Es gilt die Unmutsverschuldung

5. August 2010

Popkultur & Fernsehen, das geht gut zusammen. Auf der ganzen Welt. Nur nicht im Österreichischen Rundfunk. Warum nicht? Darüber darf gerätselt werden. Was allerdings – bald – nicht mehr gilt, ist die Unschuldsvermutung.

Österreich ist ein Biotop ungenierter Klientelpolitik. Ob Betriebskrankenkassen oder Beamtenprivilegien, Parteienfinanzierung oder ÖBB-Pensionisten – jede Berufsgruppe, jeder Interessensverband, jeder Kleingartenverein hierzulande hat im Lauf der Jahre irgendeine Lücke erkannt, einen Subventionsgeber aufgetan, einen schlaumeierischen Vorteil herausgeschunden. Und im Aktenordner mit Wortbeiwerk wie „wohlerworbene Rechte“, „Vertrauensschutz“ oder strikt „im Interesse des Allgemeinheit“ abgeheftet. Wäre man (all)gemein, eventuell sogar ein Volksvertreter, der diese Funktion ernst nimmt (und sich nicht nur seiner Lobby, seinem Sparverein, seiner Klientel verpflichtet fühlt), müsste man den Dingen auf den Grund gehen. Und sie gegebenfalls ändern. Oder zumindest ändern wollen. Dieser Wesenszug ist aber dem gelernten Österreicher nicht eigen: wozu die Dinge an-, um-, aufrühren? Das war schon immer so, warum sollte es jemals anders sein?

Diese Vorrede habe ich mir von der Seele geschrieben. Denn es scheint auch die conditio sine qua non für eine Thematik zu sein, der ich diese Kolumne widmen möchte: Popkultur im Fernsehen. Speziell im österreichischen Fernsehen. Insbesondere in den Programmen des ORF. Ich blättere, während ich diese Zeilen schreibe, in einer aktuellen Ausgabe von „TV Media“. „Ein Sommer zum Schunkeln!“ springt mir eine fette Schlagzeile ins Auge. „Der ORF setzt voll auf Volksmusik und Schlager. Der Samstagabend gehört bis zum September Hansi Hinterseer & Co“. Na bumsti!, denke ich mir. Und blättere um. „Fendrich bei den „Helden?“ lese ich da. Der „I am from Austria“-Sänger, laut der Gazette ein „Ausnahmekönner“, soll an Bord der Herbst-Castingshow kommen. Eine offizielle Bestätigung gibt es aber noch nicht. Die werden sich freuen, die Nachwuchshelden und –Heldinnen, dass ihnen ausgerechnet eine leicht verschnupfte Achtziger-Showgrösse Tipps im Umgang mit Medien, Musikindustrie und Managern gibt. Da hat sich ja auch wenig getan, da gelten die alten Spielregeln, da muss man einfach nur frischfröhlich drauflos trällern. Oder?

Ich blättere abermals um. Erste Reihe fußfrei werden nun die Salzburger Festspiele serviert. Denn natürlich muss man sich nicht nach Salzburg begeben, um zu sehen und gesehen zu werden. Zumindest ersteres liefert der ORF frei Haus. Vom „Jedermann“ bis zur Opernpremiere: wenn’s um den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag geht und um den Nimbus der Hochkultur, darf schon mal ein Übertragungswagen ausrücken. Oder eine ganze Armada.

Gut, soll sein. Volksmusik, volkstümliche Klänge, Schlager, Fendrich, Klassik. Aber, meine Damen und Herren am Küniglberg, gab und gibt es nicht auch noch anderes? Pop etwa. Im weitesten Sinne. Nicht: Austropop. Und, nein, ich bin nicht der Meinung, daß dieses Genre mit ein paar Falco-Dokumentationen von Dolezal & Rossacher erschöpfend abgehandelt ist. Oder Video-Zusammenschnitten vom Donauinselfest. Denn zufälligerweise handelt es sich um jenes Musikgenre, das den überwiegenden Teil der Bevölkerung interessiert. Ö3, Radio Wien, FM4 leben davon. Am Rande sogar Radio Burgenland und Radio Vorarlberg. Ich weiss schon: diese Hörer- (und potentielle Seher-)Gemeinde ist relativ unstet. Weil noch beweglich. Geistig und körperlich. Und nicht ganz so anspruchslos wie Hansi Hinterseer-Fans und in Ehrfurcht erstarrt wie „Jedermann“-Zaungäste.

Eventuell nehmen sie die relativ seltenen, eh gut gemeinten ORF-Pop-Angebote nicht zur Kenntnis. Oder jedenfalls nicht in jenem Mass, wie sich das diverse Programmverantwortliche gedacht hätten. Da gab’s etwa erst vor wenigen Monaten eine Übertragung eines Festivals vom steirischen Schwarzlsee, und das im Hauptabendprogramm (!). Leider ein Flop. Was heisst Flop: eine Totalniederlage. Quotenmässig. Vom Image ganz zu schweigen. Dass es vielleicht keine glorreiche Vision war, Acts wie Scooter, DJ Ötzi und Papermoon, Wolfgang Ambros, Heino und Sido zusammenzuspannen, darauf ist man erst im Nachhinein gekommen. Leider steht zu befürchten, dass diese Schnapsidee von Programm(ierung) auf Monate, wenn nicht Jahre hinaus der letzte Anlauf des ORF war, Flagge in punkto Popkultur zu zeigen. Was natürlich ebenso zynisch wie fatal wäre.

Keine Ahnung, welche „Experten“, Pop-Kenner und (Untergangs)-Propheten den ORF beraten. Und welche Klientelkapitäne, Industrievertreter und Lobbyisten meinen, der Sender dürfe nur Volksmusik, Klassik und Schlagernächte zeigen. Und damit auf offene Ohren stossen. Während andererseits Wrabetz & Co. offensichtlich nicht mal erwägen, den Musikpreis „Amadeus“ auszustrahlen – hier springt wieder mal Puls 4 ein – oder ein zeitgemässes Pop-Format zu entwickeln. Hier zeigt Servus TV, was denk- und machbar ist. Schade, denn die Musikszene dieses Landes ist vital, vielfältig und vielversprechend wie selten zuvor. Insbesondere im Off-Mainstream-Sektor. Und es geht hier – auch – um Geld. Investitionen. Zukunftsinvestitionen, eventuell.

Bleibt noch abzuwarten, was dem ORF zum Songcontest einfällt. Immerhin hat man sich nach jahrelangem Trotzwinkerlexil für 2011 – heiliger Stefan Raab, bitt’ für uns! – wieder zur Teilnahme entschlossen. Wetten, dass ein Reagenzgeschöpf der „Helden“-Riege antreten darf, nein, muss?

Noch gilt die Unschuldsvermutung. Bald wohl aber die Unmutsverschuldung.

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6 Antworten to “Es gilt die Unmutsverschuldung”

  1. hr. karl Says:

    einfach furchtbar sowas.

  2. manfred Says:

    zufällig hab ich zu dem thema gerade etwas in fb gepostet: bin begeistert über die qualität der jools holland show oder ina müller um dann sehen zu müssen, dass unser fs (kulturauftrag!) dem nichts – aber schon überhaupt nichts – entgegen zu setzen hat. music & talk ist sicher ein schwieriges format weil du vor allem kompetenz(!) benötigst. redaktioniell und an der moderatorenfront. und quackende, gekünstelt kichernde moderatoren bei denen alles „sensationell“ ist und es nur „die besten“ ODER „die nervigsten“ gibt, kann dafür auch keiner brauchen. aber mangels nachwuchs werden ja genau diejenigen gerne zu fs-moderatoren „umgecoacht“ um dann genau dort ihre teleprompter-farblosigkeit ausleben zu müssen. andererseits sehe ich bei fm4 auch keine alternativen. der sender besticht durch grausame „selbstgefällige, elitäre schnöseligkeit“, die sich genau dadurch jeglicher authentitität beraubt.
    nur modern sein zu wollen ist genau so falsch wie old style. auf den mix käme es halt an. und da wären wir wieder beim theme kompetenz ;-)

    • Walter Gröbchen Says:

      Ich halte Andi Knoll für einen guten, subtilen, kompetenten Moderator. Was katastrophal ist: der Impetus der Leute, die solche Showformate entwickeln.

  3. tobi Says:

    update: im übrigen wird die „rille“ auf servus tv jetzt eingestellt.

    • Walter Gröbchen Says:

      Was da dahintersteckt, weiß ich nicht – „Die Rille“ war sehr ambitioniert und gut gemacht. Aber allein in der Herangehensweise an Popkultur insgesamt ist Servus TV weit heutiger, kompetenter, aktueller als der ORF.


  4. […] wurde. Einerseits als exemplarische Übung, weil immer wieder (und vollkommen zurecht) beklagt wird, dass der ORF mit Populärkultur eigentlich nicht umzugehen weiss. Andererseits auch, um zu […]


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