Archive for Oktober, 2010

Hello Kitty, Good-Bye Sony!

30. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (83) Der „Walkman“ starb einen leisen Tod. Auch der MP3-Player wird nicht ewig leben.

Die Treffsicherheit von Werbeschaltungen im Mediengeschäft, Unterabteilung Internet, ist oft nicht die grösste. So kann’s durchaus vorkommen, dass neben einer Meldung zum Tod des Altlandeshauptmanns X oder zum Skiunfall der Künstlerin Y eine Vitalpillen-Glücksbotschaft aufpoppt. Oder, noch unpassender, wie von Zauberhand zarte Viagra-Reklame ins Bild gerückt wird. Man nimmt derlei meist mit einem leicht erstaunten oder abgestumpft-fatalistischen Seufzen zur Kenntnis. Und geht zur Tagesordnung über.

Allerdings kann auch das Gegenteil der Fall sein. So fand ich es ziemlich trefflich, als dieser Tage die Nachricht, der Elektronikkonzern Sony stelle die Produktion des „Walkman“ ein, und zwar endgültig, gleich von einer Google-Anzeige konterkariert wurde: „Hello Kitty! Kinder-MP3-Player bei walzkidzz.at bequem online bestellen!“. Besser kann man die Sachlage nicht auf den Punkt bringen. Denn Kinderlieder und Hörbücher für die Kleinen waren eines der letzten Refugien für den Cassetten-Player, dessen Produktnamen zum Synonym einer ganzen Familiengattung geriet. Wer erinnert sich nicht an den Moment, als er seinen ersten Walkman unter dem Weihnachtsbaum vorfand? Oder sich das „Love Songs“-Mixtape des Don Juans aus der Parallelklasse mittels Kopfhörer unter der Bettdecke zu Gemüte führte?

Aus die Maus. Nach über dreissig Jahren. Gut 200 Millionen Stück hat allein der offizielle Erfinder gebaut, wieviele Plastikdinger – die Bezeichnung „Walkman“ durften Nachbauten ja offiziell nicht tragen – sonstwo in Fernost erzeugt wurden, entzieht sich meinem Recherchedrang. Schmerzlich für Sony ist allein der Umstand, dass man es nicht geschafft hat, die Vorreiter-Rolle der Achtziger und Neunziger des vorigen Jahrhunderts in die Digitalära hinüberzuhieven. Längst steht Apples „iPod“ als Synonym für MP3-Player fest (besonders demütigend zudem, daß „Der Spiegel“ anno 2010 den „Walkman“ als „Kassetten-iPod“ bezeichnet…). Da kann man noch so viele neue Anläufe unternehmen, originell konstruierte, top klingende und bunt glänzende Gerätchen unters Volk zu bringen.

Aber auch dieser Markt ist übersättigt. Und ein Ende des MP3-Players als spezialisiertes Audio-Tool absehbar. Wenn mir, wie schon oft, der Apple-Pressefex die neueste iPod-Generation in die Hand drückt, um darüber ein paar Worte zu verlieren, weiss ich kaum mehr etwas damit anzufangen. Nicht weil ich die Lust an schnuckeligem Spielzeug oder gar Musik verloren hätte. Sondern weil eh schon jede(r) ein Smartphone (oder zwei oder drei) im Hosensack hat, bei dem iPod-Funktionalitäten ein selbstverständliches Beiwerk sind. Und ich wette, es gibt auch längst ein Hello Kitty-Handy mit vorinstalliertem Kinderlieder-Archiv.

Porsche im Gedankenstau

23. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (82) Technik-Fetischismus: Porsche 917 trifft auf Roland Düringer – kann das gut gehen?

Unter uns: ich könnte diese Kolumne täglich füllen. Nicht, weil ich sonst nichts zu tun hätte. Oder aus purer Egomanie. Sondern weil das weite Themenfeld Technik ein kaum mehr fassliches Stakkato ständiger Neuigkeiten, Visionen, Entwicklungen, Produkte, Kuriositäten, Fragen und möglicher Antworten (samt gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer, politischer Relevanz) ab- und aufwirft. Der lockere, dabei einigermassen ernsthafte, jedenfalls strikt subjektive Umgang mit derartigen Materialquantitäten – für die objektiven Nachrichten sind die KollegInnen des Tech-Ressorts zuständig – lässt sich schwerlich in knapp 2000 Zeichen pressen. Einmal die Woche. Da wird einem leicht schwindlig. Zumindest dem Autor.

Der wollte ja dieser Tage einer Laune nachgehen – und über den Porsche 917 schreiben. Ohne besonderen Anlass (sieht man von einer sentimentalen Erregung nach Lektüre einer extraordinären Jochen Rindt/Lotus´69-Story in der aktuellen Ausgabe der „AutoRevue“ ab. Empfehlung!). Wer, wie ich, einen alten, verbeulten Mazda MX5 fährt, für den ist der museale Porsche – Sie kennen das legendäre Rennfahrzeug eventuell aus dem „Le Mans“-Film mit Steve McQueen – natürlich das geilste Trumm Technik aller Zeiten. Mehr noch: das ultimative Männerspielzeug. Selbst in der Matchbox-Version. Und sollte nicht Raumschiff Enterprise 1:1 nachgebaut werden, ist ein mächtigeres Sinnbild für die Kraft und Herrlichkeit der motorgetriebenen Fortbewegung kaum denkbar.

Dann aber wurde ich, eher zufällig, Zeuge eines Zwiegesprächs des vormaligen Autofetischisten und Kabarettisten („Benzinbrüder“) Roland Düringer mit dem Verkehrsexperten Prof. Hermann Knoflacher. Es war gar nicht lustig, obwohl dafür Karten verkauft wurden. Sondern eher nachdenklich. Ist das Automobil wirklich ein Vehikel menschlicher Vernunft? Oder nicht eher das Symbol eines vollkommen fehlgeleiteten Allmachtsanspruchs, der die Ressourcen dieses Planeten und unsere persönliche Freiheit mit Karacho in der Sackgasse enden lässt? Gute Frage. Nächste Frage. Jedenfalls hatte ich nach dem Düringer-Abend (dito: Empfehlung!) keine Lust mehr auf eine testosterongeladene 917er-Porsche-Huldigung.

Was will uns der Autor damit sagen? Dass man Atem holen sollte, bevor man die „Send“-Taste drückt. Oder den „Buy“-Button. Oder den „Gefällt mir“-Daumen. Vielleicht überleg’ ich mir sogar die MacBook Air-Eloge noch. Obwohl sich die fast von allein schreiben würde. Eventuell ist’s ja das geilste Trumm Technik aller…

Alles für die Katz‘

16. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (81) Heute kauft man nicht mehr die Katze im Sack, sondern im Internet. Oder besser auch nicht.

Und nun, um mit Monty Python zu sprechen, zu etwas ganz anderem. Ich weiss nicht wirklich, ob die Geschichte eine Ente ist, wiewohl sie von einer Katze handelt, aber: selten so gelacht. Diese Woche fand sich in Österreichs Zeitungslandschaft – off- und online, Zeitungen bestehen ja nur mehr bedingt aus Papier – flächendeckend die Meldung von einem Internet-Betrugsfall. Einem der herzzerreissenden Sorte. Samt allen Ingredienzien für eine Story, aus der jeder wirklich populistische Schlagzeilen-Texter eine Stadt und Land aufwühlende Titelgeschichte gemacht hätte.

Die Geschichte geht so: eine junge Frau aus Thalgau bei Salzburg beschliesst, sich ein Haustier zuzulegen. Sie geht im Internet auf die Suche und findet eine Adresse, wo eine „britische Kurzhaarkatze“ angeboten wird. Auf ihre e-mail-Anfrage, wie sie denn zu der Mieze komme und zu welchem Preis, folgt postwendend der Hinweis, die Katze selbst koste nichts, aber für den Transport aus Kamerun müsse sie ein Flugticket übernehmen. Das aber sei, Hauskatzen sind ja keine Königstiger, mit 100 Euro recht günstig. Die potentielle Besitzerin willigt ein.

Dann aber folgen, man ahnt es bereits, weitere Depeschen, Botschaften und Hinweise aus Afrika. Es seien noch diese und jene kleinen Beträge für Versicherung, Impfungen, EU-Pass, Quarantäneaufenthalte, Transportkisten und „gewisse Papiere“ (so die APA) auszulegen. Das Geld werde aber gewiss zurückerstattet. Und sodann alles hurtig klappen wie versprochen.

Nun: nach dreiundzwanzig (!) Überweisungen ist die junge Salzburgerin insgesamt 22.051 Euro los. Aber die Katze immer noch nicht da. Schliesslich nimmt sich – die Dame war doch allmählich stutzig geworden – die Polizei der Sache an. Ich fürchte, mit wenig durchschlagendem Erfolg. Ein Lehrstück über die unwägbaren Gefahren des dunklen Kontinents Internet? Oder doch eher Stoff für eine Tragikomödie über die ewige Schwachstelle Mensch? Entscheiden Sie selbst.

Wenn Sie in den Leserforen der „Presse“ nachgraben – einige Kommentare zu dieser Story sind wirklich zum Zerkugeln. Ein gewisser „Fidel Gastro“ etwa meint da trocken: „Die Katze kam nie an: ein weiteres Argument für den verstärkten Ausbau von Glasfaserleitungen.“ Andere zitieren Einstein („Die Dummheit des Menschen und das Universum sind unendlich. Nur beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“). Oder schlagen gar eine gerichtlich bestellte Sachwalterin für die Katzennärrin vor.

Ich sage nur: wäre das World Wide Web eine bessere Welt als die reale, hätte ihr schon ein Facebook-Freund eine lebendige, miauende Trostspenderin überreicht. Gratis.

Internet Killed The Video Star

13. Oktober 2010

MTV war die Leuchtboje der globalen Pop-Industrie. Anno 2011 wird sie zu einem schnöden Pay-TV-Kanal, der von einem Großteil der Zielgruppe nicht mehr empfangen werden kann. Auch egal, oder?

Schon ein eigenartiges Gefühl: ein Medium, das man einst enthusiastisch begrüsst hat, zu Grabe tragen zu müssen. Beides ist, unter uns, natürlich überzogen. Aber ich erinnere mich noch gut daran, im Nachrichtenmagazin „profil“ mit einem Artikel den fünften Geburtstag von MTV Europe abgefeiert zu haben (damals war übrigens noch keine Rede von einem deutschsprachigen Ableger des Senders). Heute, knapp achtzehn Jahre später, darf ich hierorts ein paar Worte zum Verschwinden von „Music Television“ aus dem frei zugänglichen TV-Angebot verlieren. Und, nein, es ist keine rührselige Abschiedsrede. Eher ein kurzes, knappes Goodbye.

Die Sache ist nämlich die: MTV hat seine eigene Idee verraten. Und schließlich (fast) ganz vergessen. Rückblende: „Video Killed The Radio Star“ hiess der Song der Gruppe The Buggles, der am 1. August 1981 als erster auf Sendung ging – und das raffinierte Konzept des neuen Senders auf den Punkt brachte: Radio mit Bildern. Es war die Idee von Robert W. Pittman. Wie wäre es, erläuterte das damals gerade erst 25 Jahre alte „Whiz Kid“ einer Runde von Direktoren und Managern, Fernsehen so zu gestalten wie eine Top 40-Station. Als Medium, in das man sich jederzeit einschalten kann. Ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Pittman, der sich selbst stolz als „Kind der ersten Fernsehgeneration“ bezeichnete, „das voll und ganz damit aufgewachsen ist“, hatte für seine Utopie auch gleich den passenden Begriff parat: non-lineares TV, Fernsehen ohne Programmanfang und -Ende. Und er verwies auf billige, in der Mehrzahl sogar kostenlose Munition für das geplante elektronische Dauerfeuer: die Kunst- und Kommerzform der Videoclips, drei- bis fünfminütiger, rasant geschnittener Visualisierungen aktueller Pop- und Rocksongs, die Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen steckte. Bob Pittmans euphorischem Plädoyer für das „Fernsehen der Zukunft“ folgte ein positiver Bescheid des Management-Boards des Multimediakonzerns Warner und der expansionsfreudigen Kreditkartengesellschaft American Express – sowie ein Startkapital von 20 Millionen Dollar.

Die Rechnung sollte aufgehen. Bereits nach zweieinhalb Jahren brachte die „Geschäftsidee des Jahrzehnts“ (so das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“) Gewinn ein. Der Aufstieg von Künstlern wie Michael Jackson, Madonna, Duran Duran oder Bon Jovi ist ohne Verzahnung mit MTV undenkbar. Die Bilderflut geriet zum elektrisierenden Flackern eines elektrischen Lagerfeuers, zum Sinnbild der globalen Pop-Kultur. Kritiker sprachen dagegen vom „verführerischen Imperialismus der US-Musikindustrie“ oder monierten die Dominanz des Bildes und den Verlust eigener Imaginationskraft. Anfang der neunziger Jahre erreichte der Sender – über Kabel, Satellit und terrestrische Ausstrahlung – weltweit über 200 Millionen Haushalte. MTV war längst zu einem soziokulturellen Phänomen geworden, das Firmenkürzel zum Markenzeichen mit Eigenleben, zum Codewort einer neuen, jungen Sehergeneration. Pop-Heroe Sting heulte die Botschaft „I Want My MTV“ in den Äther (bezeichnenderweise im Song „Money For Nothing“ der Gruppe Dire Straits). Für Millionen Jugendliche – von Israel bis Kenia, von Brasilien bis Estland – wurde sie zum geflügelten Wort. Jeder Versuch, das simple Programmschema des Originals zu kopieren und die Zielgruppen-Popularität des 24-Stunden-Videowurlitzers einzuholen, mißlang.

1987 startete von London aus MTV Europe, zehn Jahre später MTV Germany (wo man sich umgehend Scharmützel mit dem Konkurrenzsender VIVA lieferte, der schliesslich über die Mutter-Gesellschaft Viacom vereinnahmt wurde). Bis nach Österreich schaffte man es nie, hat aber seit 2002 in gotv einen rührigen Nachahmer des Ursprungs-Konzepts gefunden, der über Astra Digital sogar europaweit gebührenfrei empfangbar ist. Beim großen Vorbild MTV sind es nach eigenen Angaben heute knapp 480 Millionen Haushalte in 179 Ländern, die über fünfzig regionale Ableger in Afrika, Asien, Australien, Europa, Lateinamerika, Nordamerika, Russland und im Nahen Osten erreicht werden.

Seher der ersten Stunde haben dabei längst die Segel gestrichen. Musikvideos waren seit Ende der neunziger Jahre mehr und mehr in Rand- und Nachtzonen verbannt und von provokativen Shows, Dokusoaps und Serien („JackAss“, „Pimp My Ride“, „Date My Mom“, „16 And Pregnant“) abgelöst worden. MTV wurde generell vom „Musiksender“ zum „Jugendsender“ umgebaut. Der Fokus auf Popkultur ist längst einem hektischen Pragmatismus und der Suche nach neuen Erlösmodellen gewichen. Denn YouTube, Vimeo, tape.tv & Co., sprich: die allmächtige Präsenz des Internet und die Instant-Abrufbarkeit sämtlicher Inhalte – egal: legal, illegal oder scheißegal – killt einfach und unabdingbar die behäbigere Video- und Novelty-Abspul-Maschinerie. „We are still very much part of the cutting edge“, zitierte die Tageszeitung „The Independent“ anno 2008 die britische MTV-Chefin Heather Jones. Aber niemand nimmt ihrem Brötchengeber heute die Avantgardisten-Pose noch ab.

Letzlich kam die Meldung, daß die Mutter aller Fernseh-Musikstationen ab Jänner 2011 zum digitalen Pay-TV-Kanal mutiert – damit verschwindet MTV weitgehend aus dem Gesichtsfeld seiner Zielgruppe –, irgendwie auch nicht mehr überraschend. Der ungebrochen hohe Markenwert des Senders wird so im Zug einer „besser ausbalancierten Verteilung der Erlöse“ (MTV-Manager Dan Ligtvoet) via Programm-Bundles und Bezahlsender-Bouquets verscherbelt; ein Rezept, das schon einmal Mitte der neunziger Jahre nicht recht funktioniert hat und bald wieder aufgegeben wurde. Als Viacom-Statthalter und letzte Bastion im Free TV soll im übrigen VIVA herhalten.

Internet Killed The Video Star: die frisch geschminkte Leiche zuckt noch, aber sie riecht schon komisch. Und sollte mich jemand fragen: Neil Youngs„Hey Hey My My (Out Of The Blue)“ wäre eine treffliche Song-Wahl, sollte man irgendwann das letzte Musikvideo einspeisen. Ob’s die Akustik- oder die brachiale Rockversion wird, bleibt dann – „it’s better to burn out than to fade away“ – ganz dem Geschmack des Lichtabdrehers überlassen… Oh, dazu gibt’s gar kein offizielles, MTV-kompatibles Video? Dafür unzählige Live-Mitschnitte, Handy-Uploads und Fan-Basteleien auf YouTube? Schöne Scheisse.

(FALTER)

Schweigen im Wald

10. Oktober 2010

Während allein die Ankündigung von Urheberrechtsabgaben auf Festplatten tausende wütende Postings in ORF-, „Standard“- und sonstigen Foren zeugt, schweigen die vom potentiellen Geldsegen Betroffenen. Warum?

Professor Robert Opratko. Josef Prokopetz. Horst Chmela. André Heller. Dieter Kaufmann. Lore Krainer. Werner Schneyder. Friedrich Cerha. Edith Krupka-Dornaus. Alf Krauliz. Christian Kolonovits. Trude Marzik. Karl Hodina. Wolfgang Mitterer. Toni Stricker. Wolfgang Ambros…. Das sind bekannte Namen. Namen honoriger Damen und Herren, die das Musikgeschehen in Österreich prägten und prägen. Das sind auch – nicht vollständig – die Namen der Gesellschafter der AustroMechana. Beziehungsweise Namen von Mitglieder des Vorstands oder des Aufsichtsrats einer der wichtigsten sogenannten Verwertungsgesellschaften in Österreich.

Die AustroMechana ist gerade im Gerede. Und zwar, weil sie wieder mal – auch im Namen anderer Verwertungsgesellschaften (es existiert hierzulande eine erstaunlich hohe Zahl solcher Einrichtungen) – den Vorstoß unternommen hat, die „Leercassettenvergütung“ dem technischen und gesellschaftlichen Status Quo anzupassen. Für jene, die es nicht wissen (und es wissen viele nicht): Jahr für Jahr erbringt diese staatlich festgeschriebene Abgabe auf Speichermedien die Ausschüttung nicht unbeträchtlicher Summen an Künstler, Labels, Verlage und Musikproduzenten. Anno 2009 waren es knapp 12 Millionen Euro, die zur Hälfte an die Gesellschafter der zumeist genossenschaftlich organisierten Urheberrechtsinhaber und -Vertreter gingen, zur Hälfte dezidiert „sozial-kulturellen Zwecken“ gewidmet sind. So ist etwa der SKE-Fonds der AustroMechana, der nicht gerade wenige Künstler, Labels und Produktionen existentiell unterstützt, aus genau diesen Gelder gespeist.

Wenn Ihnen also demnächst, sagen wir mal: ein runder Tausender für die Veröffentlichung Ihres ambitionierten Werks auf einem Indie-Label gewährt wird, nachdem Sie beim SKE-Fonds angeklopft haben (milde Gaben sprechen sich rasch herum, insbesondere in Künstlerkreisen), dann ist das keine Spende eines unbekannten Mäzens. Oder ein Ausdruck der Kunst- und Kulturfreundlichkeit des Finanzministers. Sondern eine direkte Geldspritze aus den Mitteln der „Leercassettenabgabe“. Nebst diesem lauwarmen Regen aus der Fördergiesskanne wird mit den Summen auch anderes finanziell unterfüttert. Pirateriebekämpfung etwa. Imagekampagnen. Oder das Buffet beim „Amadeus“, an dem sich der Großteil der Branche gerne labt.

Man könnte also meinen, es gäbe existentielles Interesse an der Wahrung und Durchsetzung der Interessen der AustroMechana, insbesondere in Kreisen der Mitglieder dieser Organisation. Und hier wiederum insbesondere bei den Mitgliedern des Vorstands, der Gesellschafter und des Aufsichtsrats. Zumal in Zeiten heftiger öffentlicher Diskussionen über Sinn, Unsinn, Aufgabenstellung, Verteilungsgerechtigkeit, Durchsetzungsmöglichkeiten, gegenwärtige und zukünftige Rolle der AustroMechana und aller anderen Urheberrechtsgesellschaften (allen voran der AKM) im Europa des 21. Jahrhunderts. Sagen Sie bloss, diese Debatte wäre an Ihnen vorübergegangen. Ein akuter, um nicht zu sagen: besonders brisanter Aufhänger ist der – ohne offensive Aufklärungsarbeit mehr als verständliche – Unmut vieler Computernutzer und Konsumenten über die „Urheberrechtsabgabe“.

Weil natürlich jeder Dolm weiß, dass heutzutage nicht gebrannte CDs der gefragteste und mächtigste Datenspeicher sind – Musik- und Videokassetten sind mittlerweile sowieso nur noch eine historische Fußnote –, möchte die AustroMechana seit Oktober auch Geld für Festplatten. Solche, die in PCS und Notebooks eingebaut sind, aber auch für solche, die extern angestöpselt werden. Und natürlich die datenhungrigen Winz-Dinger in Mobiltelefonen und MP3-Playern. So weit, so realitätsnah. Dass Hersteller, Händler und Konsumenten dafür letztlich ihre Geldbörse ein wenig weiter öffnen müssen (je nach Art und Kapazität der Festplatten zwischen 12 und 36 Euro), ist gerecht und verkraftbar (zumal die Preise für Speicherplatz in den letzten Jahren exorbitant gefallen sind). Sofern man – und diesen Satz gilt es doppelt und dreifach zu unterstreichen, wenn ich mir so die Generalempörung in diversen Online-Foren zu Gemüt führe – das Prinzip einer pauschalen Urheberrechtsabgabe überhaupt verstehen und akzeptieren kann und will.

Die Wirtschaftskammer aber, deren Experten ja Geiz- und Neid-Instinkte per se fremd sein sollten (und die nebstbei auch die Interessen der AudioVisions-Industrie vertritt), schreit Zeter und Mordio. Und läuft gerade zum Obersten Gerichtshof dieses Landes, Hand in Hand mit dem US-Computerriesen Hewlett Packard. Dito die Arbeiterkammer (die ebenso wie die Wirtschaftskammer von pauschalen Zwangsbeiträgen ihrer Pflichtmitglieder lebt). Bis zu 30 Millionen Euro, vermuten die Festplatten-Erzeuger und Computerhändler, würde sie der AustroMechana-Vorstoß kosten. Un!ver!kraft!bar!, eh klar (dabei schätz’ ich mal, dass die Urheberrechtsabgabe, die ja sowieso ungeniert an die Konsumenten weitergereicht wird, ein paar Promille des Branchen-Gesamtumsatzes ausmacht). Die Künstler und Content-Lieferanten sollen halt schauen, wo sie bleiben. Moral war noch nie eine geschäftliche Kategorie.

Es geht also um Verteilungskämpfe. Die Verteilungskämpfe der Zukunft. Und jene der Gegenwart. Natürlich ist es eine unpopuläre Position, einen Pauschalaufschlag für immaterielle Güter und Werte zu fordern und argumentativ zu verteidigen. Eine versteckte Kultursteuer, die übrigens auch auf Drucker, Kopierer, Satellitenschüsseln u.ä. erhoben wird. Aber wie heisst es so schön: it’s a dirty job but someone’s gotta do it. Denn es geht hier schlichtweg um die Wurst. Eventuell auch um das Brot. Das Brot, das viele Künstler, Labelbetreiber und Produzenten mit Gleichmut und erstaunlicher Lebensfreude alltäglich essen. Auch ohne Wurst drauf. Ohne SKE, Austromechana, AKM & Co. fiele es noch trockener, karger, nährwertloser aus.

Was aber haben wir – öffentlich oder zumindest unter uns – von den Damen und Herren Opratko, Prokopetz, Chmela, Heller, Kaufmann, Krainer, Schneyder, Cerha, Krupka-Dornaus, Krauliz, Kolonovits, Marzik, Hodina, Mitterer, Stricker, Ambros et al zu dem Thema gehört? Wenig. Nichts. Stille im Wald. Eventuell ist die Wurst ja noch fett genug. Zumindest für einige. Aber, sorry, das ist dennoch ein Armutszeugnis. Ein intellektuelles, funktionelles, habituelles Armutszeugnis. Wer schon zu satt ist, um neben den eigenen Interessen auch die Interessen anderer zu vertreten, auch in den Medien und in öffentlichen Diskussionen, möge sich bitte zurückziehen. Eventuell in den Ruhestand (gern aufgefettet durch die AKM-Pension). Oder ins eigene Zinshaus. Oder in die Rolle der beleidigten Leberwurst.

Nebstbei: das gilt auch für diverse Vereine, Institutionen und Standesvertretungen – mir fällt da etwa der VTMÖ ein oder das MICA –, die die Papperlatur nicht aufbekommen, obwohl man ihnen gerade perspektivisch ihre eigene Lebensader abschneidet. Denn auch diese Einrichtungen hängen nicht unwesentlich am Tropf der „Leercassettenförderung“. Ruhet sanft.

(P.S. / 09.11.2010: Leider waren mir zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen weder die Presseaussendung des VTMÖ noch die Aktivitäten des MICA bekannt. Ich ziehe also meine Kritik wegen Inaktivität in der akuten & wichtigen Frage der „Leercassettenabgabe“ selbstverständlich zurück. Und freue mich, daß es hier doch – bei aller möglichen Uneinigkeit in Detailfragen – klare Statements seitens Urheber-, Label- und Künstlervertretern gab und gibt.)

Nistkasten mit Infrarotkamera

9. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (80) Kataloge sind eine lustvolle Immunisierungsstrategie gegen spontane Fehlkäufe.

Eventuell wollen Sie das mitten im Altweibersommer nicht lesen – aber es dauert nicht mehr lange, dann tauchen die ersten Adventkalender, Schoko-Weihnachtsmänner und Christbaumkugeln in den Geschäften auf. Haben Sie gar schon welche gesichtet? Ja, eh: pervers. Leider mittlerweile volkstümliches Brauchtum.

Ein omnipräsenter Schwall von „Oh du Fröhliche“-Muzak, der leise erst, dann immer mächtiger anhebt, ist der offizielle Soundtrack zum Einkaufs-Endspurt. Tatsächlich machen Elektrohandelsketten und Fachhändler rund um den Dezember den Großteil ihres Umsatzes. Womit? Mit all den Last Minute-Geschenkejägern, X-Mas-Terroristen und, pardon!, Konsumtrotteln, die eigentlich gar nicht recht wissen, was sie wollen. Und wenn, für wen und wozu.

Aber ich will Sie nicht langweilen mit Hinweisen, die Sie nicht weiter betreffen. Als Profi haben Sie das im Griff. Und wissen auch, wie man clever-entspannt mit seinem Budget umgeht: man blättert in Katalogen, die man mit entsprechendem zeitlichen Vorlauf erwirbt, bestellt oder mitnimmt. Vergleicht Daten und Preise. Pickt sich die Rosinen raus. Schreibt eventuell den einen oder anderen Wunschzettel. Und vermeidet ab Anfang November strikt teure Spontankäufe in überfüllten Outlet Stores.

Ja, darunter fallen auch blinkende, tönende, superduperwitzige 12 Euro 50-Gadgets für die Mitzi-Tant’. Ich selbst ärgere mich knapp ein Jahr danach immer noch über den LCD-Digitalfotorahmen samt Kalender, den ich der Schwiegermutter überreicht habe. Leider ohne Fotos, deren Überspielung sich als unendlich mühsam erwies. Und wohl nie mehr stattfinden wird. Bis auf die Sondermülldeponie hat es das Teil aber auch noch nicht geschafft.

Kataloge also! Ich liebe diese Papiermonster ja. Seit den seligen Zeiten des Quelle-Versands. Egal, ob von Conrad, Pearl, Manufactum, Cyberport, Topdeq, Foto Brenner, Biber, Bauhaus, DiTech, Klangfarbe, Nubert, Friendly House, Ikarus, O.K.-Versand, Otto, Tchibo, 2001, Reichelt, Westfalia, ELV, Hein Gericke oder Gravis – der Online-Auftritt ist nur das halbe Vergnügen. Meine Favoriten aber sind die Hochglanzheftchen von „Pro Idee“. Was einem da an kuriosem, teurem (und bisweilen kurios teurem) Schnickschnack, aber durchaus auch gewitzter Lifestyle-Technik angedient wird, ist famos.

Vom Miniatur-Nachtsichtgerät bis zum futuristischen Schuhtrockner bleibt kein noch so ausgefallener Wunsch unerfüllt. Und man kann ein paar Tage drüber schlafen, wenn man glaubt, den Nistkasten mit Infrarotkamera (zur Beobachtung der Vogelbrut am eigenen Fernseher) unbedingt zu brauchen. Eventuell sogar bis zum nächsten Frühling.

Frischluft

2. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (79) Das Prinzip HiFi: wer besser hören will, soll nicht auf den letzten Cent schauen.

HiFi-Händler und ihre Kunden sind sensible Naturen. Müssen sie ja auch sein: wer viel Geld dafür ausgibt, Mozarts Requiem in D-Moll, das wunderbare neue Album von Trouble Over Tokyo („The Hurricane“) oder das opulente Hörbuch von Austrofred („Du kannst Dir Deine Zauberflöte in den Arsch schieben“) in höchster Transparenz und vollendeter Pracht zu erlauschen, möchte nicht mit profanen Preis-Leistungs-Erwägungen belästigt werden. Und schon gar nicht von Störgeräuschen.

Solche Misstöne – journalistischer Natur – hatte ich wohl abgesondert, als ich vor ein paar Wochen über ein innovatives Gerät namens Micromega „Airstream“ schrieb, das drahtlos Musik vom Computer oder z.B., weit eleganter, vom iPad oder iPhone empfängt. Und an eine möglichst hochkarätige Audio-Anlage weiterreicht. Ich hatte mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass vereinzelt Kleingeister im Internet herummäkelten, das Teil wäre dem Prinzip nach nichts anderes als ein WLAN-Access Point, der selbst beim bekannt hochpreisigen Hersteller Apple einen Bruchteil des „Airstream“ kostet. Und auch eine Tonbuchse besitzt.

Mehr hatte es nicht gebraucht! Von gedrückter Stimmung bei meinem Lieblings-HiFi-Dealer bis zu empörten Leserbriefen an die Chefredaktion reichte die Bandbreite der Reaktionen. Man bat mich umgehend zu einer ausführlichen „Listening Session“, um mein Hörvermögen zu testen. Und meine Ohren durchzuputzen. Klar, das audiophile Franzosen-Kastl hat ein ordentliches Netzteil. Und eine klanglich optimierte interne „Clock“, die den Digitaltakt vorgibt. Aber die Tendenz zu hochpreisigem Voodoo-Zauber, von dem die High End-Szene partiell befallen ist, schwebt gern mal im Raum. Liesse sich der Unterschied mehr als erahnen? Die Versuchsanordnung: ein Audio Research Class D Vollverstärker (Neupreis 6500.-), Triangle Magellan Cello Boxen (8500.-), gute Kabel und probate Steckerleiste (Kostenpunkt: nicht nachgefragt). Und natürlich der „Airstream“. Und der vergleichsweise mickrige Highest Fidelity-Fremdkörper namens „Airport Express“, den ich mitgebracht hatte.

Was soll ich sagen? Ja, man hört den Unterschied. Deutlich. Die High End-Kette samt Micromega-Streaming Device zeichnet plastischer, feiner, farbiger. Aber es wäre gelacht, täte sie das nicht, oder? Man einigte sich schnell darauf, dass der Branchen-Impetus nun mal darin besteht, das Bestmögliche aus der Hard- und Software herauszukitzeln. Zu (fast) jedem Preis. Und, unter uns: so gesehen ist der „Airstream“ ein wunderbares Gerät zu vergleichsweise wohlfeilen Kosten. Alles andere fällt in den Bereich subjektiver Befindlichkeiten und gehobener Esoterik.

Letztlich hängt die Reaktion auf Mozart und Austrofred immer von der Tagesverfassung des Hörers ab, ganz unabhängig vom letzten Quäntchen HiFi-Esprit. Oder von einem schnöden Schnupfen, der akut Hammer, Amboß und Schnecke mit der puren Tatsache seiner Existenz belästigt.

P.S.: Geräte wie Micromegas „AirStream“ oder etwa die Anlagen des Streaming-Spezialisten Sonos sind nur Vorreiter einer ganz neuen Generation von HiFi-Equipment. Durch die Öffnung von Apple (u.a. nachzulesen hier) in Richtung Unterhaltungselektronik (und die entsprechenden Standards in der PC-Welt wie etwa DLNA) wachsen Computer und anspruchsvoller Musikgenuss mehr und mehr zusammen. Fein! Nur für CD-Player und andere High Tech-Scheibendreher sehe ich perspektivisch schwarz.

P.P.S.: Mein sensibler HiFi-Dealer hat zwei Anmerkungen. Erstens: man müsse schon darauf hinweisen, dass sich Klangunterschiede zuvorderst aus der technischen Güte des Musikmaterials ergeben. Datenreduzierte Formate (MP3, AAC, WMA) sind – selbst bei hoher Bitrate – naturgemäß im Hintertreffen gegenüber hochauflösenden Audio-Formaten (WAV, AIFF, Apple Lossless, FLAC). Kommentar des Kenners: „Es ist erstaunlich, wieviele High End-Hörer, die nicht wenig Geld für ihre Anlage ausgeben, auf diesen Umstand vergessen.“

Zweitens: man könne den Unterschied zwischen einem dezidierten HiFi-Device wie dem Micromega und einem Billigbauteil wie Apples AirPort Express auch mit einer günstigeren Anlage („So ab ca. 1000€-Verstärker und 1000€-Lautsprecher“) deutlich hören. Unter uns: habe ich nicht überprüft. Ich vertraue da einfach den Worten des guten Mannes. Und seinen Ohren.

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