Nistkasten mit Infrarotkamera

9. Oktober 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (80) Kataloge sind eine lustvolle Immunisierungsstrategie gegen spontane Fehlkäufe.

Eventuell wollen Sie das mitten im Altweibersommer nicht lesen – aber es dauert nicht mehr lange, dann tauchen die ersten Adventkalender, Schoko-Weihnachtsmänner und Christbaumkugeln in den Geschäften auf. Haben Sie gar schon welche gesichtet? Ja, eh: pervers. Leider mittlerweile volkstümliches Brauchtum.

Ein omnipräsenter Schwall von „Oh du Fröhliche“-Muzak, der leise erst, dann immer mächtiger anhebt, ist der offizielle Soundtrack zum Einkaufs-Endspurt. Tatsächlich machen Elektrohandelsketten und Fachhändler rund um den Dezember den Großteil ihres Umsatzes. Womit? Mit all den Last Minute-Geschenkejägern, X-Mas-Terroristen und, pardon!, Konsumtrotteln, die eigentlich gar nicht recht wissen, was sie wollen. Und wenn, für wen und wozu.

Aber ich will Sie nicht langweilen mit Hinweisen, die Sie nicht weiter betreffen. Als Profi haben Sie das im Griff. Und wissen auch, wie man clever-entspannt mit seinem Budget umgeht: man blättert in Katalogen, die man mit entsprechendem zeitlichen Vorlauf erwirbt, bestellt oder mitnimmt. Vergleicht Daten und Preise. Pickt sich die Rosinen raus. Schreibt eventuell den einen oder anderen Wunschzettel. Und vermeidet ab Anfang November strikt teure Spontankäufe in überfüllten Outlet Stores.

Ja, darunter fallen auch blinkende, tönende, superduperwitzige 12 Euro 50-Gadgets für die Mitzi-Tant’. Ich selbst ärgere mich knapp ein Jahr danach immer noch über den LCD-Digitalfotorahmen samt Kalender, den ich der Schwiegermutter überreicht habe. Leider ohne Fotos, deren Überspielung sich als unendlich mühsam erwies. Und wohl nie mehr stattfinden wird. Bis auf die Sondermülldeponie hat es das Teil aber auch noch nicht geschafft.

Kataloge also! Ich liebe diese Papiermonster ja. Seit den seligen Zeiten des Quelle-Versands. Egal, ob von Conrad, Pearl, Manufactum, Cyberport, Topdeq, Foto Brenner, Biber, Bauhaus, DiTech, Klangfarbe, Nubert, Friendly House, Ikarus, O.K.-Versand, Otto, Tchibo, 2001, Reichelt, Westfalia, ELV, Hein Gericke oder Gravis – der Online-Auftritt ist nur das halbe Vergnügen. Meine Favoriten aber sind die Hochglanzheftchen von „Pro Idee“. Was einem da an kuriosem, teurem (und bisweilen kurios teurem) Schnickschnack, aber durchaus auch gewitzter Lifestyle-Technik angedient wird, ist famos.

Vom Miniatur-Nachtsichtgerät bis zum futuristischen Schuhtrockner bleibt kein noch so ausgefallener Wunsch unerfüllt. Und man kann ein paar Tage drüber schlafen, wenn man glaubt, den Nistkasten mit Infrarotkamera (zur Beobachtung der Vogelbrut am eigenen Fernseher) unbedingt zu brauchen. Eventuell sogar bis zum nächsten Frühling.

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2 Antworten to “Nistkasten mit Infrarotkamera”

  1. Nimo Says:

    Nun ja, man muss sich einfach nicht darauf einlassen. Viele jammern über den Weihnachtsstress und versuchen jenen mit früher Vorsorge zu entgehen, und entwickeln ihn damit ja. Ich weiß nicht wie hoch der Zynismusfaktor da jetzt wirklich ist, aber das ruhige und gemütliche Vergleichen auf, ditech, Nubert, Friendly House, Ikarus und co oder das gemütliche Blättern bei Quelle, Ikea, Möbelix, etc…sehe ich ihn keiner Relation zum Verhalten, der erwähnten „Konsumvolltrotteln“…LG


  2. […] ein “Spezialversandhaus für exklusive Produkte aus aller Welt”, verschickt regelmässig bunte Kataloge. Voll wunderlicher, innovativer und attraktiver Angebote. Vom beheizbaren Handschuh über […]


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