Schwarzes Loch, Miniaturausgabe

11. April 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (55). Medienirrtümer 2.0. Oder: warum sich Google eher nicht als alleiniges Rechercheinstrument eignet.

Ich bin Daniel Breuss zu Dank verpflichtet. Er hat mein Leben gerettet. Im übertragenen Sinn natürlich, körperlich und geistig bin ich soweit – danke der Nachfrage! – unversehrt. Aber Breuss, Technikredakteur der „Presse“, hat mich letzte Woche sachte darauf hingewiesen, dass meine Polemik in punkto CERN – ich hatte geschrieben, es sei bezeichnend, dass Österreich knapp vor einem Jahrhundertdurchbruch für die Physik „aus Kostengründen“ aus der internationalen Forschergemeinde ausgestiegen sei – leider an einem kleinen, feinen Faktum kränkle. Einem Umstand, den ich leider anders in Erinnerung bewahrte (oder eher gar nicht). Der Ausstieg, den der damalige Minister Hahn tatsächlich schon angekündigt hatte, wurde wieder rückgängig gemacht. Nach Anschiss von Bundeskanzler Faymann und Niederösterreichs Landeshauptmann Pröll. Schon peinlich, wenn man wider etwas wütet, das sich als hundertprozentiger Irrtum und fatale Wissenslücke entpuppt. Derlei kann einen Kolumnisten killen.

Vielleicht hätte die vorwöchige Epistel – hätte ich sie in letzter Sekunde nicht umgeschrieben – ja auch als Lehrstück für spätere Generationen herhalten können. Und als Fingerzeig, dass Google nicht das ultimative Recherchewerkzeug ist. Zumindest nicht allein. Ohne Gebrauch der eigenen Ganglien und Bemühung der alten „Check. Recheck. Double Check.“-Formel, die man schon als Publizistikstudent verinnerlicht, geht auch im 21. Jahrhundert nichts. Google ist, nebst anderem, ein teuflischer Verführer zu Flüchtigkeit und Schlampigkeit.

Die Relevanzreihung, die die Suchmaschine vermeintlich vornimmt, ist keine, von Chronologie, Verknüpfung und Bewertung komplexer Sachverhalte und einem Anspruch auf Objektivität und Faktentreue kann sowieso nicht die Rede sein. Hoffen wir, dass sich zukünftige Journalistengenerationen nicht bei wichtigeren Themen als der Frage, ob die Urknallmaschine auch ein rot-weiß-rotes Mascherl trägt, von Google & Co. in die Irre führen lassen.

Aber vielleicht basteln sich ja in Zukunft auch die Leser ihren Nachrichtenüberblick, ihre Wissenslage – und letztlich ihre Wirklichkeit – selbst, ganz nach Lust und Laune. Wenn sogar Medienmogul Rupert Murdoch meint, „das iPad könnte Zeitungen retten“. „Krone“ und „Österreich“ überbieten sich gegenseitig darin, als erstes Boulevardblatt das Wunderding – eventuell ein knallbuntes trojanisches Pferd? – zu importieren und gönnerhaft an Leser weiterzureichen (unter uns: es kursieren hierzulande schon einige Geräte, ganz ohne Import/Export-Nachhilfe). Ein paar Häuser weiter wird diskutiert, ob das strikt formatierte Apple-Universum nicht per se eine Kampfansage gegen die Freiheit und Anarchie des Internets sei. Interessante Debatte. Wer aber soll da noch den Durchblick bewahren? Gut, dass ich die Telefonnummer von Daniel Breuss eingespeichert habe.

P.S.: „Presse“-Wissenschaftsredakteur Thomas Kramar hätte auch noch ein paar grundsätzliche Anmerkungen. Zum CERN. Zum Jahrhundertdurchbruch der Experimentalphysik. Und zum vermeintlichen oder tatsächlichen Miniatur-Urknall. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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2 Antworten to “Schwarzes Loch, Miniaturausgabe”

  1. Gerhard Says:

    Die Reihenfolge lautet richtig:
    „Check, Dobble-check. Re-check“.

  2. Walter Gröbchen Says:

    Oder gar „Check, Cross-Check, Re-Check, Double-Check“? Im Ernst: auf Google ist jede Kombination zu finden. Naja, Google…


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