Die Schiefertafel und die Retro-Zukunft

9. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (42) Verändert ein Elektroniktablett mit Apfel-Logo unsere Vorstellung davon, wie ein PC auszusehen hat?

Das Rätselraten, wie denn der revolutionäre Apple Tablet-PC – kolportierter Code-Name „iSlate“, avisiert noch für das Frühjahr 2010 – exakt aussehen könnte, hält an. Ein gefundenes Fressen für Medien und Scharlatane wie Rosalinde Haller (apropos: wenn in diesem Jahr nicht „die Medizin über den Krebs siegt“, wie die Star-Astrologin exklusiv im „Wiener Bezirksblatt“ verkündete, legt die Dame dann ihren Orakel-Gewerbeschein zurück? Über den Rest der Prophezeihungen möchte ich gnädig den Mantel des Schweigens breiten). Apples Marketingabteilung und Aktieninhaber wird’s freuen, der Rest vom Fest darf sich darüber giften, dass Steve Jobs und seine Entwicklungsabteilung die Medienhoheit anscheinend auf ewig gepachtet haben. Selbst das brandneue Google-Mobiltelefon „Nexus One“, das gegen das iPhone in Stellung gebracht wurde, fällt da vergleichsweise ab. Von Nokia, Sony, Dell und Konsorten spricht kaum jemand mehr. Aber das kann sich auch wieder ändern. Dafür braucht’s keine Hellseher-Lizenz.

Was sich dito mühelos weissagen lässt: wir werden uns zunehmend, rasch und gern daran gewöhnen, dass Personal Computer nicht mehr wie jene öden Formformat-Plastik-PC-Kisten aussehen, mit denen wir uns in den letzten Jahrzehnten herumgeschlagen haben. Der Erfolg von Apple beruht nicht zuletzt darauf, Innovation offensiv mit Stil und Design zu verknüpfen – und dafür ungeniert, aber wohlgelitten dem Konsumenten höhere Gewinnmargen abzuknöpfen. Was mich in diesem Kontext seit je her erstaunt, ist die Trägheit, Drögheit und konservative Beharrungskraft der Konkurrenz. Nur billig macht irgendwann auch unwillig.

Die Avantgarde der PC-Bastler greift folgerichtig gern mal selbst zum Lötkolben – und schnitzt sich eigenhändig den eigenen Traum-Rechner. Das sogenannte „Case Modding“, also der Um- und Ausbau grauer Einheits-PCs zu verblüffenden potemkinschen Phantasiekreationen, zeitigt Folgen. Vom quasi dampfbetriebenen Elektronengehirn aus Königin Victorias Zeiten bis zur Fünfziger Jahre-Stilikone mit „Brazil“-Touch reicht die Bandbreite der Hobby-Design-Vorschläge. Bingo! Ich wette, auch Apple-Chefdesigner Jonathan Ive hat da seinen Spass dran. Und notiert sich bisweilen das eine oder andere Detail.

Da Apple aber im eigenen Unternehmen eine klare und stringente Linie verfolgt, lässt sich letztlich die Prognose, wie denn der „iSlate“ (slate = Schiefertafel) aussehen und sich anfühlen mag, leicht treffen: wie ein überdimensionales iPhone. Soweit keine Revolution. Allein der alltägliche Gebrauch des Dings wird die Erinnerung an die Computer-Steinzeit rasch verblassen lassen.

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3 Antworten to “Die Schiefertafel und die Retro-Zukunft”


  1. Das ist natürlich auch nur Stochern im Nebel – aber ich wäre mit nicht so sicher, wie die iSlate aussieht. Das iPhone, den iPod und den iMac hat auch niemand vorhergesehen. Persönlich würde ich mir ja etwas Aufrollbares oder Flexibles wünschen …

    • Walter Gröbchen Says:

      Eh. We will see… Die Kunst des „Wahrsagens“ besteht wohl darin, etwas felsenfest zu behaupten, obwohl’s nur Stochern im Nebel ist ;-)

  2. astro Says:

    wäre schön wenn sogenannte alround-hellseher die sich astrologen. medium, helseher und was weiß gott noch alles schimpfen ihre eigene leistung preisgeben würden und nicht andere für sich arbeiten ließen


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