Ein Glas auf Leo Fender

12. September 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (76) Die Elektro-Gitarre ist für unser Kulturverständnis wesentlicher als die Salzburger Festspiele.

Haben Sie sich auch schon mal gewundert, warum Zeitungen und Zeitschriften – sogar Unterschicht-Zentralorgane wie die „Krone“ oder „News“ –, vergleicht man Topic-Wertigkeiten, prallvoll sind mit Hochkultur-Berichterstattung?

Da werden seitenlang die Salzburger Festspiele durchgekaut und betulich-beflissen Theaterabende und Operninszenierungen rezensiert, als würde derlei die Zielgruppe brennend interessieren. Tut es natürlich nicht. Das ergibt – mit Garantie – jede Leserbefragung. Aber natürlich möchte sich niemand, schon gar kein Chefredakteur, das Mäntelchen der Kulturlosigkeit umhängen. Repräsentation, Nimbus und ein Abglanz ewiger Werte, das gefällt auch den Anzeigenkunden. So dürfen sich alle im Ringelreih’ beglückwünschen. Und zugleich höflich in den Sack lügen.

Also wollen wir mal in dieser ressortmässig unzuständigen Kolumne wirklich wichtige Kulturleistungen der Neuzeit abfeiern. Dazu zählt ohne Zweifel die Erfindung der elektrischen Gitarre. Und weil Medien gern Jubiläen und Jahrestage als „Aufhänger“ heranziehen, gilt es, insbesondere Herrn Clarence Leonidas („Leo“) Fender hochleben zu lassen. Vor ziemlich genau 60 Jahren brachte der amerikanische Garagentüftler mit der „Telecaster“ die erste serienmässig erzeugte E-Gitarre auf den Markt. Sie ist, mit Verlaub, das schönste Musikinstrument aller Zeiten. Zumindest aber das durchsetzungskräftigste.

Die „Telecaster“ wird bis heute gebaut und diente unzähligen Kopisten als Vorlage. 1951 folgte der „Fender Precision Bass“, ein Gerät, das umgehend den traditionellen Kontrabass verdrängte. Und nochmal drei Jahre später erschien die „Stratocaster“, die in den begnadeten Händen von Jimi Hendrix & Co. den Sound der Moderne prägte. Nicht einmal Synthesizer, Sampler und Computer konnten diese Ikonen der Populärkultur ersetzen.

Und da ich das Gesamtwerk der Beatles, von Bruce Springsteen und The Clash – bei allem Respekt vor Bach, Mozart und Christoph Willibald Gluck (dessen „Orpheus & Eurydike“ bei den Salzburger Festspielen meine Vorurteile leider nur bestätigte) – für wesentlicher und vor allem kurzweiliger halte als Operninszenierungen, die an ihrer eigenen historischen und gesellschaftlichen Bedeutungsschwere ersticken, erhebe ich mein Glas auf Leo Fender. Man stelle sich einfach unsere heutige Welt vor ohne den Klang der „Telecaster“ und aller nachfolgenden Modelle: unmöglich.

Dabei hat der Erfinder der Stromgitarre nicht mal sein eigenes Kind beherrscht, spieltechnisch. Nachhilfestunden hat er nie genommen. Eine kuriose Fussnote im grossen kosmischen Konzert. Rock’n’Roll!

4 Antworten to “Ein Glas auf Leo Fender”

  1. blufacil Says:

    ótimo blog, adicionei aos meus favoritos

  2. E-Gitarren Says:

    […] Ursula Andress mit Mieze |Instrument des Tages (330): Die Papier-E-Gitarre (Ausschneidebogen) |Ein Glas auf Leo Fender « Grob. Gröber. Gröbchen.Alternativmusik.de » Blackmore’s Night – Autumn SkyWarum Dynamic […]


  3. […] meinem Fall ist das wortwörtlich zu nehmen: da lehnen gleich drei Gitarren an der Wand. Zwei davon elektrifiziert. Obwohl ich gerade mal drei Akkorde beherrsche, quasi für jedes Modell den passenden. Mit A-Moll, […]


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