Die Nuller-Jahre

6. Dezember 2009

War da was? Ja, ein volles Jahrzehnt. Und nicht gerade das luftigste, lässigste, lockerste, aber gewiss auch nicht das langweiligste. Jetzt heben die Rückblicke an. Auch der Autor der nachfolgenden Zeilen kann und mag sich dem Brauch nicht verschliessen.

„We do not know the past in chronological sequence.“ (Ezra Pound)

Wir gehen auf Weihnachten zu. Und Neujahr. Traditionell eine Phase der Besinnung, des Innehaltens, der inneren Einkehr und kontemplativen Nachbetrachtung. Auch wenn derlei immer schwieriger wird: die vormals stillste Zeit des Jahres ist längst zu einer lärmenden Dauerwerbesendung mutiert. „Last Christmas“ zum Synonym für subtile Folter. Und die sogenannten „Krawallmedien“ – eine Wortschöpfung, die mir anno 2008 noch unbekannt war – bombardieren uns zum Jahresende hin mit Rückschauen, Bestenlisten, Astrologie-Humbug und Zukunftsprognosen. In jeder nur denkbaren Variante und Form, durchgängig aber neongrell und „exklusiv“. Und dieses Jahr wird’s wohl besonders schlimm. Gilt es doch Fazit zu ziehen nicht nur für die letzten zwölf Monate, sondern gleich für ein ganzes Jahrzehnt. Die Nuller-Jahre.

Ich könnte es mir jetzt relativ einfach machen. Und sagen: Sie befinden sich mittendrin in meinem Online-Archiv, es ist komplett und wohlgeordnet, viel Spass beim fröhlichen Blättern, Klicken und Lesen. Tatsächlich ist eine Reise mit der Zeitmaschine, chronologisch stringent unternommen, ziemlich lehrreich. Denn mein letzter Eintrag anno 1999, also vor zehn Jahren, war eine subjektive, aus der Hüfte geschossene Auflistung vieler (nicht: aller) Alben, die mich in all den Jahren zuvor begleitet, beeindruckt, begeistert hatten. Und natürlich kräftig beeinflusst. Sogar in meiner – damals alltäglichen – Arbeit: der eines A&R-Managers, der grossen Musikfirmen in Hamburg, später Berlin und Wien, tunlichst sagen sollte, wen sie an ihre Brust nehmen sollten. Und wen eher nicht. „Du wirst dafür bezahlt, nein zu sagen. In neunundneunzig Prozent aller Fälle“, schärfte mir mein damaliger Chef ein. „Und Du solltest Dich, was den Rest betrifft, selten irren.“ Nun: so schlecht fiel meine Trüffelschwein-Trefferquote nicht aus. Mit den Beginnern (damals noch Absoluten Beginnern) und Seeed nahm ich zwei der heutigen Top Acts des deutschsprachigen Raums unter Vertrag. Und hätte ich es geschafft, auch noch Wir sind Helden zu signen – ich war knapp dran –, wäre mir ein Platz im Pop-Business-Pantheon sicher. Dabei begann ich genau zu dieser Zeit schon die Weichen anders zu setzen: runter vom Major-Schienenstrang, der eigenen Vision, Laune und Spürnase nach.

Aber ich werde sentimental. Väterchens Erzählungen aus dem grossen Krieg stossen bei nachfolgenden Generationen immer auf Staunen, Lächeln und Ungläubigkeit. Oder gar Desinteresse. Verständlicherweise. Denn fast alle Berichte aus der goldenen Ära der Musikindustrie, die wohl mit dem Ende der neunziger Jahre endgültig perdu war, klingen heute wie Sagen von Atlantis. Und Alben hört man ein Dezennium später angeblich auch nicht mehr. Was aus dem Internet heruntergeladen wird, sind Einzelsongs. Hits. Eventuell zerschlagene „Best Of“-Kollektionen. Ob zwischen dem Jahr 2000 und heute Wesentliches, sprich: ästhetisch und inhaltlich Revolutionäres passiert ist? Werke, die ich heute in meine ewige Besten-Liste mit aufnehmen würde? Gute Frage. Mit der Antwort lass’ ich mir, wenn Sie gestatten, noch etwas Zeit. „Pop Will Eat Itself“ (ver)hiess eine britische Combo. Aber das war in den achtziger Jahren, quasi schon in der Vorkriegszeit.

Klicken wir weiter. Mein erster Blog-Eintrag in den Nuller-Jahren liest sich wie ein Fanal für den Rest des Jahrzehnts. Von Napster und dem MP3-Format war da die Rede, vom Geschäftsmodell des österreichischen Branchenriesen Libro als „Schaumschlägerei für Internet-gläubige Kleinanleger” (die Causa beschäftigt immer noch die Gerichte), von Globalisierungsfolgen und Edgar Bronfman’s Visionen. Mittlerweile hat er das Firmenschild getauscht.

Danach – im Lauf der Wochen, Monate, Jahre – schrieb ich allerlei mahnende, kommentierende, kurz- oder langweilige Artikel, oft zu demselben Thema: den Paradigmenwechsel einer Branche, den diese lange, eventuell zu lange nicht wahrnehmen wollte. Letztlich schrieb ich sogar Artikel darüber, dass ich viele Artikel geschrieben hatte. Man nennt das wohl Redundanz. Oder Beharrlichkeit. Jan Delay, der Kopf der Beginner, ging derweil seine eigenen Wege – Kompliment zu einer äusserst eindrucksvollen künstlerischen Emanzipation! –, ich erfreute mich an Comeback-Konzerten von Roxy Music, Alben von Radiohead und ersten iPods, versuchte Stermann & Grissemann zum Eurovisions-Songcontest zu hieven, begeisterte mich für Billigfluglinien (wir wissen, was aus ihnen geworden ist), sah das „Starmania“-Dilemma des ORF heraufdämmern – die Nachwehen verspüren wir noch heute – und die „PopKomm“ einen langsamen Tod sterben, diverse Industrie-Magnaten dagegen rasch abtreten, beäugte Franz Morak bei skurrilen Auftritten, näherte mich wieder dem Medium Radio an (um mich schliesslich selbst an einer Station zu beteiligen), holte nach langem Zögern wieder den Plattenspieler hervor, bastelte an Zukunftsplattformen (deren Zukunft heute schon wieder Vergangenheit ist), hielt beim Steirischen Herbst Reden zum Thema „Musikvideo“ (auch schon längst überholt), schimpfte Ö3 und das ORF-Fernsehen (das ist scheinbar ein ewig gültiges Thema), lobte FM4, spöttelte über den „Amadeus“, porträtiere ambitionierte heimische Musiker (liftet Alex Deutsch nun Anna F. in höhere Sphären? Wir sind alle gespannt), wurde vor nunmehr vier Jahren zum Elektro-Blogger, ärgerte mich schon damals über die Millionen, die die Stadt Wien (ungebrochen) für Musical-Tand ausgibt, sah’ „MySpace“ auftauchen und später „Facebook“, „Last.fm“ & Co., das Handy als universelles Alltags- und Business-Tool, Falco als ewigen Wiedergänger, das Urheberrecht als zentrales Problem. Und so weiter und so fort.

Nebst Nachrufen auf Günter Brödl, John Peel, Werner Geier, Christoph Moser, Georg Danzer und Hansi Lang, auf die Musikindustrie en gros und die Klassik-Kamarilla en detail, schrieb ich auch welche auf die Nullerjahre (welch doppeldeutiges Etikett!, nebstbei). Vor geraumer Zeit schon. Einen Art vorauseilenden Nachruf. Die Krise, wohl das Stichwort des Jahrzehnts, war und ist ja eine schier unerschöpfliches Thema für jeden, der eine Tastatur bedienen oder einen Bleistift halten kann.

Schluss damit!, sage ich heute. Ab sofort gilt nur mehr der Blick nach vorn. Oder, Dominic Heinzl wird uns noch genug quälen, bescheiden zur Seite. Die Berichterstattung, sprich: das Dasein als schreibender Beobachter (oder beobachtender Schreiber, ganz nach Geschmack), kann und soll nicht Selbstzweck sein. Allmählich gilt es, dieses Jahrzehnt zu verstehen, zu verarbeiten, zu verdauen. Und Schlüsse daraus zu ziehen. Möglichst richtungsweisende Schlüsse. Die Zukunft beginnt zuvorderst im eigenen Kopf. Ich wünsche ruhige, gedankenvolle, besinnliche Feiertage. Und erkläre die Nullerjahre hiermit offiziell für beendet.

5 Antworten zu “Die Nuller-Jahre”

  1. Guido B. Says:

    Auf jeden Fall besten Dank für deinen Blog und die vielen interessanten Beiträge zu Musik & Co, Für mich ist es einer der besten Blogs überhaupt, den ich immer wieder gerne lese. Keep on!


  2. Meinen musikalischen Weihnachtsgruß habe ich Dir schon gefacebookt. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich Deine Artikel meist cool finde, dass sie sehr ausführlich sind, was gerade in FB-zeiten dringend notwendig ist, denn diese Unart vieler mit zahlreichen FreundInnen gesegneten FacebookerianerInnen, dem Volke einen Brocken in Form eines Halbsatzes hinzuwerfen, um denselben dann ein Originalitätsgerangel sondergleichen stattfindet, und das jeden Tag, („Täglich grüßt nicht nur das Meerschweinchen“ /we know:-) Ich bin ja auch so ein notorischer Vielschreiber… Und genau deshalb höre ich jetzt auf. Weiterhin aufrecht bleiben!

  3. tobi Says:

    Auch ich muss sagen, dass ich auf die Posts wirklich, wirklich stehe und mit freuden jede neue Lese.


  4. […] lassen. Jetzt, knapp vor Jahresende (und erst recht vor dem Ende eines Jahrzehnts, der sog. Nullerjahre) häufen sich obligaterweise die Anfragen. Man möge doch die besten Alben der letzten zwölf […]


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