Heimorgel im Hosensack

11. Dezember 2009

Guter Ton in jeder Lebenslage: mittlerweile dienen auch Mobiltelefone, Smartphones und Spielkonsolen als „Musikstudios in der Hosentasche“.

Neulich, bei der Ein-Jahres-Feier eines Computer-Megastores in Wien: zwei Musiker betreten die Bühne, ohne Instrumente. Präziser: ohne herkömmliche Musikinstrumente. Denn nach ein paar einleitenden Worten zücken beide ihre iPhones. Und legen los: von Queen bis Depeche Mode ist dem Duo nichts heilig. Dass die launig improvisierten Coverversionen etwas schräg klingen, tut dem Spass keinen Abbruch. Zumal die Darbietung einer gewissen Virtuosität nicht entbehrt. Ein Liedlein, dargeboten auf der virtuellen Tastatur oder den imaginären Saiten eines Smartphones – das hört und sieht man (noch) nicht alle Tage.

Ein Umstand, der sich raschest ändern könnte. Denn zu den beliebtesten und meistbesuchten Bereichen im „App Store“, dem Download-Eldorado für Apple iPhone-Nutzer, zählt die Kategorie „Musik“. Natürlich fallen darunter auch jene kleinen, nützlichen Programme, die den passiven Musikkonsum erleichtern und behübschen. Etwa der geniale Songdetektor „Shazam“, diverse DJ-Tools oder jede Menge Internet-Radioempfänger. Aber mindestens so beliebt sind Applikationen wie „Virtuoso Piano“, „Pocket Guitar“ oder „Ocarina“. Nomen est omen: plötzlich wird aus einem schnöden Handy ein Klavier, eine E-Gitarre oder ein Blasinstrument. Die simulierte Okarina etwa, im Original eine Art Schnabelflöte aus Holz oder gebranntem Ton, hat tausende Neo-Hobbymusikanten inspiriert. Auf der Webseite des Software-Entwicklers Smule finden sich tonnenweise Liedertabellen. Besonders berückend ist ein Demo-Video, das ein hippiesken Musikerkreis bei einer andächtigen Interpretation von Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ zeigt – und es klingt nicht mal schlecht. Einige verzerrte, druckvolle Elektrogitarren-Akkorde und ein donnernder Drum-Sound, um den Rockklassiker stilvoll abzuschliessen, werden sich in den unendlichen Weiten des „App Store“ wohl auch finden lassen. Nur Robert Plant, dem muß man ungebrochen mit eigener Stimmkraft nacheifern.

Der rasante technologische Fortschritt im Mobilfunk-Bereich und bei Videospielkonsolen hat den Einsatzbereich von mobilen Endgeräten grundlegend erweitert. Nicht nur Freaks und Afficionados wie etwa das „Erste Wiener Heimorgelorchester“ dürften sich dafür begeistern. CNN zufolge ist es in den USA ein Mega-Trend, dass sich viele Besitzer von Smartphones und portablen Konsolen wie Nintendo DSi oder Sony PSP auch als Musikproduzenten betätigen. Selbst Profimusiker sollen mittlerweile bereits Songs und vereinzelt sogar ganze Alben auf diese Weise fertiggestellt haben. „Es hat in letzter Zeit eine kreative Explosion auf allen nur erdenklichen Plattformen gegeben“, weiss auch Peter Kern, Chefredakteur beim US-Portals „createdigitalmusic“, zu berichten. Allen voran ist es Apples iPhone, das als Spielwiese für Nachwuchs-Tonkünstler dient. Samples, Remix-Tools und anregende Beispiele gibt es oben drauf.

Zu den Smartphones, den eierlegenden Wollmilchsäuen der Digitalära, gesellen sich auch die in Kinder- und Jugendzimmern weiter verbreiteten Spielkonsolen. „Dieses Phänomen hat schon mit dem Game Boy von Nintendo angefangen und sich heute auf andere Plattformen erweitert“, so Peter Kern. Beim japanischen Konsolenhersteller sieht man die Entwicklung keinesfalls als Zweckentfremdung. „Zurzeit haben solche Ansätze noch eher experimentellen Charakter. Ich bin aber davon überzeugt, dass Musikproduktionen auf portablen Geräten sehr gut funktionieren können und in Zukunft noch deutlich an Bedeutung gewinnen werden“, meint etwa Gerald Kossaer, Marketingleiter von Nintendo Österreich. Als Beispiel für das Pop-Potenzial der aktuellen Konsolengeneration verweist Kossaer vor allem auf den Nintendo DSi, für den mit „KORG DS-10“ bereits ein Programm vorliegt, das Nutzern das Komponieren eigener Musikstücke erlaubt. „Diese spezielle Version eines Studio-Synthesizers gibt Usern die Möglichkeit, einzigartige Klänge und Melodien zu erschaffen.“

Noch müssen die Studio-Profis aber nicht befürchten, in punkto Klangqualität und Komplexität von frischfröhlichen Amateuren mit virtuellen Spielzeuginstrumenten behelligt zu werden. Noch. „In einigen Jahren“, so Gerald Kossaer, „könnte dieser Unterschied schon deutlich geringer ausfallen.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: