Der XXX-Faktor

11. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (67) Die milliardenschwere Porno-Industrie leidet unter den Paradigmen des Internet.

Sie sind über 18 Jahre alt? Okay, dann drücken Sie einfach den „Enter“-Button. Wenn nein, dann wählen Sie bitte „Leave“. Aus Gründen des Jugendschutzes. Ach, Sie mogeln in punkto Alter ein wenig? Oder verstehen nicht so ganz, was derlei bedeuten könnte: „Warning! This website contains explicit adult material“? Auch gut. Unsere Ausweiskontrolle ist ja nur eine virtuelle. Der Eintritt frei. Für jede(n), der/die sich „zufällig“ auf eine Seite wie YouPorn, RedTube oder PornHub verirrt. Wir wünschen viel Vergnügen.

Soweit der Status Quo im World Wide Web, was die natürlichste Sache der Welt betrifft. Ganz nüchtern betrachtet: Pornographie hat mit dem Breitband-Internet auch in Durchschnittshaushalten Einzug gefunden. Zumindest ist sie nur einen Mausklick entfernt. Wo früher g’schamig irgendwelche Heftln in unzugänglichen Laden versteckt wurden, bekommt man heute explizite Inhalte frei Haus geliefert. Die Frage ist bloss: durch die milliardenschwere Porno-Industrie früherer Jahre? Oder leiden die Luden mittlerweile am „Alles gratis!“-Syndrom der Generation Internet genauso wie Musik- und Medien-Magnate?

Interessante Frage. Denn: einer der wesentlichen Content-Treibsätze für die rasante Entwicklung der Web-Hemisphäre war und ist natürlich die Rotlichtabteilung. Immer noch werden dort weltweit jährlich über 5 Milliarden Dollar umgesetzt. 35 Prozent aller Downloads sind Schmuddelkram, zwölf Prozent aller Websites – laut MBA-Zählung genau 24.644.172 Seiten – enthalten Pornographie. Übrigens sollen nirgendwo mehr erotische Filmchen geschaut werden als im konservativen US-Bundesstaat Utah.

Insofern kommt die Meldung, dass nun eine Porno-Domain (Adress-Endung: .xxx) zugelassen wird, nicht weiter überraschend. Mit dem Antrag, für das virtuelle Schlafzimmer eine eigene Kennung einzurichten und es damit von anderen Bereichen besser abzugrenzen, war zuvor eine Firma namens ICM dreimal abgeblitzt. Die Ablehnung stehe jedoch nicht im Einklang mit einer neutralen, objektiven und fairen Domain-Verwaltung, befand letztlich der Web-Hausmeister ICANN.

Und, kurios genug, zu den erbitterten Gegnern dieser Entscheidung zählen nicht nur Frauenrechtlerinnen, Moralapostel und religiöse Eiferer beiderlei Geschlechts. Sondern auch Porno-Barone, Lustfabrikanten und Betreiber einschlägiger Seiten. Denn: was dermassen deutlich ausgeschildert ist, lässt sich im Digitaluniversum besonders leicht und konsequent rausfiltern, blocken, zensurieren. Was zumindest Eltern von Minderjährigen beruhigen dürfte.

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