Archive for Februar, 2010

GPS und Gottvertrauen

27. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (49) Ohne Verstand fährt man auch mit Navi blindlings in die Sackgasse.

Schadenfreude und Schenkelklopfen, das ist es wohl, was Navigationsgeräte zur Zeit vorrangig auslösen. Das grosse Staunen, welche Stückl’n GPS spielt – unsere Urgrosseltern hätten wahrscheinlich den Rosenkranz zu beten begonnen, wenn ihnen eine unsichtbare Stimme den Weg angesagt oder „bei nächster Gelegenheit bitte wenden“ empfohlen hätte –, ist längst einer pragmatischen Wurschtigkeit gewichen. Man hat gelernt, das Navi im Alltag ganz selbstverständlich zu nutzen, für die eine oder andere Macke geringzuschätzen, oder es sachte zu ignorieren. Oder eben auch nicht. Der Sensations- und News-Wert der Technik ergibt sich anno 2010 aus skurrilen Meldungen. Etwa jener, dass unlängst ein japanischer Tourist auf dem Weg nach Galtür von der Bundesstrasse 179 auf eine Langlaufloipe umdirigiert wurde. Und prompt mit seinem Mietwagen samt Frau und Kindern im Schnee stecken blieb.

Wiehernde Kommentare und mahnenden Zeigefinger, nicht selten mit sachtem Schwung und angedeuteten Klopfgeräuschen gen Denkerstirne geführt, folgen wie das Amen im Gebet. Wer den Zündschlüssel umdreht, sollte nicht vergessen, das Gehirn einzuschalten! Ja, eh. Aber ich wette, von all den Besserwissern, Fährtenlesern und Stammtischkapitänen sind nicht wenige schon in schlimmeren Situationen gesteckt.

Wer kennt nicht das Problem, in Sekundenschnelle entscheiden zu müssen, ob man sich nun „blind“ auf das Navigationsgerät verlässt oder doch eher auf die eigene Intuition? Oder gar den sog. „gesunden Menschenverstand“? Die komplexe Technik, bisweilen unglücklich kombiniert mit veraltetem Kartenmaterial oder nicht probaten Einstellungsparametern, überfordert Durchschnittsnutzer bisweilen. Und haben wir alle nicht schon lauthals geflucht und die sanfte Frauenstimme aus dem Armaturenbrett beschimpft, weil dieser Kreisverkehr oder jene Baustelle doch eigentlich nicht existieren dürften?

Ich kenne Leute, die wagen es als ungeübte Autofahrer gerade mal, mit ihrem Gefährt wohlbekannte Strecken entlangzutuckern. Bei schönem Wetter. Und nur mit Beifahrer. Weiter reicht das Selbstvertrauen nicht. Immerhin: das Gefährdungspotential wird so freiwillig eingegrenzt. Wer dagegen meint, mit einem Navi lasse sich tolldreist die Welt erobern, und dann mitten im Tunnel umdrehen möchte, weil die GPS-Ortung ergibt, dass man zuvor eine Ausfahrt verpasst hat, sollte generell sein Gottvertrauen aufrüsten. Oder einmal die Bedienungsanleitung lesen. Nicht nur jene für das Navi.

Ein Katalog der Idioten

20. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (48) Provokationslust, Brachialhumor und Alltagsfaschismus – ein Testfall für Facebook & Co.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Das besagt der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dass nicht alle Menschen mit Vernunft und Gewissen begabt sind, vom Geist der Brüderlichkeit ganz zu schweigen, sagt uns unsere Erfahrung. Oder ein gelegentlicher Blick in „Facebook“. Aber, Achtung!, soetwas kann auch mal leichten Brechreiz auslösen.

Etwa, wenn man auf Gruppen wie „Sperrt Natascha Kampusch zurück in den Keller!“ stösst. Sollten Sie das akute Bedürfnis haben, diesen vorgeblich der Medien- und Meinungsfreiheit geschuldeten virtuellen Vereinsstammtisch aufzusuchen: das Extrazimmer, in dem es merkbar nach drei Bier, schwitzigem Brachialhumor, pubertärer Provokationslust und unverhohlener Niedertracht stank, ist mittlerweile geschlossen. Nach dutzenden, wenn nicht hunderten Protesten („Facebook“ hat zu diesem Zweck einen „Gruppe melden!“-Button installiert). Nach Einspruch des Anwalts von Kampusch. Und nach einigen Berichten über die neumodischen Online-Umtriebe in Old School-Medien. Es hat relativ lange gedauert, bis das US-Unternehmen reagiert hat. Mittlerweile sind fast alle diesbezüglichen Hohn-Seiten geschlossen (die grösste hatte über 10.000 Mitglieder, per se eine erschreckende Zahl). Nur die „Free Fritzl!“-Site existiert noch. Und, ja, auch jene, die schlichtweg „Hitler“ gewidmet ist. Aber jenseits des grossen Teichs gelten ja etwas andere Gesetzesspielregeln.

Gewiss: Soziale Netz-Netzwerke wie „Facebook“ spiegeln IQ und EQ, die Tiefen und Untiefen ihrer Nutzer, die menschliche Natur und Gesellschaft per se wider. Das kann schon ins Ungustiöse lappen. Oder gar den Staatsanwalt interessieren, zumindest in der Theorie. Im ungünstigsten Fall ist’s Publicity für Unfug, über den eigentlich der Mantel des Schweigens gebreitet werden sollte. Daß sich aber Idioten und Straftäter selbst katalogisieren, mit Namen und IP-Adresse, würde ich tendenziell als Fortschritt bezeichnen. Man kann sich seine „Freunde“ ja aussuchen. Und seinem Standpunkt auch Nachdruck verleihen, z.B.hier.

Auch wenn das ewige Hase- und Igel-Spiel nicht zu gewinnen ist – für jede geschlossene Hass-Gruppe entstehen zwei neue –, kommt allmählich eine Diskussion ins Rollen, die Social Media-Spielregeln generell thematisiert. Und z.B. die mysteriöse „Facebook“-Zensurmaschinerie hinterfrägt („An administrator will review your request and take appropriate action. Please note that you will not receive a notification about any action taken as a result of this report“). Wer, was, warum, warum nicht. Wo. Und wielange. Oder gar, wie’s dazu kommt, dass ein seelenloser Ziegelstein im Web deutlich mehr Freunde hat als H.C. Strache. Und letztere, die Fans des Rechtspopulisten, gerade massiv „Freunde“ verlieren („entfrienden“ nennt man das, ein ebenso krudes Wort wie rüder Vorgang). „Facebook“-Nutzer wissen, wovon ich spreche: zur Abwechslung mal ein positives Fanal.

Scharfmacher

13. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (47) HDTV, das hochauflösende Fernsehen, löst aktuell mehr Fragen als Glücksgefühle aus.

Vielen Dank auch. Erst unlängst habe ich für meinen Laptop einen der wunderbaren DVB-T-Sticks von Elgato gekauft (man kann damit z.B. Dominic Heinzls Society-Sosse „Chili“ aufzeichnen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu verdauen. In der Online-„TVThek“ findet sich das halböffentlich-rechtliche Reizstück seltsamerweise nicht). Wenige Tage später verkündete der ORF, zur Fußball-WM im Juni starte man mit DVB-T2. Technologisch liegt es auf der Hand: die Qualität von Version eins reicht nicht, um grosse Flachbildschirme wirklich eindrucksvoll zu bespielen. Also muss Version zwei her. Und damit wieder ein neuer Decoder. Immerhin, vermeldete man vom Küniglberg herab, werde man DVB-T „mindestens noch bis 2016“ unterstützen. Solange kann ich also damit warten, den Elgato-Stick wieder wegzuwerfen.

Die zunehmende Komplexität der „Ausspielwege“ von Fernsehprogrammen (Kabel, Satellit, Terrestrik, Web), die damit verbundenen, für den Normalbürger oft unverständlichen Inkompatibilitäten und generell der sanfte Druck, der mit all den neuen Formaten, Qualitäten und Techniken auf den TV-Konsumenten ausgeübt wird, sind nicht wenigen ein Ärgernis. Dem ORF und seinen deutschen Schwesteranstalten ARD und ZDF muss man immerhin zugute halten, dass sie – anders als die Privatsender – vergleichsweise überschaubare Mehrkosten erzeugen und via erforderlichem Gerätepark einfordern.

RTL, Sat1, Vox & Co. dagegen hören die Kassa klingeln. HDTV, das hochauflösende Fernsehen, wird von diesen Anbietern verschlüsselt. Die Plattform „HD+“, auf die man sich gemeinsam mit dem Satellitenbetreiber Astra geeinigt hat, benötigt wieder eigene Receiver und Smartcards. Und kostet zusätzlich Geld. 50 Euro im Jahr – das klingt nicht nach viel. Aber man muss nicht sonderlich scharfsichtig sein, um zu prognostizieren, daß das Geheul trotzdem groß sein wird. Zumal man in deutschen Landen an „Free TV“ gewöhnt ist. In Zukunft ist bei den Privaten halt nur mehr die B-Qualität gratis. Die A-Klasse muß kurioserweise trotz ihres freiwilligen Obolus in Kauf nehmen, daß sie das HD+-Programm nicht unbeschränkt aufnehmen oder gar die Werbung überspringen kann.

Jetzt kauft natürlich – so hoffe ich zumindest – im Jahr 2010 niemand mehr einen TV-Monitor, der nicht „Full HD“-tauglich ist. Und natürlich will man dann alles, wirklich alles auch in hoher Qualität sehen. Ich wette nur, mit solchen Ideen löst man anbieterseitig eher postkapitalistische Zwangsneurosen aus als einen HDTV-Boom.

Vom Hörensagen

6. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (46) Die Studio-Lautsprecher HS80M von Yamaha vermitteln mit alten Tugenden ein ganz neues Hörgefühl.

Lautsprecher sind so eine Sache. Eigentlich hat sich seit den ersten Anfängen, also seit der Ablösung des Trichter-Grammophons durch elektrodynamische Schallwandler mit Membranflächen, wenig bis nichts getan (sieht man von Spezialentwicklungen wie Elektrostaten, NXT-Panelen oder Plasma-Hochtönern ab). Ein Umstand, der ebenso langweilig wie tröstlich ist. Gute, teure Boxen, die man vielleicht vor fünfzehn, zwanzig Jahren im juvenilen HiFi-Wahn erstanden hat, machen auch heute noch etwas her. Vor allem dann, wenn die Lautsprecher ein gewisses Volumen und, damit zumeist einhergehend, einen gewissen „Rumms“ besitzen. Feinspitze würden das wohl eher Präsenz, Räumlichkeit oder ein ansprechendes Impulsverhalten nennen. Wie immer auch: solange die Gummisicken nicht porös und brüchig werden, sind Lautsprecher jener Teil des Pop-Universums, der am wertbeständigsten ist. Und am seltensten durch aktuelle Modeerscheinungen abgelöst wird.

Sollte man meinen. Denn dem Schreiber dieser Zeilen z.B. widerfuhr es, dass die Kunde von neuen Studiomonitor-Wunderdingern an sein Ohr drang. Das Modell HS80M von Yamaha sei nun das Maß aller Dinge. Vor allem, wenn man das Preis-Leistungs-Verhältnis betrachte: die schwarzen Quader mit der typischen weissen Baßmembran kosten gerade mal rund 250 Euro. Pro Stück. Für gute Lautsprecher ist das eine Mezzie. Und die HS80M sei ein wirklich erstaunlich gutes Hörgerät, ein „Geheimtipp“, erzählten mir zuhauf Musiker, Produzenten und Audio-Fetischisten: fein auflösend, präzise in der Abbildung der Instrumente und Stimmen, pegelfest und, jawohl, voluminös. Dazu benötigen diese Monitore – man sollte dazusagen, dass es sich nicht um klassische, schönfärbende HiFi-Boxen handelt – keinen Verstärker, da sie „aktiv“ sind, also selbst einen eingebaut haben. Dem Hörensagen nach gibt es zwar noch Besseres auf dem Markt – Boxen etwa von Genelec, K&H, Dynaudio, Adam, JBL, Tannoy, Mackie, KRK, Meyer Sound u.v.a. -, aber zu meist weit höheren Preisen. Bei mannshohen HiFi-Lautsprechern geht’s dann in der Praxis sowieso in Regionen jenseits von Gut & Böse.

Was soll ich lange um den heissen Brei herumreden: ich hab’ mir die Dinger gekauft. Und links und rechts von meinem 24 Zoll-iMac aufgebaut (es handelt sich um sog. „Nahfeldmonitore“). Seitdem besitzt die Tonspur zur virtuellen Realität, die ich mittels Webbrowser, iTunes oder Logic Studio aufrufe, eine Dringlichkeit und Körperhaftigkeit, die mir bisweilen fast schon zuviel ist. Man hört Musik so, wie sie von Komponisten und ihrem Elektronikpark geschaffen wurde. Und dass sich da auch in punkto Audioqualität einiges getan hat in den letzten Jährchen, belegt der Umstand, dass zum Beispiel frühere Referenzboxen von Yamaha – wie z.B. das berühmte Modell NS10M, das in so ziemlich allen Studios dieses Planeten steht – vergleichsweise fürchterlich tönen. Okay, damit wollte man die Durchschnittsanlage des Durchschnittskonsumenten simulieren. Aber die klingt heute, pardon!, auch besser als das teuerste Equipment anno dazumal.

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