Hase und Igel

5. Juni 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (62) Liefern wir uns an den Börsen einer komplexen IT-Maschinerie aus, die wir längst nicht mehr kontrollieren?

Okay, die Sachen mit dem fehlenden Talent für Börsenspekulation hätten wir abgehakt. Aber wenn ich schon im Wirtschaftsressort fremdgehe (wie einst der legendäre „Trend“-Chefredakteur Jens Tschebull als „ressortmäßig unzuständiger Kulturkonsument, der seine Steuern und Eintrittskarten voll zu zahlen pflegt“), dann möchte ich von einer akuten Versuchung berichten. Nein, nicht der Versuchung, doch noch ein Bündel Apple-Aktien zu erwerben und von Steve Jobs himself den Stopp der US-Ölpest und die Neuerfindung des Rads einzufordern. Sondern dem juckenden Verlangen, Fachleute mit einer relativ versteckten Meldung zu konfrontieren.

Wenige Tage nach dem „unerklärlichen“, dafür umso dramatischeren Kurssturz („Flash Crash„) des Dow Jones-Index am 6. Mai – den Gordon Gekkos unter uns steckt das Datum sicher noch in den Knochen – berichteten Medien, dass die US-Börsenaufsicht technologisch völlig überfordert sei. Bei einer Parlamentsanhörung war rausgekommen, dass etwa die „Commodity Futures Trading Commission“ (CFTC) sämtliche Börsendaten per Fax erhält und händisch in die eigenen Computersysteme eingibt. Man befinde sich in einem ewigen Hase-Igel-Spiel, klagte der Oberaufseher Scott O’Malia („This agency is about to be hit with a tsunami of trade data and the fax machine will not provide any assistance whatsoever“). Die Behörde hinke der technologischen Entwicklung seit Jahren hinterher.

Nun funktionieren Politik und Wirtschaft gelegentlich tatsächlich so, wie sich der kleine Maxi das ausmalt. Oder schlimmer. Hier werden aber allerschlimmste Befürchtungen bestätigt: während die Börsen seit vielen Jahren vom automatisierten Hochgeschwindigkeitshandel dominiert werden, hantieren die Kontrollorgane quasi mit Rechenschiebern. Während komplexe Computerprogramme in Millisekunden Millionen von Aktien kaufen oder abstossen und ganze Staatsgebilde an den Rand der Pleite zu manövrieren vermögen, müssen US-Bürokraten um die Wiedereinführung einer „technologischen Beratungskommission“ kämpfen. Diese war 2005 abgeschafft worden. Der Weltuntergang steht ja eh erst für 2012 im Maya-Kalender, da ist locker eine Zigarettenpause drin.

Ich wette, die heimischen Banken- und Finanz-Aufsichtsbehörden – deren weitläufiges Versagen auch allerlei Rätsel aufgibt – ticken ähnlich. Alle Formulare ausgefüllt, meine Herren? Denn smarte Unternehmer wie Christian Baha („Superfund“), die lange von software-basierter Börsenzauberei lebten, drehen gerade wie wild am Rad, um ihre Scherflein ins Trockene zu bringen. Und ihre Schäfchen bei der Stange zu halten. Wer hier allerdings Hase ist und wer Igel, wird sich erst herausstellen.

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Eine Antwort to “Hase und Igel”

  1. Ritchie Says:

    Ja, das ist wirklich traurig – so eindringlich, dass man die von dir beschriebene Situation nahezu für ein Gleichnis über die asynchronen „Update-Zyklen“ von Technologie/Wirtschaft und Politik halten könnte. Diese Asynchronität hinterlässt ja auch in anderen Bereichen (Datenschutz) so manchen Scherbenhaufen.

    Ich habe allerdings nie verstanden, warum gar nicht wenige Superfund-Fans fest davon überzeugt waren, SF sei auf irgendeine Art und Weise antizyklisch angelegt… Baha macht ja im kleinen Stil genau das, was mittlerweile alle „kleinen Männer“ (die ja in den letzten Jahren nicht ungern Superfund gekauft haben) den bösen, bösen „Börsenspekulanten und Rating-Agenturen“ vorwerfen.


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