Lizenz zum Gelddrucken

26. Juni 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (65) „Roaming-Gebühren“ sind ein Freibrief zum Abkassieren. Dahinter steckt eine ungenierte „Gewinn ist geil“-Philosophie.

Seit Jahren trichtert uns eine grosse Elektrohandelskette ein, Geiz wäre geil. Was die Manager des Unternehmens (wohl jedes Unternehmens, um ehrlich zu sein) wirklich im Hinterkopf haben, sind Handelsspannen. Jene Beträge, die – jenseits des eigentlichen Werts eines Produkts – die Gemeinkosten des Händlers decken, die Steuern bezahlen und einen hübschen Profit ermöglichen. Je grösser die Spanne, desto geiler der Gewinn.

Nun ist die Marge bei vielen Produkten kaum der Rede wert. Es gibt aber einige Branchen, deren Gewinnspannen so absurd sind, dass das Geschäftsfeld per se einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommt. Dazu zählen Kosmetika, Wasser (abgepackt in Flaschen), Designertextilien, Schmuck, Popcorn und Süssigkeiten in Kinos, Brillen, Uhren, Drucker-Toner, Energy Drinks, Getränke in Restaurants und Bars generell sowie Medikamente. Bei einigen dieser Produkte liegen die Aufschläge im Vergleich zu ihren Herstellungskosten jenseits fünftausend (!) Prozent. Und, ja, natürlich wissen wir alle, dass z.B. Medikamente intensiver und teurer Forschung bedürfen. Aber rechtfertigt dies, Acetylsalicylsäure anno 2010 als „Aspirin“ zu verpacken und zum Apothekerpreis zu verkaufen?

Die Branche aber, die am unverschämtesten agiert, ist die Telekommunikationsbranche. Mag der Wettbewerb auch generell hart sein und Mischkalkulation ein Patentrezept, so haben doch alle Anbieter ein Eldorado zum Abkassieren entdeckt: internationale Roaming-Gebühren. Drückt man im Ausland mal – und sei es unbedacht oder gar unabsichtlich – ein paar Tasten auf seinem Handy, frägt seine Sprachbox ab oder surft ein wenig im Internet, wird’s teuer. Richtig teuer. Kommt man gar auf die Idee, Fotos up- oder Videos downzuloaden, sollte man vorsorglich den Privatkonkurs beantragen. Denn die Netzbetreiber schicken bald darauf Rechnungen los, die Nichtsahnende glattweg umhauen.

Dieser Tage ist das z.B. dem Chefredakteur des deutschen Revolverblatts „Bild“ passiert – drei Tage lang bloggte er von Marokko aus, die Telekom präsentierte ihm eine Kostenaufstellung über 40.000 Euro. Glück für Herrn Diekmann: den horriblen Betrag übernahm sein Arbeitgeber. Wohl eher die Ausnahme denn die Regel.

Was aber ist die genaue Leistung, die solche obszönen Spannen für ein wenig Datenverkehr rechtfertigt? Ich wette, die Pressesprecher von A1, T-Mobile, Orange, Drei & Co. haben dafür salbungsvolle Erklärungen parat. Dito Politik, Anwälte, Gerichte, warum hier nicht kategorisch „Sittenwidrigkeit“ greift. Ich meine, die Sache ist einfach: Gewinn ist geil. Unverdient gigantischer Gewinn aber am allergeilsten.

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4 Antworten to “Lizenz zum Gelddrucken”

  1. Werner Reiter Says:

    Ein paar salbungsvolle Worte eines Mobilfunk-Pressesprechers seien dennoch gestattet: Die angeblich so sittenwidrig hohen Gewinne der Mobilfunker schlagen sich nicht in deren Bilanzen nieder. Im Gegenteil: Die Umsätze sinken, obwohl die Zahl der Kunden wächst. Hierzulande ist Mobilfunk billig wie nirgendwo sonst. Das freut die Konsumenenten im Inland. Da die österreicherischen Mobilfunker Minuten / Datenvolumen im Ausland zukaufen müssen ist die Differenz besonders augenscheinlich: Wenn ich im Inland 0 bezahle und im Ausland einen Preis, der höher als im jew. Partnerland (wo das Preisniveau generell höher ist), dann bemerken die Kunden das schmerzlich. Als kleiner österr. Anbieter können wir aber das Preisniveau im Ausland nicht diktieren. Damit bleibt: Mehr als 90 % der Nutzung erfolgt im Inland zum supergeilen Geizpreis. Wir könnten natürlich auch die Auslandsgespräche und Volumina subventionieren. Dann gibt es aber bald kein Geld mehr, die Qualität im Inland zu halten. Und die ist nun mal hervorragend (bei allen Betreibern). Wer den Preis nicht bezahlen will, findet Alternativen. – Auch in Marokko gibt es W-Lan.
    P.S. Medien, Konsumentenschützer, das FMK (Forum Mobilkommunikation) und wir selbst informieren seit Jahr und Tag über Möglichkeiten, die Roaming-Kosten im Griff zu behalten. Dass sogar Medien-Manager davon überrascht werden, dass Mobilfunknutzung im Ausland zu Mehrkosten führt, ist schon etwas skurril.

    • Walter Gröbchen Says:

      Danke für die Anwort! Gute Pressearbeit, seriously. Die Argumentation kann ich nachvollziehen, nur werden hier Preisgefälle und -Kämpfe auf dem Rücken von Konsumenten ausgetragen. Es muß doch möglich sein (und die EU forciert das ja auch), eine annähernde Egalisierung von (bestimmten, z.B. Datenvolumina-) Preisen hinzukriegen. Zumal viele TelKo-Unternehmen international agieren. Oder, alternativ: Preis- und/oder Nutzungs-Limits einzuführen. D.h., ab einem bestimmten, vom Konsumenten zu bestimmenden Roaming-Volumen wird automatisch die Leitung gekappt. Und ich muß AKTIV die Sperre wieder aufheben, was „Fehlbedienung“ deutlich erschwert. Wenn selbst Medienprofis wie Diekmann in die Falle tappen, möcht‘ ich nicht wissen, wer aller noch… Beste Grüsse, WG

      • Walter Gröbchen Says:

        P.S.: Wäre interessant, aufzuschlüsseln, wer z.B. die 40.000 Euro des „Bild“-Chefredakteurs kassiert und wofür genau.

  2. Walter Gröbchen Says:

    Der Stand der Dinge (und es ist kein erfreulicher Status Quo): http://diepresse.com/home/techscience/internet/577316/index.do?from=gl.home_tech


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