Wespenstich

21. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (73) Die Vespa GTS 300 ist nicht nur das schickste Großstadt-Vehikel. Sondern auch das schnellste und vernünftigste.

Man möchte nicht mehr absteigen. Nie mehr. Gibt es Schöneres, das sich über ein Motorrad sagen lässt? Pardon: es handelt sich nicht um eines der üblichen Geräte, egal ob Enduro, Renneisen oder herkömmliche Strassenmaschine. Sondern um eine Vespa. Damit das – für manche ist die Marke Religion – mal geklärt wäre. Ich habe allerdings kein historisches Sammlerstück ausgefasst, sondern ein aktuelles Sondermodell. Sprich: kein Fünfzig-Kubik-Spuckerl. Und keine 125er vom Serienfliessband. Danke, so eine habe ich schon.

Eine ET4, Baujahr 2004. Inzwischen arg zerschunden. Und seit jeher mit einer lächerlichen Zündschwäche bei Regenwetter behaftet. Auch wenn man sie länger stehen lässt, stottert und streikt sie gern mal auf den ersten Metern. Die sich zu Kilometern auswachsen können. Trotzdem liebe ich das Ding. Im Stadtverkehr gibt es kein besseres, günstigeres, schnelleres Fortbewegungsmittel.

Aber damit lässt sich eine olle ET4 nicht vergleichen: die GTS 300 Super Sport, Sonderlackerung „Mattgrau Metallic“, 278 Kubikzentimeter Viertakt-Vierventil-Einspritzmotor mit Flüssigkeitskühlung, 22 PS, ist das stärkste Modell der Vespa-Familie. Dass auf den vollen Dreihunderter 22 Kubik fehlen: geschenkt. Und dass andere Verwandte, wie die LX Touring, die GTV oder gar das Sondermodell „Via Montenapoleone“, noch schärfer und stylisher aus der Wäsch’ schauen: dito.

Denn die Super Sport wird ihrem Namen gerecht. Mehr als das. Sie geht wie Sau. Und damit Sie mich jetzt nicht für die Ein-Mann-Bobo-Fraktion der Hells Angels halten: das hat seine Vorteile im Alltagsverkehr. Man kann sich von anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere aggressiven BMW-Piloten, mühelos absetzen. Man schwimmt nicht mit im Verkehr, sondern bestimmt den Takt. Und man ist dabei gleichzeitig fast so wendig, schlank und rank wie mit einer kleineren Maschine.

Ich habe mich oft gefragt, was die Italiener anders, wertiger und besser machen als die Franzosen, Japaner, Koreaner. Und neuerdings auch die Inder und Chinesen. Letztere drängen mit ihren Preisdumping-Motorgurken auf breiter Front in den Massenmarkt. Allerdings: Plastikteile und Qualitätsmängel (siehe oben) besitzen auch elegante Vespas zur Genüge. Kosten tun sie aber oft das Doppelte bis Dreifache. Vielleicht sind die Roller ja ein ähnliches Statement wie Reiter-Schuhe oder Apple-Computer. Man bezahlt schlichtweg für die Imagination eines State Of The Art-Lebensgefühls.

Wenn dabei mein Allerwertester aber so flott und bequem von A nach B transportiert wird wie via GTS 300, soll’s mir recht sein. Billig können andere.

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3 Antworten to “Wespenstich”

  1. Peter Baldauf Says:

    lieber herr gröbchen! da krieg ich richtig gusto aud die vespa! widersprechen muss ich ihnen aber bei den reiter-schuhen, die haben vor ein paar jahren gleichzeitig mit einer saftigen preiserhöhung leider jede qualität und damit lebensgefühl und freude mit der investition abgeschüttelt, so dass ich die marke leidenschaftlich boykottieren muss. apple stimmt aber!

    lg peter baldauf

    • Walter Gröbchen Says:

      Ich geb’s ja zu: ich trage keine Reiter-Schuhe ;-) Aber vom früheren Image leben die immer noch. Ob gut, ist eine andere Frage. Liebe Grüsse!, WG


  2. […] geht aber wirklich die Post ab. Ich war in der Stadt fast so flott unterwegs wie mit der geliebten Vespa. Und das, ohne einen Tropfen Schweiss zu […]


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