Neue Medien, alte Tugenden

15. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (59) Die Bürgergesellschaft profitiert enorm von den Möglichkeiten des Web 2.0. Jetzt ist auch die „Blackbox“ wieder online.

Wenn ich darüber nachdenke, welche Entwicklungen und Phänomene der letzten Jahre mir besonders denkwürdig erscheinen, dann gibt es darauf – sieht man von der Systemkrise der Finanzmärkte und der Aufdeckung einer krebsgeschwürgleichen österreichischen Polit-Korruptheit ab – nur eine Antwort: die explosionsartige Verbreitung von Social Media.

Ich kann meine Einschätzung nur aus dem Bauch heraus postulieren, aber wage zu behaupten, dass Facebook, Twitter & Co. mehr zur Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Mobilisierung bislang braver Staatsbürger beitragen, als wir es von der traditionellen, non-partizipativen Medienlandschaft gewohnt sind. Wer’s nicht glaubt, lese einmal einen Twitter-Stream zu einem durchschnittlichen #Club2 mit: allein der Unterhaltungswert der Kommentare schlägt das ORF-Programm mit Abstand. Von der Möglichkeit sehr unmittelbarer Vernetzung einmal abgesehen. Hier wächst, abseits der üblichen Troll-Scheinkämpfe und Parteizentralen-Postings in Online-Foren, ein Werkzeug mit ungeheurer Hebelwirkung heran. Es wird wohl von Demokraten und Demagogen gleichermassen genutzt werden.

Aber ganz neu ist derlei nun auch wieder nicht. Erinnere ich mich an die Anfänge meiner persönlichen Social Media 1.0-Historie Anfang bis Mitte der neunziger Jahre zurück, fällt mir sogleich der Internet Service Provider „Magnet“ ein, initialisiert vom heutigen Venture Capital-Unternehmer Klaus Matzka. Bei diesem – neben EUNet – ersten ISP Österreichs gab es die putzige „Magnet City“, die eine kleine, überschaubare Community in einer Art virtuellen Stadt organisierte. Das funktionierte wunderbar, und ich kenne Leute, die hüten heute noch eine .magnet-Mailadresse.

Und dann war da die „Blackbox“, 1992 als Online-Forum für Politik und Jugendkultur gegründet und lange die grösste und medienpräsenteste virtuelle Gemeinschaft Österreichs. Wer dazu gehörte, konnte sich in zweifacher Hinsicht als Vorreiter fühlen: es war ja noch nicht alltäglich, sich mit einem 56k-Modem via Telefonleitung Zugang zu verschaffen (immerhin waren schon die Akustikkoppler der IT-Steinzeit obsolet geworden). Und die Idee einer Zivilgesellschaft wurde so quasi als kommunikatives Computerspiel umgesetzt.

Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Tage die „Blackbox“ reaktiviert wurde. Als „Forum für Politik und Gesellschaft“, das sich zugleich als „Permanent Beta“-Web-Labor versteht. Die Absichten der Betreiber lesen Sie am besten selbst unter http://blackbox.at nach. Die Zeiten verlangen nach alten Tugenden und neuen Medien. Oder umgekehrt?

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6 Antworten to “Neue Medien, alte Tugenden”


  1. Ähm… auch wenn ichs noch so oft lese… die Blackbox wurde nicht „reaktiviert“ oder ist nicht „wieder online“ sie war NIE WEG – ich weiss das, ich hatte die Ehre sie in den Jahren 2000 – 2009 technisch am Leben zu halten.

    Das einzige was jetzt passiert ist, war einerseits dass sie auf eine neue technische Plattform gehievt wurde, und andererseits dass eine notwendige „Entschlackung“ auf das Wesentliche (Diskussionen) stattfand.

  2. Walter Gröbchen Says:

    Oh, sorry. Michael Eisenriegler hat mir mitgeteilt, die Blackbox würde „neu gelauncht“ (nicht: relauncht). Aber, wenn ich den Wikipedia-Eintrag nachlese: z.B. „Bis zum Jahr 2003/2004 konnte im wesentlichen nur eine Aufrechterhaltung des Status Quo, also des ungestörten Betriebes erreicht werden, eine Weiterentwicklung scheiterte bis dahin an mangelnden personellen Ressourcen.“ – die Nullerjahre scheinen nicht gerade eine Zeit der Hochblüte der Blackbox gewesen zu sein… Beste Grüsse, WG


    • Hallo, die Nullerjahre waren in der Tat nicht gerade die Blütezeit der Box, und nein, es hat sich auch nicht viel getan.

      Wollte nur loswerden, dass es sie jedenfalls durchgehend gegeben hat – damit ich nicht das Gefühl hab, in den letzten 10 Jahren gar nix gemacht zu haben ;o)

  3. Thomas Schartner Says:

    Was mir an der Blackbox immer gefallen hat, war eine gewisse grundanständige Eherlichkeit. Die Blackbox nutzte die selbe Technik wie Magnet, die Benutzer der Blackbox hatten auch Internet-email so wie die Nutzer von Magnet.

    Genauso wie Magnet war die Blackbox als email Anbieter deswegen aber noch lange kein Internet Service Provider, denn Zugang zum Internet haben weder Magnet noch die Blaxkbox angeboten 1994ff.

    Aber Magnet hat sich als Internet Service Provider beworben ohne einer zu sein. Erst ca 1996 hat Magnet auch Internet Zugänge angeboten, zu einem Zeitpunkt wo es ca 30 andere Internet Service Provider in Österreich gab.

    Magnet war also sicher nicht unter den ersten Internet Anbietern in Österreich und auch nicht unter den ersten Anbieter von Internet email.

    Online Plattformen die Internet email angeboten haben, gab es auch 1993 schon viele, zB das BBS System Garfields Lasagnebox mit 1000 aktiven Usern.

    Internet email in Österreich gibt es auch schon länger als 1990, das als Beginn des Internets in Österreich gilt. Weil Internet email eben nicht gleich Internetzugang ist.

    Grüsse ts

    • Walter Gröbchen Says:

      Hm. Ich kann mich dunkel erinnern, ab etwa 1993, 1994 eine .magnet-mail-Adresse besessen zu haben. Über welchen ISP ich mich via 56k-Modem eingewählt habe? Keine Ahnung mehr, um ehrlich zu sein. Aber ging des nicht eben doch über magnet oder blackbox?

  4. Thomas Schartner Says:

    Es gibt einen noch funktionierenden histrorischen Link, der 1996 alle Internetprovider die Österreichweit und in Linz aktiv waren aufgelistet hat.

    http://www.servus.at/ooenet/SW_DIE.htm

    Die zeitliche Reihenfolge der Aufnahme von kommerziellen Echtbetrieb der ISPs in at war

    Ende 1991 Eunet.at

    Juni 1994 ping.at (Erst Ende 1996 von EUnet übernommen)

    Ende Sommer 1994 Vianet


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