Wozu brauch‘ ma dös?

24. Juli 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (69) Das iPad löst nicht nur Begeisterung aus. Aber kategorischer Trotz hat auch keine Zukunft.

Verweigerer sind mir an sich grundsympathisch. Bei der Maturafeier hat uns einst ein Lehrer (und zwar einer der guten) einen Satz von Günter Eich mitgegeben: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“. Und tatsächlich erscheinen mir scheinbar unabänderliche Grundgegebenheiten und Sachzwänge, Ordnungssysteme und Manipulationsmechanismen – die Worte allein strahlen eine bürokratische Kälte aus – seit jeher diskussionswürdig. Mindestens.

Kurios, um nicht zu sagen: verstockt, verbohrt, verkrampft erscheinen mir dagegen Leute, die – meist mit dem launig hingeraunzten Kommentar „Wozu brauch’ ma dös?“ – jegliche Beschäftigung mit Neuheiten, Alternativen, Zukunftsentwicklungen ablehnen. Insofern bin ich ein wenig hin- und hergerissen, was die Reaktion in meinem Bekanntenkreis auf den hochsommerlichen iPadAdvent betrifft. Einserseits verstehe ich jene, die auf den Medien- und Marketing-Overkill allergisch reagieren. Andererseits erstaunt mich in mindestens gleichem Maß die je nach Laune apathische oder aggressive Ignoranz, die Apples neuestem Streich entgegengebracht wird. Selbst von Profis, die wissen müssten, dass hinter dem Hype doch mehr steckt als banaler Konsumfetischismus.

Das iPad schlägt die Brücke vom schnöden Laptop, der zuvorderst den Schreibtisch und die Arbeitswelt repräsentiert, zur Lifestyle-Couch. Und damit in den Freizeit-, Spiel-, Spass- und Intimbereich. YouTube-Videoparaden, Google Earth-Erkundungsfahrten, Fotoschauen im Freundeskreis, stundenlange „Monkey Island“-Game-Sessions oder Leseabende im Bett – mit „Instapaper“ lassen sich interessante Artikel im Web auch offline gut vorrätig halten – sind vorprogrammiert.

Ich studiere z.B. gerade das exzellente österreichische Magazin „Datum“ auf einem iPad, und die Online-Ausgabe schlägt sich nicht nur im Kontrast zum regulären Heft hervorragend. Sondern auch, wenn man es mit „Wired“, „Popular Science“, „brandeins“ oder dem altehrwürdigen „Time Magazine“ vergleicht, die alle schon am virtuellen iTunes-Kiosk zu finden sind (apropos, wo bleibt „Die Presse am Sonntag“?). Und, ja!, so könnten die Papierstapel im Wohnzimmer niedriger und niedriger werden. Und schliesslich ganz verschwinden. So wie die Grenzen zwischen Fernsehen, Radio, Print und Online generell. Von Wirklichkeit und virtueller Realität ganz zu schweigen.

Nun: ich gehöre nicht zu jenen „early adopters“, die um jeden Preis Betatester spielen müssen. Und zu jenen Propheten, die jedes Gadget zum Werkzeug der Weltrevolution (v)erklären. Aber nichts und niemand wird mich (und sollte Sie) daran hindern, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit einem iPad herumzuspielen. Ganz zwanglos. Aber gewiss nicht ohne Erkenntnisgewinn. Eventuell lautet das individuelle (oder gar kollektive) Resumé letztlich doch „Wozu brauch’ ma dös?“. Aber ich wette, das Gegenteil wird der Fall sein.

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Eine Antwort to “Wozu brauch‘ ma dös?”

  1. Jakob Hörl Says:

    Mmmh, ich bin hin- und hergerissen … Jetzt zuschlagen oder auf das womöglich schon vorweihnachtliche iPad 2.0 warten?


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