Archive for Juli, 2010

Luft und Liebe

31. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (70) Musik-Streaming in den eigenen vier Wänden gehört die Zukunft. Die ist teurer oder billiger zu haben.

Ich hab’ ja schon ein schlechtes Gewissen. Seit Wochen, nein: Monaten steht in meinem Büro ein Gerät herum, das ich jetzt einmal ernsthaft testen, ungetestet erwerben oder kurzerhand retournieren sollte. Das Gerät hört auf den hübschen Namen „AirStream“, kommt aus Frankreich (vom renommierten Hersteller Micromega) und kümmert sich um die kabellose Verbindung des Computers mit einer tunlichst hochwertigen HiFi-Anlage. Streaming für den Hausgebrauch, sozusagen. Das Rätselraten, ob sauteure sauerstoffreie Silberstrippen das letzte i-Tüpfelchen zum Wohlbefinden audiophiler Musikfanatiker beitragen, hat damit ein Ende. Zumindest partiell.

Aber die Probleme beginnen andererseits auch wieder von vorn. Ja, eh, das „Airstream“-Kastl mit seiner schmucken blauen LED an der Silberfront – Knöpfe, Schalter oder sonstige explizite Bedienungsmöglichkeiten kennt das Gerät nicht – klingt brauchbar. Sehr brauchbar sogar, einem ersten oberflächlichen Hinhören nach. Mein HiFi-Dealer ist förmlich aus dem Häuschen, wie gut sich das Micromega-Teil schlägt, erst recht im Vergleich zu weitaus teureren Geräten etwa von Linn oder T&A. Aber: „nur“ rund tausend Euro sind auch kein Klacks.

Und ich hab’ vor dem spontanen Zugreifen einen Zug gemacht, der zwar bisweilen weniger zur Aufklärung als zur kompletten Verwirrung beiträgt, aber generell nie ein Fehler ist: ich habe mir Testberichte aus dem Internet gefischt. Natürlich war der überwiegende Teil davon – wir kennen ja unsere kritischen Fachmedien und peniblen PR-Partner – aus der Abteilung Lob & Hudel. Aber ein Journalisten-Kollege merkte nebenher an, eigentlich sei das „Airstream“-Gerät, das auf die weit verbreitete Software-Jukebox iTunes aufsetzt, nichts anderes als ein kleiner WLAN-Empfänger von Apple (Kennern unter dem Namen „Airport Express“ bekannt). Samt einer Alu-Hülle drumherum. Ohne kostet’s halt nur ein Zehntel. Und kann prinzipiell dasselbe. Logitechs ähnlich günstige „Squeezebox“ übrigens auch.

Ich höre meinen HiFi-Händler schon stöhnen. Und argumentieren. Und zu ausgiebigen Listening Sessions im Vorführstudio einladen. Irgendein Unterschied muss da ja sein. Aber ob ihn meine Ohren auch wahrnehmen (und nicht nur meine Augen), wird wohl von der Tagesverfassung abhängen. Nicht zuletzt jener meiner Geldbörse.

Advertisements

Wozu brauch‘ ma dös?

24. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (69) Das iPad löst nicht nur Begeisterung aus. Aber kategorischer Trotz hat auch keine Zukunft.

Verweigerer sind mir an sich grundsympathisch. Bei der Maturafeier hat uns einst ein Lehrer (und zwar einer der guten) einen Satz von Günter Eich mitgegeben: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“. Und tatsächlich erscheinen mir scheinbar unabänderliche Grundgegebenheiten und Sachzwänge, Ordnungssysteme und Manipulationsmechanismen – die Worte allein strahlen eine bürokratische Kälte aus – seit jeher diskussionswürdig. Mindestens.

Kurios, um nicht zu sagen: verstockt, verbohrt, verkrampft erscheinen mir dagegen Leute, die – meist mit dem launig hingeraunzten Kommentar „Wozu brauch’ ma dös?“ – jegliche Beschäftigung mit Neuheiten, Alternativen, Zukunftsentwicklungen ablehnen. Insofern bin ich ein wenig hin- und hergerissen, was die Reaktion in meinem Bekanntenkreis auf den hochsommerlichen iPadAdvent betrifft. Einserseits verstehe ich jene, die auf den Medien- und Marketing-Overkill allergisch reagieren. Andererseits erstaunt mich in mindestens gleichem Maß die je nach Laune apathische oder aggressive Ignoranz, die Apples neuestem Streich entgegengebracht wird. Selbst von Profis, die wissen müssten, dass hinter dem Hype doch mehr steckt als banaler Konsumfetischismus.

Das iPad schlägt die Brücke vom schnöden Laptop, der zuvorderst den Schreibtisch und die Arbeitswelt repräsentiert, zur Lifestyle-Couch. Und damit in den Freizeit-, Spiel-, Spass- und Intimbereich. YouTube-Videoparaden, Google Earth-Erkundungsfahrten, Fotoschauen im Freundeskreis, stundenlange „Monkey Island“-Game-Sessions oder Leseabende im Bett – mit „Instapaper“ lassen sich interessante Artikel im Web auch offline gut vorrätig halten – sind vorprogrammiert.

Ich studiere z.B. gerade das exzellente österreichische Magazin „Datum“ auf einem iPad, und die Online-Ausgabe schlägt sich nicht nur im Kontrast zum regulären Heft hervorragend. Sondern auch, wenn man es mit „Wired“, „Popular Science“, „brandeins“ oder dem altehrwürdigen „Time Magazine“ vergleicht, die alle schon am virtuellen iTunes-Kiosk zu finden sind (apropos, wo bleibt „Die Presse am Sonntag“?). Und, ja!, so könnten die Papierstapel im Wohnzimmer niedriger und niedriger werden. Und schliesslich ganz verschwinden. So wie die Grenzen zwischen Fernsehen, Radio, Print und Online generell. Von Wirklichkeit und virtueller Realität ganz zu schweigen.

Nun: ich gehöre nicht zu jenen „early adopters“, die um jeden Preis Betatester spielen müssen. Und zu jenen Propheten, die jedes Gadget zum Werkzeug der Weltrevolution (v)erklären. Aber nichts und niemand wird mich (und sollte Sie) daran hindern, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit einem iPad herumzuspielen. Ganz zwanglos. Aber gewiss nicht ohne Erkenntnisgewinn. Eventuell lautet das individuelle (oder gar kollektive) Resumé letztlich doch „Wozu brauch’ ma dös?“. Aber ich wette, das Gegenteil wird der Fall sein.

Maximum Minisex

20. Juli 2010

Okay, dahinter könnte natürlich „Wickie, Slime & Paiper“-Nostalgie stecken. Oder „Flieger“-Geschäftstüchtigkeit. Oder einfach archivarische Wurzelforschung. Und Spass‘ an der Freud‘. „Maximum Minisex“ umfasst die Existenzspanne (1979 – 1990) einer der wichtigsten heimischen Neue Welle-Formationen. Und ist die erste einer geplanten Reihe von historischen CD-Werkschauen.

Pop in Österreich war und ist – allein ob der Enge des Marktes, der restaurativen Nachkriegsgeschichte und der marginalen Verankerung im kulturellen Bewußtsein des Landes – vielfach nichts anderes als ein Spiel. Überzogener künstlerischer Ernst, professioneller Eifer oder große theatralische Posen stehen dem Akteur auf der heimischen Bühne schlecht. Was bleibt, ist ein Ausweichen in feine Zwischentöne, grelle Überzeichnungen, in die Ironie oder gar die Parodie. Minisex waren und sind darin Vorreiter.

„In der gesamten Geschichte des Austropop gab es nur eine einzige, kurze Phase des Aufmuckens, des Aufblinkens, des Verstehens, des intuitiven Wissens um das Wesen der Popmusik – die Achtziger“, so Martin Blumenau in einem Beitrag für „Heimspiel. Eine Chronik des Austropop“, erschienen 1995 bei Hannibal. Dieser Satz ist heute, anno 2010, von der Zeit überholt. Viele Künstler der aktuellen heimischen Szene haben längst gelernt, mit dem kulturellen Kanon und den medialen Codes des internationalen Musikgeschäfts umzugehen. Und die kargen ökonomischen Rahmenbedingungen auszublenden oder pragmatisch-clever umzumünzen. Die Wurzeln eines progressiven, auf- und abgeklärten Pop-Verständnisses reichen aber zweifelsohne drei Dezennien zurück. Und mehr.

Rückblende. Die siebziger Jahre endeten in Österreich erst mit mehrjähriger Verspätung. Wichtige Dokumente der Punk-Bewegung, etwa die Sampler „Tödliche Dosis“ und „Heimat bist du großer Söhne“, erschienen 1982, als in England kein Hahn mehr nach Punk krähte. Sie markieren den gleichzeitigen Höhe- und Endpunkt einer Bewegung, die die Alpenrepublik mit gehöriger Distanz und nur als schwacher, bisweilen grotesk verniedlichter Abklatsch erreicht hatte. „Wiener Blutrausch“, jenes Album, das 1979 die Revolution einläuten sollte, mindestens aber eine entschiedene Abkehr von Austro-Pop, ORF-Big Band-Sound und Liedermacher-Protest-Folk, dokumentiert einen eigentümlich divergenten Querschnitt durch den Untergrund, der kaum einen gemeinsamen Nenner hatte außer einer rotzig-frechen Grundhaltung.

Die auf dem „Blutrausch“-Sampler versammelten Ur-Töne von Drahdiwaberl, Minisex (damals noch: Mini-Sex), Metzlutzkas Erben, Chuzpe und Mordbuben AG schafften immerhin Distanz zu einer Musikergeneration, die mit den Rolling Stones, Led Zeppelin und Cat Stevens großgeworden war – allein, Punk im engeren, britischen Sinn war das nur bedingt. Drahdiwaberl und Metzlutzkas Erben konnten ihre Wurzeln zwischen Edgar Broughton, Tubes und Zappa nie leugnen, Minisex waren vom Roxy Music-Klon des ersten Albums zu einem wilden, ungestümen, undefinierbaren Etwas gereift (und längst noch nicht zur späteren Hitparaden-Erfolgsband), Chuzpe machten sich bald mit Intellekto-Pop verdächtig und nur den Kellerkindern der Mordbuben AG blieb es vorbehalten, das vorprogrammierte Schicksal irgendwo zwischen Suff, Zynismus und Lethargie einzulösen.

„Alles in Bewegung und doch keinen Schritt weiter“ konstatierte Eberhard Forcher in den Liner Notes zu „Wiener Blutrausch“. 1981 setzte er selbst den nächsten Schritt: „Wienmusikk“ versammelte die zweite Generation (sieht man von einem Siebziger-Relikt wie Novaks Kapelle ab), darunter Rosachrom, Peter Weibel & Hotel Morphila Orchester und einige Phantomprojekte. Auf Veranstaltungen wie den „Alternativen Wiener Festwochen“ oder jenseits der Stadtgrenzen blieb man aber doch eine Ausnahmeerscheinung. „Die wienerische Radikalität ist immer eine nette Radikalität“, befand die Ö3-„Musicbox“. „Anstelle teutonischer Gründlichkeit tritt ein gewisses Zögern und Zaudern“. Ein Element, das – Ausnahmen wie Falco oder Minisex bestätigen die Regel – vielen einen Strich durch die Rechnung machte. Bestes Beispiel: Hansi Lang.

Tatsächlich vertraten Bands und Interpreten wie Lang, Falco, Minisex, Blümchen Blau, Klaus Prünster, Tom Pettings Hertzattacken, DÖF und andere durch die Bank eine Formensprache, die Anspruch und Wirklichkeit zu erstaunlicher Deckung brachte. Kinderlied-Simplizität, spielerisch gepaart mit hochgezüchteter Technik – Synthesizer waren gerade für Normalbürger erschwinglich geworden – und unbeschwerten „Hoppla, so tönt der Fortschritt!“-Posen. Es waren tönende Kalküle. Sie fügten sich zu keinem Zeitpunkt ein in das alte Karrieren-Muster jahrelanger Proben, instrumentaler Virtuosität (und sei es auch nur angestrebter) und künstlerischer Transzendenz. Entdeckungsfreude, Intuition und ein geschickter Umgang mit Images, Reizthemen und medialen Strukturen bestimmen ihre – oft nur kurze – Existenz. Diese Formel nutzte sich zwar rasch ab, aber nicht rasch genug, um nicht doch ein paar halbe und ein paar wirkliche Treffer im Musikgeschäft zu landen. Im Falle Falco sogar eine Nummer eins in den US-Billboard-Charts.

Karl Gott und Gitti Seuberth, gewiß weniger bekannte Namen, sangen auf der Tonspur zum Niki List-Film „Malaria“, dem mit Abstand erfolgreichsten österreichische Film der Achtziger (Pop, Pop, Pop!). Labels wie GIG, Lemon und Schallter (ein Sublabel der Ariola, betrieben vom „Falter“-Musikjournalisten Eberhard Forcher und Freund Rudi Nemeczek) griffen die Hausse beherzt auf, endeten mit wenigen Ausnahmen aber in der ökonomischen Sackgasse. Immerhin: man hatte Pop-Geschichte geschrieben.

Die Geschichte von Minisex, eine der kurzweiligsten, konzentriertesten und charmantesten der österreichischen Pop-Historie, ist in diesem Kontext leichthändig erzählt. Aber das soll Nemeczek selbst erledigen. Minimal geschönt, maximal wirkungsvoll.

Welcome To The Pleasure Dome

17. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (68) Der „OhMiBod“, ein Sex Toy, ist ein kurioses Beispiel für neue Strategien der Musikindustrie.

Das letztwöchige Thema dieser Kolumne – Pornographie im Web – hat einige Leser erregt. In dieser und in jener Hinsicht. Wie werden erst die Reaktionen auf die aktuelle Ausgabe ausfallen? Denn ich bin hier und heute als PR-Büttel der Musikindustrie – die gilt selbstgerechten Kultur-Moralisten ja schon per se als pfui! – und Gelegenheits-Vertreter für Sex-Spielzeug unterwegs.

Wie kommt’s? Neulich meinte eine befreundete Vertriebschefin, ihre Firma hätte jetzt, von wegen neue Erlösquellen und so, ein ganz ausgefallenes Produkt im Programm. Und ich müsse es unbedingt kennenlernen. Meine LeserInnen erst recht. Den „OhMiBod“. Ein Ding vom Aussehen einer extradicken Zigarre, das mit iPods, iPhones und allen gängigen MP3-Playern kompatibel ist. „Where music and pleasure come together“ lautet der Werbespruch auf der zugehörigen Website.

Nicht nur Bill Clinton-Imitatoren und lebenslustige Kunstsinnige dürften daran Vergnügen haben. Per 2,4 Gigahertz-Transmitter nimmt die Musikquelle – bitte vorzugsweise mit „Parental advisory, explicit lyrics“-Material füttern! – mit dem extra hautverträglichen Massagestab Kontakt auf. Und lässt „OhMiBod“ rhythmisch vibrieren. Bitte, ein Live-Konzert von Prince kann derlei nicht ganz ersetzen, aber dafür fällt der Lustgewinn intimer aus als in der Wiener Stadthalle. Fünf Stunden Laufzeit sind jedenfalls ein Versprechen.

Wenn ich mich auch der engeren Zielgruppe nicht zugehörig fühle, ringt mir die ung’schamige Diversifizierungs-Strategie von Universal Music Austria Bewunderung ab. Denn Entertainment- und Erotikbranche gehen nun mal gut zusammen. Wenn auch bisweilen unfreiwillig: gerade eben haben fünfzehn Musiklabels in Los Angeles Klage gegen diverse Pornoseiten-Betreiber eingebracht. Der Grund: die illegale Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Songmaterial in hunderten von Schmuddel-Clips. Pro Video hätten Warner Bros. & Co. jetzt gerne 150.000 Dollar Wiedergutmachung. Denn: das Image vieler Künstler sei immens geschädigt worden.

Nun ja: hat man die Protagonisten der österreichischen Dance-Pop-Spitzenreiter Bunny Lake gefragt, ob sie Testimonial für den „OhMiBod“ spielen wollen? Und unter zwei-, nein: eindeutig eindeutigen Umständen „Into The Future“ intonieren möchten? Unter uns: rein rhetorische Frage. Denn das Zusammenspiel klappt gut. Und imagemässig ist’s auch kein Schaden. Semino Rossi, die Ursprung-Buam oder die Philharmoniker kommen ja eher nicht in Betracht. Oder?

Der XXX-Faktor

11. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (67) Die milliardenschwere Porno-Industrie leidet unter den Paradigmen des Internet.

Sie sind über 18 Jahre alt? Okay, dann drücken Sie einfach den „Enter“-Button. Wenn nein, dann wählen Sie bitte „Leave“. Aus Gründen des Jugendschutzes. Ach, Sie mogeln in punkto Alter ein wenig? Oder verstehen nicht so ganz, was derlei bedeuten könnte: „Warning! This website contains explicit adult material“? Auch gut. Unsere Ausweiskontrolle ist ja nur eine virtuelle. Der Eintritt frei. Für jede(n), der/die sich „zufällig“ auf eine Seite wie YouPorn, RedTube oder PornHub verirrt. Wir wünschen viel Vergnügen.

Soweit der Status Quo im World Wide Web, was die natürlichste Sache der Welt betrifft. Ganz nüchtern betrachtet: Pornographie hat mit dem Breitband-Internet auch in Durchschnittshaushalten Einzug gefunden. Zumindest ist sie nur einen Mausklick entfernt. Wo früher g’schamig irgendwelche Heftln in unzugänglichen Laden versteckt wurden, bekommt man heute explizite Inhalte frei Haus geliefert. Die Frage ist bloss: durch die milliardenschwere Porno-Industrie früherer Jahre? Oder leiden die Luden mittlerweile am „Alles gratis!“-Syndrom der Generation Internet genauso wie Musik- und Medien-Magnate?

Interessante Frage. Denn: einer der wesentlichen Content-Treibsätze für die rasante Entwicklung der Web-Hemisphäre war und ist natürlich die Rotlichtabteilung. Immer noch werden dort weltweit jährlich über 5 Milliarden Dollar umgesetzt. 35 Prozent aller Downloads sind Schmuddelkram, zwölf Prozent aller Websites – laut MBA-Zählung genau 24.644.172 Seiten – enthalten Pornographie. Übrigens sollen nirgendwo mehr erotische Filmchen geschaut werden als im konservativen US-Bundesstaat Utah.

Insofern kommt die Meldung, dass nun eine Porno-Domain (Adress-Endung: .xxx) zugelassen wird, nicht weiter überraschend. Mit dem Antrag, für das virtuelle Schlafzimmer eine eigene Kennung einzurichten und es damit von anderen Bereichen besser abzugrenzen, war zuvor eine Firma namens ICM dreimal abgeblitzt. Die Ablehnung stehe jedoch nicht im Einklang mit einer neutralen, objektiven und fairen Domain-Verwaltung, befand letztlich der Web-Hausmeister ICANN.

Und, kurios genug, zu den erbitterten Gegnern dieser Entscheidung zählen nicht nur Frauenrechtlerinnen, Moralapostel und religiöse Eiferer beiderlei Geschlechts. Sondern auch Porno-Barone, Lustfabrikanten und Betreiber einschlägiger Seiten. Denn: was dermassen deutlich ausgeschildert ist, lässt sich im Digitaluniversum besonders leicht und konsequent rausfiltern, blocken, zensurieren. Was zumindest Eltern von Minderjährigen beruhigen dürfte.

Der X-Faktor

3. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (66) Der „X-Faktor“ macht unsere Kaufentscheidungen zu einem Schlachtfeld der Irrationalitäten.

Wir kennen sie alle: Pappenheimer, die vor dem Erwerb eines neuen technischen Geräts – das kann ein Auto sein, ein Computer oder auch „nur“ eine Kaffeemaschine – elendslange Listen schreiben, was dieses Gerät kostet, kann und konstituiert. Und was jenes. Penibel werden da Details verglichen, Möglichkeiten abgewägt und Meinungen Dritter zusammengetragen. Am Ende, so die Hoffnung, müsste solch eine Fact Finding Mission ja ein eindeutiges Resultat ergeben: das bestmögliche Gerät zum bestmöglichen Preis. Oder zumindest eine weitgehende Annäherung an dieses Ideal.

Jenseits aller Leistungsdaten gibt es aber einen Faktor, der Kaufentscheidungen kräftiger beeinflusst, als wir es oft wahrhaben wollen – ich nenne diesen ominösen Katalysator im eigenen Kopf den „X-Faktor“. Ein Beispiel: ich war nun einige Wochen mit einer Spiegelreflexkamera von Canon unterwegs, Modell EOS 550D. Ein aktuelles, mehr als probates Gerät zu einem annehmbaren Preis. Ein Praxistest sollte einen finalen Kaufimpuls auslösen (oder auch nicht). Und, ja, ich fand nichts, was gegen diese Kamera gesprochen hätte. Bis man mir zum Vergleich eine Olympus PEN E-PL1 in die Hand drückte. Ein Modell der neuen Digitalkamera-Generation mit Wechselobjektiv, die ohne platzraubendes Dachkant-Spiegelprisma auskommen. Die Olympus kann so einiges, ohne dick aufzutragen. Aber nichts, was die massivere SLR nicht auch könnte. Ich wurde unschlüssig.

Als hätte die Canon-Pressesprecherin dieses innere Chaos erahnt, hatte sie mir noch – „einfach so“ – eine Powershot G11 mitgegeben. Das ist eine relativ teure Kompaktkamera mit Fixobjektiv. Nicht gerade innovativ. Und eigentlich nichts, was ich nicht schon hätte oder gerade dringend brauchen würde. Aber, und hier kommt der irrationale „X-Faktor“ ins Spiel: gerade dieses Modell war letztlich im Alltag fast immer dabei. Im Gegensatz zu den vorher genannten. Es macht wirklich Spass, die Kamera zu nutzen. Handlichkeit, Bau- und Bildqualität, Feature-Quantität: beeindruckend. Die Canon G11 ist, Sie gestatten das légere Urteil, ein ultimativ schnuckeliges High Tech-Männerspielzeug (den für Frauen vorrangigen „Y-Faktor“ wage ich nicht einzuschätzen). Kein Wunder, dass die Kamera in allen einschlägigen Gadget-Magazinen – von T3 bis Stuff – durch die Bank fünf Sterne abräumt.

Aber, hoppla!, da erblick’ ich doch glatt beim Durchblättern coole Teile von Nikon und Panasonic. Und diese neue Modellserie von Sony: auch nicht von schlechten Eltern… Ich werde damit beginnen, eine Liste zusammenzuschreiben.

Prinzenrolle

2. Juli 2010

Nach siebzehn Jahren Absenz von Österreichs Bühnen ist der ungekrönte König aller übermächtigen Pop-Zwerge zurück, alive & kickin’. Mein Damen und Herren! : Prince! Eine Einstimmung.

Es soll ja Leute geben, die ein sehr spezielles Verhältnis zu Prince Rogers Nelson haben. Offen gestanden: ich gehöre dazu. Die Sache ist nämlich so: meine Freundin hat den dringenden Wunsch, dereinst zu den Klängen von „Sometimes It Snows In April“ in die Grube gesenkt zu werden (oder, verdammt, war’s „Purple Rain“? Hier zu irren wäre fatal.) Das ist wahres Fan-Dasein. Das ist ultimative Erlösung. Und, ja, der ewige Kronprinz des Planeten Pop wird diesbezüglich noch auf Jahre und Jahrzehnte die Lebens-Charts beherrschen, oder, zutreffender: die Finalwertung. Vielleicht noch angefochten von Frank Sinatra („My Way“), Jim Morrison („The End“) und Hans Moser („Sperrstund’ is“), aber allzuviele Konkurrenten hat der Held dieser Geschichte nicht. Was für einen Platz im ewigen Pantheon der Musikhistorie spricht. Einen Ehrenplatz.

Erstmals aufgefallen ist der kleine, dunkle Ritter mit dem Laserschwert, das wie eine Gitarre aussieht – und das er auch so zu spielen versteht – Anfang der achtziger Jahre. Die ersten zwei Alben, noch den Siebzigern verhaftet, hatten selbst Auskenner verschlafen. Erst mit „Controversy“ kam hierzulande die Botschaft an, da wäre ein junger, vor Testosteron, Spielfreude und Zielstrebigkeit sprühender Musiker dabei, das Erbe von Smokey Robinson, James Brown und Stevie Wonder anzutreten. Fast gleichzeitig trat aber auch Michael Jackson in diverse Fußstapfen, und man wusste eine Zeitlang nicht recht, wen man denn jetzt zum persönlichen Favoriten küren sollte. Die Einigung in der Kritiker- und Fangemeinde sah so aus: Jackson war der „King of Pop“, Prince eben Prince. Der Erbprinz. Irgendwie cooler, vertrackter, intellektueller. Jedenfalls: ein tragbarer Image-Kompromiss.

Wie die beiden Künstler, deren kommerzielles Rivalitätsverhältnis solchermassen über Jahre hinweg determiniert war, damit selbst zurechtkamen, ist eine der hinterhältigsten Fragen in jedem Pop-Quiz. Überliefert ist die Ankedote, dass Jackson sich für seinen „Neverland“-Zoo eine Hirschkuh zulegte und ihr den Namen Prince gab. Der Namenspender wiederum erwarb vice versa einen Goldfisch, den er Michael nannte und der stumm seine Runden im Glas drehte. Anno 1987 hätten Hirschkuh und Fisch in realita „Bad“ als Duett intonieren sollen, Prince lehnte mit der – zutreffenden – Begründung ab, der Song werde auch ohne ihn ein Hit. Ob und wie sich Prince zum frühen Tod seines ewigen Rivalen äusserte, ist nicht überliefert – oder, ehrlicher: die schlichte „Google“-Recherche wird allein durch den Umstand behindert, dass Jacko seinen Erstgeborenen Prince Michael taufte. Und seinen zweiten Sohn dito. Das sollte uns aber auch einiges sagen.

Zurück zum weiteren Verlauf der Thronfolger-Karriere. „1999“, erschienen 1982, lief dann schon auf Ö3 rauf und runter (Privatradios gab’s damals noch keine). Die grossen Knaller folgten mit dem Soundtrack zum Film „Purple Rain“ und dann, in einem jährlichen Hit-Stakkato, mit den Alben „Around The World In A Day“, „Parade“ und „Sign O’ The Times“. Jedes Prince-„Best Of“-Album nährt sich vorwiegend aus jener Phase. Die stärkste Erinnerung habe ich aber an das offizielle Unter-der-Hand-Sammlerstück „Black Album“, das ich verbotenerweise komplett im Ö3-Nachtprogramm spielte und dazu den damaligen Warner Austria-Chef Manfred Lappé ins Studio bat. Dem verschlug es ob derlei Tolldreistigkeit die Worte. Prince selbst gab das Album später offiziell frei und schaute auf einen Kurzbesuch im Wiener U4 vorbei. Legendär.

In Österreich hatte der 158 Zentimeter grosse Veganer – haben wir nicht alle beim Pop-Quiz gut aufgepasst? – kurioserweise nie einen Nummer-eins-Hit, die grössten Erfolge blieben der L’amour-Hatscher „Purple Rain“ und die New Power Generation-Hymne „Cream“ jeweils auf Rang vier. Immerhin: „Love Symbol“, erschienen 1992, schaffte den Album-Chartsgipfel. Ringsum auf diesem Planeten verkauften sich Prince-Tonträger wie geschnitten Brot, kumuliert über 100 Millionen Stück. So funktioniert das Geschäft heute nicht mehr. Nach jahrelangen Streitigkeiten mit dem Mediengiganten Warner war Prince einer der Pioniere des Internet in punkto Musikvermarktung. Und er scheute auch nicht davor zurück, abrupt von den üblichen Business-Trampelpfaden abzubiegen: das 2007 veröffentlichte Album „Planet Earth“ verschenkte er an Leser der britischen Zeitung „The Mail On Sunday“. Das aktuelle Album „20Ten“ wird demnächst als Beilage des Magazins „Rolling Stone“ erwerbbar sein. Der Mann hat schnöde CDs als Einkommensquelle einfach nicht mehr nötig, es geht ihm schlichtweg um die Verbreitung des Inhalts. „Wenn er sie dazu aus einem Hubschrauber über London abwerfen könnte“, befand das Szeneblatt „Q“, „würde er das tun“. Uns soll es recht sein. Das Etikett in Musikindustrie-Kreisen, ein Sonderling zu sein, wird Prince wohl nie mehr los.

Nun: das hatte sich ja schon angedeutet. Pardon: was heisst angedeutet!? Mit derlei Aktionismus verbrachte – Zyniker meinen: verschiss – der heute 52jährige Superstar mehr oder minder die kompletten neunziger Jahre. Ab 1993 geriet der Konflikt mit den konservativen Kapitänen der Musikindustrie soweit, dass Prince seinen Namen ablegte und forthin als „TAFKAP“ (The Artist Formerly Known As Prince) oder gar nur mehr als grafisches Symbol in Erscheinung trat. Nicht, ohne selbst gelegentlich Opfer der allgemeinen Verwirrung zu werden – Herr Symbol sprach dann in der dritten Person von sich. „Prince hat früher nie Interviews gegeben.“, vermeldete er in Interviews. „Sie müssen da schon Prince fragen, weshalb er so gehandelt hat. Im Moment reden Sie ja nicht mit ihm. Sie reden mit mir.“ Aha. Den Rezensionen tat dies eher nicht gut. Den CD-Verkäufen erst recht nicht. Heissa!, im Mai 2000 überlegte es sich die zweifellos prägende Künstlerpersönlichkeit der achtziger Jahre doch wieder anders. Seither ist eine gewisse Prince-Renaissance zu bemerken. Seine Musik, – legal wie illegal, jedenfalls opulent ausgebreitet im World Wide Web und in unzähligen Facetten schwarz funkelnd –, ist vielleicht subjektiv nicht mehr so markant, erregend und innovativ wie anno dazumal. Aber um keinen Deut schwächer als in den Zeiten unser aller Adoleszenz.

Wenn Prince nun am 13. Juli nach knapp siebzehn (!) Jahren erstmals wieder in Österreich auf einer Bühne steht, sollte das ungebrochen (oder, meinetwegen: wieder) für Freudentränen, Beckenbodenzucken und Hormonschübe sorgen. Dass man von Linz nach Wien übersiedeln musste, hat laut Konzertveranstalter „organisatorische Gründe“. Die Spötter nicht als Nostalgie-Defizit interpretieren sollten, ohne selbst Gefahr zu laufen, sich dem Gespött der Prinzen-Gefolgschaft hinzugeben. Und, Achtung!, diese Leute waren und sind heissblütig. Dass zudem namhafte Überraschungsgäste wie Maceo Parker oder Candy Dulfer angekündigt sind, bleibt Nebensache. Die Prinzenrolle verlangt nach einem Hauptdarsteller. Dem einzig denkbaren Hauptdarsteller.

%d Bloggern gefällt das: