Kursziel Sklavenfabrik

29. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (61) Apple hat an der Börse mittlerweile sogar Microsoft überholt. Aber es gibt nicht nur Gewinner.

Ich bereue ja nicht allzuviel in meinem bisherigen Leben. Aber wirklich, pardon!, in den Arsch beissen könnte ich mich für die fatale Unterlassung, ein paar Euro in Aktien der Firma Apple Inc. gesteckt zu haben. Etwa am 25. April 2003, da kostete so ein Anteilsschein gerade mal 5 Euro 90 Cent. Und ich sagte dem Unternehmen zu diesem Zeitpunkt – als früher Besitzer eines iPods und wohlbestallter Berater internationaler Musikkonzerne (die Schnittmenge war lange erstaunlich gering) – durchaus eine güldene Zukunft voraus. Knapp sieben Jahre später steht der Apple-Aktienkurs bei über 200 Euro, Experten von Credit Suisse sagen gar ein Kursziel bei 300 Dollar voraus. Das Wunderding namens iPad, seit dieser Woche auch in Deutschland am Markt (Österreich folgt wohl spätestens im Herbst), befeuert die Phantasien, die Börsen verhalten sich wie isländische Vulkane.

Seit 2004 legte die Apple-Aktie um über 2300 Prozent (!) zu, die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt bei gut 222 Milliarden Dollar, 40 von 44 bei Bloomberg gelisteten Analysten empfehlen nachwievor den Kauf des Wertpapiers. Und, wer hätte das noch Mitte der neunziger Jahre für möglich gehalten, Steve Jobs hat damit Bill Gates überholt. Der Börsenwert von Apple liegt erstmals vor jenem von Microsoft.

Aber es ist, wie’s ist: das Aktiengeschäft ist mir fremd. Ich habe scharchlangweilige Bausparverträge und Lebensversicherungen in der Schublade. Die Chance aus, sagen wir: 100.000 Euro ein Vermögen zu machen (nach Adam Riese fast 3.400.000 Euro, wenn ich den Betrag 2003 investiert hätte), ist passé. Pessimisten meinen, ewig werde der Aufwärtstrend wohl nicht anhalten. Sie haben zwangsläufig recht. Letztendlich immer. Eventuell schon bald.

Und es gibt, bei allem Respekt vor der Apfel-Weltdominanz, auch bittere Aspekte. Umstände, die einem die Freude am neuen iMac oder am glänzenden iPhone ordentlich vermiesen können, vom Aktienkurs ganz zu schweigen. Denn gebaut werden viele der eleganten Gerätschaften in China, unter – man muss es so deutlich sagen – menschenunwürdigen Umständen. Die Firma Foxconn in Shenzen, einer der Dienstleister von Apple’s Gnaden, kam dieser Tage einmal mehr durch Selbstmorde von Arbeitern ins Gerede. Es sind Hundertausende, die in den Foxconn-Fabriken leben, schlafen, rund um die Uhr malochen. Und bisweilen den Druck nicht mehr ertragen. Nebstbei: auch Sony, Hewlett-Packard und Nokia bedienen sich dieser modernen Billiglohn-Sklaven.

Es gibt keine Gewinner ohne Verlierer. Nicht wenige bezahlen unseren Wohlstand mit ihrem Leben.

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8 Antworten to “Kursziel Sklavenfabrik”

  1. O. Pryde Says:

    Und warum genau ist Apple jetzt der Bösewicht? Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass Foxconn eine taiwanesische Firma ist (ja, die „guten“ Chinesen!) und der größte Kunde Intel ist und mit der Media-Saturn-Gruppe Geschäfte macht.

    Selektives Apple-Bashing ist halt groß in Mode.

    • DE Says:

      da ist schon ein kleiner unterschied, schliesslich präsentiert sich apple gerne als retter der moral (s. porno-apps am ipad). ist wohl nicht ganz so weit her damit… anders formuliert: wer austeilt, muss auch einstecken können. abgesehen davon wurden andere, die dort produzieren, im artikel auch erwähnt. von selektivem apple-bashing kann also keine rede sein.

  2. Andreas Josef Says:

    Die Realität ist noch etwas verzwickter, laut Daily Telegraph. Einige Leute scheinen sich umzubringen, weil ihre Familien dann 6-10 Jahreslöhne Kompensation erhalten. http://blogs.telegraph.co.uk/news/malcolmmoore/100041277/why-foxconn-cannot-stop-its-suicides/


  3. Es gibt auch noch andere Gründe, dem ewigen Apple- Hype nicht kritiklos zu folgen.

    Beispielsweise, die restriktive Vorgangsweise im Appstore des iPhones: was Apple nicht in den Kram passt, wird einfach nicht aufgenommen oder nachträglich gesperrt.

    Es gibt etliche Meldungen von App- Entwicklern, die sich zu Recht über Apples Rolle als Gatekeeper, oder bös gesagt, Zensor, aufregen.

    Ich werde jedenfalls wie schon beim iPhone auf eine Alternative auf Open Source- Basis warten.

    Ich bin sicher, dass all die Apple- Fanboys eines Tages erkennen werden, dass sich Apple schleichend zum zweiten Microsoft entwickelt, das mit unfairsten Methoden gegen die Konkurrenz kämpft.


  4. […] NetworkedBlogsBlog:Grob. Gröber. Gröbchen.Topics: Follow my blog « Kursziel Sklavenfabrik […]


  5. […] sensationell. Gerücht No. eins: der Computer- & Lifestyle-Konzern Apple, die finanziell potenteste Firma weltweit, baut ein Auto. Gerücht No. zwei: Österreich mischt mit. Und zwar in Form des […]


  6. […] Rest vom Fest. Dass der Konzern – mittlerweile „nur mehr“ auf Rang zwei der finanzstärksten Giganten weltweit – als Nebeneffekt eine perfekte geschlossene Verwertungskette zu schaffen sucht, liegt […]


  7. […] Werbematerialien, Zeitschriften und Firmenunterlagen jener Zeit. Sie künden von erstaunlicher Naivität, unbedingtem Fortschrittsglauben und freilich auch von Mondpreisen, die man für ein paar Megabyte […]


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