Postings sind der neue Punk

31. August 2010

Einst gefürchtet als Großinquisitoren im Namen von Geschmack und Kultur, sind Musikjournalisten heute in der Defensive. Denn die Kritiker der Kritiker werden – vornehmlich online – mehr, lautstärker, zudringlicher. Und selbstgerechter.

„Posting sind der neue Punk!“ bekam ich neulich zu lesen. Und zwar in der neumodernen Selbsterkenntnis-Arena „Facebook“, mithin halb unter Freunden, halb öffentlich. Der Absender der Botschaft war einer der hauptberuflichen Pop-Kritiker des „Standard“, der offensichtlich gerade ein paar Watschen im Online-Forum seines Mediums ausgefasst hatte. Natürlich nur virtuell. Aber der gewollt originelle, bisweilen deftig-derbe Ton des Herrn – wenn ich mich recht erinnere, hatte er einige treffliche Anmerkungen zum Line-Up des „Frequency“-Festivals gemacht – schien nicht bei allen Lesern auf Begeisterung gestossen zu sein. Im Gegenteil.

Die Empörung brach sich in dutzenden, wenn nicht gar hunderten Postings Bahn. Ihr Tenor (Ausnahmen bestätigten die Regel): böse alte Männer verstehen die Welt nicht mehr, der Kritiker sei taub, geschmacklos, verbittert („gescheiterter Musiker?“), mieselsüchtig oder generell unfähig (eventuell auch alles zusammen), derlei sei eines Qualitätsmedums nicht annähernd würdig… Und so weiter. Und so fort. Knapp, dass nicht Lynchjustiz angedroht wurde. Einige der Kritiker-Kritiker wüteten absichtsvoll unter der Gürtellinie, andere versuchten es ihrem Haßobjekt gleichzutun und wohlgesetzte Worte zu finden. Worte, die wie Nadelstiche pieksen. Oder wie Axthiebe treffen. Ein kurzweiliges Schlachtfest insgesamt, diese Expertenerregung samt postwendender Privaterregung.

Business as usual? Faktum ist, dass Journalisten heute nicht mehr im einsamen Kritikerkammerl vor sich hin werken. Oder einen exklusiven Blick aus den Höhen ihres Elfenbeinturms geniessen. Der Leser, Hörer, Seher – kurzum: der Medienkonsument – redet mit. Gibt seinen Senf dazu. Reagiert, exzerpiert, kommentiert. Egal, ob gefragt oder ungefragt.

Die one-to-many-Kommunikationswege der Vergangenheit gehören mittlerweile wirklich der Vergangenheit an. Und wurden durch einen elektronischen Wirtshaus-Stammtisch ersetzt, an dem jeder zu Wort kommt, der meint, etwas zu sagen zu haben. Oder zumindest etwas sagen zu müssen. Publikumsbeschimpfungen ohne Publikumsbeteiligung sind aus der Mode geraten. Kritiker, sagen Kulturwissenschafter, haben ihre Deutungshoheit verloren. Immerhin haben die meisten ihren Job noch.

Den geifernden Unmut, der einem bisweilen in dieser Rolle entgegenschlägt, halte ich für demutsfördernd. Ich zähle nicht zu jenen Schreiberlingen, die trotzig behaupten, es sei unter ihrer Würde (oder jedenfalls nicht gut für’s Seelenheil), auch nur einen Blick in die Online-Foren des „Standard“, des ORF oder des Zwerg-Bumsti-Magazins zu werfen. Und die vox populi solchermassen mit Verachtung strafen. Und beinharter Ignoranz. Kurioserweise dringen dann auf verschlungenen Wegen doch immer wieder Stimmen, Kommentare und Meinungsbrocken zu den sensiblen Geistern vor. Und machen sie ganz unrund. Selten, dass Kritiker auf ihre Kritiker so beherzt kühl (im Sinne von „cool“), ja beinahe freudig erregt reagieren wie der eingangs erwähnte Kollege. „Postings sind der neue Punk!“, das hat doch was. Für sich.

Denn: wie in einem M.C.Escher-Vexierbild gilt es auch dem p.t. Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Und die eine oder andere sinnentleerte Fratze und Rumpelstilzchen-Pose zu entlarven. Tja, meine Damen und Herren Leser, Künstler, Fans und Nebenerwerbsexperten: warum lassen Sie sich gar so leicht provozieren? Irritieren? Zu emotionsgeladenem Feedback hinreissen? Es ist ja wohl nicht die Aufgabe eines kritischen Journalisten, alles und jede(n) gut zu finden. Ausschliesslich Fakten zusammenzutragen. Alles bis ins letzte Detail durchzuargumentieren. Oder Seriosität mit Todeslangweile gleichzusetzen. Eine unterhaltsame Kritik – Unterhaltsamkeit ist die erste Tugend jeglicher Zeilenschinderei – muss auch nicht (pseudo-)objektiv, konstruktiv oder apodiktisch sein. Ein krachender Verriss kann weit erregender, erkenntnisbringender und kurzweiliger ausfallen als das streichelweiche Gegenteil. It’s a tough job but someone’s gotta do it.

Lernen wir, uns daran zu ergötzen. Lernen wir zumindest, damit kühl umzugehen. So wie die Kaste der Kritiker lernen muss, dass sie nicht mehr allein auf weiter Flur den Ton angibt. Sondern hinter jeder Ecke Stachelköpfe, Nadelträger und Cyber-Punks rumlungern. Postings rule OK!

Advertisements

6 Antworten to “Postings sind der neue Punk”


  1. Ihren Artikel lesend dachte ich an eine Reihe von postings: http://bit.ly/aSc7dZ – Threads in denen R+E Jech und ich was ‚besprechen‘ gibt es viele. Nun habe ich zwei Artikel in Ihrem Blog gelesen, und was mir im ersten – „Lego & Duplo“ – schon nahe ging, trifft mich hier wieder und noch stärker: mit gewählten Worten labern Sie einen derartigen Käse daher, einen Käse, den ich aber sofort links liegen lassen würde, wenn ich mir nicht mittlerweile über die Art des ‚Impacts‘, den der hat, wirklich sehr sicher wäre. Da gehts um was essentiell »wirkliches«, mit dem sich auseinanderzusetzen so außerordentlich anstrengend wie wichtig ist. Hier ein RT eines meiner tweets http://bit.ly/9Irtzl – da sozusagen ist ein Hund begraben, der zuerst einmal ja ganz witzig ist, dessen Konsequenzen aber nachgerade.. ‚hammermässig‘ sind; jedenfalls sein können. So also möchte ich Sie fragen: fällt Ihnen das nicht auf? Sodala, und jetzt hab ich ‚Gypsy Spirit‘ auch noch gelesen :)) Mit freundlichen Grüssen

  2. Walter Gröbchen Says:

    Nein: eine Kapitänsmütze. Ahoi!, WG

  3. punk0r77 Says:

    der artikel ist ein scheissdreck. und ich hab eine sicherheitsnadel in der nase stecken. *rülps*


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: