Lego & Duplo

28. August 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (74) Könnte es sein, dass das iPad der ideale Computer für die Prä-PC-Generation ist? Und uns alle ein wenig, hm, infantil werden lässt?

Man lernt ja nie aus. Dachte ich vor wenigen Monaten noch, Apple’s iPad sei das ideale Handwerkszeug für die Avantgarde der Digitalära, muss ich mittlerweile meine Meinung revidieren. Natürlich ist es beeindruckend, was sich alles damit anstellen lässt. Wer aber ein iPhone sein eigen nennt (oder ein Android-Konkurrenzmodell, bald werden auch Microsoft & Co. mit ähnlich ausgeklügelten Betriebssystemen folgen), hat prinzipiell ein Miniatur-iPad daheim. Hie Lego, da Duplo.

Die Erweiterbarkeit und Erschliessung des Funktionsumfangs mittels „Apps“ – winzigen, auf einen einzigen Zweck hin optimierten Software-Paketen – ist die Grundlage beider Geräte. Dass das Gerücht umgeht, Apple arbeite schon an einem kleineren iPad (oder grösseren iPhone respektive iPod Touch), ist da eigentlich nur logisch. Das wäre dann das „missing link“ zwischen Minimundus und maximalem Online-Spaß.

Aber: das Vergnügen ist mit einem herben, wenn auch von vielen unbemerkten Verlust von Freiheit und Eigenverantwortlichkeit verbunden. Denn die leichte Zugänglichkeit und stylishe Knopfdruck-Funktionalität der Applikationen – Spötter meinen, es handle sich um ein „Bunti-bunti-klicki-klicki“-Spielzeug – lenken unseren Wissens- und Spieltrieb in genau jene Bahnen, die Steve Jobs und die ihm genehmen App-Lieferanten vorgegeben haben. Und Jobs vulgo Apple Inc. kann bekanntermassen ziemlich kleinlich sein. Um nicht zu sagen: bestürzend rigide. Für Musiker, Labels, Journalisten, Medienbetreiber und Software-Entwickler dagegen durchaus erfreulich: plötzlich rücken Millionen Menschen gern wieder ein paar Cent raus für kurzweilige Ablenkungen, wertige Inhalte und brauchbare Tools.

Andererseits lassen sich mit den Geräten Anbieter ausserhalb dieser formatierten Welt – andere sprechen gar von einem „geschlossenen System“ – nur mehr umständlich oder gar nicht mehr erreichen. Das World Wide Web als unüberschaubares, anarchistisches Universum bleibt tendenziell aussen vor. Das iPad repräsentiert den Gegenentwurf: ein gut konsumierbares, strikt reglementiertes, adrett anzusehendes Wohlfühl-Gadget. Vergleichbar einem All Inclusive-Ferien-Ressort. Der Wildwuchs und die Unwägbarkeiten beginnen jenseits des Zauns.

Darüber werden, wetten!?, noch Myriaden von Kulturphilosophen, Technik-Journalisten und Verschwörungstheoretikern grübeln. Ich habe jedenfalls mein Test-iPad meinem Sohnemann weitergegeben – mit der Bitte um seinen Eindruck. Der wiederum meinen User-Zwischenbericht nähren wird. Ist’s tatsächlich Kinderkram? Und, wenn ja, sind wir nicht alle (auch) Kinder?

Bekannte wiederum haben ihre Eltern oder gar Grosseltern mit so einem Ding beglückt. iPads scheinen, und ich meine das nicht zynisch, für diese Generationen wie gemacht. Nicht zuletzt durch die stufenlose Vergrösserbarkeit von Bildern und Schriften ergibt sich für ältere Menschen ein Alltags-Nutzwert, der enorm ist. Von der kinderleichten Bedienbarkeit, die natürlich dem Rundum-Sorglos-Konzept des Tablet-Universums geschuldet ist, einmal abgesehen.

Auch die ganz Kleinen scheinen „Winnie Pooh“ & Co. auf dem iPad zu lieben. Eventuell ist’s mehr Klicken als Lesen. Anderseits: wächst da eine alte mit einer neuen Kulturtechnik zusammen? Ein Gruss also an die Senioren und die Junioren: meine weitergehenden Bedenken bleiben da zunächst zweitrangig.

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6 Antworten to “Lego & Duplo”

  1. Georg Huber Says:

    @“geschlossenes System“:

    Safari????

    • Walter Gröbchen Says:

      Eh, „Safari“. Ermöglicht jederzeit und überall einen Zugang zum World Wide Web. Aber tendenziell sind Apps eine Abkehr vom „Umweg“ über das Web. Das war der Punkt meiner – zugegebenermaßen polemischen – Kolumne.


  2. […] da hab’ ich mir was anhören können. Meine – zugegebenermaßen polemisch zugespitzte – Kolumne der Vorwoche hatte das iPad im Visier. Und die „Apps“ genannten Mini-Programme, die mittels leichtem […]


  3. […] zum Vertriebsaufwand für „Holzmedien“ – günstigen Konditionen verspricht. Die Leimrute ist ausgelegt. Und das iPad als prototypisch innovative Push/Pull-Plattform der vermeintliche […]


  4. […] Geschlossenheit der Apple-Welt sowohl hard- wie auch softwareseitig hat man längst verinnerlicht, eventuell gar zum Bonus erklärt. Und es gibt ja auch einen unleugbaren Vorteil: Sicherheit. […]


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