Der virtuelle Wirtshaustisch

12. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (39) Sind Online-Foren, Twitter, Facebook & Co. die Prügelstätten der Moderne? Wenn ja, muss sich jede(r) zuvorderst selbst an der Nase nehmen.

Besonders bei Frauen zwischen 25 und 54 Jahren sei eine „Cyber-Enthemmung“ festzustellen, verkündete eine Pressemeldung, die letzte Woche in mein Elektropostfach trudelte. Aha. Nun wird man ja heutzutage mit allerlei Fragwürdigkeiten zugespammt, von Mitteilungen über irreale Lottogewinne und Geschäftsangebote nigerianischer Geldwäscher bis zu eindeutigen Zweideutigkeiten amouröser Natur, aber diese Zeilen fielen nicht umgehend der „Delete“-Taste zum Opfer. Im Gegenteil: ich fühlte mich ertappt.

Kurzgefasst lautete die Botschaft, basierend auf einer US-Marktforschungsstudie: via Internet lässt der durchschnittliche User so richtig die Sau raus. Cyber-Mobbing, Beleidigungen und bitterböse Kommentare seien alltäglich. Fast ein Drittel aller Befragten, so die Studie, fühle sich online „zu Handlungen bestärkt, zu denen sie sich offline nicht in der Lage sehen“.

Na prack! Kehrt das Universum 2.0 zuvorderst unsere dunkle Seiten hervor? Verleitet uns die – vermeintliche – Anonymität des Web, das überquillt vor „egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre, hemmungslosen Dienstleistern (von Pornoindustrie bis Glücksspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“, wie „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher postuliert, zu frischfröhlichem Heckenschützentum und Darth Vader-Gehabe?

Ich sage: nein. Jedenfalls nicht mehr als der Wirtshaustisch, der Schulhof, die Raucherecke im Büro oder die altbekannte Medien-Bassena. Denn die grosse Artikulationsmaschine Internet ist vor allem eines: ein Spiegel unserer selbst. Unserer wahren Meinungen, Aversionen, Wünsche und Bedürfnisse. Die sich sonst unter einer – auch im analogen Alltag oft reichlich dünnen – Schutzschicht zivilisatorischer Etikette verborgen halten.

Natürlich ist es nicht immer erfreulich, in diversen Foren, Threads und Print-Extensions (auch in der Online-„Presse“) mit unverblümtem Feedback konfrontiert zu werden. Einiges davon zielt strikt unter die Gürtelllinie. Aber jeder Leser, User, Empfänger wird, einen klaren Kopf vorausgesetzt, Spreu von Weizen trennen können. Und wollen. Folglich üble Anmache, billige Provokation und unsachliches Geraune von der Hinterbank als Entladungen armer Menschenseelen entschuldigen, die für – und somit gegen – sich selbst sprechen.

Unter all den potentiellen Suderanten, Avatar-Anarchisten, Trollen und Besserwissern, die sich im Web daheim fühlen wie bei Muttern, sind auch genug gescheite, hinterfragende und weiterführende Meinungslieferanten. Mehr als genug. Auch (und erst recht) anonyme. Sie sollten sich nur gelegentlich am Riemen reissen.

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4 Antworten to “Der virtuelle Wirtshaustisch”

  1. Pjotr Says:

    Indeed. Gilt auch für Blumenau!

  2. amoruritme Says:

    ich sehs anders. das medium lädt dazu ein, die hass-wahnsinnigen noch wahnsinniger zu machen. zb: es gibt nen neuen e-mohrlocken-volksport, gerade im ferneren osten: casting-show-rausgeflogene mobben, bis sie sich umbringen! dann freut sich der suizidmotivierer teuflisch. sowas (gewissenslose spielmorderei, aus reiner lust an der freud am mitmorden) gabs menschheitsgeschichtlich mmn noch nie, ist zwar „nur“ die spitze des kaltherzeneisberges, aber qualitativ „typisch“: die verharmlosung derartiger schweinereien ist selbst nicht unproblematisch. nicht alles, was schlummert, muss geweckt, geschweige denn verteidigt werden. es wär mmn sinnvoll, vorsätzlich „freundlichkeitsforen“ zu installieren, um diese hassisten gezielt wieder in ihre höhlen zurückzutreiben.


  3. […] zum Thema liefer(te)n jetzt Walter Gröbchen in seinem Blogpost (bzw. seiner PamS-Kolumne) Der virtuelle Wirtshaustisch und Helge Fahrnberger, der sich über die uns allen bekannten abfälligen Kommentare Gedanken […]

  4. majella reismann Says:

    es ist schon spannend zuzusehen, wie kaum etwas im entstehen ist auch schon heftig davor gewarnt wird. wer was warum befürchtet, ignoriert und verhindert, allerdings – nicht mehr aufzuhalten;-)))


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