Shanghai’d in Shanghai

19. Juni 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (64) Man muß nur ein wenig reisen, damit einem der Grosse Bruder ungeniert über die Schulter guckt.

Wenn Sie diese Zeilen zu lesen bekommen, sitze ich in einem Hotelzimmer in Shanghai. Eventuell in einem Internet-Café. Oder aber im angenehm kühlen, von chinesischen Dirndl-Trägerinnen betreuten Österreich-Pavillon auf der Expo. Allerorten ist es kein Problem, auf Knopfdruck die neuesten Nachrichten aus der Heimat abzurufen. Und doch wird einem hier, achteinhalbtausend Kilometer von Wien entfernt, rasch bewusst, in einer anderen Hemisphäre gelandet zu sein. Denn: Facebook und Twitter funktionieren nicht. Der direkte Zugang zu Social Networks ist versperrt. Gibt man die Suchbegriffe „Facebook“ und „China“ ein, öffnet die lokale Google-Site keine Artikel. Und schreibt man darüber in seinem Blog, kann man eventuell auch darauf nicht mehr zugreifen. Zufall? Nein, ein anderes Wort, das mit „Z“ beginnt, ist zutreffender. Man hat das verdammte Gefühl, dass ein lächelnder Beamter der Kommunikationsbehörde quasi um die Ecke hockt und mitliest, was man so in die Tastatur tippt.

Kenner der hiesigen Zustände winken müde ab. Natürlich könne man die Sperren umgehen. Ihr aktueller Ratschlag: ich solle mir doch mal die Virtual Private Network-Software „Skydur“ runterladen, damit funktioniere dann zumindest Facebook wieder. Die Website des Unternehmens – Dienstleistung: sichere & anonyme Internet-Zugänge – verweist auf die neuere Version „Astrill“. Die Sachlage ist klar: man will mir etwas verkaufen, um nur 10 Dollar 95 Cent pro Monat oder 49 Dollar 95 Cent pro Jahr (Supersonderangebot! „You save 62%“). Dafür darf ich mir dann einen Code auf den Laptop laden, von dem ich nicht recht weiss, was er in den Eingeweiden der Maschine anstellt. Und ob er überhaupt wirkt. Ein ähnliches Programm, „Hotspot Shield“, haben die Web-Wächter erst kürzlich ausgeschaltet. Wie ich übrigens problemlos auf google.com nachlesen kann, wenn man die Landesbindung handgestrickt umgeht.

Es sei ein ewiges Katz- & Maus-Spiel, sagen Experten. China bezichtigt, nebstbei, Google, eine politische Agenda (im Auftrag der US-Regierung?) zu verfolgen. „Internet-Kontrollen“ – welch harmloses Wort! – seien für Peking eine „Frage der Souveränität“ und somit eine „rein interne Angelegenheit“, verkündete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Wie immer auch: ich hatte nicht vor, Revolutionsaufrufe, Pornographie oder „vulgäre Äusserungen“ zu veröffentlichen. Aber die ominöse VPN-Software kann mir auch gestohlen bleiben. Würde mich nicht wundern, wäre sie vom chinesischen Geheimdienst in Absprache mit der CIA entwickelt worden. Und man damit ebenso anonymen wie ominösen Hackern Tür und Tor öffnet. Man wird in dieser turbokapitalistischen Kommunisten-Megametropole ziemlich rasch und ziemlich sicher zum Verschwörungstheoretiker.

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2 Antworten to “Shanghai’d in Shanghai”

  1. Walter Gröbchen Says:

    Mama, here’s a postcard to let you know
    I’m in a saltmine and looking for coal.

    Shanghai’d in Shanghai
    Stood on in Tuscon
    Ripped off and kicked right out the bed.


  2. […] heute zählt die chinesische Bevölkerung zu den bestüberwachten dieses Planeten. Politische Gängelung, Zensur und Internet-Blockaden sind Alltag. Die Forderung […]


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