Ja: kein Geld. Keine Angst. Keine Panik.

3. Dezember 2009

Das Radiokulturhaus ist mit seiner Reihe „LIVE@RKH“ ein Durchlauferhitzer für neue Musik aus Österreich. Den Konzertreigen 2010 eröffnet eine der spannendsten, wortgewaltigsten und meistgefeierten aktuellen Bands: Ja, Panik.

Das Fünf-Jahres-Jubiläum werden wir wohl nur beiläufig feiern, mit einem Schluck Sprudelwasser aus einem Plastikbecher. Oder so. Ist es tatsächlich schon so lange her, daß die Reihe „LIVE@RKH“ ins Leben gerufen wurde? Um exakt zu sein: am 17. März 2005, auf der Bühne standen die Vorarlbergerin Zeebee und das Wiener Lounge-Pop-Projekt Saint Privat. Vorangegangen waren Erörterungen, wie man der Vielfalt neuer Klänge und aufstrebender österreichischer Interpreten und Bands im Spannungsfeld zwischen Ö1 und FM4, Ö3 und Radio Wien gerecht werden könnte. Es galt, die ewige Klage mancher Radiomacher, Szenebeobachter und professioneller Unkenrufer, „lokal gibt’s ja nix G’scheites“, zu widerlegen. Unmittelbar, unverfälschbar, unleugbar. Also: live on stage.

Die Bühne: der große Sendesaal des Wiener Funkhauses. Schon der Name der Örtlichkeit vermittelt Bedeutungsschwere, Tradition, Hochkultur. Das hat schon seine Richtigkeit, und diese Assoziationskette naturgemäß die dazugehörige Historie. Von Konzerten des Radiosymphonieorchesters über die legendären „Was gibt es Neues?“-Matinees von Heinz Conrads bis zu Auftritten von Dr. Kurt Ostbahn samt Gästen fand und findet hier so einiges statt, was dem größten – und einzig öffentlich zugänglichen – Radiostudio des ORF Leben und Seele einhaucht.

Der Sendesaal, anno 2005 gerade frisch renoviert und stilsicher für heutige Erfordernisse adaptiert, fasst bis zu 300 Personen und bietet doch einen relativ intimen, konzentrierten, audiophilen Rahmen. Das von Clemens Holzmeister, Heinrich Schmid und Hermann Aichinger anno 1935 erbaute Funkhaus in der Argentinierstraße 30a steht seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz. Das hindert das Team des RadioKulturhauses – neben dem Großen Sendesaal umfasst dieser Komplex auch das Kulturcafé, das Klangtheater und das Studio 3 – aber keineswegs daran, den altehrwürdigen architektonischen Rahmen mit zeitgemäßen Inhalten zu bespielen. Von Nick Cave bis Stermann & Grissemann, von Placebo bis Gunkl, von Poetry Slams bis zu Simply Red finden sich immer wieder Künstler, Konzerte und Events im Großen Sendesaal, die für eine aktuelle, beherzte, bisweilen auch kontroversielle Programmierung stehen.

Mit Reihen wie „LIVE@RKH“ hat man auch ein Publikum abseits des Hochkultur-Nimbus und der Ö1-Klientel erreicht. Rund fünfzig Konzerte bislang – darunter Gastspiele u.a. von Bauchklang, Gustav, Waldeck, Garish, Wolfgang Muthspiel, Ernst Molden, Naked Lunch, Parov Stelar, Austrofred, Soap&Skin, Sofa Surfers, Fennesz, Marilies Jagsch, Heli Deinboek oder Fatima Spar – waren fast durchgehend ausverkauft und stießen auf breites mediales Interesse. Medienpartnerschaften mit „Gap“, „Wiener“, „Standard“ und FM4 trugen zum Erfolg bei. Dies, sehr dichte Promotionarbeit auch abseits der ORF-Schienen, die Möglichkeit exzellenter Live-Mitschnitte sowie die konzentrierte, abgeklärte und akustisch optimale Atmosphäre im Radiokulturhaus begründen den Ruf dieser speziellen Programmschiene.

Ein Ruf, dem sich auch eine der aktuell spannendsten und meistgefeierten Bands nicht verschliessen konnte und wollte: Ja, Panik. Die burgenländische Formation rund um den wortmächtigen Sänger Andreas Spechtl pendelt neuerdings zwischen Berlin und Wien, nachdem man im deutschen Musik-Zentralorgan „Spex“ einen Fürsprecher gefunden hat und die Gruppe mittlerweile in Deutschland auch bekannt und populär ist. Alben wie „The Taste And The Money“ (2007) und „The Angst And The Money“ (2009) fühlen dem Zeitgeist, der Lage der Nation und einer weitverbreiteten Krisenstimmung, die nicht allein wirtschaftliche Parameter kennt, auf den Zahn. Bisweilen schmerzhaft. „Glaubt an wenig! Glaubt an die Liebe! Fürchtet wenig! Fürchtet nur die erschreckendste, schlimmste Angst aller Ängste, den endlosen Kreislauf, die Wiederholung“. Texte, die zwischen den Eckpunkten Aggressivität, Pathos, Verbitterung und Aufbruchstimmung oszillieren, dazu kantige und raue Rock-Musik im ideologischen Windschatten von Vorbildern wie Tocotronic, Fehlfarben oder The Fall ergeben eine Mixtur, die zeigt, was Popkultur nach dem Verlust seiner Unschuld immer noch will, kann, vermag.

Ein Höhepunkt der Ja, Panik-Biografie ergab sich im Oktober 2009: der Auftritt im besetzten AudiMax der Universität Wien verzahnte die Künstler entschieden mit ihrer Generation und einem ungestümen, nicht präzis ausformulierten, aber unabdingbaren Willen. Ja, Panik machen die dringendste, gewaltigste, treffendste Musik zur Zeit. Ein grösseres Kompliment lässt sich nicht aussprechen. Außer, vielleicht: „Ja, Panik bleiben ein Ereignis, das für sich steht und keinerlei Lobhudelei braucht“ (Motor FM).

JA, PANIK @ LIVE@RKH 15.01.2010, 19.30h. Mehr Infos hier.

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