Bitterer Kaffee

4. September 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (75) Der Trend zu Kaffemaschinen mit Kapsel-System zeugt vom kategorischen Imperativ der Bequemlichkeit.

Na, da hab’ ich mir was anhören können. Meine – zugegebenermaßen polemisch zugespitzte – Kolumne der Vorwoche hatte das iPad im Visier. Und die „Apps“ genannten Mini-Programme, die mittels leichtem Fingerdruck auf den Touchscreen alle denkbaren Anwendungen, Spiele und Werkzeuge für das (Über-)Leben im Digitalzeitalter zur Verfügung stellen. Natürlich gibt es auf dem iPad, iPhone & Co. auch ein buntes Icon für „Safari“, den Apple-eigenen Webbrowser. Und damit einen direkten Zugang zum Internet. Doch tendenziell stehen die Applikationen für eine Abkehr vom „Umweg“ über das World Wide Web. Sie bedienen unsere Knopfdruck-Mentalität. Das ist der Punkt.

Ob mit der Bequemlichkeit und Narrensicherheit ein Verlust von Universalität, Flexibilität und letztlich Freiheit einhergeht, darüber kann man lange diskutieren. „Die Geschichte der industriellen Revolution“, so das Netizen-Zentralorgan „Wired“, „war und ist eine Geschichte der Kämpfe um Kontrolle“. Und das ist das Stichwort: Kontrolle. Denn nur formatierte, abgegrenzte, mehr oder minder geschlossene Systeme lassen sich nach Lust und Laune gestalten und bequem beherrschen. Durchaus im Sinne des Kunden (Apple-User z.B. haben diese Philosophie längst verinnerlicht). Aber gewiß auch nicht zulasten der Konzernbilanz. Im Gegenteil.

Ein Beispiel aus einem ganz anderen Bereich: Kapselkaffeemaschinen. Bequem. Sauber. Unkompliziert. Und mächtig im Trend: 37 Prozent der Koffeinfreunde hierzulande setzen schon auf die bunten Bohnen-Einzelportionen, berichtete der „Kurier“. Der Siegeszug sei nicht aufzuhalten. Dabei kostet eine Tasse Kaffee so locker das Doppelte, bisweilen Dreifache dessen, was sie per Erzeugung durch eine klassische Filterkaffeemaschine gekostet hätte. Und, von wegen Kontrolle: die „Pads“ (sic!) genannten Kapseln sind nicht – fast ist man geneigt zu schreiben: natürlich – mit jedem x-beliebigen Automaten verwendbar. Sondern immer nur im eigenen System.

Auch der Diskonter Hofer, der ab 16. September mit einer Semi-Eigenmarke den Markt aufrollen will, wird sich nicht anders verhalten. Wer daheim eine Maschine von Nespresso, Lavazza, Melitta, Cremesso, Tchibo, Nescafé, Tassimo, Senseo, Petra, WMF, Bosch, Severin oder Cafissimo stehen hat, muß sie entweder seiner Nachbarin schenken oder auf die Preisbrecher-Kapseln verzichten. Aber wer will schon über Folgekosten, Ökologie, Kompatibilität und proprietäre Systeme nachdenken, wenn der Kaffeerzeuger in der Küchenzeile gar so elegant blitzt? Und der Espresso keinen Deut bitterer schmeckt ohne Denkarbeit.

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4 Antworten to “Bitterer Kaffee”


  1. […] hätte. Und, von wegen Kontrolle: die „Pads“ (sic!) genannten Kapseln sind nicht …” Weiter lesen Ähnliche Kaffee Nachrichten:Türkischer Kaffee, mächtige Piraten und sterbende Kebabs Für […]

  2. CEEA Says:

    Nett geschrieben.
    Jeden Sonntag (oder online schon Samstag) eine nette Abwechslung beim News-lesen. ;)


  3. […] vom Fahrrad steigen. Und es soll ja auch Leute geben, die unmotiviert oder gebrechlich sind. Bequemlichkeit ist generell ein starker Antriebsmotor der […]


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