Gypsy Spirit

29. August 2010

Indien: der Urkontinent der Roma. Ihrer Kultur. Ihrer Musik. „Gypsy Spirit“ ist eine Expedition zu den Wurzeln des eigenen Ich, die filmische Dokumentation einer Seelenreise. Harri Stojka, Roma, Gitarrist und Weltmusik-Star aus Wien, fährt nach Rajastan, Indien. Und retour. Und trifft da wie dort begnadete Künstler. Virtuosen. Menschen, die dieselbe Sprache sprechen: Musik. „Gypsy Spirit“ (Filmstart: 3.9.) nimmt uns mit auf diese Reise. Und bringt uns verändert, verklärt, verzaubert zurück.

„Wir im Westen sind teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“ (Harri Stojka)

Die frühe Geschichte der Roma-Kultur liegt weitgehend im Dunkeln. Als gesichert gilt die Annahme, daß das Volk der Rom einst von Indien aus zu einer großen, bis heute nicht enden wollenden Reise aufbrach. Ihr Weg führte und führt über Jahrhunderte, eventuell Jahrtausende hinweg durch unzählige Länder, Kulturkreise, Hemisphären. Die einzige Heimat, die dem fahrenden Volk blieb, war die eigene Kultur, zuvorderst die Musik. Roma-Musiker tragen die Fähigkeit in sich, unterschiedlichste musikalischen Einflüsse aufzugreifen und in ihren persönlichen Stil und ihre individuelle Spielweise zu integrieren. Trotz gemeinsamer Wurzeln und einem Fundament traditioneller Tonleitern und Harmonien gibt es – einige wenige Lieder ausgenommen – keine einheitliche Romamusik. Im Gegenteil: sie ist so vielfältig wie die Weltgegenden, in denen ihre Interpreten und Hörer leben. In Mitteleuropa konnten sich trotz Ausgrenzung und Verfolgung von Rom und Sinti („Zigeuner“) verschiedene Biotope, Überlieferungen und Spielweisen entwickeln. Forscht man nach dem Wurzeln des „Gypsy Spirit“, führen alle Wege wieder zurück nach Osten, nach dem Urgrund der eigenen Identität und Existenz. Nach Indien.

Hier beginnt – und endet – auch diese Kinoreise. „Gypsy Spirit“ ist kein Musikfilm der üblichen Art. Er transportiert keine Rock’n’Roll-Klischees, keine grellen Machoismen, Pop-Philosophien und Business-Imperative, keine distinguierte Klassik-Hochkultur westlicher Prägung. Hier prallen Welten aufeinander, die eigentlich zusammengehören und nur einer sanften Zusammenführung bedürfen. Diese Verschmelzung ist das zentrale Motiv einer filmischen Erkundungsfahrt: Harri Stojka, Roma-Musiker aus Wien, begibt sich in Rajastan, Indien, auf die Suche nach seinen musikalischen und ethnischen Wurzeln. Im Gegenzug lädt er indische Gypsy-Musiker nach Wien ein.

So simpel der Plot, so facettenreich, subtil und gleichzeitig flirrend bunt gerät die Umsetzung. „Eigentlich war es die Idee meiner Frau Valerie“, erzählt Harri Stojka. „Ich bin ja geprägt von Bands wie Shakti oder dem Mahavishnu Orchestra. Ich wollte überprüfen, ob diese legendäre Virtuosität indischer Musiker vor Ort wirklich eine Grundgegebenheit ist. Und, um es vorwegzunehmen: sie ist es. Wir im Westen sind ja teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“.

Die künstlerische Hemisphäre Harri Stojkas, der in Wien aufwuchs und lebt, ist neben traditioneller Lovara-Musik wesentlich geprägt von Rock (nicht zuletzt den Beatles), Bebop, Jazz und dem Gypsy Swing eines Django Reinhardt. Nicht zufällig wird der österreichische Gitarrist von einem Seelenverwandten und musikalischen Mitstreiter an der Violine nach Rajastan begleitet: Mosa Sisic. Geboren nahe Belgrad, ist der Roma-Geiger nach Wien übersiedelt, ohne seine Roots zu verleugnen. Im Gegenteil: bei Sisic paart sich die rhythmische und melodische Farbenpracht und Lebensfreude des Balkans mit einem kräftigen Schuß Orient. „Mosa ist das totale Gegenteil von mir“, so Harri Stojka. „Wo ich zu Introvertiertheit neige, ist Mosa extrovertiert bis zum Abwinken. Er geht auf Leute zu, unterhält sich mit Kindern und Alten, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, kann einfach gut kommunizieren.“ Und Kommunikation ist, zumal unter Künstlern, das essentielle Element dieser Reise ins eigene Ich.

„Wir haben 17 Tage in Indien gedreht und acht in Wien“, so Regisseur Klaus Hundsbichler. „Und von der Idee bis zur Kinopremiere hat es nicht einmal ein Jahr gedauert. Trotz aller Widrigkeiten, von stechender Hitze bis zum alle plagenden Durchfall, haben wir unseren Drehplan eingehalten. Ich bin überrascht, wie gut wir das hinbekommen haben. Und wie stimmig unser musikalisches Road Movie letztlich geworden ist.“ Die lakonische Lässigkeit der Protagonisten hat Hundsbichler in einen zurückhaltenden, beobachtenden, nicht kopflastigen Streifen umgemünzt. „Der Höhe- und Schlußpunkt passiert in dieser Teehütte im Niemandsland in Rajastan. Plötzlich tuckert da ein roter Traktor ins Bild, während sich die Hauptdarsteller über Sinn und Unsinn der Welt unterhalten. Jeder andere wäre durchgedreht, ich empfand das als höhere Choreographie“.

Auch Rudolf Klingohr war als Indien-Fan von Beginn weg angetan vom Konzept eines musikalischen Selbsterfahrungs-Trips. „Back to the roots“ bedeutet „Gypsy Spirit“ auch für den erfahrenen Produzenten, der u.a. mit seiner Firma Interspot u.a. die ORF-„Universum“-Serie gestaltet. „Wir haben mit einem höchst überschaubaren Budget unter schwierigen Umständen im High Definition-Format gedreht, und es war sehr spannend, die zweite Kamera zu bedienen. Der magischste Moment war für mich, als Harri am Dach eines Hauses, im Hintergrund eine Moschee, ein Musikstück seines Vaters spielt. Aber es gab viele magische Momente.“

„Gypsy Spirit“ ist eine Perlenkette von Momentaufnahmen. Junge indische Musiker (Stojka: „Wir haben einfach die besten genommen“) treffen beim Heurigen „Herrgott aus Sta“ auf Karl Hodina und im Schweizerhaus auf Wiener Schnitzel, Weltmusik-Stars gehen in Rajastan andächtig in die Musikschule, eine rumänische Roma-Band gesellt sich zum Gipfeltreffen in den Interspot-Studios. Letztlich ist das gemeinsame Konzert des „World Gypsy Orchestra“, das auch einen gewichtigen Part im Film spielt, der Höhepunkt der globalen Harmonie. Die letztlich nicht planbar ist: es bedarf gewaltiger künstlerischer Einfühlsamkeit, Aufmerksamkeit und Empathie, sich über ganz unterschiedliche Traditionen, Sichtweisen und Kulturen hinweg zu verständigen und auszutauschen. Und nicht immer schliesst sich der Kreis. „Die Musiker in Indien verstehen sich, ungeachtet der Erkenntnisse der Historiker, nicht als Roma, auch die Sprache ist – bis auf ein paar Worte und Sätze – keine gemeinsame mehr. Insofern blieb und bleibt uns nur die Musik.“

„So froh ich bin, die Strapazen dieser Reise hinter mir zu haben – die Wurzelsuche mußte einfach sein“, so Harri Stojka abschließend. „Jetzt kann man noch suchen. Und finden. In Zukunft wird alles verschmelzen. Und auch das hat sein Gutes, Befreiendes. Wir alle werden Menschen sein. Nur mehr Menschen, ohne Unterscheidungen. Und Musik unsere gemeinsame Sprache.“

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