein. Ich kann mich diesem System auch nicht – oder nur mit Mühe – entziehen. Aber Kunst, und ich nehme dieses Wort ohne Ironie oder gar Zynismus in den Mund, kann nicht (oder zumindest nicht ausschliesslich) dem Imperativ des Marktes gehorchen. Das verbietet, einer strengen Logik folgend, „Best Of“-Wertungen. Natürlich nicht höchstpersönliche, höchst subjektive, rein privatistische. Niemand wird einem spezielle Lieblinge ein- oder ausreden können. Und jeder/m steht es frei, individuelle Favoriten weiter zu empfehlen. Mit welcher Form zusätzlicher Aufladung auch immer – sei es ein quasi-journalistischer Fingerzeig, eine Empfehlung unter Freunden, mystisches Raunen („Dieses Album wird Dein Leben verändern!“) oder seitenlange Episteln mit höchst vertrackten Theorien und Gedankensubstraten, eventuell sogar in Buchform.

Warum aber die Summe subjektiver Wertungen letztlich eine objektive ergeben soll, will mir nicht einleuchten. Ausser vielleicht als Signal allgemeiner grosser Beliebtheit. Und als Dokument einer ewigen Wechselwirkung zwischen Kritikerkanon, Mundpropaganda, Hype, Mode, Verkaufszahlen, Charts und Jahres-Ranglisten. Wenn aber für die Masse der Bevölkerung der Spruch gilt, daß sich eher Mediokres durchsetzt als erratische Qualität, eher Banales als Extremes, mehr leicht zugängliches Mittelmaß als hart zu erarbeitende Avantgarde – warum sollte das nicht auch für die Experten, die Nischenkundigen, die Opinion Leader, die Die Hard-Fans gelten? Der Durchschnitt einer Teilmenge unterscheidet sich im Prinzip nicht vom großen Ganzen (zumindest meine ich mich vage an ein so lautendes Gesetz der Mathematik, Unterabteilung Statistik, erinnern zu können). Und damit kann mir die Listen-Manie, überleg‘ ich’s mir recht, wirklich gestohlen bleiben.

(Unter uns: ich finde sie eh kurzweilig. Aber ich hatte heuer echt keine Zeit für derlei Kram.)

Kompetenzzentrum Kaffeerösterei

19. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (40) Von Mann zu Weihnachtsmann – die besten Technik-Geschenke duften bisweilen nach Kaffee.

Na, immer noch auf der Jagd nach Weihnachtgeschenken? Als Fan des Gemischtwaren-Angebots des Kaffeerösters Eduscho (respektive Tchibo, da steckt dasselbe Prinzip und derselbe Eigentümer dahinter) drücke ich mir auch heuer wieder die Nase platt an den Auslagenscheiben der Filialkette. Nicht, weil es hier Dinge zu bestaunen gibt, die es anderswo nicht gäbe. Sondern weil das Konzept, mit allerlei preisgünstigem, schnuckeligem und mithin gut verkäuflichem Schnickschnack scharenweise Leute anzulocken und mit wöchentlich wechselnden „Themenwelten“ zum Zücken der Brieftasche zu bewegen, schon ziemlich raffiniert ist. Eduscho zielt dabei keineswegs nur auf kaffeeschlürfende Hausfrauen. Sondern auch auf Gadget-geile Mannsbilder.

„Oh Du Fröhlicher“ hiess es etwa diese Woche. Da lagen (und liegen eventuell noch) neben den obligaten Hemden, Socken und Seidenkrawatten auch Automatik-Armbanduhren, Funk-Wetterstationen, Dia-Scanner, PC-Mäuse und Plattenspieler mit USB-Anschluss in den Regalen. Da schlägt das Herz des Weihnachtsmanns höher! (wiewohl man das Zeug oft eh schon dreifach daheim hat). Der Wecker mit iPod-Dockingstation um wohlfeile 49,90 Euro blieb zu meiner Überraschung länger im Angebot als die Stereoanlage samt integriertem DVD-Player im schwarzen Klavierlack-Dress zum doppelten Preis. „Leider bereits vergriffen!“.

Ob die Playstation 3 von Sony samt „Batman“- und „Illuminati“-Blu-ray-Discs dagegen der grosse Renner wird, wage ich zu bezweifeln. Diese Zielgruppe verirrt sich relativ selten zu Eduscho. Und ob Papa und Oma zum kleinen Braunen, quasi nebenher, ein High Tech-Bundle bestellen und auf die Beratungskompetenz der Kaffee-Servierkraft setzen („Entschuldigung, die Bluetooth 2.0-Schnittstelle der Playstation mit Enhanced Data Rate ist abwärtskompatibel, oder?“), mag ebenfalls infrage gestellt werden.

Wenn ich Ihnen einen unverfänglichen Tipp geben darf: ein wirkliches Highlight des aktuellen Angebots – das Ding kommt allerdings alle Jahre wieder, wie das Jesuskind – ist die „Universalfernbedienung“. Kostet keine elf Euro, ist einfach zu handhaben und programmieren, hat extragrosse Tasten und ist somit ideal geeignet für TV-Afficionados zwischen drei und dreiundneunzig. Und wenn Sie jetzt meinen, ich wäre nicht nur von Eduscho mit einer Riesenpackung Gratis-Kaffeebohnen geködert worden, sondern auch noch ein Zyniker vor dem Herrn: nein, das hat schon seine Richtigkeit. Die überdimensionale Fernbedienung ist ein perfektes ironisches Statement auf dem Wurzelholztisch der „Schöner Wohnen“-Villa. Mindestens. Und ein gern genommenes Spielzeug für ausgewachsene Home Facility-Manager in der Post-Pubertät.

Ich werde diese Kolumne meiner Freundin in die Hand drücken – statt des üblichen Wunschzettels. Frohe Weihnachten!

Antwort auf die Antwort aus Kärnten

17. Dezember 2009

Sehr geehrte Frau Mag. Dr. Herzog-Sternath!

Danke für Ihre sehr liebe, aufmerksame und aufschlussreiche Antwort.

Wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf: leider blieb die Frage offen, ob und wie Sie, der Herr Landeshauptmann und alle Kolleginnen und Kollegen der Kärntner Landesregierung nun gegen die üblen Journalisten, die sie allesamt als Deppen hinstellen, angehen wollen. Ja, wenn Sie die nicht anklagen, eventuell vor dem Landesgericht in Klagenfurt, dann ist das ja förmlich festgeschrieben!!! Sie wollen doch nicht landesweit als Deppen gelten, oder? Denn die, wie Sie trefflich schreiben, doch recht fragwürdige Berichterstattung mancher Medien (eigentlich fast aller Medien, auch der ausländischen, aber von denen hat man ja nichts anderes zu erwarten) geht weiter.

Sogar die „Kärntner Tageszeitung“ (!) schrieb sinngemäss, Kärnten hätte in den Augen Restösterreichs schon längst jede Ehre verloren. Unverschämt! Und in der „Kleinen Zeitung“ stand zu lesen, hinter der dank der Lösungskompetenz der Herren Dörfler, Martinz und Dobernig letztlich so glücklich verlaufenen angeblichen „Hypo-Affäre“ stecke „provinzielle Grossmannssucht und Filz, Hoffart und Hybris von Grosstuern, Günstlingen und Gauklern.“ Ja, darf denn das wahr sein!? „Grosstuer, Günstlinge und Gaukler“? Das können Sie doch jetzt wirklich nicht auf sich sitzen lassen. Deppen, das ist da ja vergleichsweise harmlos und volkstümlich. Aber diese Kommentare rücken Sie ja förmlich in die Nähe des Kriminals. Und da hört sich jeder Spass auf. Ein Jörg Haider wäre da mit der Panzerfaust hineingefahren! (Leider weilt dieser begnadete Mann nicht mehr unter uns).

Bitte halten Sie mich über Ihr Vorgehen auf dem Laufenden. Für weitere Anregungen stehe ich als interessierter Beobachter und leidlicher Freund des Kärntner Landes gerne zur Verfügung.

Und, Herr Landeshauptmann Dörfler: bitte treten Sie keinesfalls zurück!!! Das wäre nur Wasser auf die Mühlen Restösterreichs und der amerikanischen Ostküste.

Mit ganz herzlichen Grüssen,
Walter Gröbchen

P.S.: Gratulation – insbesondere dem Herrn Landeshauptmannstellvertreter Scheuch, dessen fröhliche Art mir auch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert – zur Gründung der FPK. Förmlich ein Coup! Eine weitere Parlamentsfraktion in Wien wird jedenfalls den Kärntner Abwehrkampf ideell und materiell stärken. Gottseidank ist der Steuerzahler nicht so neger, wie ihm glauben gemacht wird von diversen Systemjournalisten.

Antwort aus Kärnten

16. Dezember 2009

Sehr geehrter Herr Gröbchen!

Im Auftrag von Herr Landeshauptmann Gerhard Dörfler darf ich mich für Ihre Reaktion auf die doch recht fragwürdige Berichterstattung mancher Medien bedanken. Es ist wichtig, dass Personen wie Sie dermaßen aufmerksam und bewusst unsere doch oft einseitige Medienberichterstattung beobachten.

Wir danken Ihnen für Ihre Anregungen und Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen,
Larissa Herzog-Sternath

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Mag. Dr. Larissa Herzog-Sternath
Pressesprecherin, Öffentlichkeitsarbeit & Marketing
Büro Landeshauptmann Gerhard Dörfler

AMT DER KÄRNTNER LANDESREGIERUNG

Spontanes Mail an die Kärntner Landesregierung

14. Dezember 2009

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann Dörfler,

ich habe heute die Wiener Tageszeitung „Heute“ – sie liegt gratis aus und hat in Ostösterreich eine grosse Verbreitung – studiert. Und war schockiert. Auf der Titelseite stand diese Schlagzeile zu lesen:

„HAIDERS BANK-DEPPEN KOSTEN UNS MILLIARDEN“

Jetzt weiss ich nicht, wer damit gemeint ist – Sie und Ihr Team? Oder die Kollegen Scheuch, Martinz, Dobernig und deren Büroabteilungen? Die Herren Kulterer, Berlin etc.? Oder ganz wer anderer?

Aber das kann doch nicht sein, daß Sie etwas mit der Schlagzeile zu tun haben – als interessierter Staatsbürger habe ich z.B auch Ihre Presseaussendung („Erfolgreiche Rettungsaktion sichert Zukunft der Hypo“) gelesen, und da klang das ganz anders:

„Wir sind geschafft, haben es geschafft die Bank zu retten“ … „Die Zukunft der Bank sei gesichert, die Mitarbeiter könnten wieder ruhig schlafen und die Kunden hätten Sicherheit für ihr Geld“ … „Wir haben Lösungskompetenz bewiesen“ …

Ja, was denn jetzt? Sie haben doch förmlich alles getan für Kärnten und das BZÖ („Bündnis Zukunft Österreich“) und die Menschenwürde!!!!

Jedenfalls können Sie, noch dazu als gelernter Bankkaufmann, Ihre kompetenten Mitstreiter Scheuch, Dobernig, Martinz – die ja alle ebenfalls Großartiges geleistet haben, wie sie wohl ganz zu Recht betonen – und Ihre unermüdlichen Mitarbeiter am Arnulfplatz es sich doch nicht gefallen lassen, jetzt als „Haiders Deppen“ hingestellt zu werden!

Es ist wohl eine ähnliche Kampagne wie bei der Ortstafel-Frage, wo das Oberste Gericht wohlweislich erkannt hat, daß Sie ja als Landeshauptmann auch nicht alles wissen können, in punkto Gesetze, Vorschriften usw. Oder ihre Fachleute im Kärntner Regierungsamt! Mit Recht! Keiner kennt sich mehr wirklich aus in dieser Republik. Selbst die Justizministerin nicht. Und auf den „Jörg“ schimpfen sie im restlichen Österreich auch immer und überall, obwohl der schon tot ist und sicher nichts mehr kann für alles.

Ausserdem: so eine Bank kann schon auch mal in Schieflage kommen. Vor allem, wo jetzt allseits Wirtschaftskrise ist, für die wir alle ja nichts können. Jede Bank kriegt heute Millarden!!! Warum nicht auch die Kärntner Systembank Hypo Alpe Adria. (Was meinen die immer mit „Systembank“, die Damen und Herren Journalisten?)

Ich finde es jedenfalls schön und gerecht, daß es jetzt wieder kräftig aufwärts geht mit der Hypo und ihrer Expansion z.B. in Montenegro und Dubai. Und daß die Arbeitsplätze, auch des Spitzen-Managements, und auch in der Kärntner Landesregierung, gerettet sind!!! Bravo!!!!! Und daß der Kärtnter Zukunftsfonds ebenfalls gesichert ist! Und damit die Zukunft des Landes schlechthin. Und auch dem Herrn Birnbacher sein hart erkämpftes Honorar geht sich noch aus vor Weihnachten. Es ist auch menschlich sehr berührend, dass Sie noch Geld für die Ärmsten der Armen haben und einigen davon persönlich einen Hunderter überreichen. Das kann man brauchen in Zeiten wie diesen!

Als Staatsbürger möchte ich zu allem, insbesondere auch dem Hypo-Erfolg, gratulieren. Auch dem verstorbenen LH Haider, posthum.

Weiter so! Vergelt’s Gott! sag‘ ich im Namen des „kleinen Mannes“, für den Sie und Ihresgleichen so tapfer, selbstlos und verantwortungsvoll eintreten, was mir und vielen anderen Nicht-Kärntnern unheimlich sympathisch ist.

Bitte treten Sie keinesfalls zurück!!!!!!!!!!

Mit ganz herzlichen Grüssen,
Walter Gröbchen

P.S.: Bitte klagen Sie diese Wiener Zeitungs-Schmierfinken! Damit wäre doch der Beweis erbracht, daß nicht Sie und Ihr ganzes energisches Kärntner Zukunfts-Team als „Deppen“ dastehen!!! Das sind Sie doch nicht, oder???

P.P.S.: Sehr schockiert war und bin ich über diverse Artikel des „Schriftstellers“ Josef Winkler, der arge Sachen an- und ausspricht. Den Herrn haben Sie auch geklagt, oder? Sich nur still ärgern bringt nichts, weil sonst glauben die in Restösterreich und im Rest der Welt das mit den Deppen doch noch letzten Endes. Oder noch Ärgeres.

Der virtuelle Wirtshaustisch

12. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (39) Sind Online-Foren, Twitter, Facebook & Co. die Prügelstätten der Moderne? Wenn ja, muss sich jede(r) zuvorderst selbst an der Nase nehmen.

Besonders bei Frauen zwischen 25 und 54 Jahren sei eine „Cyber-Enthemmung“ festzustellen, verkündete eine Pressemeldung, die letzte Woche in mein Elektropostfach trudelte. Aha. Nun wird man ja heutzutage mit allerlei Fragwürdigkeiten zugespammt, von Mitteilungen über irreale Lottogewinne und Geschäftsangebote nigerianischer Geldwäscher bis zu eindeutigen Zweideutigkeiten amouröser Natur, aber diese Zeilen fielen nicht umgehend der „Delete“-Taste zum Opfer. Im Gegenteil: ich fühlte mich ertappt.

Kurzgefasst lautete die Botschaft, basierend auf einer US-Marktforschungsstudie: via Internet lässt der durchschnittliche User so richtig die Sau raus. Cyber-Mobbing, Beleidigungen und bitterböse Kommentare seien alltäglich. Fast ein Drittel aller Befragten, so die Studie, fühle sich online „zu Handlungen bestärkt, zu denen sie sich offline nicht in der Lage sehen“.

Na prack! Kehrt das Universum 2.0 zuvorderst unsere dunkle Seiten hervor? Verleitet uns die – vermeintliche – Anonymität des Web, das überquillt vor „egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre, hemmungslosen Dienstleistern (von Pornoindustrie bis Glücksspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“, wie „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher postuliert, zu frischfröhlichem Heckenschützentum und Darth Vader-Gehabe?

Ich sage: nein. Jedenfalls nicht mehr als der Wirtshaustisch, der Schulhof, die Raucherecke im Büro oder die altbekannte Medien-Bassena. Denn die grosse Artikulationsmaschine Internet ist vor allem eines: ein Spiegel unserer selbst. Unserer wahren Meinungen, Aversionen, Wünsche und Bedürfnisse. Die sich sonst unter einer – auch im analogen Alltag oft reichlich dünnen – Schutzschicht zivilisatorischer Etikette verborgen halten.

Natürlich ist es nicht immer erfreulich, in diversen Foren, Threads und Print-Extensions (auch in der Online-„Presse“) mit unverblümtem Feedback konfrontiert zu werden. Einiges davon zielt strikt unter die Gürtelllinie. Aber jeder Leser, User, Empfänger wird, einen klaren Kopf vorausgesetzt, Spreu von Weizen trennen können. Und wollen. Folglich üble Anmache, billige Provokation und unsachliches Geraune von der Hinterbank als Entladungen armer Menschenseelen entschuldigen, die für – und somit gegen – sich selbst sprechen.

Unter all den potentiellen Suderanten, Avatar-Anarchisten, Trollen und Besserwissern, die sich im Web daheim fühlen wie bei Muttern, sind auch genug gescheite, hinterfragende und weiterführende Meinungslieferanten. Mehr als genug. Auch (und erst recht) anonyme. Sie sollten sich nur gelegentlich am Riemen reissen.

Heimorgel im Hosensack

11. Dezember 2009

Guter Ton in jeder Lebenslage: mittlerweile dienen auch Mobiltelefone, Smartphones und Spielkonsolen als „Musikstudios in der Hosentasche“.

Neulich, bei der Ein-Jahres-Feier eines Computer-Megastores in Wien: zwei Musiker betreten die Bühne, ohne Instrumente. Präziser: ohne herkömmliche Musikinstrumente. Denn nach ein paar einleitenden Worten zücken beide ihre iPhones. Und legen los: von Queen bis Depeche Mode ist dem Duo nichts heilig. Dass die launig improvisierten Coverversionen etwas schräg klingen, tut dem Spass keinen Abbruch. Zumal die Darbietung einer gewissen Virtuosität nicht entbehrt. Ein Liedlein, dargeboten auf der virtuellen Tastatur oder den imaginären Saiten eines Smartphones – das hört und sieht man (noch) nicht alle Tage.

Ein Umstand, der sich raschest ändern könnte. Denn zu den beliebtesten und meistbesuchten Bereichen im „App Store“, dem Download-Eldorado für Apple iPhone-Nutzer, zählt die Kategorie „Musik“. Natürlich fallen darunter auch jene kleinen, nützlichen Programme, die den passiven Musikkonsum erleichtern und behübschen. Etwa der geniale Songdetektor „Shazam“, diverse DJ-Tools oder jede Menge Internet-Radioempfänger. Aber mindestens so beliebt sind Applikationen wie „Virtuoso Piano“, „Pocket Guitar“ oder „Ocarina“. Nomen est omen: plötzlich wird aus einem schnöden Handy ein Klavier, eine E-Gitarre oder ein Blasinstrument. Die simulierte Okarina etwa, im Original eine Art Schnabelflöte aus Holz oder gebranntem Ton, hat tausende Neo-Hobbymusikanten inspiriert. Auf der Webseite des Software-Entwicklers Smule finden sich tonnenweise Liedertabellen. Besonders berückend ist ein Demo-Video, das ein hippiesken Musikerkreis bei einer andächtigen Interpretation von Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ zeigt – und es klingt nicht mal schlecht. Einige verzerrte, druckvolle Elektrogitarren-Akkorde und ein donnernder Drum-Sound, um den Rockklassiker stilvoll abzuschliessen, werden sich in den unendlichen Weiten des „App Store“ wohl auch finden lassen. Nur Robert Plant, dem muß man ungebrochen mit eigener Stimmkraft nacheifern.

Der rasante technologische Fortschritt im Mobilfunk-Bereich und bei Videospielkonsolen hat den Einsatzbereich von mobilen Endgeräten grundlegend erweitert. Nicht nur Freaks und Afficionados wie etwa das „Erste Wiener Heimorgelorchester“ dürften sich dafür begeistern. CNN zufolge ist es in den USA ein Mega-Trend, dass sich viele Besitzer von Smartphones und portablen Konsolen wie Nintendo DSi oder Sony PSP auch als Musikproduzenten betätigen. Selbst Profimusiker sollen mittlerweile bereits Songs und vereinzelt sogar ganze Alben auf diese Weise fertiggestellt haben. „Es hat in letzter Zeit eine kreative Explosion auf allen nur erdenklichen Plattformen gegeben“, weiss auch Peter Kern, Chefredakteur beim US-Portals „createdigitalmusic“, zu berichten. Allen voran ist es Apples iPhone, das als Spielwiese für Nachwuchs-Tonkünstler dient. Samples, Remix-Tools und anregende Beispiele gibt es oben drauf.

Zu den Smartphones, den eierlegenden Wollmilchsäuen der Digitalära, gesellen sich auch die in Kinder- und Jugendzimmern weiter verbreiteten Spielkonsolen. „Dieses Phänomen hat schon mit dem Game Boy von Nintendo angefangen und sich heute auf andere Plattformen erweitert“, so Peter Kern. Beim japanischen Konsolenhersteller sieht man die Entwicklung keinesfalls als Zweckentfremdung. „Zurzeit haben solche Ansätze noch eher experimentellen Charakter. Ich bin aber davon überzeugt, dass Musikproduktionen auf portablen Geräten sehr gut funktionieren können und in Zukunft noch deutlich an Bedeutung gewinnen werden“, meint etwa Gerald Kossaer, Marketingleiter von Nintendo Österreich. Als Beispiel für das Pop-Potenzial der aktuellen Konsolengeneration verweist Kossaer vor allem auf den Nintendo DSi, für den mit „KORG DS-10“ bereits ein Programm vorliegt, das Nutzern das Komponieren eigener Musikstücke erlaubt. „Diese spezielle Version eines Studio-Synthesizers gibt Usern die Möglichkeit, einzigartige Klänge und Melodien zu erschaffen.“

Noch müssen die Studio-Profis aber nicht befürchten, in punkto Klangqualität und Komplexität von frischfröhlichen Amateuren mit virtuellen Spielzeuginstrumenten behelligt zu werden. Noch. „In einigen Jahren“, so Gerald Kossaer, „könnte dieser Unterschied schon deutlich geringer ausfallen.“

Die Nuller-Jahre

6. Dezember 2009

War da was? Ja, ein volles Jahrzehnt. Und nicht gerade das luftigste, lässigste, lockerste, aber gewiss auch nicht das langweiligste. Jetzt heben die Rückblicke an. Auch der Autor der nachfolgenden Zeilen kann und mag sich dem Brauch nicht verschliessen.

„We do not know the past in chronological sequence.“ (Ezra Pound)

Wir gehen auf Weihnachten zu. Und Neujahr. Traditionell eine Phase der Besinnung, des Innehaltens, der inneren Einkehr und kontemplativen Nachbetrachtung. Auch wenn derlei immer schwieriger wird: die vormals stillste Zeit des Jahres ist längst zu einer lärmenden Dauerwerbesendung mutiert. „Last Christmas“ zum Synonym für subtile Folter. Und die sogenannten „Krawallmedien“ – eine Wortschöpfung, die mir anno 2008 noch unbekannt war – bombardieren uns zum Jahresende hin mit Rückschauen, Bestenlisten, Astrologie-Humbug und Zukunftsprognosen. In jeder nur denkbaren Variante und Form, durchgängig aber neongrell und „exklusiv“. Und dieses Jahr wird’s wohl besonders schlimm. Gilt es doch Fazit zu ziehen nicht nur für die letzten zwölf Monate, sondern gleich für ein ganzes Jahrzehnt. Die Nuller-Jahre.

Ich könnte es mir jetzt relativ einfach machen. Und sagen: Sie befinden sich mittendrin in meinem Online-Archiv, es ist komplett und wohlgeordnet, viel Spass beim fröhlichen Blättern, Klicken und Lesen. Tatsächlich ist eine Reise mit der Zeitmaschine, chronologisch stringent unternommen, ziemlich lehrreich. Denn mein letzter Eintrag anno 1999, also vor zehn Jahren, war eine subjektive, aus der Hüfte geschossene Auflistung vieler (nicht: aller) Alben, die mich in all den Jahren zuvor begleitet, beeindruckt, begeistert hatten. Und natürlich kräftig beeinflusst. Sogar in meiner – damals alltäglichen – Arbeit: der eines A&R-Managers, der grossen Musikfirmen in Hamburg, später Berlin und Wien, tunlichst sagen sollte, wen sie an ihre Brust nehmen sollten. Und wen eher nicht. „Du wirst dafür bezahlt, nein zu sagen. In neunundneunzig Prozent aller Fälle“, schärfte mir mein damaliger Chef ein. „Und Du solltest Dich, was den Rest betrifft, selten irren.“ Nun: so schlecht fiel meine Trüffelschwein-Trefferquote nicht aus. Mit den Beginnern (damals noch Absoluten Beginnern) und Seeed nahm ich zwei der heutigen Top Acts des deutschsprachigen Raums unter Vertrag. Und hätte ich es geschafft, auch noch Wir sind Helden zu signen – ich war knapp dran –, wäre mir ein Platz im Pop-Business-Pantheon sicher. Dabei begann ich genau zu dieser Zeit schon die Weichen anders zu setzen: runter vom Major-Schienenstrang, der eigenen Vision, Laune und Spürnase nach.

Aber ich werde sentimental. Väterchens Erzählungen aus dem grossen Krieg stossen bei nachfolgenden Generationen immer auf Staunen, Lächeln und Ungläubigkeit. Oder gar Desinteresse. Verständlicherweise. Denn fast alle Berichte aus der goldenen Ära der Musikindustrie, die wohl mit dem Ende der neunziger Jahre endgültig perdu war, klingen heute wie Sagen von Atlantis. Und Alben hört man ein Dezennium später angeblich auch nicht mehr. Was aus dem Internet heruntergeladen wird, sind Einzelsongs. Hits. Eventuell zerschlagene „Best Of“-Kollektionen. Ob zwischen dem Jahr 2000 und heute Wesentliches, sprich: ästhetisch und inhaltlich Revolutionäres passiert ist? Werke, die ich heute in meine ewige Besten-Liste mit aufnehmen würde? Gute Frage. Mit der Antwort lass’ ich mir, wenn Sie gestatten, noch etwas Zeit. „Pop Will Eat Itself“ (ver)hiess eine britische Combo. Aber das war in den achtziger Jahren, quasi schon in der Vorkriegszeit.

Klicken wir weiter. Mein erster Blog-Eintrag in den Nuller-Jahren liest sich wie ein Fanal für den Rest des Jahrzehnts. Von Napster und dem MP3-Format war da die Rede, vom Geschäftsmodell des österreichischen Branchenriesen Libro als „Schaumschlägerei für Internet-gläubige Kleinanleger” (die Causa beschäftigt immer noch die Gerichte), von Globalisierungsfolgen und Edgar Bronfman’s Visionen. Mittlerweile hat er das Firmenschild getauscht.

Danach – im Lauf der Wochen, Monate, Jahre – schrieb ich allerlei mahnende, kommentierende, kurz- oder langweilige Artikel, oft zu demselben Thema: den Paradigmenwechsel einer Branche, den diese lange, eventuell zu lange nicht wahrnehmen wollte. Letztlich schrieb ich sogar Artikel darüber, dass ich viele Artikel geschrieben hatte. Man nennt das wohl Redundanz. Oder Beharrlichkeit. Jan Delay, der Kopf der Beginner, ging derweil seine eigenen Wege – Kompliment zu einer äusserst eindrucksvollen künstlerischen Emanzipation! –, ich erfreute mich an Comeback-Konzerten von Roxy Music, Alben von Radiohead und ersten iPods, versuchte Stermann & Grissemann zum Eurovisions-Songcontest zu hieven, begeisterte mich für Billigfluglinien (wir wissen, was aus ihnen geworden ist), sah das „Starmania“-Dilemma des ORF heraufdämmern – die Nachwehen verspüren wir noch heute – und die „PopKomm“ einen langsamen Tod sterben, diverse Industrie-Magnaten dagegen rasch abtreten, beäugte Franz Morak bei skurrilen Auftritten, näherte mich wieder dem Medium Radio an (um mich schliesslich selbst an einer Station zu beteiligen), holte nach langem Zögern wieder den Plattenspieler hervor, bastelte an Zukunftsplattformen (deren Zukunft heute schon wieder Vergangenheit ist), hielt beim Steirischen Herbst Reden zum Thema „Musikvideo“ (auch schon längst überholt), schimpfte Ö3 und das ORF-Fernsehen (das ist scheinbar ein ewig gültiges Thema), lobte FM4, spöttelte über den „Amadeus“, porträtiere ambitionierte heimische Musiker (liftet Alex Deutsch nun Anna F. in höhere Sphären? Wir sind alle gespannt), wurde vor nunmehr vier Jahren zum Elektro-Blogger, ärgerte mich schon damals über die Millionen, die die Stadt Wien (ungebrochen) für Musical-Tand ausgibt, sah’ „MySpace“ auftauchen und später „Facebook“, „Last.fm“ & Co., das Handy als universelles Alltags- und Business-Tool, Falco als ewigen Wiedergänger, das Urheberrecht als zentrales Problem. Und so weiter und so fort.

Nebst Nachrufen auf Günter Brödl, John Peel, Werner Geier, Christoph Moser, Georg Danzer und Hansi Lang, auf die Musikindustrie en gros und die Klassik-Kamarilla en detail, schrieb ich auch welche auf die Nullerjahre (welch doppeldeutiges Etikett!, nebstbei). Vor geraumer Zeit schon. Einen Art vorauseilenden Nachruf. Die Krise, wohl das Stichwort des Jahrzehnts, war und ist ja eine schier unerschöpfliches Thema für jeden, der eine Tastatur bedienen oder einen Bleistift halten kann.

Schluss damit!, sage ich heute. Ab sofort gilt nur mehr der Blick nach vorn. Oder, Dominic Heinzl wird uns noch genug quälen, bescheiden zur Seite. Die Berichterstattung, sprich: das Dasein als schreibender Beobachter (oder beobachtender Schreiber, ganz nach Geschmack), kann und soll nicht Selbstzweck sein. Allmählich gilt es, dieses Jahrzehnt zu verstehen, zu verarbeiten, zu verdauen. Und Schlüsse daraus zu ziehen. Möglichst richtungsweisende Schlüsse. Die Zukunft beginnt zuvorderst im eigenen Kopf. Ich wünsche ruhige, gedankenvolle, besinnliche Feiertage. Und erkläre die Nullerjahre hiermit offiziell für beendet.

Apocalypse (not) now!

5. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (38) Das Arbeitspferd vieler DJs, der Plattenspieler Techics SL-1210 MK II, soll auslaufen. Stimmt so aber nicht.

Katastrophen- und Endzeit-Filme haben Hochkonjunktur. Dass alles einem Ende zu geht, scheint ja aktuell eine Art unterschwelliger Konsens weiter Bevölkerungskreise zu sein.

Für Vinyl-Liebhaber brach Roland Emmerichs Weltuntergangs-Szenario „2012“ aber schon verfrüht los. Ziemlich exakt vor einer Woche nämlich, als aus Australien die Meldung eintrudelte, die Firma Panasonic stelle die Belieferung des Kontinents mit den legendären Turntable-Modellen Technics SL-1200 und 1210 ein. Sogleich wurde ein Auslaufen der ganzen Modellreihe und das Ende des Plattenspielers per se prognostiziert.

Man muss dazu wissen, dass diese Präzisionsinstrumente über Jahrzehnte das wesentliche Werkzeug für Profi-Discjockeys und Hobby-Plattenreiter weltweit waren. Quasi das Urmeter der Disco- und Clubszene. „Kein Instrument hat den Pop stärker geprägt als der 1200er aus Osaka“, verkündete sogleich „Die Welt“. „Nicht die Gitarren von Fender und Les Paul. Auch nicht Sampler und Sequencer“.

Pardon!: das ist natürlich höherer Blödsinn. Denn abgesehen vom Umstand, dass etwa die Elektrogitarre ein paar Jahrzehnte mehr am Buckel hat und weniger der Reproduktion von Musik dient denn ihrer Produktion (okay, der „Zwölfzehner“ begünstigte die Scratch- und Mix-Kunst), entpuppte sich bald die Meldung insgesamt als Hoax. Als Falschmeldung. Oder gar als geschicktes Guerilla-Marketing des japanischen Herstellers Panasonic. Dessen Europa-Vertretung dementierte denn erst nach Tagen, nachdem sich die Nachricht vom Tod des Turntables wie ein Lauffeuer in Foren, Blogs und Old School-Medien ausgebreitet hatte. „Das Modell wird nur in Australien vom Markt genommen.“ Grosses Aufatmen in der Vinyl-Liebhaber-Gemeinde.

Panasonic wäre auch schlecht beraten, gerade jetzt den Klassiker auslaufen zu lassen – seit einiger Zeit erlebt das Format „Schallplatte“ eine kleine, aber feine Renaissance. Gerade in Kombination mit MP3-Download-Gutscheinen macht die schwarze Scheibe einiges her. Und wird auch von jugendlichen Sammlern und Musikliebhabern wieder stärker nachgefragt.

„The classic 1200 embodies the past, present and future of the DJ“, rappten einst Eric B. & Rakim. So jedenfalls „Die Welt“, die den HipHop-Grössen in ihrem verfrühten Nachruf auch gleich den Song „Don’t Sweat The Technics“ (eigentlich: „Technique“) unterschob. Im Internet ist auch die Werbedurchsage der Stars nicht zu finden. Wenn das verschwitzte Gerüchte-Verbreiten einen Sinn hatte, dann den: die Discjockeys dieses Planeten können schon mal Ersatzteile für ihre Maschinen horten. So sie nicht schon längst auf Laptops und Software wie „Traktor DJ“ umgestiegen sind. Oder sowieso fest an den Weltuntergang glauben.

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