Archive for Mai, 2010

Kursziel Sklavenfabrik

29. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (61) Apple hat an der Börse mittlerweile sogar Microsoft überholt. Aber es gibt nicht nur Gewinner.

Ich bereue ja nicht allzuviel in meinem bisherigen Leben. Aber wirklich, pardon!, in den Arsch beissen könnte ich mich für die fatale Unterlassung, ein paar Euro in Aktien der Firma Apple Inc. gesteckt zu haben. Etwa am 25. April 2003, da kostete so ein Anteilsschein gerade mal 5 Euro 90 Cent. Und ich sagte dem Unternehmen zu diesem Zeitpunkt – als früher Besitzer eines iPods und wohlbestallter Berater internationaler Musikkonzerne (die Schnittmenge war lange erstaunlich gering) – durchaus eine güldene Zukunft voraus. Knapp sieben Jahre später steht der Apple-Aktienkurs bei über 200 Euro, Experten von Credit Suisse sagen gar ein Kursziel bei 300 Dollar voraus. Das Wunderding namens iPad, seit dieser Woche auch in Deutschland am Markt (Österreich folgt wohl spätestens im Herbst), befeuert die Phantasien, die Börsen verhalten sich wie isländische Vulkane.

Seit 2004 legte die Apple-Aktie um über 2300 Prozent (!) zu, die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt bei gut 222 Milliarden Dollar, 40 von 44 bei Bloomberg gelisteten Analysten empfehlen nachwievor den Kauf des Wertpapiers. Und, wer hätte das noch Mitte der neunziger Jahre für möglich gehalten, Steve Jobs hat damit Bill Gates überholt. Der Börsenwert von Apple liegt erstmals vor jenem von Microsoft.

Aber es ist, wie’s ist: das Aktiengeschäft ist mir fremd. Ich habe scharchlangweilige Bausparverträge und Lebensversicherungen in der Schublade. Die Chance aus, sagen wir: 100.000 Euro ein Vermögen zu machen (nach Adam Riese fast 3.400.000 Euro, wenn ich den Betrag 2003 investiert hätte), ist passé. Pessimisten meinen, ewig werde der Aufwärtstrend wohl nicht anhalten. Sie haben zwangsläufig recht. Letztendlich immer. Eventuell schon bald.

Und es gibt, bei allem Respekt vor der Apfel-Weltdominanz, auch bittere Aspekte. Umstände, die einem die Freude am neuen iMac oder am glänzenden iPhone ordentlich vermiesen können, vom Aktienkurs ganz zu schweigen. Denn gebaut werden viele der eleganten Gerätschaften in China, unter – man muss es so deutlich sagen – menschenunwürdigen Umständen. Die Firma Foxconn in Shenzen, einer der Dienstleister von Apple’s Gnaden, kam dieser Tage einmal mehr durch Selbstmorde von Arbeitern ins Gerede. Es sind Hundertausende, die in den Foxconn-Fabriken leben, schlafen, rund um die Uhr malochen. Und bisweilen den Druck nicht mehr ertragen. Nebstbei: auch Sony, Hewlett-Packard und Nokia bedienen sich dieser modernen Billiglohn-Sklaven.

Es gibt keine Gewinner ohne Verlierer. Nicht wenige bezahlen unseren Wohlstand mit ihrem Leben.

Grussbotschaft

22. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (60) „SoundCloud“ ist unter Musikern und Musik-Fans längst kein Geheimtipp mehr. Zurecht.

Zur Abwechslung mal ein Fingerzeig für eine eng begrenzte Leser-Gemeinde: professionelle Musiker, DJs und Produzenten. Da ich selbst – unter Nachsicht aller Taxen – zu dieser Zielgruppe gehöre, habe ich natürlich ein erhöhtes Sensorium für Werkzeuge und Online-Tools, die diesbezüglich den Alltag erleichtern.

So gab mir vor einigen Monaten ein Freund, der Eingeweihten unter dem Künstlernamen GDLuxxe bekannt ist und superben Elektronik-Pop veröffentlicht (und via Phlox und Angelika Köhlermann auch avancierteres Zeug), den Tipp, die Musikplattform „SoundCloud“ näher unter die Lupe zu nehmen. Über deren Webspace können Nutzer Songs und sonstige Audio-Files (also etwa auch Interviews oder gesprochene Tagebucheintragungen) als Stream bereitstellen, kommentieren und interaktiv bearbeiten. Und natürlich auch unkompliziert weiterverbreiten. Der Vorteil: es müssen keine riesigen Datenmengen verschickt werden. Und doch steht so ein Mixset, ein frisch komponiertes Liedlein oder die Neuerscheinung eines Labels in (wählbar) guter bis exzellenter Qualität zur Verfügung. Wer das alles zu Gehör bekommen soll und ob man’s auch dauerhaft speichern kann, entscheidet der Urheber. Gute Sache.

Es ist daher auch kein Wunder, dass sich die Vorzüge von „SoundCloud“ rasch herumgesprochen haben. Mittlerweile hat das in Berlin ansässige Unternehmen nach eigenen Angaben die Eine-Million-User-Marke überschritten. Und seine Reichweite in nur zwölf Monaten verzehnfacht. „Flickr for music“ hat es ein Blogger genannt, Stars wie Moby, Beck oder Sonic Youth nützen die Plattform, um Fans direkt zu adressieren. Via „Dropbox“ hat man zudem eine Art Briefkasten, in den wiederum Musiker, Remixer oder andere Absender, die ihre Musik zu Gehör bringen wollen, ihre Soundfiles „einwerfen“ können. Ein A&R-Postfach, das niemals überquillt.

Wer immer heute seine Musik verbreiten, ein Label oder ein Webradio betreiben oder auch nur seiner Freundin ein Mixtape auf der Höhe der Zeit zukommen lassen möchte (ja, selbst aufgenommene Cassetten sind natürlich rührend und superduper-retro, aber hat Ihre Freundin überhaupt noch einen Walkman daheim?), sollte über solche Tools Bescheid wissen. Nein: er/sie muss es förmlich.

Denn, unter uns, der Spitzenjournalist und Medienmanager, der sich z.B. ungebrochen weigert, e-mails zu lesen – ja, auch das soll es geben, ich nenne keine Namen – oder der Austropop-Altstar, der noch nie von MP3 gehört haben will, haben bald auch im Dinosaurier-Museum Exotenstatus. Den Donnerhall der Digitalära, dazu ein paar persönliche Grussworte, spreche und pack’ ich gern in ein Plastiksackerl und schick’s diesen Pappenheimern zu. Einfacher und bequemer funkt’s aber gewiss mit „SoundCloud“.

Neue Medien, alte Tugenden

15. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (59) Die Bürgergesellschaft profitiert enorm von den Möglichkeiten des Web 2.0. Jetzt ist auch die „Blackbox“ wieder online.

Wenn ich darüber nachdenke, welche Entwicklungen und Phänomene der letzten Jahre mir besonders denkwürdig erscheinen, dann gibt es darauf – sieht man von der Systemkrise der Finanzmärkte und der Aufdeckung einer krebsgeschwürgleichen österreichischen Polit-Korruptheit ab – nur eine Antwort: die explosionsartige Verbreitung von Social Media.

Ich kann meine Einschätzung nur aus dem Bauch heraus postulieren, aber wage zu behaupten, dass Facebook, Twitter & Co. mehr zur Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Mobilisierung bislang braver Staatsbürger beitragen, als wir es von der traditionellen, non-partizipativen Medienlandschaft gewohnt sind. Wer’s nicht glaubt, lese einmal einen Twitter-Stream zu einem durchschnittlichen #Club2 mit: allein der Unterhaltungswert der Kommentare schlägt das ORF-Programm mit Abstand. Von der Möglichkeit sehr unmittelbarer Vernetzung einmal abgesehen. Hier wächst, abseits der üblichen Troll-Scheinkämpfe und Parteizentralen-Postings in Online-Foren, ein Werkzeug mit ungeheurer Hebelwirkung heran. Es wird wohl von Demokraten und Demagogen gleichermassen genutzt werden.

Aber ganz neu ist derlei nun auch wieder nicht. Erinnere ich mich an die Anfänge meiner persönlichen Social Media 1.0-Historie Anfang bis Mitte der neunziger Jahre zurück, fällt mir sogleich der Internet Service Provider „Magnet“ ein, initialisiert vom heutigen Venture Capital-Unternehmer Klaus Matzka. Bei diesem – neben EUNet – ersten ISP Österreichs gab es die putzige „Magnet City“, die eine kleine, überschaubare Community in einer Art virtuellen Stadt organisierte. Das funktionierte wunderbar, und ich kenne Leute, die hüten heute noch eine .magnet-Mailadresse.

Und dann war da die „Blackbox“, 1992 als Online-Forum für Politik und Jugendkultur gegründet und lange die grösste und medienpräsenteste virtuelle Gemeinschaft Österreichs. Wer dazu gehörte, konnte sich in zweifacher Hinsicht als Vorreiter fühlen: es war ja noch nicht alltäglich, sich mit einem 56k-Modem via Telefonleitung Zugang zu verschaffen (immerhin waren schon die Akustikkoppler der IT-Steinzeit obsolet geworden). Und die Idee einer Zivilgesellschaft wurde so quasi als kommunikatives Computerspiel umgesetzt.

Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Tage die „Blackbox“ reaktiviert wurde. Als „Forum für Politik und Gesellschaft“, das sich zugleich als „Permanent Beta“-Web-Labor versteht. Die Absichten der Betreiber lesen Sie am besten selbst unter http://blackbox.at nach. Die Zeiten verlangen nach alten Tugenden und neuen Medien. Oder umgekehrt?

Wiener Wunder

10. Mai 2010

Das „Popfest Wien“ am Karlsplatz war ein unüberseh- und unüberhörbares Signal für die Öffnung der Stadt, meinen die einen. Leider nur ein bunt verpacktes Wahlzuckerl, die anderen. Egal: die Dinge sind in Bewegung gekommen. Und das ist gut so.

„Wean, Du bist a Taschenfeitl“ sangen einst Helmut Qualtinger und André Heller. Zu süßlichen Geigenklängen von Toni Stricker ist in diesem Klassiker der Austropop-Historie die Rede von einem „Himmel voller Schädelweh“, „brachliegenden Wiesen aus Marzipan“ und – Heller verkochte barocken Schwulst immer schon gern mit schneidendem Zynismus – dem Urteil, dass die solchermassen besungene Metropole eine zehnmal ausgekochte Burenwurst sei. Und eine Hure, die keinerlei Antwort auf allerlei Fragen hätte.

Aber welche Fragen wurden denn gestellt? Ja, es gab immer wieder einzelne Vorstösse, die „Stadt der Musik“ nicht nur aus dem Blickwinkel der Klassik-Lordsiegelwahrer, Wiener Sängerknaben, Jazzfest-Traditionalisten und Musical-Reichsverweser zu betrachten. Und darauf hinzuweisen, dass der urbane Wasserkopf Österreichs auch in popkultureller Hinsicht Strahlkraft über die Grenzen hinaus entwickeln konnte und könnte. Man muss dazu gar nicht allzu tief in der historischen Klamottenkiste wühlen. Ambros, EAV, Falco & Co. sind auch heute noch ein Begriff jenseits des Weißwurst-Äquators, Kruder & Dorfmeister tönen ungebrochen in Modeboutiquen von Budapest bis Tokyo, die „Red Bull Music Academy“ ist ein Glücksfall cleveren Kultur-Marketings. Und die aktuelle Szene dieser Stadt – umliegende Bundesländer werden ungeniert eingemeindet – ist vital, selbstbewusst, präsent und vielfältig wie selten zuvor. Von – um nur einige Namen zu nennen – Soap&Skin bis Ja, Panik (die ihrerseits wieder „Wien, Du bist ein Taschenmesser“ intonieren, eine herrliche Paraphrase auf Heller/Qualtinger), von Gustav über Bauchklang, Sofa Surfers, Dorian Concept und Garish bis zu Ernst Molden und Die Strottern. Nebst Newcomern wie Ginga, 5/8erl in Ehr’n oder Der Nino aus Wien, in dem manche den legitimen Ziehsohn von André Heller sehen. Einzelne imaginieren schon ein „Wiener Popwunder“. Es könnten mehr werden.

Was man bei aller – durchaus verständlichen und medientechnisch partiell notwendigen – Selbstberauschung allerdings nicht vergessen sollte: ökonomisch ist die Lage für die Musikschaffenden dieses Landes schwieriger denn je, die Rundfunkeinsätze, Auftrittsmöglichkeiten und Verkaufszahlen halten sich in engen Grenzen. Noch? Oder beflügelt die fast durchgehend niedrige Flughöhe die kreativen Anstrengungen zusätzlich, um letztlich irgendeine Art von „Durchbruch“ – was immer man darunter verstehen mag – zu schaffen? Man muß die Frage zwangsläufig weiterreichen an Künstler, Managements, Bookingagenturen und Labels. Und natürlich an die Veranstalter. Die dienen unzweifelhaft – CD-Absatzzahlen korrelieren mittlerweile mit der relativen Bedeutungslosigkeit der Charts – als verlässlichste Buchmacher für die reale Attraktivität, Durchsetzungskraft und Popularität des Angebots. Immerhin: als erfreuliches Indiz für die zunehmende Begeisterungsfähigkeit des lokalen Publikums für lokale Acts darf der Run auf letztere gewertet werden. Anno 2010 hat man sich, und das war eine wirkliche Überraschung, veranstalterseitig fast schon gegenseitig überboten, was markante Namen und modische Erscheinungen der A-Szene betrifft. Vom Donaufestival bis zum Donauinselfest, vom Wiener Stadtfest bis zu den Bezirksfestwochen.

Und dann war da noch das „Popfest“ am Wiener Karlsplatz Anfang Mai. Mit dem Journalisten und Musiker Robert Rotifer als Kurator, den Festivalleitern Gabriela Hegedüs und Christoph Möderndorfer, dem Geldgeber Andreas Mailath-Pokorny (in seiner Eigenschaft als Wiener Kulturstadtrat) und einer quantitativ und qualitativ beeindruckenden Riege teils gut bekannter, teils weithin (noch) unbekannter Gruppen und Projekte. Das Resümé nach vier Tagen familiären Stelldicheins unter der Kulisse der Karlskirche fällt deutlich positiv aus: solch eine Bestandaufnahme, Eigenermächtigung und forcierte Selbstdarstellung der Szene hat schon lange gefehlt. Das Publikumsinteresse war da. Mehr als das: wo die Veranstalter vielleicht mit zehntausend Besuchern insgesamt gerechnet hatten, kamen mindestens doppelt soviele. Weil es ein Gratis-Event war, könnte man jetzt einwenden. Kritische Stimmen vermuteten gar ein einmaliges, durchschaubares „Brot & Spiele“-Wahlkampfzuckerl der SPÖ.

Ich denke aber, daß allein die mächtige (und fast durchwegs begeisterte) Resonanz auf diese legére Leistungsschau eine Fortsetzung nicht nur legitimiert, sondern geradezu determiniert. Den Stadtrat oder die Kulturpolitiker/innen möchte ich mir anschau’n, die die Zeichen der Zeit so verkennen, daß sie die – seit langem, nachdrücklich und vielfach geäusserte – Forderung nach Förderung nicht nur der repräsentativen Hochkultur, sondern auch der lokalen und regionalen Populärkultur sowohl faktisch wie auch perspektivisch missachten. In diesem Sinne: ein Anfang ist gemacht, ein Ausgangspunkt gesetzt, ein Wunsch geäußert, eine Idee formuliert, eine mögliche Umsetzung definiert. Freuen wir uns auf das Popfest 2011!

Natürlich gibt es Kritikpunkte. Verbesserungspotential. Und Nachschärfungs-Bedarf. Entweder entscheidet man sich für ein kleines, feines Happening im Freundes- & Kollegenkreis, dann tut’s auch die vergleichsweise schwachbrüstige Technik und schnuckelige „Seebühne“ (die leider weniger eine „Sehbühne“ war), wie man sie heuer aufbot. Oder man rüstet auf – und muß möglicherweise den Karlsplatz verlassen. Oder die Mittel auf weniger Acts konzentrieren. Auch die terminlichen Überschneidungen mit dem international angelegten, aufwändigen Donaufestival in Krems sind reichlich unglücklich. Meinem persönlichen Geschmack nach könnte man zudem mehr Liebe in Details stecken: vom für die Labels essentiellen CD-Verkaufsstand, der eher zur Randerscheinung geriet, bis zum nicht existenten Programmheft, das mehr Infos bietet als der (fein gestaltete) Festival-Flyer. Auch die charmant vorgebrachte Aufforderung an Künstler und Bands, überraschende Kollaborationen zu suchen und Ungewohntes zu wagen, hätte die vier Tage (zuviele?) mit noch mehr Spannung aufgeladen.

Und natürlich muß man, wenn man – zurecht! – Clara Luzia, Bunny Lake, Tanz Baby! & Co. zum Mainstream eines neuen österreichischen Pop-Verständnisses erklärt, auch die Mainstream-Durchlauferhitzer erreichen, überzeugen und einbinden. FM4, „Falter“ und „Standard“ als Medienpartner sind gut und schön, aber natürlich bedarf es auch Signale an Ö3, Radio Wien, „Heute“, „Kurier“, „Puls 4“ und das Hernalser Bezirksblatt. Die Propagandamaschinerie anzuwerfen – die Stadt Wien selbst ist da ja auch nicht gerade auf der sprichwörtlichen Nudlsupp’n dahergeschwommen – kann aber auch nach hinten losgehen, dessen muß man sich bewusst sein. Zarter Nachwuchs soll und darf nicht mit offiziösen Superlativen zugeschissen werden. Hier die richtige Balance zu finden und alljährlich die denkmöglich stimmigste, publikumswirksamste und dabei – allen ewigen Matschkeranten, Besserwissern und Hacklwerfern dieser Stadt zum Trotz – einzig „richtige“ Auswahl zu treffen, ist die eigentliche Aufgabenstellung.

Anderseits, damit die Suppe nicht nur im eigenen Bewusstseinstopf köchelt: Einladungen an Journalisten, Musikexperten und Meinungsbildner in Berlin, Rom, London, Moskau, Shanghai wären auch fein. Eine einmalige Chance, das K&K-Image der Hauptstadt dieses Landes nachdrücklich zu korrigieren. Und auch Bilder und Töne abseits der Lipizzaner-, Riesenrad- und Walzer-Klischees in den Köpfen da draussen zu verankern. Pop! Es muss ja nicht unbedingt ein Taschenfeitl sein, der zum neuen Symbol Wiens wird.

P.S.: Als Tonspur zur Kolumne erlaube ich mir – durchaus nicht uneigennützig und quasi selbsterklärend –, „Wien Musik 2010“ zu empfehlen. Die Compilation mit dem grantig-genialischen Franz Schuh am Cover. Ab sofort im Fachhandel erhältlich.

Technisches Privatmuseum

8. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (58) Technik-Nostalgie. Von der 3,5 Zoll-Diskette bis zum Commodore C64 – nichts verschwindet ganz.

Wenn Dinge verschwinden, hinterlassen sie Lücken. Aus denen irgendwann Erinnerungslücken werden. Oder können Sie noch aus dem Stegreif sagen, wann Sie die letzte 3,5-Zoll-Diskette in den Diskettenschlitz Ihres Computers gesteckt haben? Wie – Ihr PC hat solch eine ominöse Öffnung gar nicht? Nie gehabt? So rasch kann es gehen. Die Meldung der japanischen Tageszeitung „Mainichi Shinbum“, Sony verabschiede sich mit Ende des laufenden Geschäftsjahres endgültig von diesem Speichermedium, überraschte nicht wirklich. Alles hat seine Zeit. Und die Zeit der „Floppy Disc“ – maximale Speicherkapazität 1,44 Megabyte (!), heute benötigt jeder Schnappschuß mehr – ist definitiv abgelaufen.

Trotzdem rühren solche Nachrichten immer ans Herz. Jedenfalls kann ich mich gut an die frühen achtziger Jahre erinnern, als das Plastikteil Modernität verströmte. Und die weit weniger schicken 5,25- und 8-Zoll-Formate plötzlich nur mehr ödes Hinterherhinken signalisierten. Im ORF wurden damals übrigens noch, wenn ich mich recht entsinne, rotierende Magnetbandspulen und massive Mainframe-Computerungetüme ins Bild gerückt, wenn Wahl-Hochrechnungen anstanden. Professor Bruckmann und das Volk fassten wohl erst spät Vertrauen zu Tischrechnern und PCs.

Aber bevor ich Sie jetzt mit Grossväterchens Geschichten aus dem Krieg zu langweilen beginne: es verschwindet eh nie etwas ganz. Im Fall der 3,5-Zoll-Diskette hat umgehend der Hersteller Verbatim aufgezeigt und eine Fortsetzung der Produktion verkündet. Wahrscheinlich gibt es irgendwo in China auch noch eine Klitsche, die Iomegas Zip-Laufwerke nachbaut. Oder die Magneto Optical Disc (MOD) von Fujitsu. Datasetten für Commodore C64-Nostalgiker. Oder… Stop! Die Evolutions-Schautafel der Computergeschichte samt allen Hauptarmen und abgestorbenen Seitenverästelungen hat hier nicht genug Raum.

Von wegen: ich kenne Kollegen, die haben für solche Zwecke – oft sehr zum Unwillen ihrer Freundin oder Ehefrau – daheim ein eigenes Regal okkupiert. Eine Abstellkammer. Oder gar den ganzen Keller. Schon schick: ein Technisches Museum, nur privat. Inventarnummer eins ist dann oft die erste Spielkonsole, auf der man dereinst daddelte. Die „Sentimental Journey“, zu der ganze Generationen neigen, triggert ja auch kommerzielle Phantasien. Dass etwa auch der erwähnte, legendäre C64-Brotkasten – jener PC, der der gesamten Video- und Computerspielebranche auf die Beine half – in irgendeiner Reinkarnationsform wiederaufersteht, hab’ ich seit seinem Verschwinden von der Bildfläche sicher schon hundertmal gelesen. Und werde es noch hunderte Male. Die Zukunft der Vergangenheit ist die Gegenwart.

Helden von morgen

4. Mai 2010

Nun existiert sie also wirklich: die „Österreichische Musikcharta“. Aber noch gilt es, das Abkommen mit dem ORF mit Leben zu erfüllen. Zuvorderst im Visier: der Küniglberg und dessen TV-Studios.

Zuerst tobte der Streit jahre-, fast jahrzehntelang. Dann einigte man sich innerhalb weniger Tage. Die Rede ist von der Vereinbarung zwischen dem ORF, der grössten elektronischen Medienorgel des Landes, und einer Armada diverser Fachverbände, Interessensvertreter, SOS-musikland.at-Wappenträger und Einzelkämpfer im Namen der Musik.

Was knapp vor Weihnachten 2009 besprochen, beschlossen und unterzeichnet wurde, ist keine Revolution. Und schon gar keine kleinliche „Quotenregelung“ mit Daumenschrauben-Charakter. Eher die Festschreibung einer Evolution, die mit kleinen, aber konkreten und konzentrierten Schritten bergauf führen soll. Und den Medienpartner ORF nicht in die (zu lange seinerseits vermutete) Sackgasse oder gar schnurstracks in den Untergang, sondern zu einem gedeihlichen Neben- und Miteinander bewegen wird. Die Währung heisst Aufmerksamkeit. Das Fundament gegenseitiger Respekt. Erstmals wurde die Existenzberechtigung der Thematik praktisch anerkannt, auch die Festlegung auf Mindeststandards und Messmethoden ist ein Quantensprung.

Gestatten Sie also selbst einem alten Berufszyniker wie mir eine vorsichtig positive Beurteilung des Kontrakts, den Alexander Wrabetz einerseits, Universal- und IFPI-Chef Hannes Eder andererseits geschlossen haben. Und die Hoffnung, dass die „Österreichische Musikcharta“ ein Eckpfeiler eines neuen Selbstverständnisses und Selbstbewußtseins lokaler, regionaler, nationaler Kreativität (mit Drang zu internationalem Erfolg) ist. Hie wie da. Das in diesem Kontext äusserst treffliche Bild der kommunizierenden Röhren schliesst Medium und Botschaft, Sender und Empfänger, Künstler und Berichterstatter mit ein.

Damit wir uns aber nicht im Allgemeinen verlieren, und damit die Sache und der damit verbundene kommunikative Schwung nicht allzu rasch wieder einschlafen, erlaube ich mir ein paar konkrete Fingerzeige. Lassen wir Ö3 mal aussen vor, dazu haben sich (zu) viele schon erschöpfend geäussert, mich eingeschlossen. Auch Ö1 ist ein zu eigenwilliges Spielfeld und die zeitgenössische Klassik ein zu sensibles Pflänzchen, um hier einfach drauflos zu schwadronieren. Zu Radio Wien, einem der grössten Problemfälle des ORF in punkto „Österreicher-Anteil“, fiele mir schon mehr ein. Es kann wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein, Oldie-Drall hin oder her, ewig Peter Cornelius, Ganymed und Rainhard Fendrich zu repetieren. Vorzugsweise spätnächtens. Und mit Falco, Christl Stürmer und Vera Böhnisch bewegt man sich schon wieder auf Ö3-Terrain; dabei gilt es die Sender zu beidseitigem Quotenvorteil und zur Abwehr von „Radio Arabella“ und „KroneHit“ strikt zu entflechten. Was tun?

Simpler Vorschlag: es gibt gerade eine hoch aktive, hochinteressante Wiener Szene, die nur partiell auf FM4 eine Heimat fand und findet. Ich sage nur: Ernst Molden. Könnte genauso gut aber auch Birgit Denk, 5 8terl in Ehr’n, Kollegium Kalksburg, Sterzinger, Der Nino aus Wien, Des Ano, Die Strottern, Garish, Kempf oder Das Trojanische Pferd nennen. Da würd’ ich gern mehr hören. Und andere wohl auch: Live-Novitäten wie das „Popfest Wien“ am Karlsplatz, programmiert von Robert Rotifer, aber auch generell die zunehmende Nachfrage nach den „guten Kräften“ dreissig Jahre nach Chuzpe dürfen als Indiz herhalten.

Der wesentliche Faktor ist und bleibt aber das Fernsehen. Dass anno 2010 immer noch zur Diskussion steht, ob und, wenn ja, wie der ORF seine – eh nicht mehr staatstragende, aber immer noch immanent identitätsstiftende – Rolle etwa in Hinsicht auf den Branchen-Jahrmarkt (der Eitelkeiten, aber auch der Marketing-Botschaften) „Amadeus“ zu definieren hätte, macht mich ein bissl fassungslos. Ja, wann und wie will man denn berichten über die Popszene dieses Landes, wenn nicht zumindest anlässlich des einzigen Events, auf den man sich szeneweit verständigt? Meinetwegen mit Ostrowski-Schmäh und Heinzl-Ironie (der Mann versteht mehr von Pop-Spielregeln, als ihm viele zutrauen), besser wohl mit Mut zur geschickten, innovativen Verbindung von Tönen, Zwischentönen und Bildern. Und einem Grundrespekt der Kundschaft – den MusikerInnen und MusikliebhaberInnen – gegenüber. Ja, ich will den „Amadeus“ wieder im ORF sehen. Oder soll auch hier „Red Bull“-Erfinder Didi Mateschitz via „Servus TV“ zeigen, wo’s lang geht?

Weil wir schon dabei sind: im neuen ORF-Gesetz, an dem unsere Volksvertreter ganz uneigennützig seit Monaten herumschrauben, hat doch ein zusätzlicher Kultur- und Informationskanal seine Existenzberechtigung festgeschrieben bekommen. Mehr als das: der ORF wird quasi zwangsverpflichtet, aus dem halb öffentlich-rechtlichen, halb privaten Obskuranten-Programm TW1 etwas Brauchbares zu machen. Man könnte dort z.B. ein Nachwuchsbiotop installieren, wie es früher die Jugendredaktionen von „Ohne Maulkorb“, „Okay“ und „X-Large“ waren. Und heute etwa FM4 ist. Der inneren Vergreisung bei gleichzeitig galoppierenden Personalkosten lässt sich so am ehesten entgegenwirken. Ebenso dem augenfälligen Überhang von Operninszenierungen, Schlager-Tralala und Volksmusik-Humtata, der einer dem Markt und der Demoskopie konformen Berücksichtigung von Pop im weitesten Sinne Hohn spricht. Mehr Mut, Herr Lorenz, Herr Böhm, Herr Strobl, Frau Roscic! Es muss ja nicht gleich die grosse Hauptabend-Show sein, die Anna F., Soap&Skin, Parov Stelar und Texta bis in die letzten Winkel und Dorfgasthäuser der Alpenrepublik trägt.

Thomas Rabitsch, Oberkapellmeister der Nation, hat neulich angedeutet, dass man am Küniglberg abseits von „Musikantenstadl“, „Starmania“ und ähnlichen Formaten tatsächlich nicht gänzlich uninteressiert sei an Ideen, Konzepten und Vorschlägen zum Thema Musik. Wiewohl: schwierige Materie. Aber doch. Nun, wenn’s denn so ist – hier ein simpler Vorschlag: lasst die Protagonisten doch für sich selbst sprechen. „15 minutes of fame“, ein knapper, aber dezidierter Freiraum, generös eingeräumt von der Programmdirektion. Und beinhart genutzt von den „Helden von heute“. Respektive morgen. Birgit Denk, Michael Ostrowski, Valerie Sajdik und/oder Eberhard Forcher als Moderator(inn)en, eine dichte, sympathische, respektvolle redaktionelle Introduktion und dann: Manege frei!

Drei Acts in sechzig Minuten, aus durchaus unterschiedlichen Biotopen und Subszenen. Live. Sagen wir mal, exemplarisch: Luttenberger/Klug, Die Vamummtn, Parov Stelar. Oder: Christl Stürmer, Bunny Lake, Attwenger. Oder: Norbert Schneider. Die Seer. Richard Dorfmeister. Für alle gibt es jeweils eine Viertelstunde, gestaltet nach eigenem Ermessen, der Rest auf die volle Stunde ist Drumherum, lockerer Talk und eine kurze Bedienungsanleitung. Inkludiert: unmittelbares Feedback. Von einem Fachmann á la Markus Spiegel. Oder einem Kritiker wie Karl Fluch („Der Standard“) oder Samir Köck („Die Presse“). Oder einem Altvorderen wie Sigi Maron. Willi Resetarits. Wolfgang Kos. Oder.

Und von den drei Acts, die in einer Sendung vorgestellt werden, darf einer beim nächsten Mal wieder ran. Quasi eine Verlängerung der Spielzeit „on public demand“. Per Internet-Voting. Via Widgets. Auf Facebook, MySpace & Co. Und auf einer eigenen Website. Dort gibt’s Downloads, Videos, Links und ausführliche Infos zu den vorgestellten Künstlern. Und Buttons wie „Mehr davon auf Ö3!“. Oder „Radio Wien, bitte herhören!“. Also im Idealfall mehr als „15 minutes of fame“. Andy Warhol hätte wohl mächtig Spass an solch einer weitgehend unzynischen, aber gewiss nicht spannungsfreien „Gong Show“ gehabt.

Ein bisserl was wird man sich doch noch wünschen dürfen von der ORF-Entwicklungsabteilung (und sagen Sie bloss nicht, die wäre aus Kostengründen aufgelöst worden. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, sang schon André Heller. „Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Nicht mal im Internet, wage ich zu ergänzen.) Im Idealfall eine frische, unkonventionelle, zeitgemässe, spannende, unprätentiöse, clevere, ernstzunehmende, sich selbst, die Künstler und das Publikum ernst nehmende neue TV-Musik-Plattform. Einen Abglanz der Warhol’schen „15 minutes of fame for everyone“. Meine persönliche Viertelstunde reiche ich weiter an Willi Resetarits & Ernst Molden. Clara Luzia. Michi Gaissmaier. Franz Adrian Wenzl alias „Austrofred“. Olga Neuwirth. Oder Patrick Pulsinger (um noch mehr Namen zu nennen). Die wissen damit jede Menge anzufangen. Mit Garantie.

%d Bloggern gefällt das: