Die dritte Dimension

28. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (41) James Camerons opulentes SciFi-Opus „Avatar“ ermöglicht einen Blick in die Bewegtbild-Zukunft.

Natürlich haben wir alle schon 3D-Filme gesehen. Entweder mit diesen dämlichen Rot-Grün-Brillen. Oder vor Jahren in Disneyland, als futuristische Demonstration des technisch Machbaren (wenn ich mich recht erinnere, spielte da Michael Jackson die Hauptrolle). Eh lustig. Wessen Wahl aber rund um Weihnachten 2009 auf den Kino-Renner der Saison, „Avatar“, fiel, der hat hoffentlich nicht den Fehler gemacht, die normale, zweidimensionale Version zu betrachten. Denn „Avatar 3D“ eröffnet tatsächlich neue Kinowelten. Jedenfalls fiel mir und meinen Sitznachbarn doch ein wenig die Kinnlade runter ob der greifbaren Plastizität des Gebotenen. Nimmt man die schwarze Ray Ban-Imitation, die man vor Betreten des Kinosaals erhält, von den Augen, sieht man unscharfe Mehrfach-Bilder. Setzt man sie wieder auf, erhält die ganze Sache eine bislang unbekannte Dimension und Schärfe – sieht man einmal von der Realität selbst ab. Wow! Und ich dachte, unsereins hätte schon alles gesehen.

Ob man sich mit der Story des teuersten Films der Filmgeschichte anfreunden mag, tut da vergleichsweise wenig zur Sache. Für die einen ist „Avatar“ ein neumoderner Cowboy-Indianer-Streifen oder schlicht ein pathosgetränktes, actiongeladenes Science Fiction/Fantasy-Spektakel. Für die anderen dagegen eine naive, dafür umso deutlichere Allegorie auf die Rolle und den inneren Konflikt der Vereinigten Staaten von Amerika Anfang des dritten Jahrtausends. Oder den ewigen Kampf zwischen Empathie und Abstossung, Dominanz und Anpassung, Gut und Böse. Rettet Hollywood die Welt? Also uns vor uns selbst? Sagen wir so: ich habe schon miesere Streifen gesehen als diesen. „Ich kam als Krieger, um Frieden zu bringen“, spricht der Held Jake in James Camerons Epos sinngemäss in die Kamera. „Aber es gab ein Erwachen.“ Afghanistan, Irak & Co. lassen grüssen.

Wohlan: eine Technik-Kolumne ist nicht der rechte Ort für eine Filmrezension. Doch die CGI (Computer Generated Imagery)-Effekte sind derartig sensationell, dass nicht nur der imaginäre Planet Pandora – der Ort der Handlung von „Avatar“ – förmlich greifbar wird. Sondern auch die Zukunft des Genres Film per se. Selbst das gute, alte Patschenkino wird bald anders aussehen. Ich musste unlängst leise lächeln, als in einer Pressemitteilung von Sony die Rede davon war, dass in drei Jahren bereits bis zu 50 Prozent der TV-Geräte (!) 3D-fähig sein werden. Jetzt lächle ich nicht mehr. In Südkorea startet gerade der Probebetrieb in HD-Qualität. Ob’s mit dem rauschhaften Cinemascope-Eindruck von „Avatar“ mithalten kann? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur soviel: bald werden wir die dritte Dimension nicht mehr missen wollen. Man gewöhnt sich verdammt rasch daran.

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4 Antworten to “Die dritte Dimension”


  1. Das Beinahe-Runterfallen der Kinnlade kann ich nur bestätigen: Ich kam mir vor wie jener Besucher des ersten Kinofilmes der Kinogeschichte, „Lumières Einfahrt des Zuges in den Bahnhof (von La Ciotat)“, der (beinahe) vor lauter Schreck aus dem Kino rannte, weil er fürchtete, von der Lokomotive überrollt zu werden. «Ob man sich mit der Story des teuersten Films der Filmgeschichte anfreunden mag…“ Da tue ich mir echt schwer damit! Und über den Hang (Zwang!?)zur Banalisierung möchte und werde ich mir au meinem Blog in Kürze ausführlicher Gedanken machen :-)


  2. Der Film war technisch eindrucksvoll, die Story wie gesagt platt. Spannend fand ich folgende Gedanken zum Film: http://bit.ly/7WOtbP

  3. Thomas Lutz Says:

    Dazu ein witziger tweet, wie aus Pocahontas Avatar wurde und der anspruchsvolle plot entstanden ist: http://twitpic.com/wvn1n :-)


  4. […] in die Kategorie „Holzkeule“ (die wird dann aber, wir wollen nicht ungerecht sein, drastisch plastisch geschwungen). Man kann sich die Bilder auch vom Computerchip hochrechnen lassen, aber derlei […]


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