Archive for August, 2010

Postings sind der neue Punk

31. August 2010

Einst gefürchtet als Großinquisitoren im Namen von Geschmack und Kultur, sind Musikjournalisten heute in der Defensive. Denn die Kritiker der Kritiker werden – vornehmlich online – mehr, lautstärker, zudringlicher. Und selbstgerechter.

„Posting sind der neue Punk!“ bekam ich neulich zu lesen. Und zwar in der neumodernen Selbsterkenntnis-Arena „Facebook“, mithin halb unter Freunden, halb öffentlich. Der Absender der Botschaft war einer der hauptberuflichen Pop-Kritiker des „Standard“, der offensichtlich gerade ein paar Watschen im Online-Forum seines Mediums ausgefasst hatte. Natürlich nur virtuell. Aber der gewollt originelle, bisweilen deftig-derbe Ton des Herrn – wenn ich mich recht erinnere, hatte er einige treffliche Anmerkungen zum Line-Up des „Frequency“-Festivals gemacht – schien nicht bei allen Lesern auf Begeisterung gestossen zu sein. Im Gegenteil.

Die Empörung brach sich in dutzenden, wenn nicht gar hunderten Postings Bahn. Ihr Tenor (Ausnahmen bestätigten die Regel): böse alte Männer verstehen die Welt nicht mehr, der Kritiker sei taub, geschmacklos, verbittert („gescheiterter Musiker?“), mieselsüchtig oder generell unfähig (eventuell auch alles zusammen), derlei sei eines Qualitätsmedums nicht annähernd würdig… Und so weiter. Und so fort. Knapp, dass nicht Lynchjustiz angedroht wurde. Einige der Kritiker-Kritiker wüteten absichtsvoll unter der Gürtellinie, andere versuchten es ihrem Haßobjekt gleichzutun und wohlgesetzte Worte zu finden. Worte, die wie Nadelstiche pieksen. Oder wie Axthiebe treffen. Ein kurzweiliges Schlachtfest insgesamt, diese Expertenerregung samt postwendender Privaterregung.

Business as usual? Faktum ist, dass Journalisten heute nicht mehr im einsamen Kritikerkammerl vor sich hin werken. Oder einen exklusiven Blick aus den Höhen ihres Elfenbeinturms geniessen. Der Leser, Hörer, Seher – kurzum: der Medienkonsument – redet mit. Gibt seinen Senf dazu. Reagiert, exzerpiert, kommentiert. Egal, ob gefragt oder ungefragt.

Die one-to-many-Kommunikationswege der Vergangenheit gehören mittlerweile wirklich der Vergangenheit an. Und wurden durch einen elektronischen Wirtshaus-Stammtisch ersetzt, an dem jeder zu Wort kommt, der meint, etwas zu sagen zu haben. Oder zumindest etwas sagen zu müssen. Publikumsbeschimpfungen ohne Publikumsbeteiligung sind aus der Mode geraten. Kritiker, sagen Kulturwissenschafter, haben ihre Deutungshoheit verloren. Immerhin haben die meisten ihren Job noch.

Den geifernden Unmut, der einem bisweilen in dieser Rolle entgegenschlägt, halte ich für demutsfördernd. Ich zähle nicht zu jenen Schreiberlingen, die trotzig behaupten, es sei unter ihrer Würde (oder jedenfalls nicht gut für’s Seelenheil), auch nur einen Blick in die Online-Foren des „Standard“, des ORF oder des Zwerg-Bumsti-Magazins zu werfen. Und die vox populi solchermassen mit Verachtung strafen. Und beinharter Ignoranz. Kurioserweise dringen dann auf verschlungenen Wegen doch immer wieder Stimmen, Kommentare und Meinungsbrocken zu den sensiblen Geistern vor. Und machen sie ganz unrund. Selten, dass Kritiker auf ihre Kritiker so beherzt kühl (im Sinne von „cool“), ja beinahe freudig erregt reagieren wie der eingangs erwähnte Kollege. „Postings sind der neue Punk!“, das hat doch was. Für sich.

Denn: wie in einem M.C.Escher-Vexierbild gilt es auch dem p.t. Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Und die eine oder andere sinnentleerte Fratze und Rumpelstilzchen-Pose zu entlarven. Tja, meine Damen und Herren Leser, Künstler, Fans und Nebenerwerbsexperten: warum lassen Sie sich gar so leicht provozieren? Irritieren? Zu emotionsgeladenem Feedback hinreissen? Es ist ja wohl nicht die Aufgabe eines kritischen Journalisten, alles und jede(n) gut zu finden. Ausschliesslich Fakten zusammenzutragen. Alles bis ins letzte Detail durchzuargumentieren. Oder Seriosität mit Todeslangweile gleichzusetzen. Eine unterhaltsame Kritik – Unterhaltsamkeit ist die erste Tugend jeglicher Zeilenschinderei – muss auch nicht (pseudo-)objektiv, konstruktiv oder apodiktisch sein. Ein krachender Verriss kann weit erregender, erkenntnisbringender und kurzweiliger ausfallen als das streichelweiche Gegenteil. It’s a tough job but someone’s gotta do it.

Lernen wir, uns daran zu ergötzen. Lernen wir zumindest, damit kühl umzugehen. So wie die Kaste der Kritiker lernen muss, dass sie nicht mehr allein auf weiter Flur den Ton angibt. Sondern hinter jeder Ecke Stachelköpfe, Nadelträger und Cyber-Punks rumlungern. Postings rule OK!

Gypsy Spirit

29. August 2010

Indien: der Urkontinent der Roma. Ihrer Kultur. Ihrer Musik. „Gypsy Spirit“ ist eine Expedition zu den Wurzeln des eigenen Ich, die filmische Dokumentation einer Seelenreise. Harri Stojka, Roma, Gitarrist und Weltmusik-Star aus Wien, fährt nach Rajastan, Indien. Und retour. Und trifft da wie dort begnadete Künstler. Virtuosen. Menschen, die dieselbe Sprache sprechen: Musik. „Gypsy Spirit“ (Filmstart: 3.9.) nimmt uns mit auf diese Reise. Und bringt uns verändert, verklärt, verzaubert zurück.

„Wir im Westen sind teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“ (Harri Stojka)

Die frühe Geschichte der Roma-Kultur liegt weitgehend im Dunkeln. Als gesichert gilt die Annahme, daß das Volk der Rom einst von Indien aus zu einer großen, bis heute nicht enden wollenden Reise aufbrach. Ihr Weg führte und führt über Jahrhunderte, eventuell Jahrtausende hinweg durch unzählige Länder, Kulturkreise, Hemisphären. Die einzige Heimat, die dem fahrenden Volk blieb, war die eigene Kultur, zuvorderst die Musik. Roma-Musiker tragen die Fähigkeit in sich, unterschiedlichste musikalischen Einflüsse aufzugreifen und in ihren persönlichen Stil und ihre individuelle Spielweise zu integrieren. Trotz gemeinsamer Wurzeln und einem Fundament traditioneller Tonleitern und Harmonien gibt es – einige wenige Lieder ausgenommen – keine einheitliche Romamusik. Im Gegenteil: sie ist so vielfältig wie die Weltgegenden, in denen ihre Interpreten und Hörer leben. In Mitteleuropa konnten sich trotz Ausgrenzung und Verfolgung von Rom und Sinti („Zigeuner“) verschiedene Biotope, Überlieferungen und Spielweisen entwickeln. Forscht man nach dem Wurzeln des „Gypsy Spirit“, führen alle Wege wieder zurück nach Osten, nach dem Urgrund der eigenen Identität und Existenz. Nach Indien.

Hier beginnt – und endet – auch diese Kinoreise. „Gypsy Spirit“ ist kein Musikfilm der üblichen Art. Er transportiert keine Rock’n’Roll-Klischees, keine grellen Machoismen, Pop-Philosophien und Business-Imperative, keine distinguierte Klassik-Hochkultur westlicher Prägung. Hier prallen Welten aufeinander, die eigentlich zusammengehören und nur einer sanften Zusammenführung bedürfen. Diese Verschmelzung ist das zentrale Motiv einer filmischen Erkundungsfahrt: Harri Stojka, Roma-Musiker aus Wien, begibt sich in Rajastan, Indien, auf die Suche nach seinen musikalischen und ethnischen Wurzeln. Im Gegenzug lädt er indische Gypsy-Musiker nach Wien ein.

So simpel der Plot, so facettenreich, subtil und gleichzeitig flirrend bunt gerät die Umsetzung. „Eigentlich war es die Idee meiner Frau Valerie“, erzählt Harri Stojka. „Ich bin ja geprägt von Bands wie Shakti oder dem Mahavishnu Orchestra. Ich wollte überprüfen, ob diese legendäre Virtuosität indischer Musiker vor Ort wirklich eine Grundgegebenheit ist. Und, um es vorwegzunehmen: sie ist es. Wir im Westen sind ja teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“.

Die künstlerische Hemisphäre Harri Stojkas, der in Wien aufwuchs und lebt, ist neben traditioneller Lovara-Musik wesentlich geprägt von Rock (nicht zuletzt den Beatles), Bebop, Jazz und dem Gypsy Swing eines Django Reinhardt. Nicht zufällig wird der österreichische Gitarrist von einem Seelenverwandten und musikalischen Mitstreiter an der Violine nach Rajastan begleitet: Mosa Sisic. Geboren nahe Belgrad, ist der Roma-Geiger nach Wien übersiedelt, ohne seine Roots zu verleugnen. Im Gegenteil: bei Sisic paart sich die rhythmische und melodische Farbenpracht und Lebensfreude des Balkans mit einem kräftigen Schuß Orient. „Mosa ist das totale Gegenteil von mir“, so Harri Stojka. „Wo ich zu Introvertiertheit neige, ist Mosa extrovertiert bis zum Abwinken. Er geht auf Leute zu, unterhält sich mit Kindern und Alten, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, kann einfach gut kommunizieren.“ Und Kommunikation ist, zumal unter Künstlern, das essentielle Element dieser Reise ins eigene Ich.

„Wir haben 17 Tage in Indien gedreht und acht in Wien“, so Regisseur Klaus Hundsbichler. „Und von der Idee bis zur Kinopremiere hat es nicht einmal ein Jahr gedauert. Trotz aller Widrigkeiten, von stechender Hitze bis zum alle plagenden Durchfall, haben wir unseren Drehplan eingehalten. Ich bin überrascht, wie gut wir das hinbekommen haben. Und wie stimmig unser musikalisches Road Movie letztlich geworden ist.“ Die lakonische Lässigkeit der Protagonisten hat Hundsbichler in einen zurückhaltenden, beobachtenden, nicht kopflastigen Streifen umgemünzt. „Der Höhe- und Schlußpunkt passiert in dieser Teehütte im Niemandsland in Rajastan. Plötzlich tuckert da ein roter Traktor ins Bild, während sich die Hauptdarsteller über Sinn und Unsinn der Welt unterhalten. Jeder andere wäre durchgedreht, ich empfand das als höhere Choreographie“.

Auch Rudolf Klingohr war als Indien-Fan von Beginn weg angetan vom Konzept eines musikalischen Selbsterfahrungs-Trips. „Back to the roots“ bedeutet „Gypsy Spirit“ auch für den erfahrenen Produzenten, der u.a. mit seiner Firma Interspot u.a. die ORF-„Universum“-Serie gestaltet. „Wir haben mit einem höchst überschaubaren Budget unter schwierigen Umständen im High Definition-Format gedreht, und es war sehr spannend, die zweite Kamera zu bedienen. Der magischste Moment war für mich, als Harri am Dach eines Hauses, im Hintergrund eine Moschee, ein Musikstück seines Vaters spielt. Aber es gab viele magische Momente.“

„Gypsy Spirit“ ist eine Perlenkette von Momentaufnahmen. Junge indische Musiker (Stojka: „Wir haben einfach die besten genommen“) treffen beim Heurigen „Herrgott aus Sta“ auf Karl Hodina und im Schweizerhaus auf Wiener Schnitzel, Weltmusik-Stars gehen in Rajastan andächtig in die Musikschule, eine rumänische Roma-Band gesellt sich zum Gipfeltreffen in den Interspot-Studios. Letztlich ist das gemeinsame Konzert des „World Gypsy Orchestra“, das auch einen gewichtigen Part im Film spielt, der Höhepunkt der globalen Harmonie. Die letztlich nicht planbar ist: es bedarf gewaltiger künstlerischer Einfühlsamkeit, Aufmerksamkeit und Empathie, sich über ganz unterschiedliche Traditionen, Sichtweisen und Kulturen hinweg zu verständigen und auszutauschen. Und nicht immer schliesst sich der Kreis. „Die Musiker in Indien verstehen sich, ungeachtet der Erkenntnisse der Historiker, nicht als Roma, auch die Sprache ist – bis auf ein paar Worte und Sätze – keine gemeinsame mehr. Insofern blieb und bleibt uns nur die Musik.“

„So froh ich bin, die Strapazen dieser Reise hinter mir zu haben – die Wurzelsuche mußte einfach sein“, so Harri Stojka abschließend. „Jetzt kann man noch suchen. Und finden. In Zukunft wird alles verschmelzen. Und auch das hat sein Gutes, Befreiendes. Wir alle werden Menschen sein. Nur mehr Menschen, ohne Unterscheidungen. Und Musik unsere gemeinsame Sprache.“

Lego & Duplo

28. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (74) Könnte es sein, dass das iPad der ideale Computer für die Prä-PC-Generation ist? Und uns alle ein wenig, hm, infantil werden lässt?

Man lernt ja nie aus. Dachte ich vor wenigen Monaten noch, Apple’s iPad sei das ideale Handwerkszeug für die Avantgarde der Digitalära, muss ich mittlerweile meine Meinung revidieren. Natürlich ist es beeindruckend, was sich alles damit anstellen lässt. Wer aber ein iPhone sein eigen nennt (oder ein Android-Konkurrenzmodell, bald werden auch Microsoft & Co. mit ähnlich ausgeklügelten Betriebssystemen folgen), hat prinzipiell ein Miniatur-iPad daheim. Hie Lego, da Duplo.

Die Erweiterbarkeit und Erschliessung des Funktionsumfangs mittels „Apps“ – winzigen, auf einen einzigen Zweck hin optimierten Software-Paketen – ist die Grundlage beider Geräte. Dass das Gerücht umgeht, Apple arbeite schon an einem kleineren iPad (oder grösseren iPhone respektive iPod Touch), ist da eigentlich nur logisch. Das wäre dann das „missing link“ zwischen Minimundus und maximalem Online-Spaß.

Aber: das Vergnügen ist mit einem herben, wenn auch von vielen unbemerkten Verlust von Freiheit und Eigenverantwortlichkeit verbunden. Denn die leichte Zugänglichkeit und stylishe Knopfdruck-Funktionalität der Applikationen – Spötter meinen, es handle sich um ein „Bunti-bunti-klicki-klicki“-Spielzeug – lenken unseren Wissens- und Spieltrieb in genau jene Bahnen, die Steve Jobs und die ihm genehmen App-Lieferanten vorgegeben haben. Und Jobs vulgo Apple Inc. kann bekanntermassen ziemlich kleinlich sein. Um nicht zu sagen: bestürzend rigide. Für Musiker, Labels, Journalisten, Medienbetreiber und Software-Entwickler dagegen durchaus erfreulich: plötzlich rücken Millionen Menschen gern wieder ein paar Cent raus für kurzweilige Ablenkungen, wertige Inhalte und brauchbare Tools.

Andererseits lassen sich mit den Geräten Anbieter ausserhalb dieser formatierten Welt – andere sprechen gar von einem „geschlossenen System“ – nur mehr umständlich oder gar nicht mehr erreichen. Das World Wide Web als unüberschaubares, anarchistisches Universum bleibt tendenziell aussen vor. Das iPad repräsentiert den Gegenentwurf: ein gut konsumierbares, strikt reglementiertes, adrett anzusehendes Wohlfühl-Gadget. Vergleichbar einem All Inclusive-Ferien-Ressort. Der Wildwuchs und die Unwägbarkeiten beginnen jenseits des Zauns.

Darüber werden, wetten!?, noch Myriaden von Kulturphilosophen, Technik-Journalisten und Verschwörungstheoretikern grübeln. Ich habe jedenfalls mein Test-iPad meinem Sohnemann weitergegeben – mit der Bitte um seinen Eindruck. Der wiederum meinen User-Zwischenbericht nähren wird. Ist’s tatsächlich Kinderkram? Und, wenn ja, sind wir nicht alle (auch) Kinder?

Bekannte wiederum haben ihre Eltern oder gar Grosseltern mit so einem Ding beglückt. iPads scheinen, und ich meine das nicht zynisch, für diese Generationen wie gemacht. Nicht zuletzt durch die stufenlose Vergrösserbarkeit von Bildern und Schriften ergibt sich für ältere Menschen ein Alltags-Nutzwert, der enorm ist. Von der kinderleichten Bedienbarkeit, die natürlich dem Rundum-Sorglos-Konzept des Tablet-Universums geschuldet ist, einmal abgesehen.

Auch die ganz Kleinen scheinen „Winnie Pooh“ & Co. auf dem iPad zu lieben. Eventuell ist’s mehr Klicken als Lesen. Anderseits: wächst da eine alte mit einer neuen Kulturtechnik zusammen? Ein Gruss also an die Senioren und die Junioren: meine weitergehenden Bedenken bleiben da zunächst zweitrangig.

Wespenstich

21. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (73) Die Vespa GTS 300 ist nicht nur das schickste Großstadt-Vehikel. Sondern auch das schnellste und vernünftigste.

Man möchte nicht mehr absteigen. Nie mehr. Gibt es Schöneres, das sich über ein Motorrad sagen lässt? Pardon: es handelt sich nicht um eines der üblichen Geräte, egal ob Enduro, Renneisen oder herkömmliche Strassenmaschine. Sondern um eine Vespa. Damit das – für manche ist die Marke Religion – mal geklärt wäre. Ich habe allerdings kein historisches Sammlerstück ausgefasst, sondern ein aktuelles Sondermodell. Sprich: kein Fünfzig-Kubik-Spuckerl. Und keine 125er vom Serienfliessband. Danke, so eine habe ich schon.

Eine ET4, Baujahr 2004. Inzwischen arg zerschunden. Und seit jeher mit einer lächerlichen Zündschwäche bei Regenwetter behaftet. Auch wenn man sie länger stehen lässt, stottert und streikt sie gern mal auf den ersten Metern. Die sich zu Kilometern auswachsen können. Trotzdem liebe ich das Ding. Im Stadtverkehr gibt es kein besseres, günstigeres, schnelleres Fortbewegungsmittel.

Aber damit lässt sich eine olle ET4 nicht vergleichen: die GTS 300 Super Sport, Sonderlackerung „Mattgrau Metallic“, 278 Kubikzentimeter Viertakt-Vierventil-Einspritzmotor mit Flüssigkeitskühlung, 22 PS, ist das stärkste Modell der Vespa-Familie. Dass auf den vollen Dreihunderter 22 Kubik fehlen: geschenkt. Und dass andere Verwandte, wie die LX Touring, die GTV oder gar das Sondermodell „Via Montenapoleone“, noch schärfer und stylisher aus der Wäsch’ schauen: dito.

Denn die Super Sport wird ihrem Namen gerecht. Mehr als das. Sie geht wie Sau. Und damit Sie mich jetzt nicht für die Ein-Mann-Bobo-Fraktion der Hells Angels halten: das hat seine Vorteile im Alltagsverkehr. Man kann sich von anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere aggressiven BMW-Piloten, mühelos absetzen. Man schwimmt nicht mit im Verkehr, sondern bestimmt den Takt. Und man ist dabei gleichzeitig fast so wendig, schlank und rank wie mit einer kleineren Maschine.

Ich habe mich oft gefragt, was die Italiener anders, wertiger und besser machen als die Franzosen, Japaner, Koreaner. Und neuerdings auch die Inder und Chinesen. Letztere drängen mit ihren Preisdumping-Motorgurken auf breiter Front in den Massenmarkt. Allerdings: Plastikteile und Qualitätsmängel (siehe oben) besitzen auch elegante Vespas zur Genüge. Kosten tun sie aber oft das Doppelte bis Dreifache. Vielleicht sind die Roller ja ein ähnliches Statement wie Reiter-Schuhe oder Apple-Computer. Man bezahlt schlichtweg für die Imagination eines State Of The Art-Lebensgefühls.

Wenn dabei mein Allerwertester aber so flott und bequem von A nach B transportiert wird wie via GTS 300, soll’s mir recht sein. Billig können andere.

Das Daniel Düsentrieb-Ding

14. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (72) Der „Air Multiplier“ von Dyson lässt herkömmliche Ventilatoren alt aussehen. Aber kann er auch wirklich etwas – ausser Wind erzeugen?

Vielleicht ist es ja vorrangig das „Ah!“ und „Oh!“, das dieses Gerät erzeugt. Und zwar bei Gästen, die den Ventilator zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Dazu muss man ihn noch nicht mal einschalten, die silbrig glänzende, stumme Skulptur mitten im Raum tut’s auch.

Wobei: „Ventilator“ ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Der „Air Multiplier“ von Dyson sieht aus wie ein Designstück ohne Rotorblätter. Und ohne schützendes Drahtgitter davor. In Science Fiction-B-Movies könnte man ihn als Empfangsanlage für ausserirdische Signale verwenden. Ich dachte auch kurz daran, unseren Katzen Kunststücke beizubringen und sie durch das reifenförmige Etwas springen zu lassen. Aber Miez & Maunz halten einen instinktiven Respektabstand. Und ich will ja nicht den Tierschutzverein auf den Plan rufen – was wissen die schon von Strömungslehre, Design und technischen Innovationen.

Fortschrittlich ist der „Air Multiplier“ in der Tat. Dyson, bekannt geworden mit futuristisch anmutenden, beutellosen Zyklon-Staubsaugern, widmet sich mit einem 650 Mann (!) starken, eigenen Forschungs- und Entwicklungszentrum notorisch der Verbesserung und Neu-Erfindung altbekannter Funktionsprinzipien. Vor kurzem erst stellte man einen Händetrockner vor, der mit einem konzentrierten Luftstrom arbeitet statt mit einem Heizgebläse. Nun war der Ventilator dran.

„Rotorflügel bewirken ein Flattern der Luft“, verkündet die Werbebroschüre des britischen Herstellers. „Bei der Air Multiplier-Technologie wird die Luft durch einen schmalen Schlitz beschleunigt und über eine tragflächenförmige Schräge kanalisiert. Zusätzlich wird die umgebende Luft angesaugt und um das Fünfzehnfache verstärkt (das so genannte Erzeugen und Mitreißen).“ Zitat Ende.

Vom Aussehen des Geräts war und bin ich tatsächlich mitgerissen. Aber der Krach, den dieses Daniel Düsentrieb-Ding macht, ist auch nicht ohne. Zumindest in der höchsten Stufe. Immerhin kann man es stufenlos regeln. Und elegant zum Kreisen bringen. Doch auch wenn der „Air Multiplier“ kein herkömmliches Ventilator-Flattern erzeugt, bewirkt der doch meist ein nervöses Zucken und rasches Abwinken des – zuvor noch herzlich begeisterten – Publikums, wenn man auf seinen Preis zu sprechen kommt.

Nun: es war immer schon teuer, Distanz zum Gewöhnlichen zu demonstrieren. Und Sinn für Ästhetik. James Dyson lebt gut davon. Auch wenn der „Air Multiplier“ wie die Antwort auf eine Frage wirkt, die eigentlich niemand gestellt hat.

George Clooney, Eric Schmidt, meine Freundin & ich

7. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (71) Die Rasanz der technologischen Entwicklung überfordert bisweilen sogar Experten. Und Kolumnisten, die sich eventuell für Experten halten.

Stop! Gerade mal eben trudelte die Meldung herein, dass Google seinen Dienst „Google Wave“ einstellt. Veröffentlicht wurde dieses „internetbasierte System zur Kommunikation und Zusammenarbeit in Echtzeit“ (ich muss da Wikipedia bemühen, bis zuletzt konnte mir niemand recht erklären, worum es sich überhaupt handelte) im Mai 2009, etwas mehr als ein Jahr später sperrt es schon wieder zu. So geht’s ja auch nicht, meine Damen und Herren! Ich hab’s noch nicht mal ausprobiert! Dabei hätte dieses revolutionäre Etwas auf einen Schlag e-mail, Facebook, Twitter, Skype, den MSN Messenger und was weiss ich nicht noch alles überflüssig machen sollen. Oder so. Tja, schade.

Der Punkt ist: wir sind nicht bereit für die technologische Revolution. Meint jedenfalls der Chefstratege von Google, CEO Eric Schmidt. „Zwischen dem Beginn der Zivilisation und dem Jahr 2003 hat die Menschheit etwa fünf Exabyte – das entspricht 5 Milliarden Gigabyte – an Information produziert“, verkündete Schmidt bei einer Konferenz in Lake Tahoe. „Heute kommen wir alle zwei Tage auf eine solche Datenmenge. Und die Kurve zeigt steil nach oben.“

Subjektiv muss ich dem Herrn recht geben: in meiner In-Box warten immer noch zirka dreihundertsiebenundvierzig Elektropostdepeschen auf Antwort. Und meine Leistungskurve weist drastisch nach unten. Ich bin urlaubsreif. Dass ich hierorts etwa Weisheiten zum neuen Apple iPhone von mir gebe, scheitert schon schlicht daran, dass ich noch nicht mal dazu gekommen bin, mich für eine Testvorführung anzumelden. Also tu ich’s am besten gleich vorauseilend für Version 5. Die kommt wie das Amen im Gebet. Und hat dann eventuell auch gleich einen persönlichen Ausreden-, Anti-Arschloch- und Alltags-Abblock-Generator mit künstlicher Intelligenz eingebaut.

Soooooo langsam bewege ich mich übrigens auch nicht im Hochtakt-High Tech-Universum. Zum Vergleich: meine Freundin hat gerade mal Facebook entdeckt. Und tappt da staunend („Das ist ja ein irrer Zeitfresser! Haben die alle nix zu tun?“) Pfade entlang, die vor ihr schon eine halbe Milliarde Menschen ausgetrampelt haben.

Facebook sei ja auch das neue Google, höre ich Experten raunen. Bullshit: 3.0 ist das neue 2.0, sag’ ich Ihnen, wird aber bald von 4.0 abgelöst. Und so weiter. Und sofort! Dass ein nicht ganz unbekannter Hausfreund namens George Clooney meinte, er würde sich lieber live im Fernsehen von einem Arzt mit kalten Händen rektal untersuchen lassen als eine Facebook-Seite zu haben, muss ich meiner Holden ja nicht verraten. Oder erst dann, wenn die Social Media-Massenflucht zum allerneuesten Trend wird.

Es gilt die Unmutsverschuldung

5. August 2010

Popkultur & Fernsehen, das geht gut zusammen. Auf der ganzen Welt. Nur nicht im Österreichischen Rundfunk. Warum nicht? Darüber darf gerätselt werden. Was allerdings – bald – nicht mehr gilt, ist die Unschuldsvermutung.

Österreich ist ein Biotop ungenierter Klientelpolitik. Ob Betriebskrankenkassen oder Beamtenprivilegien, Parteienfinanzierung oder ÖBB-Pensionisten – jede Berufsgruppe, jeder Interessensverband, jeder Kleingartenverein hierzulande hat im Lauf der Jahre irgendeine Lücke erkannt, einen Subventionsgeber aufgetan, einen schlaumeierischen Vorteil herausgeschunden. Und im Aktenordner mit Wortbeiwerk wie „wohlerworbene Rechte“, „Vertrauensschutz“ oder strikt „im Interesse des Allgemeinheit“ abgeheftet. Wäre man (all)gemein, eventuell sogar ein Volksvertreter, der diese Funktion ernst nimmt (und sich nicht nur seiner Lobby, seinem Sparverein, seiner Klientel verpflichtet fühlt), müsste man den Dingen auf den Grund gehen. Und sie gegebenfalls ändern. Oder zumindest ändern wollen. Dieser Wesenszug ist aber dem gelernten Österreicher nicht eigen: wozu die Dinge an-, um-, aufrühren? Das war schon immer so, warum sollte es jemals anders sein?

Diese Vorrede habe ich mir von der Seele geschrieben. Denn es scheint auch die conditio sine qua non für eine Thematik zu sein, der ich diese Kolumne widmen möchte: Popkultur im Fernsehen. Speziell im österreichischen Fernsehen. Insbesondere in den Programmen des ORF. Ich blättere, während ich diese Zeilen schreibe, in einer aktuellen Ausgabe von „TV Media“. „Ein Sommer zum Schunkeln!“ springt mir eine fette Schlagzeile ins Auge. „Der ORF setzt voll auf Volksmusik und Schlager. Der Samstagabend gehört bis zum September Hansi Hinterseer & Co“. Na bumsti!, denke ich mir. Und blättere um. „Fendrich bei den „Helden?“ lese ich da. Der „I am from Austria“-Sänger, laut der Gazette ein „Ausnahmekönner“, soll an Bord der Herbst-Castingshow kommen. Eine offizielle Bestätigung gibt es aber noch nicht. Die werden sich freuen, die Nachwuchshelden und –Heldinnen, dass ihnen ausgerechnet eine leicht verschnupfte Achtziger-Showgrösse Tipps im Umgang mit Medien, Musikindustrie und Managern gibt. Da hat sich ja auch wenig getan, da gelten die alten Spielregeln, da muss man einfach nur frischfröhlich drauflos trällern. Oder?

Ich blättere abermals um. Erste Reihe fußfrei werden nun die Salzburger Festspiele serviert. Denn natürlich muss man sich nicht nach Salzburg begeben, um zu sehen und gesehen zu werden. Zumindest ersteres liefert der ORF frei Haus. Vom „Jedermann“ bis zur Opernpremiere: wenn’s um den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag geht und um den Nimbus der Hochkultur, darf schon mal ein Übertragungswagen ausrücken. Oder eine ganze Armada.

Gut, soll sein. Volksmusik, volkstümliche Klänge, Schlager, Fendrich, Klassik. Aber, meine Damen und Herren am Küniglberg, gab und gibt es nicht auch noch anderes? Pop etwa. Im weitesten Sinne. Nicht: Austropop. Und, nein, ich bin nicht der Meinung, daß dieses Genre mit ein paar Falco-Dokumentationen von Dolezal & Rossacher erschöpfend abgehandelt ist. Oder Video-Zusammenschnitten vom Donauinselfest. Denn zufälligerweise handelt es sich um jenes Musikgenre, das den überwiegenden Teil der Bevölkerung interessiert. Ö3, Radio Wien, FM4 leben davon. Am Rande sogar Radio Burgenland und Radio Vorarlberg. Ich weiss schon: diese Hörer- (und potentielle Seher-)Gemeinde ist relativ unstet. Weil noch beweglich. Geistig und körperlich. Und nicht ganz so anspruchslos wie Hansi Hinterseer-Fans und in Ehrfurcht erstarrt wie „Jedermann“-Zaungäste.

Eventuell nehmen sie die relativ seltenen, eh gut gemeinten ORF-Pop-Angebote nicht zur Kenntnis. Oder jedenfalls nicht in jenem Mass, wie sich das diverse Programmverantwortliche gedacht hätten. Da gab’s etwa erst vor wenigen Monaten eine Übertragung eines Festivals vom steirischen Schwarzlsee, und das im Hauptabendprogramm (!). Leider ein Flop. Was heisst Flop: eine Totalniederlage. Quotenmässig. Vom Image ganz zu schweigen. Dass es vielleicht keine glorreiche Vision war, Acts wie Scooter, DJ Ötzi und Papermoon, Wolfgang Ambros, Heino und Sido zusammenzuspannen, darauf ist man erst im Nachhinein gekommen. Leider steht zu befürchten, dass diese Schnapsidee von Programm(ierung) auf Monate, wenn nicht Jahre hinaus der letzte Anlauf des ORF war, Flagge in punkto Popkultur zu zeigen. Was natürlich ebenso zynisch wie fatal wäre.

Keine Ahnung, welche „Experten“, Pop-Kenner und (Untergangs)-Propheten den ORF beraten. Und welche Klientelkapitäne, Industrievertreter und Lobbyisten meinen, der Sender dürfe nur Volksmusik, Klassik und Schlagernächte zeigen. Und damit auf offene Ohren stossen. Während andererseits Wrabetz & Co. offensichtlich nicht mal erwägen, den Musikpreis „Amadeus“ auszustrahlen – hier springt wieder mal Puls 4 ein – oder ein zeitgemässes Pop-Format zu entwickeln. Hier zeigt Servus TV, was denk- und machbar ist. Schade, denn die Musikszene dieses Landes ist vital, vielfältig und vielversprechend wie selten zuvor. Insbesondere im Off-Mainstream-Sektor. Und es geht hier – auch – um Geld. Investitionen. Zukunftsinvestitionen, eventuell.

Bleibt noch abzuwarten, was dem ORF zum Songcontest einfällt. Immerhin hat man sich nach jahrelangem Trotzwinkerlexil für 2011 – heiliger Stefan Raab, bitt’ für uns! – wieder zur Teilnahme entschlossen. Wetten, dass ein Reagenzgeschöpf der „Helden“-Riege antreten darf, nein, muss?

Noch gilt die Unschuldsvermutung. Bald wohl aber die Unmutsverschuldung.

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