Wiener Wunder

10. Mai 2010

Das „Popfest Wien“ am Karlsplatz war ein unüberseh- und unüberhörbares Signal für die Öffnung der Stadt, meinen die einen. Leider nur ein bunt verpacktes Wahlzuckerl, die anderen. Egal: die Dinge sind in Bewegung gekommen. Und das ist gut so.

„Wean, Du bist a Taschenfeitl“ sangen einst Helmut Qualtinger und André Heller. Zu süßlichen Geigenklängen von Toni Stricker ist in diesem Klassiker der Austropop-Historie die Rede von einem „Himmel voller Schädelweh“, „brachliegenden Wiesen aus Marzipan“ und – Heller verkochte barocken Schwulst immer schon gern mit schneidendem Zynismus – dem Urteil, dass die solchermassen besungene Metropole eine zehnmal ausgekochte Burenwurst sei. Und eine Hure, die keinerlei Antwort auf allerlei Fragen hätte.

Aber welche Fragen wurden denn gestellt? Ja, es gab immer wieder einzelne Vorstösse, die „Stadt der Musik“ nicht nur aus dem Blickwinkel der Klassik-Lordsiegelwahrer, Wiener Sängerknaben, Jazzfest-Traditionalisten und Musical-Reichsverweser zu betrachten. Und darauf hinzuweisen, dass der urbane Wasserkopf Österreichs auch in popkultureller Hinsicht Strahlkraft über die Grenzen hinaus entwickeln konnte und könnte. Man muss dazu gar nicht allzu tief in der historischen Klamottenkiste wühlen. Ambros, EAV, Falco & Co. sind auch heute noch ein Begriff jenseits des Weißwurst-Äquators, Kruder & Dorfmeister tönen ungebrochen in Modeboutiquen von Budapest bis Tokyo, die „Red Bull Music Academy“ ist ein Glücksfall cleveren Kultur-Marketings. Und die aktuelle Szene dieser Stadt – umliegende Bundesländer werden ungeniert eingemeindet – ist vital, selbstbewusst, präsent und vielfältig wie selten zuvor. Von – um nur einige Namen zu nennen – Soap&Skin bis Ja, Panik (die ihrerseits wieder „Wien, Du bist ein Taschenmesser“ intonieren, eine herrliche Paraphrase auf Heller/Qualtinger), von Gustav über Bauchklang, Sofa Surfers, Dorian Concept und Garish bis zu Ernst Molden und Die Strottern. Nebst Newcomern wie Ginga, 5/8erl in Ehr’n oder Der Nino aus Wien, in dem manche den legitimen Ziehsohn von André Heller sehen. Einzelne imaginieren schon ein „Wiener Popwunder“. Es könnten mehr werden.

Was man bei aller – durchaus verständlichen und medientechnisch partiell notwendigen – Selbstberauschung allerdings nicht vergessen sollte: ökonomisch ist die Lage für die Musikschaffenden dieses Landes schwieriger denn je, die Rundfunkeinsätze, Auftrittsmöglichkeiten und Verkaufszahlen halten sich in engen Grenzen. Noch? Oder beflügelt die fast durchgehend niedrige Flughöhe die kreativen Anstrengungen zusätzlich, um letztlich irgendeine Art von „Durchbruch“ – was immer man darunter verstehen mag – zu schaffen? Man muß die Frage zwangsläufig weiterreichen an Künstler, Managements, Bookingagenturen und Labels. Und natürlich an die Veranstalter. Die dienen unzweifelhaft – CD-Absatzzahlen korrelieren mittlerweile mit der relativen Bedeutungslosigkeit der Charts – als verlässlichste Buchmacher für die reale Attraktivität, Durchsetzungskraft und Popularität des Angebots. Immerhin: als erfreuliches Indiz für die zunehmende Begeisterungsfähigkeit des lokalen Publikums für lokale Acts darf der Run auf letztere gewertet werden. Anno 2010 hat man sich, und das war eine wirkliche Überraschung, veranstalterseitig fast schon gegenseitig überboten, was markante Namen und modische Erscheinungen der A-Szene betrifft. Vom Donaufestival bis zum Donauinselfest, vom Wiener Stadtfest bis zu den Bezirksfestwochen.

Und dann war da noch das „Popfest“ am Wiener Karlsplatz Anfang Mai. Mit dem Journalisten und Musiker Robert Rotifer als Kurator, den Festivalleitern Gabriela Hegedüs und Christoph Möderndorfer, dem Geldgeber Andreas Mailath-Pokorny (in seiner Eigenschaft als Wiener Kulturstadtrat) und einer quantitativ und qualitativ beeindruckenden Riege teils gut bekannter, teils weithin (noch) unbekannter Gruppen und Projekte. Das Resümé nach vier Tagen familiären Stelldicheins unter der Kulisse der Karlskirche fällt deutlich positiv aus: solch eine Bestandaufnahme, Eigenermächtigung und forcierte Selbstdarstellung der Szene hat schon lange gefehlt. Das Publikumsinteresse war da. Mehr als das: wo die Veranstalter vielleicht mit zehntausend Besuchern insgesamt gerechnet hatten, kamen mindestens doppelt soviele. Weil es ein Gratis-Event war, könnte man jetzt einwenden. Kritische Stimmen vermuteten gar ein einmaliges, durchschaubares „Brot & Spiele“-Wahlkampfzuckerl der SPÖ.

Ich denke aber, daß allein die mächtige (und fast durchwegs begeisterte) Resonanz auf diese legére Leistungsschau eine Fortsetzung nicht nur legitimiert, sondern geradezu determiniert. Den Stadtrat oder die Kulturpolitiker/innen möchte ich mir anschau’n, die die Zeichen der Zeit so verkennen, daß sie die – seit langem, nachdrücklich und vielfach geäusserte – Forderung nach Förderung nicht nur der repräsentativen Hochkultur, sondern auch der lokalen und regionalen Populärkultur sowohl faktisch wie auch perspektivisch missachten. In diesem Sinne: ein Anfang ist gemacht, ein Ausgangspunkt gesetzt, ein Wunsch geäußert, eine Idee formuliert, eine mögliche Umsetzung definiert. Freuen wir uns auf das Popfest 2011!

Natürlich gibt es Kritikpunkte. Verbesserungspotential. Und Nachschärfungs-Bedarf. Entweder entscheidet man sich für ein kleines, feines Happening im Freundes- & Kollegenkreis, dann tut’s auch die vergleichsweise schwachbrüstige Technik und schnuckelige „Seebühne“ (die leider weniger eine „Sehbühne“ war), wie man sie heuer aufbot. Oder man rüstet auf – und muß möglicherweise den Karlsplatz verlassen. Oder die Mittel auf weniger Acts konzentrieren. Auch die terminlichen Überschneidungen mit dem international angelegten, aufwändigen Donaufestival in Krems sind reichlich unglücklich. Meinem persönlichen Geschmack nach könnte man zudem mehr Liebe in Details stecken: vom für die Labels essentiellen CD-Verkaufsstand, der eher zur Randerscheinung geriet, bis zum nicht existenten Programmheft, das mehr Infos bietet als der (fein gestaltete) Festival-Flyer. Auch die charmant vorgebrachte Aufforderung an Künstler und Bands, überraschende Kollaborationen zu suchen und Ungewohntes zu wagen, hätte die vier Tage (zuviele?) mit noch mehr Spannung aufgeladen.

Und natürlich muß man, wenn man – zurecht! – Clara Luzia, Bunny Lake, Tanz Baby! & Co. zum Mainstream eines neuen österreichischen Pop-Verständnisses erklärt, auch die Mainstream-Durchlauferhitzer erreichen, überzeugen und einbinden. FM4, „Falter“ und „Standard“ als Medienpartner sind gut und schön, aber natürlich bedarf es auch Signale an Ö3, Radio Wien, „Heute“, „Kurier“, „Puls 4“ und das Hernalser Bezirksblatt. Die Propagandamaschinerie anzuwerfen – die Stadt Wien selbst ist da ja auch nicht gerade auf der sprichwörtlichen Nudlsupp’n dahergeschwommen – kann aber auch nach hinten losgehen, dessen muß man sich bewusst sein. Zarter Nachwuchs soll und darf nicht mit offiziösen Superlativen zugeschissen werden. Hier die richtige Balance zu finden und alljährlich die denkmöglich stimmigste, publikumswirksamste und dabei – allen ewigen Matschkeranten, Besserwissern und Hacklwerfern dieser Stadt zum Trotz – einzig „richtige“ Auswahl zu treffen, ist die eigentliche Aufgabenstellung.

Anderseits, damit die Suppe nicht nur im eigenen Bewusstseinstopf köchelt: Einladungen an Journalisten, Musikexperten und Meinungsbildner in Berlin, Rom, London, Moskau, Shanghai wären auch fein. Eine einmalige Chance, das K&K-Image der Hauptstadt dieses Landes nachdrücklich zu korrigieren. Und auch Bilder und Töne abseits der Lipizzaner-, Riesenrad- und Walzer-Klischees in den Köpfen da draussen zu verankern. Pop! Es muss ja nicht unbedingt ein Taschenfeitl sein, der zum neuen Symbol Wiens wird.

P.S.: Als Tonspur zur Kolumne erlaube ich mir – durchaus nicht uneigennützig und quasi selbsterklärend –, „Wien Musik 2010“ zu empfehlen. Die Compilation mit dem grantig-genialischen Franz Schuh am Cover. Ab sofort im Fachhandel erhältlich.

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3 Antworten to “Wiener Wunder”

  1. Peter Says:

    weiss vielleicht wer, ob es die sessions bzw. diskussionen irgendwann(wo) mal als download zu hören gibt?


  2. […] fallen: die wahrscheinlich meistdiskutierte, -erwartete und -bejubelte „Newcomer“ beim Pop Fest Wien waren Ginga. Das lässt auf etwas schließen, das mit „Z“ beginnt und mit […]


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