Äpfel und Klostersuppe

25. September 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (78) Niemand möchte – im doppelten Wortsinn – mehr löhnen für Musik, Texte, Fotos, Filme, Medien generell. Aber wir bezahlen trotzdem.

Ein rotes Tuch ist ein vergleichsweises harmloses Sinnbild für meine letztwöchige Kolumne. Die paar Worte zum spröden Thema „Urheberrechtsabgabe auf Festplatten“ liessen die Leitungen heisslaufen. Und die Zugriffe auf meinen Blog in die Höhe schnellen, dass es nur so schnalzt. Natürlich ist es eine unpopuläre Position, einen Pauschalaufschlag für immaterielle Güter und Werte zu verteidigen. Eine versteckte Kultursteuer quasi, die übrigens auch auf Drucker, Kopierer, Satellitenschüsseln u.ä. erhoben wird. Aber wie heisst es so schön: it’s a dirty job but someone’s gotta do it. Und, nein, ich werde dafür nicht von der AustroMechana oder einer der (zu) vielen anderen Verwertungsgesellschaften bezahlt.

Das Thema, so strittig es auch sein mag, ist ein höchst wichtiges. Und dringliches. Wie lassen sich Künstler und Kreativindustrie im Digitalzeitalter entlohnen? Diese Ära kennt, was Text, Ton, Code, Bild und Bewegtbild betrifft, kein Original und keine Kopie mehr, somit kein Produkt im klassischen Sinn. Alles ist – fast – beliebig verfügbar. Und für jene, die auf eine faire Balance zwischen Produzent und Konsument pfeifen, natürlich kostenlos zu haben. Gar nicht mal illegal übrigens, denn das Recht auf Privatkopie ist verbrieft. Nur en detail so von der Zeit überholt wie das eigentümliche Wortgebilde „Leerkassettenabgabe“. Aber die funktioniert, seit Anfang der achtziger Jahre, und muss nur den Gegebenheiten von heute angepasst werden. Wie ich schon letzte Woche schrieb: Kultur-Flatrates, Steuern auf Datenmengen und Transferkapazitäten und Modelle, die auf freiwilligen Spenden und Micro-Payment-Erlösen basieren, tun dies nicht. Erprobterweise funktionieren nämlich. Eventuell noch nicht, man wird sehen.

Die Verteilungskämpfe der Zukunft sind bereits im Gang. Dass ausgerechnet die österreichische Wirtschaftskammer, die ja jährlich über Zwangsbeiträge ihrer Pflichtmitglieder mehr als 150 Millionen Euro lukriert, sich gegen eine Pauschalabgabe für Künstler und Kreative starkmacht (obwohl sie auch die Content-Industrien vertritt), ist eine kuriose Fußnote. Aber vergleichsweise nebensächlich. Insbesondere im globalen Kontext. Ein Tipp: googlen Sie mal den Begriff „Netzneutralität“. Heisses Thema. Sehr heisses Thema. Allmählich geht es ans Eingemachte. Die Ökonomie oder Non-Ökonomie des Internet per se.

Wetten, daß Sie irgendwann auch diesen Text nicht mehr kostenfrei per Web-Browser lesen werden können? (ausser ich gestehe Ihnen das als Urheber absichtsvoll zu. Und „Die Presse am Sonntag“, die auch am Tropf der Presseförderung hängt, willigt ein). Steve Jobs hat dieser Tage für Verleger und Medienunternehmen einen Online-Kiosk in Aussicht gestellt, der ihnen weltweite Verbreitung ihrer Publikationen zu – im Vergleich zum Vertriebsaufwand für „Holzmedien“ – günstigen Konditionen verspricht. Die Leimrute ist ausgelegt. Und das iPad als prototypisch innovative Push/Pull-Plattform der vermeintliche Türöffner. Gröbchen-Klicken kostet dann ein paar Cent. Immerhin kann man sich freiwillig dafür oder dagegen entscheiden.

Was aber, wenn Ihnen zuvor schon, sagen wir: Mr. Profumo & seine Kollegen den letzten Cent aus der Tasche gezogen haben? Bleiben eventuell „Der Augustin“ (Sie dürfen ihn selbst lesen, bevor Sie ihn weiterverkaufen) und Trash-Gratiszeitungen. Mediale Klostersuppe, gesponsort von Mäzenaten, ominösen Stiftungen, Partei- und ASFINAG-Inseraten und pauschalen Content-Steuern. Offenen und versteckten. Tja.

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12 Antworten to “Äpfel und Klostersuppe”

  1. Walter Gröbchen Says:

    Eine Anmerkung zu Profumo: ich hab‘ ihn als Sinnbild eines Großkotz- Bankenmanagers hergenommen, eventuell zu Unrecht: http://www.handelsblatt.com/meinung/kommentar-unternehmen/italien-profumo-die-grosse-ausnahme;2659100

  2. Thomas Pöll Says:

    Ich denke ergänzend und auch als einen Schluss aus so manchen Diskussionen bei den Medientagen, dass das auch für genuin journalistische Internet-Portale gilt.

    Auch hier ist ja die unterschiedslose Gratis-Unkultur als das entlarvt, was sie ist: Unsinnig

  3. unbehandelt Says:

    Da lese ich nun zum zweiten mal in Ihrer Kolumne über Urheberrechtsabgaben, und muss nun einfach mich zu Wort melden. Leider vergisst die Contentindustrie, dass sie nach wie vor Gewinne durch Verkäufe einstreicht, und genau deren Kunden NOCHMAL durch eine Zwangsabgabe zu schröpfen. Ich kann als privates unternehmen ja nicht einfach davon ausgehen dass jeder illegal Content kopiert. Wenn zwangsabgabe, dann muss der Content kostenlos werden, beides ist einfach nur eine Frechheit. Und zum Thema Netzneutralität solten Sie nicht nur Googeln, sondern die Texte auch lesen und verstehen. Wenn Sie weiter so unreflektiert Ihren Senf abgeben, wird Sie ohnehin niemand mehr lesen, egal ob kostenlos oder nicht.

    • Walter Gröbchen Says:

      Irgendwie scheinen Sie’s, pardon, nicht ganz gerafft zu haben. Nochmals: die Urheberrechtsabgabe ist eine Pauschalabgabe, die der Gesetzgeber eingerichtet hat, um Urhebern eine geldwerte Kompensation für das ebenfalls vom Gesetzgeber ermöglichte pauschale Recht auf „Privatkopie“ zu erschliessen. Kopieren findet heute nicht mehr per Cassette, Tonband und CD-R statt, sondern via Festplatte. Das Gesetz muß also an den technischen Status Quo angepasst werden. Das ist der Punkt. Meinen Sie ernsthaft, daß, „wenn Zwangsabgabe, dann Content kostenlos“ (Ihre Worte) sein muß? Na dann gute Nacht. Vergleichen Sie allein die Umsätze, Gewinne und Beträge, um die es hier geht. Ja, Sie zahlen eventuell „doppelt“ (wobei die Urheberrechtsabgaben für den Einzelnen gering ausfallen). Ich zahle auch doppelt z.B. für Strassenbau, wenn ich ein Auto erwerbe, Benzin kaufe, Pickerl und Maut bezahle etc. usw. So what?

      Topic „Netzneutralität“: das ist ein sehr komplexes Thema, das sich in einer kurzen Kolumne gerade mal anreissen lässt. Noch nicht mal das habe ich getan (ev. werde ich das in den nächsten Wochen nachholen), sondern nur darauf hingewiesen, daß es aktuell und brisant („heiss“) ist. Was genau werfen Sie mir nun vor?

      • franz hamstermann Says:

        netzneutralität wird in dem artikel erwähnt, hat aber nur am rande mit den themen urheberrechtsabgabe, privatkopie, usw zu tun. und sie machen auch nicht klar an welchen stellen und warum es zwischen diesen zwei themen zu überschneidungen kommt.
        vermutlich hat mein kollege da oben deswegen angenommen sie wissen selbst nicht allzuviel über das thema.

      • Walter Gröbchen Says:

        „Netzneutralität“ hat natürlich mit der Ökonomie des Digitalzeitalters mindestens soviel zu tun wie generelle Überlegungen, wie Urhebern ihre Content-Leistungen nach dem Verlust des Warencharakters abgegolten werden können. Pauschalabgaben waren/sind eine Möglichkeit. Klar, ein bissl viel auf einmal im Journalisten-Topf: aber ich wollte schon mal darauf hinweisen, daß das eine mit dem anderen zusammenhängt.

      • unbehandelt Says:

        Doch, ich denke schon dass ich es gerafft habe, genau deswegen rege ich mich über dermaßen unreflektierte Aussagen auf.
        Ich gehöre zu der Sorte Konsumenten, die dich Filme und Musik seit Jahren KAUFEN. Ein kleines Beispiel zum Thema aktueller Kinofilm:
        1.) Ich zahle viel Geld um einen aktuellen Film im Kino anzusehen.
        2.) Der Film gefällt mir so gut, dass ich mir den Film auf DVD oder Blu-Ray kaufe.
        3.) Gefällt mir auch der Soundtrack, kaufe ich diesen ebenso.
        Mit welchem Recht meint diese ContentMafia, mich mit Zwangsabgeben zu beglücken zu dürfen, welches Geld entgeht diesen Konzernen dadurch? Zum Recht auf Privatkopie: genau dieses Recht wird von diesen Konzernen immer wieder bekämpft, und mir durch diverse Kopierschutzmaßnahmen verwehrt.
        Und gering sind diese Abgaben nicht, es sind Kosten von bis zu 44€ für eine Terrabyte Externe Platte im Umlauf, dass sind beinahe 50% vom Kaufpreis.

        Und dies nur deswegen, weil diese Industrie es seit inzwischen 15 Jahren verschlafen hat, sich mit dem Thema Digitale Medien zu beschäftigen. Aber die Lösungen die der Content Industrie dazu einfallen sind nur diejenigen die den (zahlenden) Kunden am meisten beschränken. Der illegal kopierte Content weist diese Beschränkungen ja nicht mehr auf.

        Nur weil ich anderswo auch doppelt zur Kassa gebeten werde ist dies überall ok? Nicht gerade ein Zeichen für Qualitätsjournalismus.

        Ja, ich meine es durchaus ernst, wenn ich sage Zwangsabgabe nur bei kostenlosem Content. Das diese Abgabe dadurch steigen würde ist mir natürlich klar. Aber die Gier dieser Unternehmen ist dermaßen unersättlich dass diese selbst bei einer „Kulturflatrate“ ihre überzogenen Preise verlangen würden.

        Noch kurz zum Thema Netzneutralität: diese hat nichts damit zu tun, ob Ihr Blog kostenlos zu lesen ist oder nicht, dass ist alleine Ihre Entscheidung.

      • Walter Gröbchen Says:

        Mit Verlaub: ich halte meine Aussagen nicht für „unreflektiert“, sondern für wohlargumentiert, pragmatisch richtig und praxisnah. Dagegen halte ich Ihren Satz, die Content-Industrie hätte „es seit 15 Jahren verschlafen, sich mit dem Thema Digitale Medien zu beschäftigen“ entweder für einen Ausdruck totaler Weltfremdheit, ein zynisches Vorurteil oder ein persönliches Resumée, das auf blinder Wut basiert. Oder für ein Kombination von all dem.

        Zum Rest ist alles gesagt.

      • franz hamstermann Says:

        na klar hat es damit zu tun. so wie auch netzsperren und der DCMA damit zu tun haben. oder auch die ganze familie an internet-protokollen. und die geschichte des internets. und das usenet. usw usw usw.

        ich finde das erwähnen (und das konsequente nicht erklären des zusammenhangs) der netzneutralität hier fehl am platz ist. dann lieber einen eigenen artikel darüber, dann würden fachfremde leute vielleicht auch etwas davon mitnehmen, außer der kenntnis das es das wort „netzneutralität“ gibt.

      • Walter Gröbchen Says:

        Eh. Siehe letztes Posting.

  4. unbehandelt Says:

    Herr Gröbchen, Sie enttäuschen mich.
    Wie viele Jahre hat sich z.B die Musikindustrie geweigert, ihren Content digital anzubieten?
    Als Beispiel: das mp3 Format gibt es seit etwa 1995, seit damals ist beim Konsumenten der Wunsch entstanden, Musik schnell und unkompliziert zu erwerben. Dies war jahrelang nicht möglich, daher hat sich leider eine Gratismentalität entwickelt, da es einfacher war, Musik kostenlos runterzuladen als im Internet zu kaufen. Die Industrie entgegnete dann mit halbseidenen DRM Verfahren, und Kopierschutzmassnahmen, die dazu führten, dass der Kunde den GEKAUFTEN Content oder die gekaufte CD nicht überall abspielen konnte. Aus Angst davor eine Illegale Kopie zuzulassen hat die Industrie tausende Kunden verprellt und verärgert. Ein Kopierschutz hat noch nie dazu geführt Content zu schützen.
    Den gleichen Fehler begeht momentan die Film und Fernseh Industrie, wo kürzlich Warner Brothers verlautbarte, 99 Cent seien zu wenig sich eine Folge einer Serie online auszuleihen.

    Dies nenne ich sehr wohl verschlafen…

    • Walter Gröbchen Says:

      Mr./Mrs. Unbehandelt, das stimmt so nur zum Teil. Eher zum kleineren Teil. Und das wissen sie, da Sie sich ja augenscheinlich für die Materie interessieren.

      MP3-Algorithen gibt es technisch seit Ende der achtziger Jahre, und, ja, die Musikindustrie wusste damit fatalerweise wenig bis nichts anzufangen. Die Gratismentalität vieler (nicht: aller) Konsumenten hat sich aber nicht entwickelt, weil es hier (zu) lange keine legalen Download-Angebote gab (man konnte sich ja jederzeit Tonträger besorgen und sie in datenreduzierte Formate wandeln), sondern weil das MP3-Format die unkontrollierbare Distribution kopierter Musik enorm begünstigte bzw. erst ermöglichte (und der fatale Drall zur Gratis-Mentalität dem Menschen wahrscheinlich grundsätzlich eigen ist). Oder haben Sie noch nie von Napster, Kaazaa & Co. gehört? DRM-Schutzmaßnahmen waren und sind weitgehend Unfug, dazu brauchte es aber erst ernüchternder Praxis-Erfahrungswerte, bis das auch die (Major-)Record Companies akzeptiert haben.

      Den „gleichen Fehler“ machen nun, mehr als zehn Jahre später, Filmproduzenten, Games-Anbieter und Medienunternehmen natürlich nicht, weil dort lauter Trottel herumsitzen, sondern weil die Frage des Recoupements von Investitionen geistiger und materieller Natur im Digitalzeitalter tatsächlich in vielen Aspekten ungelöst ist. Wenn Sie persönlich ungebrochen für Content (z.B. Musik) bezahlen (danke!), zähle ich Sie immerhin zu jenen, die dazu beitragen, eine Frist zur Lösung oder zumindest Verbesserung des kargen Status Quo zu ermöglichen (und Sie tun es auch, wie jene, die nicht per Produkt-Kaufvorgang dazu beitragen wollen, über den Umweg der Urheberrechtsabgaben).

      Insgesamt macht einen, von wegen „Verschlafen“, dieses ewige Wiederholen nur halb stichhaltiger Fakten, klarer Vorurteile und ewigen Musikindustrie-Bashings tatsächlich gähnen.


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