Archive for Dezember, 2010

Taktgefühl

28. Dezember 2010

Man muss kein professioneller Disjockey sein, um eine gepflegte Party zu beschallen. Mit den richtigen DJ-Tools, ein paar Tricks und Spaß an Beats, Bass und Bewegung macht man aus jedem Parkettboden einen Dancefloor. Eine kursorische Anleitung.

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„There’s not a problem that I can’t fix ‚cause I can do it in the mix“
(Indeep, „Last Night a DJ Saved My Life“)

Nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch eine denk-, ehr- und erinnerungswürdige Party. Also eine wirklich gute Party. Für noble Cocktail-Dinners, kaum camouflierte Tupperware-Verkaufsveranstaltungen und blasierte Damenkränzchen empfiehlt es sich, eine unaufdringliche Live-Band (Stilrichtung: Soft Jazz) zu engagieren. Den Freund der Freundin der Nachbarin zu bitten, seine Frank Sinatra-, Dean Martin- & Sammy Davis Junior-Kollektion vorbeizubringen. Oder gleich das Radio (egal ob UKW, DAB oder Internet, Empfehlung: http://www.lounge.fm) anzudrehen. Ja nicht zu laut.

Wir hier aber wollen ordentlich abfeiern. Also mit einem Plattenreiter oder einer Djane, der/die auch wirklich etwas drauf hat. Das können Sie selbst sein. Wie? Nun: Raketentechnolgie wird hier keine verhandelt. Und hat nicht jede(r) schon in der Schulzeit ein wenig mit zwei Plattenspielern, zwei Boxen, einem Mischpult samt Verstärker und einem Koffer voller Vinyl-Singles und Langspielplatten dillettiert? Oder einem Stapel zerkratzter CDs und zwei Playern? Ging ja auch, irgendwie. Solange Leute tanzen, läuft alles prima. Und, glauben Sie mir, die Leute wollen tanzen. Ihre Beine zucken lassen. Sich an den Hüften fassen und verzückt angrinsen. Und den ganzen Körper in absurdeste rhythmische Schwingungen versetzen. Sollen sie doch! Sie müssen ihnen nur einen kargen Knochen von Beat-Gerüst vor die Füsse werfen – und sie werden ihn dankbar aufschnappen. Je später der Abend, desto überdrehter die Gäste. Man wird Ihnen die Hände küssen für Ihre DJ-Fingerfertigkeit. Und das Gerücht, der Mann oder die Frau hinter dem Mischpult wäre grundsätzlich die attraktivste Person im Raum, wurde nie wirklich widerlegt.

Sie müssen, um diese gloriose Position einnehmen zu können, übrigens nicht mehr Ihren Plattenspieler abstauben (so Sie denn noch einen besitzen, aber die Dinger sind wieder in Mode gekommen und eventuell von der Nachwuchs-Generation ausleihbar). CD-Player sind jedenfalls dito nicht mehr der letzte Schrei. Es geht auch mit dem Laptop oder PC – notfalls sogar mit Standard-Programmen wie iTunes oder Musicmatch Jukebox –, sofern eine probate MP3-Kollektion vorliegt. Sowohl in quantitativer wie auch qualitativer Hinsicht. Rasch ein paar „Ö3 Greatest Hits“-CDs zu rippen wird nicht ausreichen. Entweder sie besitzen eine Sammlung der für Ihre bevorzugte Stilrichtung und Ihre Klientel gängigsten Songs und Musikstücke. Oder Sie holen sie sich rechtzeitig. Und stellen sich – nicht nur in Gedanken – eine feine Playlist zusammen. Das ist nichts anderes als die Abfolge der Hits, Kracher und Evergreens, die Sie in der Hinterhand haben. Dass die irgendwie, irgendwann, irgendwo zueinanderpassen sollten, eventuell einen dramaturgischen Bogen ergeben könnten und die unmittelbare Reaktion, Tanzlaune und Stimmungslage des Publikums berücksichtigen müssen, ist evident. Oder? Wir erinnern uns: nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch wirklich eine gute Party.

Soweit die Software. Ob Sie bevorzugt House auflegen oder Hardrock der siebziger Jahre, Drum’n’Bass oder ABBA, Brit-Pop Marke Oasis oder doch eher diffizile elektronische Beats’n’Clicks, ist der Hardware egal. Es sollte nur halbwegs passabel klingen. Dazu ein paar grundsätzliche Hinweise: HiFi-Anlagen, die sonst das Schlafzimmer beschallen, lassen sich nur bis zu einem gewissen Pegel aufdrehen, ohne fürchterlich zu verzerren. Rote Lämpchen, die ständig auf dem Mischpult aufleuchten, sind eher nicht zu ignorieren. Und ein laut pumpender Bass setzt sich, auch wenn Sie Türen und Fenster dicht verschlossen halten, durch Ziegel, Beton und selbst durch die Luft garantiert bis zu Ihren Nachbarn durch. Die ungebeten erscheinende Polizei spricht Verwarnungen ob „Störung der Nachtruhe“ nur ungern wiederholt aus.

Das technische Equipment sollte – der Autor dieser Anleitung geht von unregelmässigem, tendenziell hobbyistischem Gebrauch aus – nicht zu kompliziert, teuer und überkandidelt sein. Natürlich können, sofern vorhanden, die traditionellen, ikonenhaften Technics SL-1210-Vinyllaufwerke zum Einsatz kommen. Oder irgendwelche Vestax-, Numark- oder Reloop-Nachbauten (herkömmliche Plattenspieler sind eher nicht zu empfehlen). Und, ja, es macht Spass, mit altertümlichen Schallplatten zu hantieren. Selbst Profis machen das heute noch, oft aber nur mehr, um spezielle Mix- und Scratch-Programme (z.B. „Serato“) anzusteuern. Weit verbreitet sind auch Single-CD-Player (die es zu Preisen zwischen 150 und 2000 Euro gibt), die im Gegensatz zu herkömmlichen HiFi-Laufwerken Geschwindigkeitsveränderungen, variable Song-Anfangspunkte und allerlei vinylähnliche Scratch-Effekte zulassen.

Nicht übertreiben! Der Weg vom Nachwuchs-David Guetta zum verspielten Tölpel, der allen zeigt, was er genau nicht kann, ist kurz. Doppel-CD-Laufwerke oder gar Multimediaplayer und Medien-Workstations machen die Verkabelung einfacher (und sind in der Regel rascher zu durchschauen), aber eigentlich reicht auch ein simples Mischpult, das von zwei Playern oder zwei Turntables mit Musik beschickt wird und mittels Crossfader abwechselnd den einen, dann den anderen Kanal ertönen lässt. Verbunden ist der Mixer idealerweise mit zwei potenten Aktivboxen (oder einem nicht zu brustschwachen Verstärker und Passivlautsprechern). Oder einer semiprofessionellen PA-Anlage. Sollte ein Laptop zum Einsatz kommen – heute die bevorzugte Quelle vieler DJs –, empfiehlt sich eine Soundkarte oder ein USB- oder Firewire-Interface, um die Klangqualität zu verbessern und Vorabhörmöglichkeiten per Kopfhörer (nicht vergessen!) zu eröffnen. Auch iPods und sonstige MP3-Player, iPhones und iPads lassen sich in der Regel elegant ins Set einbinden.

Auf der Festplatte des Rechners selbst sollten nicht nur ein paar Gigabyte Musik in höchstauflösender Bitrate-Qualität vorliegen – MP3-Files unter 256 kbit/s können Sie vergessen –, sondern auch das eine oder andere Programm, das Player und Mischpult simuliert und eigentlich (fast) alles in sich und am PC vereint, was notwendig ist. Welches? Geschmackssache. Viele verwenden „Traktor“ (Hersteller ist die Berliner Firma Native Instruments), andere „Ultramixer“, „BPM Studio“, „Djay“, „Disco XT“ oder native Software von Behringer, Hercules, Denon, Numark oder anderen. Wie gesagt: Geschmackssache. Die Grundregel lautet: je mehr das Programm kann, desto unübersichtlicher und verwirrender wird es. Zumindest für Laien. Wer übrigens nicht mit Maus und Trackpad hantieren will, besorgt sich einen „DJ Controller“ (gibt es in der Plastik-Spielzeug-Ausführung schon ab 150 Euro, massive Profi-Geräte kosten ein Vielfaches). Das wär’s auch schon mit der Grundausrüstung. Speziell geschliffene Nadeln, Effektgeräte, DJ-Cases und -Trolleys, Laptop-Ständer, DJ-Tische, Mehrkanalmischpulte, Mikrofone, Sampler und sonstiges lasse ich bewusst aussen vor. Man muss das ganze Zeug übrigens nicht kaufen – mieten geht oft auch, und das billiger.

Grundsätzlich gilt: lassen Sie sich’s zeigen. Von zeigefreudigen DJ-Kolleg(inn)en oder vom aufgeschlossenen Experten, Verleiher, Fachhändlern. Ein Blick auf die Homepages von Shops wie Friendly House (www.friendlyhouse.at), Klangfarbe (www.klangfarbe.at), Deejaystore (www.deejay-store.at) oder Musik Produktiv (www.musik-produktiv.de) bietet eine schier unüberschaubare Auswahl einschlägiger Hard- und Software. Rund um diesen Text finden Sie wohlüberlegte Equipment-„Pakete“ – sie dürfen als Empfehlung für unterschiedliche Standard-Situationen verstanden werden. Wie immer auch: trauen Sie Ihren Ohren. Sie sind das wichtigste Instrumentarium überhaupt.

Und noch etwas, unter uns: es gibt nur zwei Sorten Discjockeys. Gute und schlechte. Denn die üblichen Unterscheidungen – etwa jene zwischen Amateuren und Profis, zwischen solchen, die nur Musikstück auf Musikstück aneinanderreihen und solchen, die stundenlang perfekt gemischte, wie aus einem Guß wirkende Beats per minute-Abfolgen mischen (und damit unendlich langweilen können, aber nicht müssen), zwischen Egomanen, die ohne Rücksicht auf das Publikum ihr Set abspulen (nicht selten übrigens als ödes Playback ohne jeden manuellen Eingriff) und jenen wahren Künstlern, die die Befindlichkeit ihres Publikums herauszufinden und die letzten physischen und emotionalen Reserven herauszukitzeln imstande sind – sind oft nur theoretischer Natur. Und können in Sekundenschnelle wechseln. Praktisch trennt sich der Spreu vom Weizen scharf im Takt der Musik. Und, ja, nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch wirklich eine gute Party.

Musikmischmaschinen: Set 1
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Billig, aber brauchbar.

Apple MacBook Pro 13“. Das Standard-Gerät für den fortgeschrittenen Hobbyisten. Es tut übrigens auch ein älteres Gerät oder ein schnöder Windows-Rechner – Audio-Spielereien belastet die Hardware nicht sonderlich. Stecker und Kabel nicht vergessen!

Djay Software. Zu finden z.B. unter http://www.algoriddim.com (für alle gängigen PC-Plattformen, auch für iPads und iPhones). Lässt sich für einen begrenzten Zeitraum auch gratis ausprobieren. Originelle und durchschaubare Oberfläche, die an Plattenauflegerei erinnert.

Hercules DJ Control Air. Controller inklusive USB-Audio-Interface. Die günstigste All-in-one-Mixingstation für mobile Computer-DJs.

Sony MDR V500 DJ. Preisgünstige, probate Plattenreiter-Earphones.

Yamaha HS 80M. Eigentlich Studiomonitore, aber vom Autor mit Erfolg erprobte, mächtige Party-Schallkanonen. Benötigen als Aktivboxen keinen Extra-Verstärker. 120 Watt zum Stückpreis von knapp 250 Euro sind eine Okassion.

Musikmischmaschinen: Set 2
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Traditionell, aber gut.

Technics SL-1210 Turntables. (x 2) Der DJ-Plattenspieler-Klassiker schlechthin. Vinyl rules OK! Nachbauten gibt es immer günstig auf eBay & Co., weil Kids oft rasch die Freude an ihren Weihnachtsgeschenken verlieren und von DJ auf Gameboy oder Lokführer umsatteln.

Denon DNS-1200. (x 2) Ein weiterer, oft gefragter Zuspieler: Single-CD-Player mit Scratch-Funktion, Interface (kann auch Flash-Player, Festplatten und iPods steuern) und hochwertigem Digital-Analog-Wandler. Kann man immer brauchen.

Pioneer DJM 800. Ebenfalls ein Klassiker und in vielen Diskotheken das Standard-Mischpult. Vier Kanäle, Effektsektion, Equalizer, MIDI-tauglich. Nicht ganz billig, aber unverwüstlich.

AKG K-181 DJ. Gute Kopfhörer gehören einfach dazu.

HK Audio Soundhouse One. Schon in der Oberliga bei Partybeschallungen: ein aktives PA-System mit zwei Boxen, Ständern und einem fetten 15 Zoll-Basswürfel. „Erstaunliches Preis-/Leistungsverhältnis“, so das Fachurteil.

Musikmischmaschinen: Set 3
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Futuristisch, aber fantastisch.

Apple MacBook Pro 15“ Mit Retina-Display, schnellem Prozessor und grosser SSD-Festplatte (ohne bewegten Teile) „State of the Art“.

Native Instruments Traktor Pro S4. Die Software zum Rechner. Eingebauter Mixer mit vielen Features, FX (Soundeffekte) und Sample Decks.

Native Instruments Traktor Kontrol S4. Die obige Software müssen Sie nicht extra kaufen, die ist bei diesem 4-Kanal-DJ-Controller im Paket mit dabei. Zwei in Serie schaltbare Effektsektionen mit mehr als 25 Performance-Effekten, Loop Recorder, Audio-Interface, alles drin, alles dran. Raumschiff Enterprise hat auch nichts Besseres an Bord.

Korg Kaoss Pad KP3. Ein Extra-Effekt-Prozessor für die Endzeit-Party. Feuert Photonentorpedos ab.

Monster Beats Pro Black. Der klangstarke Kopfhörer für HipHop-Gangster und Angeber schlechthin.

RCF Art 712A (x 2) 12 Aktive Full Range-Boxen. 12 Zoll-Woofer, 750 Watt, Audio Controller mit aktiver Entzerrung und Schutzschaltung. Letztere wird wahrscheinlich mehr von ihren Gästen benötigt als vom Lautsprecher selbst. Macht preislich das Kraut erst richtig fett.

Zombie-Ball

27. Dezember 2010

„It’s All Over Now Baby Blue“ hören wir Falco selig singen, wieder einmal. Doch: es ist niemals zu Ende. Die Lebenden und selbst die Toten entkommen dem Hamsterrad des Musikbusiness nicht. Die Fans schon gar nicht.

Sade. Elton John & Leon Russell. Phil Collins. Ace Of Base. Stone Temple Pilots. Enrique Iglesias. Nelly. Smokie. Peter Frampton. Mike Tyson. Michael Schumacher. Die Liste ist fast beliebig erweiterbar (okay, Tyson und Schumacher sind keine Sangeskünstler, müssen aber doch dem erweiterten Pop-Star-Starterfeld zugerechnet werden). Sogar Sigi Maron, Österreichs wortgewaltigster Polit-Liedermacher, feierte anno 2010 ein Comeback. Eher der Ausnahmefall: bei ihm ist’s pure Lebenslust, die ihn antreibt, nicht der krampfhafte Blick auf’s Geldbörsel.

Die Rückkehr der lebenden Toten? Jein. Es gilt die alte Showbiz-Regel: they ever come back. Wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute. Sades Wiederkehr nach neun Jahren Stille etwa gestaltete sich durchaus zum Triumphzug. „Soldier Of Love“, das Comeback-Album, wurde ihre erste Nummer Eins in den USA. Die Songwriter-Legenden Carole King & James Taylor – „You’ve Got A Friend“ – räumten dagegen vornehmlich live ab: über 700.000 verkaufte Tickets brachten 59 Millionen Dollar Umsatz. Elton John, ein alter Bewunderer der Session-Grösse Leon Russell, machte mit „The Union“ auch keinen Fehler. Das Album wurde in punkto Charts-Position sein erfolgreichstes seit 1976. Und Ace Of Base, wiewohl in neuer Besetzung, haben acht Jahre nach ihrem letzten Studiotermin immer noch treue Fans, darunter Lady Gaga und Kate Perry. Also: zurück zum Start. Das Pop-Business der Zehnerjahre ist eine riesige, weitgehend risikolose Recycling-Maschinerie.

Alleine, was da alles an Re-Editions, Wiederentdeckungen und Neuauflagen ins Haus stand und steht: von der einmal mehr glanzpolierten „Abba Gold“-Greatest Hits-Collection, die bislang eh erst 28 Millionen Stück verkauft hat, bis zur „35th Anniversary Edition“ des Albums „Come Taste The Band“ von Deep Purple, natürlich standesgemäß auch als Doppel-Vinyl-LP im Klappcover zu haben. Wer sich fragt, womit die zweite Scheibe gefüllt wurde: mit dem komplett neu abgemischten Songmaterial von anno dazumal. „Remixed“, nicht einfach „remastered“, wohlgemerkt. Ob Schlagzeuger Ian Paice, das einzig verbliebene Originalmitglied der 1968 gegründeten Rockdinosaurier, den Unterschied hören kann? Egal. Immerhin lässt die, hm, Überarbeitung mit den technischen Mitteln von heute einen 1:1-Vergleich mit den Soundvorstellungen von damals zu. Letztlich aber ist es eine „kreative“ Marketingübung und Materialschlacht, um Fans, die schon (fast) alles haben, nochmals die Kreditkarte zücken zu lassen.

Das kann glücken – und bei den Fans Glücksgefühle auslösen – , muss es aber nicht. Ob zum Beispiel die anno 2010 inszenierte Neuauflage von „Falco 3“, dem erfolgreichsten Album des prototypischen Popstars aus Wien, zum durchschlagenden Erfolg wurde, müsste sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Kolumne schon sagen lassen. Das Weihnachtsgeschäft ist dann definitiv vorüber. Ich bin zugegebenermassen skeptisch: die „25th Anniversary Deluxe Edition“ wurde zwar flott gestylt, mit Videos und DVD-Doku hochgerüstet und behebt alte Mastering-Fehler („It’s All Over Now Baby Blue“ hatte auf allen bisherigen CD-Versionen eine unüberhörbare Digitalschleife, kurios genug). Reichlich plump geriet aber der Versuch, das Werk – das von Falco-Afficionados nicht zu seinen besten gerechnet wird, mit „Rock Me, Amadeus“, „Vienna Calling“ und „Jeanny“ aber drei der bekanntesten Singles enthält – jüngeren Generationen anzudienen. So liess man etwa die britischen Charts-Stürmer Hurts das sattsam bekannte „Jeanny“ neu interpretieren. Das Ergebnis dürfte dann sogar den Auftraggeber so wenig überzeugt haben, dass man es zwischen anderen überflüssigen Remixen und einem weiteren nebulosen Fundstück der Falco-Historie („Without You“) versteckte.

„Hier wurde mal wieder die Gelegenheit verpasst, eines der meistgeliebten Alben der 1980er angemessen wiederzuveröffentlichen“, resümierte das Online-Expertenforum „Der Schallplattenmann sagt“. „Etwa indem man die deutsche mit der internationalen Version kombiniert und den Sound sorgfältiger aufarbeitet“. Word! Leichenfledderei sollte man doch den Liebhabern überlassen.

Meine XXX-Mas-CD 2010

21. Dezember 2010

Same procedure as every year: dreihundertvierundsechzig Tage, um diesen einen, besonderen mit Bedacht anzusteuern. Und mit einer Tonspur zu versehen. Und dann rinnt einem doch wieder die Zeit aus.

Das Szenario lässt sich mit Gewissheit voraussagen. Mit hundertprozentiger Gewissheit. 24. Dezember, 13 Uhr 31, in nicht einmal einer halben Stunden schliessen die Geschäfte. Gottseidank. Es reicht. Mir ist schon klar, daß ein vormals besinnliches Fest – das Licht in eine lange Jahrtausende sehr dunkle Welt brachte – in Zeiten des Turbokapitalismus einer Konsumorgie gleicht. Gleichen muss. Die Zeitungen überschlagen sich mit Berichten über Umsatzrekorde (seltsamerweise parallel zu Meldungen über Kaufsucht, wachsende Armut, Privatkonkurse, Börsen- und Staatencrashes). Der Äther dröhnt, wham!, ob der unausweichlichen, schon im November anhebenden Dauerbeschallung durch „Last Christmas“, „Jingle Bells“ (das „Hells Bells“ der Katholiken) und schlagerselig-profane „Stille Nacht“-Verhunzungen. Der Kopf ist schwer. Nicht nur von den Firmen-, Freundeskreis- und Branchen-Feiern der letzten Tage und Wochen.

Denn wieder mal, so die vorauseilende Jahresbilanz, bin ich nicht fertig geworden mit meiner Jahres-CD. Ist ein alter Brauch, quasi Weihnachts-Folklore. Für die liebsten Freunde bastle ich da eine persönliche „Greatest Hits“-Compilation des Jahres. Strikt eklektisch, streng subjektiv, prickelnd individuell. Da sind abseitige Fundstücke dabei, jenseits der Jahrescharts von FM4, „Spex“ & Co, einige Common Sense-Kleinode, handselektierte Highlights aus der eigenen Musikmanufaktur (etwa „Fashion“, ein Song der neuen heimischen Pop-Götter Ginga. Oder das zum Lichterfest hinreichend provokante Liedlein „Es gibt kan Gott“ des wiederauferstandenen Protest-Barden Sigi Maron). Mindestens ein Stück von meinem Lieblingsalbum des Jahres, „Brother“ von den Black Keys. Könnte etwa „Tighten Up“ werden. Und natürlich die peinlichsten Lieblingssongs, die man gerne in der Badewanne trällert (anno 2010 war das Hurts’ „Wonderful Life“, eine Synthiepop-Hymne mit bittersüssem Retro-Geschmack).

Diese Zusammenstellung wird tage-, nein: wochenlang überlegt, abgestimmt, verworfen, neu begonnen und letztendlich final auf eine Compact Disc gebrannt. Was heisst auf eine. Auf dutzende Rohlinge. Die wiederum zur Abrundung mit einer Aufschrift und einem Cover versehen, eingetütet und per Post (oder auch persönlich) an die Adressaten übermittelt werden. Diese revanchieren sich bisweilen mit einer eigenen, selbstgebrannten Jahres-CD. So geht das hin und her. Und allerorten rotieren die CDRs und surren die Brennmaschinen. Wie gesagt: ein schöner, alter Brauch. Mit einem gewissen Aktualitätsanspruch.

Wobei: technisch auf der Höhe der Zeit ist’s ja nicht mehr ganz, diese Prozedur. Früher waren es Cassetten, mühevoll 1:1 kopiert und handbeschriftet. Die Meldung, dass Sony dieses Jahr die Produktion des allerletzten „Walkman“-Modells eingestellt hat, lässt inzwischen auch Nostalgiker relativ ungerührt. Tapes, anyone? Schweigen im Walde. Dafür dürften sich die Server-Downloads und MP3-Bundles, die behend durch Glasfaserleitungen und auf Festplatten flutschen, vermehren wie die Karnickel unter der Infrarot-Wärmelampe. Besonders romantisch sind aber, pardon, solche Digitalklone und Null-Eins-Kettenbriefe nicht. Eher etwas für kühle Pragmatiker und atmosphärische Agnostiker. Es geht nichts über den handgeschnitzten Tonträger.

Höre ich da irgendjemanden im Hintergrund murmeln, derlei wäre illegal? Von wegen Kopierschutz und Copyright und…? Sorry, das ist natürlich engstirniger Unsinn. Formal – ich bin kein Jurist, glauben Sie mir einfach –, und dem Sinn nach erst recht. Selbst als mich Freund S. vor Jahren in einer „Kurier“-Kolumne öffentlich outete als jemand, der – noch dazu als Musikindustrie-Heini! – gut und gern zwanzig selbst erstellte Jahres-CDs verschickt, blieb das grosse Aufheulen aus. Warum? Weil die „Privatkopie“ nie privater ist als in einem Kontext aus Tannenduft, Geschenkpapierrascheln und frohen Wünschen für ein gutes neues Jahr. Weil es wohl letztendlich gar keine bessere Werbung für Musik gibt als persönliche Empfehlungen und Fingerzeige. Und weil Hören allemal mehr bringt als Reden oder Schreiben.

In diesem Sinne: Frohe Weihnacht! Gröbchens XXX-Mas-CD ist dann spätestens im Frühjahr fertig.

Hausverstand

18. Dezember 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (90) Die Isolierung von Haus & Heim mittels Wärmebildkamera zu prüfen liegt im Trend. Bringt’s was?

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr… In der kalten Jahreszeit wäre ja durchaus das beschauliche Studium von Rilke-Gedichten angesagt, würde nicht der Häuslbauer in uns (der steckt ja, Hinterholz 8 lässt grüssen, in jedem Österreicher) von anderen Sorgen geplagt. Etwa jener, ob die Isolierung des Eigenheims hält, was sie verspricht. Das kann, je nach Güte, am Ende der Heizsaison ein paar hundert oder gar tausend Euro mehr oder weniger ausmachen im Geldbörsel. Schlechte Wärmedämmung verbrennt die Kohle quasi doppelt so schnell. Das sollte sich schon herumgesprochen haben.

Für jene, die’s genau nachprüfen wollen, gibt es klare Hinweise. So ist etwa die Erstellung eines „Energieausweises“ beim Verkauf, Um- oder Neubau eines Hauses landesweit Pflicht, geregelt durch die Önorm H5055 und unterteilt in Heizwärmebedarfskategorien von A++ (Passivhäuser) bis G (alte, unsanierte Gebäude). Wenn man das Papier zu lesen versteht, erfährt man einiges über Ökologie und Ökonomie im Immobilienbereich. Weil aber Anschaulichkeit Trumpf ist, kann es auch nicht schaden, den Trend zu Wärmebild-Aufnahmen der eigenen vier Wände mitzumachen. Oder doch?

Leicht stutzig wird man ja schon, wenn einem eine kühle technische Entscheidungshilfe angedient wird wie warme Semmeln: „Aufgrund der enormen Nachfrage im Vorjahr auch heuer wieder! Jetzt zum Sensationspreis von nur 99 Euro! Mit Geld-zurück-Garantie!“ Dass hinter derlei marktschreierischem Aktionismus BauMax, Wüstenrot und das Lebensministerium (eigentlich: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft) stehen, lässt die Skepsis auch nicht umgehend gen Null tendieren.

Also hurtig weitere Erkundigungen eingezogen. Nun: die Bilder, die mit speziellen Wärmebildkameras nur unter bestimmten Voraussetzungen und Witterungsbedingungen gemacht werden können, erinnern an psychedelische Kunstwerke. Für sich allein sind sie nur bedingt aussagekräftig. Die Aufnahmen bedürfen der Auswertung und Interpretation durch Fachleute – die ist allerdings im Preis nicht inbegriffen. Oder sagen wir so: wenn Sie schon Beratern die Tür öffnen (die Thermografien werden zumeist persönlich übergeben), dann wird man ja wohl nachfragen dürfen. Nein: müssen. Da es sich nicht um angewandten Altruismus handelt und zudem ein „Sanierer-Bonus“ ins Spiel gebracht wird, will man Ihnen in Folge ja das eine oder andere verkaufen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: das muß nicht negativ sein. Im Gegenteil. Geld statt ins Sparschwein in Wärmedämmung und Sanierungsmaßnahmen zu stecken, könnte der erste kluge Vorsatz für 2011 sein.

Schadensmodelle & Wirklichkeit

10. Dezember 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (89) „Gran Turismo 5“ ist ein grandioses Rennspiel, aber gewiss kein „Real Driving Simulator“.

Ich weiss nicht, wie’s Ihnen geht, aber meinem Empfinden nach liegt nicht nur das österreichische Schulsystem – ein Ergebnis jahrzehntelanger Klientel-Politik und Proporz-Bequemlichkeit – im Argen. Auch Österreichs Fahrschulen sind ein Spiegelbild der realen Fahrtüchtigkeit des Durchschnitts-Österreichers. Und vice versa. Was leider bedeutet, dass zwischen Schüler, Lehrer und Prüfer zwar Dauerstress herrscht (und nicht wenig Geld hin- und herwandert), ein nicht geringer Prozentsatz der Lenkraddreher aber trotzdem später „learning by doing“ betreibt. Oder auch nicht. Jedenfalls im Alltagsverkehr. Diese subjektive Einschätzung des Ist-Zustands hat sich verschärft, seit ich im 10. Bezirk – der Bronx Wiens – wohne. Da gelten einfach andere Regeln, als sie im Multiple Choice-Lehrbuch zu finden sind. Auch auf die Gefahr hin, dass mich die Experten des „Kuratoriums für Verkehrssicherheit“ eines Besseren belehren: im EU-Vergleich landen die heimischen Autofahrer auf den hintersten Rängen.

Ich möchte daher an dieser Stelle einen Fingerzeig für überforderte Pädagoginnen und Pädagogen niederschreiben: verschenken Sie an alle vermeintlichen Vettel-Rivalen großzügig den „Real Driving Simulator““ (so die Eigenwerbung des Herstellers Sony) „Gran Turismo 5“. Und gleich dazu eine PlayStation 3, falls die noch nicht im Haushalt vorhanden ist. Sechs Jahre sind seit der Vorgängerversion des Computergames ins Land gezogen, der Perfektionsdrang des Entwicklerteams rund um Mastermind Kazunori Yamauchi ist legendär. 5,5 Millionen Exemplare sind seit dem Verkaufsstart Ende November ausgeliefert worden. „Gran Turismo 5“ ist im Rennen rund um den Weihnachtsbaum ein absoluter Top-Favorit.

Verbinden Sie dieses Geschenk mit einer Auflage: ab sofort bleibt die Bleifuss-Action aufs Wohnzimmer beschränkt. Nur hier, mit dem Controller oder Plastik-Lenkrad in der Hand, darf man sich lustvoll der Auswahl aus über 1000 (!) Fahrzeugen aller Klassen und Epochen hingeben – selbst Didi Mateschitz hat keine so grosse Garage, trotz Virtual Reality-Entwicklungsabteilung. Und ebenfalls nur hier möge man es auf 70 Rennstrecken im 3D-Modus mit Headtracking und aufwändiger Tag-Nacht-Grafik krachen lassen. Und zwar so richtig. Denn, bei aller Bewunderung für die hyperrealistische Anmutung des Spiels – „oft kommt es bei den Rennen nicht auf fahrerisches Können an, sondern darum, das beste Auto im Startfeld zu haben“, wie ein Fachtester urteilt. „Die Computer-Gegner fahren starr ihre Runden und reagieren so gut wie gar nicht auf den Spieler. Auch das Schadensmodell wirkt sich kaum auf das Spiel aus.“ Zitat Ende.

Diesen grundsätzlichen Konstruktionsfehler wollten Yamauchi & Co. partout nicht aus der Welt schaffen. Den klitzekleinen Umstand nämlich, dass man in realita nicht mit 280 km/h aus der Bahn fliegen und gegen einen Brückenpfeiler knallen kann, ohne sein Leben zu verlieren. Wer Sekunden nach dem virtuellen Exitus schon wieder frischfröhlich weiterrast, hat eine wesentliche Lektion verpasst. Sie im Alltag nachzuholen ist allerdings wenig ratsam.

Bürgerkrieg 2.0

4. Dezember 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (88) „Wikileaks“ ist der Prüfstein eines radikalen neuen Medienverständnisses.

„Quod licet Iovi non licet bovi“ – was dem einen erlaubt ist, ist dem anderen noch lange nicht gestattet. Auf diese zeitlose Formel von Über- und Untermenschentum lässt sich die aktuelle Aufregung um „WikiLeaks“ verkürzen. In Österreich müsste der Spruch lauten: „Ja, dürfen’s denn des?“. Darüber schreiben gerade Kommentatoren, Verschwörungstheoretiker und Blog-Philosophen sich die Finger wund. Und reden sich den Mund fusselig. Staatsanwälte, Diplomaten, Bankiers, Politiker und Geheimagenten (eventuell auch solche in Diensten des neuzeitlichen „Geheimdienstes des Volkes“) wetzen unruhig auf ihren Bürostühlen hin und her. Das p.t. Publikum ist verwirrt: wer sind in diesem Thriller die Guten und wer die Bösen? Gewiss ist: das World Wide Web hat uns einmal mehr ein Phänomen beschert, das aufzeigt, welche tiefgreifenden, tatsächlich weltumspannenden Erschütterungen, Verunsicherungen und Aggressionen die Informationstechnologie auszulösen vermag.

Wer genau dieser Julian Assange ist – das einzige bekannte Gesicht einer (un)heimlichen Verschwörerschar, ein wichtigtuerischer Zyniker und Vergewaltiger oder ein Anarcho-Heroe des Digitalzeitalters –, werden wir eventuell nie erfahren. Aber es ist auch vergleichsweise unwichtig. Jedenfalls im Kontext der allmählich sickernden Erkenntnis, dass WikiLeaks ein Zauberlehrling in Sachen Transparenz ist, den man so schnell nicht wieder los werden wird. Ausser, und gewisse Anzeichen deuten darauf hin, die USA und Europa nähern sich im Cyberbürgerkrieg der nahen Zukunft – Netz-Demokratie versus Kontrollstaat – flugs China, dem Iran und Nordkorea an. Müssen wir uns die gesellschaftlichen Perspektiven der nächsten Jahre wie eine Film-Collage aus „Matrix“, „Brazil“ und „V wie Vendetta“ vorstellen?

Es sind weniger die Enthüllungen und Aktionen von WiKiLeaks, die Bestürzung zeitigen, als die Reaktionen – bis hin zum Mordaufruf. Die USA als Fackelträger demokratischer Tugenden und in der Verfassung festgeschriebener Informationsfreiheit werden jedenfalls ordentlich vorgeführt. WikiLeaks ist der Prüfstein eines radikalen neuen Medienverständnisses: jeder darf theoretisch alles wissen, niemand muss mehr praktisch irgendetwas verstehen. Ausser, dass die Welt grundsätzlich schlecht ist. Das ist natürlich Quatsch, ungefähr von jener Güte, wie ihn die Gatekeeper (Iovi) des Universums 1.0 gern verbreiten, um ihre Machtstrukturen und Privilegien einzuzementieren. Ob aber das Web 2.0 auf Dauer ein Instrument der Aufklärung ist oder ein perfektes Orwell-Organ, wird sich erst weisen. Von wegen „Terror der Transparenz“ (diesen Gedanken des „Falter“-Starjournalisten Florian Klenk habe ich mir mit gespitztem Bleistift notiert): wer oder was ist schon von unbedingtem „öffentlichen Interesse“?

Im Zweifelsfall gilt: alles, was öffentlich werden soll und veröffentlicht wird, ist Propaganda. Was nicht öffentlich werden soll und trotzdem veröffentlicht wird, ist Journalismus. Oder liefert zumindest das notwendige Rohmaterial. Und, ja, die Prüfung, Analyse, Interpretation und Kommentierung dieses Materials ist und bleibt eine wesentliche Aufgabe traditioneller „Systemmedien“ – das Monopol darauf haben sie längst verloren.

The Final Countdown

3. Dezember 2010

Wenn das Musik-Business kein „Business“ im eigentlichen Sinn mehr ist, also (auch) ein Geschäft, wer bezahlt dann die Miete und Heizung? Und warum interessiert das die unmittelbar Betroffenen so wenig?

Weil kahle Wände nichts hermachen, hab’ ich ein paar gerahmte Sinnsprüche über meinem Schreibtisch hängen – und natürlich auch, weil sich darüber so trefflich streiten lässt. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ von Karl Valentin etwa: ein Klassiker. „Think big“, Urheber unbekannt, darf als ironisches Statement im Büro eines Indie-Labels gewertet werden. Und dann wäre da noch ein berühmter Spruch von Jean Sibelius: „Sinn für Musik habe ich eigentlich immer nur bei Banquiers gefunden, höchst selten bei Künstlern, die lieber über Geld reden.“

Das ist natürlich eine Gemeinheit, enthält aber – wie jede treffliche Gemeinheit – eine Portion Wahrheit. Da sie zudem aus dem Munde eines Künstlers stammt, dem die Eigenheiten und Denkschablonen seiner Kollegenschar vertraut waren, setzt dieses Bonmot einen markanten Eckpunkt in der ewigen Debatte um’s Geld. Das Gegenteil ist genauso zutreffend: Kunst ist per se ein brotloses Metier, Künstler haben kein Verhältnis zum schnöden Mammon. Banquiers stecken anno 2010 selbst in der Krise (und können oder wollen sich nun keine Sponsoring-Federchen mehr an den Hut stecken, trotz ungebrochen sprudelnder Millionen-Boni). Und das Musikbusiness ist, zumal in Österreich, eh kein Geschäft im engeren Sinne. Und war es eventuell nie.

Wer bezahlt dann aber die Miete? Wir sollten an dieser Stelle eine wichtige Eingrenzung machen. Und dezidiert zwischen Hobbyisten und Profis unterscheiden. Die Trennungslinie verläuft genau da, wo es sich um ein mehr oder minder geregeltes Einkommen dreht. Oder, aus der Sicht eines Labels oder Bookingagentur-Betreibers etwa, um die mittel- bis langfristige Vermeidung fortgesetzter Selbstausbeutung. Musik, Film, Schriftstellerei, darstellende Kunst sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle l’art pour l’art, Kunst um der Kunst willen, keine Profession, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Möglicherweise verleiht sie einen imaginären Schimmer innerer Getriebenheit und edler Aufopferung. Oder dient auch nur ganz banal der Selbstbefriedigung. Dort aber, wo Kunst – oder meinetwegen auch „nur“ blosses Kunsthandwerk – sich einem realen Markt stellen, helfen grosszügige Selbsttäuschung und virtuelle Werte nicht weiter. Wo aber kein Markt vorhanden ist – eventuell, weil er sich weitgehend in Luft aufgelöst hat – bleiben nur noch Subventionen, Mäzenatentum und ewiges Prekariat.

Diese lange Vorrede hat einen Hintergrund, der im Zug der akuten Urheberrechts-Debatte bedrückender denn je zum Vorschein kommt. Es herrscht ein weitgehendes Unverständnis über die Wertschöpfungsketten und potentiellen Einnahmequellen im Kunst- & Kultursektor, von den Möglichkeiten und Notwendigkeiten sozialer Vorsorge und Absicherung ganz abgesehen (aber das ist sowieso ein eigenes, sprödes Thema). Und zwar nicht nur unter Neulingen, Nebenerwerbs-Genies und Hobbybastlern, sondern bestürzenderweise auch unter jenen, die seit Jahren, gelegentlich sogar Jahrzehnten versuchen, nicht nur für die Kunst, sondern auch von ihr zu leben. Sprechen Sie zum Beispiel mal einen halbwegs vertrauten Musiker auf Themenfelder wie AKM, AustroMechana, LSG, SKE oder KSV an – ich wette, die Antwort lautet: ja, man hätte davon schon gehört, sei auch da und dort Mitglied, aber irgendwie wäre das alles sehr komplex, ominös und generell unsympathisch. Das Geld, das aus diesen Quellen sprudelt, sei zwar willkommen, aber das System dahinter undurchschaubar. Und sowieso wenig zukunftsträchtig.

Nun kann man lange über Hol- und Bringschuld philosophieren. Über die Konstruktion, Effizienz sowie Innen- und Außenwirkung von Urheberrechtsvertretern oder Sozialversicherungsträgern. Und über die Ungerechtigkeit der Welt per se. Letztlich sollte sich aber die Erkenntnis durchsetzen, daß es in erster Linie um die (individuelle und gesellschaftliche, jedenfalls systematische) Frage der Bewertung und Monetarisierung non-materieller Leistungen geht. Das kann ein einzelnes Kunstwerk betreffen, aber auch die Summe eines ganzen Künstlerlebens. Im Vergleich dazu sind Beamtenlaufbahnen inklusive Ruhestandsregelung ja herrlich überschau- und berechenbar, im doppelten Wortsinn. Die Errungenschaften des Sozialstaats und sozialpartnerschaftliche Absicherungsmechanismen gelten für Künstler, diese klischeehaft ewig irrlichternden, seltsam bunten Vögel aber eher weniger.

Woher soll aber nun die Kohle kommen, um im kalten Winter den Elfenbeinturm zu beheizen? Auch da wieder, sorry to say: großes Rätselraten. Immerhin hat sich schon die Erkenntnis durchgesetzt, dass z.B. die viel geschmähte, zugleich aber irrational umschmeichelte Major-Musikindustrie nicht mehr das güldene Füllhorn ausschütten kann und wird (was sie ja in Österreich sowieso selten getan hat). Und das Musikbusiness 2.0, irgendwo daheim in den unendlichen Weiten des World Wide Web, zwar allerhand Chancen, Schnittstellen und Plattformen zu bieten hat, aber nur in den seltensten Fällen genug abwirft, um die karge Existenz zu sichern. YouTube etwa – ja, schön, dass alle Videos der letzten fünf Jahrzehnte weltweit verfügbar sind und man so abseits von MTV, Viva & Co. eventuell an ein Publikum herankommt, das man sonst nie gefunden hätte (und vice versa). Aber wer hat etwas davon, sieht man von der Mega-Maschinerie in Mountain View, Kalifornien ab? Eh: Werbung. Öffentlichkeit. Umwegrendite. Aber leider nicht unmittelbar in klingender Münze abgegolten. Und in den allermeisten Fällen auch nicht mittelbar.

Interessiert sich deswegen ein Schwanz – bitte die genderneutrale, politisch korrekte Form immer dazudenken, mir ist das einfach zu umständlich – für den Kampf, den GEMA, AKM & Co. mit einem neuzeitlichen Datenkraken wie YouTube führen? Hat ein cooler Künstler mit Street Credibility und Sendungsbewußtsein sein Wort erhoben, als es um die, gelinde gesagt, wenig populäre Thematik der „Urheberrechtsabgaben“ ging? Antworten Underground-Labelbetreiber auf den stupend einförmigen Wortschwall in Online-Foren, wenn er im entferntesten ihre Künstler, Produkte, Vertriebskanäle, letztlich ihre Existenz betrifft?

Fragen über Fragen. Nun: ich würde gern Antworten hören. Plausible, fundierte, zukunftsweisende Antworten. Etwa auf diese Frage: ist dem Gros der Branche eigentlich bewusst, dass für die jüngeren Generationen YouTube inzwischen – die Tonspur tut’s auch ohne Bild – zur On Demand-Musikquelle No.1 avanciert ist? Und zwar, ohne dass es eine wirksame Verschränkung mit Dokumentations-, Kontroll- und Abrechnungsmechanismen gäbe? Und der eine Million mal gesehene und gehörte Web-Nachwuchsstar davon mehr hätte als einen feuchten Händedruck? Und die abertausenden Konkurrenten, die nicht in das Scheinwerferlicht der 15-Minuten-Berühmtheit gelangt sind und wahrscheinlich nie gelangen werden, nicht einmal den.

Hoffentlich ist wenigstens das Mitleid groß genug, um die Narrenkappe mit Münzen, Wortspenden und anderen Almosen zu füllen. It’s the final countdown.

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