Apocalypse (not) now!

5. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (38) Das Arbeitspferd vieler DJs, der Plattenspieler Techics SL-1210 MK II, soll auslaufen. Stimmt so aber nicht.

Katastrophen- und Endzeit-Filme haben Hochkonjunktur. Dass alles einem Ende zu geht, scheint ja aktuell eine Art unterschwelliger Konsens weiter Bevölkerungskreise zu sein.

Für Vinyl-Liebhaber brach Roland Emmerichs Weltuntergangs-Szenario „2012“ aber schon verfrüht los. Ziemlich exakt vor einer Woche nämlich, als aus Australien die Meldung eintrudelte, die Firma Panasonic stelle die Belieferung des Kontinents mit den legendären Turntable-Modellen Technics SL-1200 und 1210 ein. Sogleich wurde ein Auslaufen der ganzen Modellreihe und das Ende des Plattenspielers per se prognostiziert.

Man muss dazu wissen, dass diese Präzisionsinstrumente über Jahrzehnte das wesentliche Werkzeug für Profi-Discjockeys und Hobby-Plattenreiter weltweit waren. Quasi das Urmeter der Disco- und Clubszene. „Kein Instrument hat den Pop stärker geprägt als der 1200er aus Osaka“, verkündete sogleich „Die Welt“. „Nicht die Gitarren von Fender und Les Paul. Auch nicht Sampler und Sequencer“.

Pardon!: das ist natürlich höherer Blödsinn. Denn abgesehen vom Umstand, dass etwa die Elektrogitarre ein paar Jahrzehnte mehr am Buckel hat und weniger der Reproduktion von Musik dient denn ihrer Produktion (okay, der „Zwölfzehner“ begünstigte die Scratch- und Mix-Kunst), entpuppte sich bald die Meldung insgesamt als Hoax. Als Falschmeldung. Oder gar als geschicktes Guerilla-Marketing des japanischen Herstellers Panasonic. Dessen Europa-Vertretung dementierte denn erst nach Tagen, nachdem sich die Nachricht vom Tod des Turntables wie ein Lauffeuer in Foren, Blogs und Old School-Medien ausgebreitet hatte. „Das Modell wird nur in Australien vom Markt genommen.“ Grosses Aufatmen in der Vinyl-Liebhaber-Gemeinde.

Panasonic wäre auch schlecht beraten, gerade jetzt den Klassiker auslaufen zu lassen – seit einiger Zeit erlebt das Format „Schallplatte“ eine kleine, aber feine Renaissance. Gerade in Kombination mit MP3-Download-Gutscheinen macht die schwarze Scheibe einiges her. Und wird auch von jugendlichen Sammlern und Musikliebhabern wieder stärker nachgefragt.

„The classic 1200 embodies the past, present and future of the DJ“, rappten einst Eric B. & Rakim. So jedenfalls „Die Welt“, die den HipHop-Grössen in ihrem verfrühten Nachruf auch gleich den Song „Don’t Sweat The Technics“ (eigentlich: „Technique“) unterschob. Im Internet ist auch die Werbedurchsage der Stars nicht zu finden. Wenn das verschwitzte Gerüchte-Verbreiten einen Sinn hatte, dann den: die Discjockeys dieses Planeten können schon mal Ersatzteile für ihre Maschinen horten. So sie nicht schon längst auf Laptops und Software wie „Traktor DJ“ umgestiegen sind. Oder sowieso fest an den Weltuntergang glauben.

Advertisements

2 Antworten to “Apocalypse (not) now!”


  1. […] ja, es macht Spass, mit Technics-Laufwerken und altertümlichen Vinylschallplatten zu hantieren. Selbst Profis machen das heute […]


  2. […] ein robustes Arbeitstier mit Direktantrieb erwerben. Die Messlatte legt hier der legendäre Technics SL-1210, der ungebrochen hoch im Kurs steht (auch preislich), aber einen Nachteil hat. Einen […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: