Schweigen im Wald

10. Oktober 2010

Während allein die Ankündigung von Urheberrechtsabgaben auf Festplatten tausende wütende Postings in ORF-, „Standard“- und sonstigen Foren zeugt, schweigen die vom potentiellen Geldsegen Betroffenen. Warum?

Professor Robert Opratko. Josef Prokopetz. Horst Chmela. André Heller. Dieter Kaufmann. Lore Krainer. Werner Schneyder. Friedrich Cerha. Edith Krupka-Dornaus. Alf Krauliz. Christian Kolonovits. Trude Marzik. Karl Hodina. Wolfgang Mitterer. Toni Stricker. Wolfgang Ambros…. Das sind bekannte Namen. Namen honoriger Damen und Herren, die das Musikgeschehen in Österreich prägten und prägen. Das sind auch – nicht vollständig – die Namen der Gesellschafter der AustroMechana. Beziehungsweise Namen von Mitglieder des Vorstands oder des Aufsichtsrats einer der wichtigsten sogenannten Verwertungsgesellschaften in Österreich.

Die AustroMechana ist gerade im Gerede. Und zwar, weil sie wieder mal – auch im Namen anderer Verwertungsgesellschaften (es existiert hierzulande eine erstaunlich hohe Zahl solcher Einrichtungen) – den Vorstoß unternommen hat, die „Leercassettenvergütung“ dem technischen und gesellschaftlichen Status Quo anzupassen. Für jene, die es nicht wissen (und es wissen viele nicht): Jahr für Jahr erbringt diese staatlich festgeschriebene Abgabe auf Speichermedien die Ausschüttung nicht unbeträchtlicher Summen an Künstler, Labels, Verlage und Musikproduzenten. Anno 2009 waren es knapp 12 Millionen Euro, die zur Hälfte an die Gesellschafter der zumeist genossenschaftlich organisierten Urheberrechtsinhaber und -Vertreter gingen, zur Hälfte dezidiert „sozial-kulturellen Zwecken“ gewidmet sind. So ist etwa der SKE-Fonds der AustroMechana, der nicht gerade wenige Künstler, Labels und Produktionen existentiell unterstützt, aus genau diesen Gelder gespeist.

Wenn Ihnen also demnächst, sagen wir mal: ein runder Tausender für die Veröffentlichung Ihres ambitionierten Werks auf einem Indie-Label gewährt wird, nachdem Sie beim SKE-Fonds angeklopft haben (milde Gaben sprechen sich rasch herum, insbesondere in Künstlerkreisen), dann ist das keine Spende eines unbekannten Mäzens. Oder ein Ausdruck der Kunst- und Kulturfreundlichkeit des Finanzministers. Sondern eine direkte Geldspritze aus den Mitteln der „Leercassettenabgabe“. Nebst diesem lauwarmen Regen aus der Fördergiesskanne wird mit den Summen auch anderes finanziell unterfüttert. Pirateriebekämpfung etwa. Imagekampagnen. Oder das Buffet beim „Amadeus“, an dem sich der Großteil der Branche gerne labt.

Man könnte also meinen, es gäbe existentielles Interesse an der Wahrung und Durchsetzung der Interessen der AustroMechana, insbesondere in Kreisen der Mitglieder dieser Organisation. Und hier wiederum insbesondere bei den Mitgliedern des Vorstands, der Gesellschafter und des Aufsichtsrats. Zumal in Zeiten heftiger öffentlicher Diskussionen über Sinn, Unsinn, Aufgabenstellung, Verteilungsgerechtigkeit, Durchsetzungsmöglichkeiten, gegenwärtige und zukünftige Rolle der AustroMechana und aller anderen Urheberrechtsgesellschaften (allen voran der AKM) im Europa des 21. Jahrhunderts. Sagen Sie bloss, diese Debatte wäre an Ihnen vorübergegangen. Ein akuter, um nicht zu sagen: besonders brisanter Aufhänger ist der – ohne offensive Aufklärungsarbeit mehr als verständliche – Unmut vieler Computernutzer und Konsumenten über die „Urheberrechtsabgabe“.

Weil natürlich jeder Dolm weiß, dass heutzutage nicht gebrannte CDs der gefragteste und mächtigste Datenspeicher sind – Musik- und Videokassetten sind mittlerweile sowieso nur noch eine historische Fußnote –, möchte die AustroMechana seit Oktober auch Geld für Festplatten. Solche, die in PCS und Notebooks eingebaut sind, aber auch für solche, die extern angestöpselt werden. Und natürlich die datenhungrigen Winz-Dinger in Mobiltelefonen und MP3-Playern. So weit, so realitätsnah. Dass Hersteller, Händler und Konsumenten dafür letztlich ihre Geldbörse ein wenig weiter öffnen müssen (je nach Art und Kapazität der Festplatten zwischen 12 und 36 Euro), ist gerecht und verkraftbar (zumal die Preise für Speicherplatz in den letzten Jahren exorbitant gefallen sind). Sofern man – und diesen Satz gilt es doppelt und dreifach zu unterstreichen, wenn ich mir so die Generalempörung in diversen Online-Foren zu Gemüt führe – das Prinzip einer pauschalen Urheberrechtsabgabe überhaupt verstehen und akzeptieren kann und will.

Die Wirtschaftskammer aber, deren Experten ja Geiz- und Neid-Instinkte per se fremd sein sollten (und die nebstbei auch die Interessen der AudioVisions-Industrie vertritt), schreit Zeter und Mordio. Und läuft gerade zum Obersten Gerichtshof dieses Landes, Hand in Hand mit dem US-Computerriesen Hewlett Packard. Dito die Arbeiterkammer (die ebenso wie die Wirtschaftskammer von pauschalen Zwangsbeiträgen ihrer Pflichtmitglieder lebt). Bis zu 30 Millionen Euro, vermuten die Festplatten-Erzeuger und Computerhändler, würde sie der AustroMechana-Vorstoß kosten. Un!ver!kraft!bar!, eh klar (dabei schätz’ ich mal, dass die Urheberrechtsabgabe, die ja sowieso ungeniert an die Konsumenten weitergereicht wird, ein paar Promille des Branchen-Gesamtumsatzes ausmacht). Die Künstler und Content-Lieferanten sollen halt schauen, wo sie bleiben. Moral war noch nie eine geschäftliche Kategorie.

Es geht also um Verteilungskämpfe. Die Verteilungskämpfe der Zukunft. Und jene der Gegenwart. Natürlich ist es eine unpopuläre Position, einen Pauschalaufschlag für immaterielle Güter und Werte zu fordern und argumentativ zu verteidigen. Eine versteckte Kultursteuer, die übrigens auch auf Drucker, Kopierer, Satellitenschüsseln u.ä. erhoben wird. Aber wie heisst es so schön: it’s a dirty job but someone’s gotta do it. Denn es geht hier schlichtweg um die Wurst. Eventuell auch um das Brot. Das Brot, das viele Künstler, Labelbetreiber und Produzenten mit Gleichmut und erstaunlicher Lebensfreude alltäglich essen. Auch ohne Wurst drauf. Ohne SKE, Austromechana, AKM & Co. fiele es noch trockener, karger, nährwertloser aus.

Was aber haben wir – öffentlich oder zumindest unter uns – von den Damen und Herren Opratko, Prokopetz, Chmela, Heller, Kaufmann, Krainer, Schneyder, Cerha, Krupka-Dornaus, Krauliz, Kolonovits, Marzik, Hodina, Mitterer, Stricker, Ambros et al zu dem Thema gehört? Wenig. Nichts. Stille im Wald. Eventuell ist die Wurst ja noch fett genug. Zumindest für einige. Aber, sorry, das ist dennoch ein Armutszeugnis. Ein intellektuelles, funktionelles, habituelles Armutszeugnis. Wer schon zu satt ist, um neben den eigenen Interessen auch die Interessen anderer zu vertreten, auch in den Medien und in öffentlichen Diskussionen, möge sich bitte zurückziehen. Eventuell in den Ruhestand (gern aufgefettet durch die AKM-Pension). Oder ins eigene Zinshaus. Oder in die Rolle der beleidigten Leberwurst.

Nebstbei: das gilt auch für diverse Vereine, Institutionen und Standesvertretungen – mir fällt da etwa der VTMÖ ein oder das MICA –, die die Papperlatur nicht aufbekommen, obwohl man ihnen gerade perspektivisch ihre eigene Lebensader abschneidet. Denn auch diese Einrichtungen hängen nicht unwesentlich am Tropf der „Leercassettenförderung“. Ruhet sanft.

(P.S. / 09.11.2010: Leider waren mir zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen weder die Presseaussendung des VTMÖ noch die Aktivitäten des MICA bekannt. Ich ziehe also meine Kritik wegen Inaktivität in der akuten & wichtigen Frage der „Leercassettenabgabe“ selbstverständlich zurück. Und freue mich, daß es hier doch – bei aller möglichen Uneinigkeit in Detailfragen – klare Statements seitens Urheber-, Label- und Künstlervertretern gab und gibt.)

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3 Antworten to “Schweigen im Wald”


  1. Sehr geehrter Herr Gröbchen – kenn mich grad nicht aus.
    Sie sagen, itunes liefert keine UHG ab.
    Nun habe ich alle Alben der Laokoon Gruppe und etlich FM4 sampler auf itunes erworben.

    Kriegt die laokoon gruppe nun dafür Ihren Obulus ?
    und Apple für den ->Vertrieb seine inside comission ?

    und wer will nun noch geld von mir ?

    UHG auf Kopfhörer, Lautsprecher und Boxen ? oder besser nur eine Festplatte mit „leercassetten abgabe“ erwerben und diese auf pirate bay vollmachen ?


  2. […] zu unterfüttern. Obwohl es natürlich bei der Festplattenabgabe zuvorderst um Zahlen, Empfängerkreise, Verteilungsspielregeln und Geld geht – und die allzu gern fix damit verbundene […]


  3. […] der internationalen (Major)-Tonträgerunternehmen, Urheberrechtsgesellschaften wie AKM, AustroMechana, VBK, LSG und VAM und ein unterstützendes Netzwerk kulturnaher Verbände, Vereine, […]


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