Ein Katalog der Idioten

20. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (48) Provokationslust, Brachialhumor und Alltagsfaschismus – ein Testfall für Facebook & Co.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Das besagt der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dass nicht alle Menschen mit Vernunft und Gewissen begabt sind, vom Geist der Brüderlichkeit ganz zu schweigen, sagt uns unsere Erfahrung. Oder ein gelegentlicher Blick in „Facebook“. Aber, Achtung!, soetwas kann auch mal leichten Brechreiz auslösen.

Etwa, wenn man auf Gruppen wie „Sperrt Natascha Kampusch zurück in den Keller!“ stösst. Sollten Sie das akute Bedürfnis haben, diesen vorgeblich der Medien- und Meinungsfreiheit geschuldeten virtuellen Vereinsstammtisch aufzusuchen: das Extrazimmer, in dem es merkbar nach drei Bier, schwitzigem Brachialhumor, pubertärer Provokationslust und unverhohlener Niedertracht stank, ist mittlerweile geschlossen. Nach dutzenden, wenn nicht hunderten Protesten („Facebook“ hat zu diesem Zweck einen „Gruppe melden!“-Button installiert). Nach Einspruch des Anwalts von Kampusch. Und nach einigen Berichten über die neumodischen Online-Umtriebe in Old School-Medien. Es hat relativ lange gedauert, bis das US-Unternehmen reagiert hat. Mittlerweile sind fast alle diesbezüglichen Hohn-Seiten geschlossen (die grösste hatte über 10.000 Mitglieder, per se eine erschreckende Zahl). Nur die „Free Fritzl!“-Site existiert noch. Und, ja, auch jene, die schlichtweg „Hitler“ gewidmet ist. Aber jenseits des grossen Teichs gelten ja etwas andere Gesetzesspielregeln.

Gewiss: Soziale Netz-Netzwerke wie „Facebook“ spiegeln IQ und EQ, die Tiefen und Untiefen ihrer Nutzer, die menschliche Natur und Gesellschaft per se wider. Das kann schon ins Ungustiöse lappen. Oder gar den Staatsanwalt interessieren, zumindest in der Theorie. Im ungünstigsten Fall ist’s Publicity für Unfug, über den eigentlich der Mantel des Schweigens gebreitet werden sollte. Daß sich aber Idioten und Straftäter selbst katalogisieren, mit Namen und IP-Adresse, würde ich tendenziell als Fortschritt bezeichnen. Man kann sich seine „Freunde“ ja aussuchen. Und seinem Standpunkt auch Nachdruck verleihen, z.B.hier.

Auch wenn das ewige Hase- und Igel-Spiel nicht zu gewinnen ist – für jede geschlossene Hass-Gruppe entstehen zwei neue –, kommt allmählich eine Diskussion ins Rollen, die Social Media-Spielregeln generell thematisiert. Und z.B. die mysteriöse „Facebook“-Zensurmaschinerie hinterfrägt („An administrator will review your request and take appropriate action. Please note that you will not receive a notification about any action taken as a result of this report“). Wer, was, warum, warum nicht. Wo. Und wielange. Oder gar, wie’s dazu kommt, dass ein seelenloser Ziegelstein im Web deutlich mehr Freunde hat als H.C. Strache. Und letztere, die Fans des Rechtspopulisten, gerade massiv „Freunde“ verlieren („entfrienden“ nennt man das, ein ebenso krudes Wort wie rüder Vorgang). „Facebook“-Nutzer wissen, wovon ich spreche: zur Abwechslung mal ein positives Fanal.

Advertisements

Eine Antwort to “Ein Katalog der Idioten”


  1. […] Big Data und mangelndem gesetzlichen Schutz vor dem übergreifenden Überwachungswahnsinn Sorgen. Herr Faymann, Herr Spindelegger, Frau Mikl-Leitner, Herr Strache: ist Ihnen eigentlich klar, in […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: