Frischluft

2. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (79) Das Prinzip HiFi: wer besser hören will, soll nicht auf den letzten Cent schauen.

HiFi-Händler und ihre Kunden sind sensible Naturen. Müssen sie ja auch sein: wer viel Geld dafür ausgibt, Mozarts Requiem in D-Moll, das wunderbare neue Album von Trouble Over Tokyo („The Hurricane“) oder das opulente Hörbuch von Austrofred („Du kannst Dir Deine Zauberflöte in den Arsch schieben“) in höchster Transparenz und vollendeter Pracht zu erlauschen, möchte nicht mit profanen Preis-Leistungs-Erwägungen belästigt werden. Und schon gar nicht von Störgeräuschen.

Solche Misstöne – journalistischer Natur – hatte ich wohl abgesondert, als ich vor ein paar Wochen über ein innovatives Gerät namens Micromega „Airstream“ schrieb, das drahtlos Musik vom Computer oder z.B., weit eleganter, vom iPad oder iPhone empfängt. Und an eine möglichst hochkarätige Audio-Anlage weiterreicht. Ich hatte mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass vereinzelt Kleingeister im Internet herummäkelten, das Teil wäre dem Prinzip nach nichts anderes als ein WLAN-Access Point, der selbst beim bekannt hochpreisigen Hersteller Apple einen Bruchteil des „Airstream“ kostet. Und auch eine Tonbuchse besitzt.

Mehr hatte es nicht gebraucht! Von gedrückter Stimmung bei meinem Lieblings-HiFi-Dealer bis zu empörten Leserbriefen an die Chefredaktion reichte die Bandbreite der Reaktionen. Man bat mich umgehend zu einer ausführlichen „Listening Session“, um mein Hörvermögen zu testen. Und meine Ohren durchzuputzen. Klar, das audiophile Franzosen-Kastl hat ein ordentliches Netzteil. Und eine klanglich optimierte interne „Clock“, die den Digitaltakt vorgibt. Aber die Tendenz zu hochpreisigem Voodoo-Zauber, von dem die High End-Szene partiell befallen ist, schwebt gern mal im Raum. Liesse sich der Unterschied mehr als erahnen? Die Versuchsanordnung: ein Audio Research Class D Vollverstärker (Neupreis 6500.-), Triangle Magellan Cello Boxen (8500.-), gute Kabel und probate Steckerleiste (Kostenpunkt: nicht nachgefragt). Und natürlich der „Airstream“. Und der vergleichsweise mickrige Highest Fidelity-Fremdkörper namens „Airport Express“, den ich mitgebracht hatte.

Was soll ich sagen? Ja, man hört den Unterschied. Deutlich. Die High End-Kette samt Micromega-Streaming Device zeichnet plastischer, feiner, farbiger. Aber es wäre gelacht, täte sie das nicht, oder? Man einigte sich schnell darauf, dass der Branchen-Impetus nun mal darin besteht, das Bestmögliche aus der Hard- und Software herauszukitzeln. Zu (fast) jedem Preis. Und, unter uns: so gesehen ist der „Airstream“ ein wunderbares Gerät zu vergleichsweise wohlfeilen Kosten. Alles andere fällt in den Bereich subjektiver Befindlichkeiten und gehobener Esoterik.

Letztlich hängt die Reaktion auf Mozart und Austrofred immer von der Tagesverfassung des Hörers ab, ganz unabhängig vom letzten Quäntchen HiFi-Esprit. Oder von einem schnöden Schnupfen, der akut Hammer, Amboß und Schnecke mit der puren Tatsache seiner Existenz belästigt.

P.S.: Geräte wie Micromegas „AirStream“ oder etwa die Anlagen des Streaming-Spezialisten Sonos sind nur Vorreiter einer ganz neuen Generation von HiFi-Equipment. Durch die Öffnung von Apple (u.a. nachzulesen hier) in Richtung Unterhaltungselektronik (und die entsprechenden Standards in der PC-Welt wie etwa DLNA) wachsen Computer und anspruchsvoller Musikgenuss mehr und mehr zusammen. Fein! Nur für CD-Player und andere High Tech-Scheibendreher sehe ich perspektivisch schwarz.

P.P.S.: Mein sensibler HiFi-Dealer hat zwei Anmerkungen. Erstens: man müsse schon darauf hinweisen, dass sich Klangunterschiede zuvorderst aus der technischen Güte des Musikmaterials ergeben. Datenreduzierte Formate (MP3, AAC, WMA) sind – selbst bei hoher Bitrate – naturgemäß im Hintertreffen gegenüber hochauflösenden Audio-Formaten (WAV, AIFF, Apple Lossless, FLAC). Kommentar des Kenners: „Es ist erstaunlich, wieviele High End-Hörer, die nicht wenig Geld für ihre Anlage ausgeben, auf diesen Umstand vergessen.“

Zweitens: man könne den Unterschied zwischen einem dezidierten HiFi-Device wie dem Micromega und einem Billigbauteil wie Apples AirPort Express auch mit einer günstigeren Anlage („So ab ca. 1000€-Verstärker und 1000€-Lautsprecher“) deutlich hören. Unter uns: habe ich nicht überprüft. Ich vertraue da einfach den Worten des guten Mannes. Und seinen Ohren.

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Eine Antwort to “Frischluft”


  1. […] gegenüber dem ursprünglichen Preis verlangte Obolus, der den Audio-Durchlauferhitzer gerade noch leistbar macht, ergibt sich aus seinem Second […]


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