Der X-Faktor

3. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (66) Der „X-Faktor“ macht unsere Kaufentscheidungen zu einem Schlachtfeld der Irrationalitäten.

Wir kennen sie alle: Pappenheimer, die vor dem Erwerb eines neuen technischen Geräts – das kann ein Auto sein, ein Computer oder auch „nur“ eine Kaffeemaschine – elendslange Listen schreiben, was dieses Gerät kostet, kann und konstituiert. Und was jenes. Penibel werden da Details verglichen, Möglichkeiten abgewägt und Meinungen Dritter zusammengetragen. Am Ende, so die Hoffnung, müsste solch eine Fact Finding Mission ja ein eindeutiges Resultat ergeben: das bestmögliche Gerät zum bestmöglichen Preis. Oder zumindest eine weitgehende Annäherung an dieses Ideal.

Jenseits aller Leistungsdaten gibt es aber einen Faktor, der Kaufentscheidungen kräftiger beeinflusst, als wir es oft wahrhaben wollen – ich nenne diesen ominösen Katalysator im eigenen Kopf den „X-Faktor“. Ein Beispiel: ich war nun einige Wochen mit einer Spiegelreflexkamera von Canon unterwegs, Modell EOS 550D. Ein aktuelles, mehr als probates Gerät zu einem annehmbaren Preis. Ein Praxistest sollte einen finalen Kaufimpuls auslösen (oder auch nicht). Und, ja, ich fand nichts, was gegen diese Kamera gesprochen hätte. Bis man mir zum Vergleich eine Olympus PEN E-PL1 in die Hand drückte. Ein Modell der neuen Digitalkamera-Generation mit Wechselobjektiv, die ohne platzraubendes Dachkant-Spiegelprisma auskommen. Die Olympus kann so einiges, ohne dick aufzutragen. Aber nichts, was die massivere SLR nicht auch könnte. Ich wurde unschlüssig.

Als hätte die Canon-Pressesprecherin dieses innere Chaos erahnt, hatte sie mir noch – „einfach so“ – eine Powershot G11 mitgegeben. Das ist eine relativ teure Kompaktkamera mit Fixobjektiv. Nicht gerade innovativ. Und eigentlich nichts, was ich nicht schon hätte oder gerade dringend brauchen würde. Aber, und hier kommt der irrationale „X-Faktor“ ins Spiel: gerade dieses Modell war letztlich im Alltag fast immer dabei. Im Gegensatz zu den vorher genannten. Es macht wirklich Spass, die Kamera zu nutzen. Handlichkeit, Bau- und Bildqualität, Feature-Quantität: beeindruckend. Die Canon G11 ist, Sie gestatten das légere Urteil, ein ultimativ schnuckeliges High Tech-Männerspielzeug (den für Frauen vorrangigen „Y-Faktor“ wage ich nicht einzuschätzen). Kein Wunder, dass die Kamera in allen einschlägigen Gadget-Magazinen – von T3 bis Stuff – durch die Bank fünf Sterne abräumt.

Aber, hoppla!, da erblick’ ich doch glatt beim Durchblättern coole Teile von Nikon und Panasonic. Und diese neue Modellserie von Sony: auch nicht von schlechten Eltern… Ich werde damit beginnen, eine Liste zusammenzuschreiben.

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6 Antworten to “Der X-Faktor”

  1. mr inkognito Says:

    eigntlich ganz netter kommentar. wie üblich.
    wenn da nicht am ende aufeinmal sexistischer bullshit auftauchen würde. männerspielzeug? y-faktor für frauen vorrangig? eine beleidigung für alle technik/foto-affinen frauen in meinem umfeld (und das sind viele).
    und übrigens: sexismus (oder andere grauslichkeiten) durch eine entschuldigung im (neben)satz davor zu neutralisieren oder eine ironische note zu geben funktioniert nicht. es ist und bleibt bullshit.
    srecno, inkognito

    • Walter Gröbchen Says:

      Also, wenn Du derlei ernsthaft als „sexistische Grauslichkeit“ betrachtest, dann solltest Du – als Mann – Dich nicht zum Anwalt „technik-/foto-affiner Frauen in Deinem Umfeld“ machen. Das wirkt nämlich etwas, hm, patriarchalisch-überengagiert. Das können, wollen (?) und müssen dann schon die – im doppelten Wortsinn – betroffenen Frauen selbst erledigen. Ich führe PC-Diskussionen mit Leidenschaft… Hier noch zwei weiterführende links: http://de.wikipedia.org/wiki/X-Chromosom und http://de.wikipedia.org/wiki/Y-Chromosom.

  2. mr inkognito Says:

    anderen dummheit vorzuwerfen (unkenntnis über x/y chromosome) ist natürlich auch ein weg mit kritik umzugehen. zwar kein besonders feiner, aber bitte.
    und nein, auch als mann habe ich das recht auf sexismus hinzuweisen wenn ich ihn treffe. und das wiederholen von ausgelutschen, dümmlichen klischees ist sexismus.

    • Walter Gröbchen Says:

      Du scheinst hypersensibel zu sein. Woraus schliesst Du, ich hätte Dir Dummheit oder Unkenntnis vorgeworfen? Ich habe nur meine (spielerische, nicht biologisch faktentreue) Assoziationskette offengelegt. Um Dir quasi einen Hinweis zu geben: ja, es gibt Männer. Und Frauen. (Und Trans-Gender-Menschen, aber dann wird’s richtig kompliziert). Und es gibt zutreffende, weniger zutreffende, gar nicht zutreffende, alberne und weniger alberne Klischees, die VertreterInnen (ich verwende die geschlechtsneutrale Form hier bewusst) des jeweiligen Geschlechts über das jeweils andere Geschlecht irgendwo gespeichert haben (übrigens mindestens in gleichem Mass auch über das eigene Geschlecht). Und bisweilen, passenderweise oher eher unpassend, abrufen. Und? Die Qualifikation nach „Ausgelutschtheit“ und „Dümmlichkeit“ der Verwendung von Stereotypen – wer beurteilt á priori qualitativ Klischees? Und auf welcher Basis? – bleibt dem Empfänger/Rezipienten überlassen. Insofern: Deine Meinung. Nicht meine Meinung.

      Dezidierte Technik-Affinität bei Frauen ist mir übrigens nicht unbekannt ;-) (trotzdem ist’s oft eine ganz andere Herangehensweise als bei Männern, oder hast Du diese Beobachtung nie gemacht?)

  3. Jana Herwig Says:

    ich gebe also technikaffine frau zu: auch ich rede da von männerspielzeug. und häufig sag ich sachen wie „da geh ich nicht, da ist mir der testosteron spiegel zu hoch.“ und beschweren tu ich mich auch immer wieder über alle möglichen sexismen. die tücke liegt im ebenenwechsel, den imaginiert man oft mehr, als andere ihn dann wahrnehmen und dann ist man selber sexistin. I confess.


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