The Final Countdown

3. Dezember 2010

Wenn das Musik-Business kein „Business“ im eigentlichen Sinn mehr ist, also (auch) ein Geschäft, wer bezahlt dann die Miete und Heizung? Und warum interessiert das die unmittelbar Betroffenen so wenig?

Weil kahle Wände nichts hermachen, hab’ ich ein paar gerahmte Sinnsprüche über meinem Schreibtisch hängen – und natürlich auch, weil sich darüber so trefflich streiten lässt. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ von Karl Valentin etwa: ein Klassiker. „Think big“, Urheber unbekannt, darf als ironisches Statement im Büro eines Indie-Labels gewertet werden. Und dann wäre da noch ein berühmter Spruch von Jean Sibelius: „Sinn für Musik habe ich eigentlich immer nur bei Banquiers gefunden, höchst selten bei Künstlern, die lieber über Geld reden.“

Das ist natürlich eine Gemeinheit, enthält aber – wie jede treffliche Gemeinheit – eine Portion Wahrheit. Da sie zudem aus dem Munde eines Künstlers stammt, dem die Eigenheiten und Denkschablonen seiner Kollegenschar vertraut waren, setzt dieses Bonmot einen markanten Eckpunkt in der ewigen Debatte um’s Geld. Das Gegenteil ist genauso zutreffend: Kunst ist per se ein brotloses Metier, Künstler haben kein Verhältnis zum schnöden Mammon. Banquiers stecken anno 2010 selbst in der Krise (und können oder wollen sich nun keine Sponsoring-Federchen mehr an den Hut stecken, trotz ungebrochen sprudelnder Millionen-Boni). Und das Musikbusiness ist, zumal in Österreich, eh kein Geschäft im engeren Sinne. Und war es eventuell nie.

Wer bezahlt dann aber die Miete? Wir sollten an dieser Stelle eine wichtige Eingrenzung machen. Und dezidiert zwischen Hobbyisten und Profis unterscheiden. Die Trennungslinie verläuft genau da, wo es sich um ein mehr oder minder geregeltes Einkommen dreht. Oder, aus der Sicht eines Labels oder Bookingagentur-Betreibers etwa, um die mittel- bis langfristige Vermeidung fortgesetzter Selbstausbeutung. Musik, Film, Schriftstellerei, darstellende Kunst sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle l’art pour l’art, Kunst um der Kunst willen, keine Profession, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Möglicherweise verleiht sie einen imaginären Schimmer innerer Getriebenheit und edler Aufopferung. Oder dient auch nur ganz banal der Selbstbefriedigung. Dort aber, wo Kunst – oder meinetwegen auch „nur“ blosses Kunsthandwerk – sich einem realen Markt stellen, helfen grosszügige Selbsttäuschung und virtuelle Werte nicht weiter. Wo aber kein Markt vorhanden ist – eventuell, weil er sich weitgehend in Luft aufgelöst hat – bleiben nur noch Subventionen, Mäzenatentum und ewiges Prekariat.

Diese lange Vorrede hat einen Hintergrund, der im Zug der akuten Urheberrechts-Debatte bedrückender denn je zum Vorschein kommt. Es herrscht ein weitgehendes Unverständnis über die Wertschöpfungsketten und potentiellen Einnahmequellen im Kunst- & Kultursektor, von den Möglichkeiten und Notwendigkeiten sozialer Vorsorge und Absicherung ganz abgesehen (aber das ist sowieso ein eigenes, sprödes Thema). Und zwar nicht nur unter Neulingen, Nebenerwerbs-Genies und Hobbybastlern, sondern bestürzenderweise auch unter jenen, die seit Jahren, gelegentlich sogar Jahrzehnten versuchen, nicht nur für die Kunst, sondern auch von ihr zu leben. Sprechen Sie zum Beispiel mal einen halbwegs vertrauten Musiker auf Themenfelder wie AKM, AustroMechana, LSG, SKE oder KSV an – ich wette, die Antwort lautet: ja, man hätte davon schon gehört, sei auch da und dort Mitglied, aber irgendwie wäre das alles sehr komplex, ominös und generell unsympathisch. Das Geld, das aus diesen Quellen sprudelt, sei zwar willkommen, aber das System dahinter undurchschaubar. Und sowieso wenig zukunftsträchtig.

Nun kann man lange über Hol- und Bringschuld philosophieren. Über die Konstruktion, Effizienz sowie Innen- und Außenwirkung von Urheberrechtsvertretern oder Sozialversicherungsträgern. Und über die Ungerechtigkeit der Welt per se. Letztlich sollte sich aber die Erkenntnis durchsetzen, daß es in erster Linie um die (individuelle und gesellschaftliche, jedenfalls systematische) Frage der Bewertung und Monetarisierung non-materieller Leistungen geht. Das kann ein einzelnes Kunstwerk betreffen, aber auch die Summe eines ganzen Künstlerlebens. Im Vergleich dazu sind Beamtenlaufbahnen inklusive Ruhestandsregelung ja herrlich überschau- und berechenbar, im doppelten Wortsinn. Die Errungenschaften des Sozialstaats und sozialpartnerschaftliche Absicherungsmechanismen gelten für Künstler, diese klischeehaft ewig irrlichternden, seltsam bunten Vögel aber eher weniger.

Woher soll aber nun die Kohle kommen, um im kalten Winter den Elfenbeinturm zu beheizen? Auch da wieder, sorry to say: großes Rätselraten. Immerhin hat sich schon die Erkenntnis durchgesetzt, dass z.B. die viel geschmähte, zugleich aber irrational umschmeichelte Major-Musikindustrie nicht mehr das güldene Füllhorn ausschütten kann und wird (was sie ja in Österreich sowieso selten getan hat). Und das Musikbusiness 2.0, irgendwo daheim in den unendlichen Weiten des World Wide Web, zwar allerhand Chancen, Schnittstellen und Plattformen zu bieten hat, aber nur in den seltensten Fällen genug abwirft, um die karge Existenz zu sichern. YouTube etwa – ja, schön, dass alle Videos der letzten fünf Jahrzehnte weltweit verfügbar sind und man so abseits von MTV, Viva & Co. eventuell an ein Publikum herankommt, das man sonst nie gefunden hätte (und vice versa). Aber wer hat etwas davon, sieht man von der Mega-Maschinerie in Mountain View, Kalifornien ab? Eh: Werbung. Öffentlichkeit. Umwegrendite. Aber leider nicht unmittelbar in klingender Münze abgegolten. Und in den allermeisten Fällen auch nicht mittelbar.

Interessiert sich deswegen ein Schwanz – bitte die genderneutrale, politisch korrekte Form immer dazudenken, mir ist das einfach zu umständlich – für den Kampf, den GEMA, AKM & Co. mit einem neuzeitlichen Datenkraken wie YouTube führen? Hat ein cooler Künstler mit Street Credibility und Sendungsbewußtsein sein Wort erhoben, als es um die, gelinde gesagt, wenig populäre Thematik der „Urheberrechtsabgaben“ ging? Antworten Underground-Labelbetreiber auf den stupend einförmigen Wortschwall in Online-Foren, wenn er im entferntesten ihre Künstler, Produkte, Vertriebskanäle, letztlich ihre Existenz betrifft?

Fragen über Fragen. Nun: ich würde gern Antworten hören. Plausible, fundierte, zukunftsweisende Antworten. Etwa auf diese Frage: ist dem Gros der Branche eigentlich bewusst, dass für die jüngeren Generationen YouTube inzwischen – die Tonspur tut’s auch ohne Bild – zur On Demand-Musikquelle No.1 avanciert ist? Und zwar, ohne dass es eine wirksame Verschränkung mit Dokumentations-, Kontroll- und Abrechnungsmechanismen gäbe? Und der eine Million mal gesehene und gehörte Web-Nachwuchsstar davon mehr hätte als einen feuchten Händedruck? Und die abertausenden Konkurrenten, die nicht in das Scheinwerferlicht der 15-Minuten-Berühmtheit gelangt sind und wahrscheinlich nie gelangen werden, nicht einmal den.

Hoffentlich ist wenigstens das Mitleid groß genug, um die Narrenkappe mit Münzen, Wortspenden und anderen Almosen zu füllen. It’s the final countdown.

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5 Antworten to “The Final Countdown”

  1. Johann Schwarzinger Says:

    Hallo Walter! Gratuliere zu diesem Beitrag.
    Leider ist es wirklich so, dass man sich mittlerweile leisten können muss, Musiker zu sein.
    lg aus Graz


  2. Der gestrige Abend im MICA hat deinen Befund eindrucksvoll bestätigt :-)

  3. Mikky Mouth Says:

    http://www.reverbnation.com/wallywarning
    http://www.facebook.com/wallywarning
    http://www.myspace.com/wallywarning
    http://www.wallywarning.com
    http://www.facebook.com/mikkymouth

    Servus Walter,

    ein wirklich toller Beitrag der alles treffen würde, wenn nicht die lösungsansätze und antworten darauf ausbleiben würden.

    Man kann auch als Musiker nicht den ganzen Tag vor dem Computer verbringen um sich überall Profile einzurichten und noch mehr gratis streams oder gar gratis downloads seiner songs zum besten zu geben, es ist ein faß ohne boden wo niemand den deckel oder zumindest den boden dazu hat.

    Wir sind GEMA geschädigte, es soll man jemand versuchen bei der GEMA zb anzurufen um eine konkrete auskunft zb zu einem plagiatsfall zu bekommen oder zu illegalen download websiten, nichtmal wenn man denen einen konkreten link sendet zu einer seite von der deine Songs gratis illegal downgeloadet werden und damit auch noch werbung gemacht wird, ja nicht mal dann fühlt sich jemand von denen zuständig.

    Eine Lösung kann nur sein diese Vereine abzuschaffen und neu zu erfinden, aber wie genau die Erfindung genau aussehen soll dazu bin ich zu wenig Musikjurist der man heute ja auch noch sein sollte als musiker, wann dann genau noch die muse bleiben soll um sich auch wirklich um seinen beruf und die berufung zu kümmern ist eine thema das ich seit geraumer zeit beschäftigt…

    bin schon gespannt auf weitere inhalte zu diesen themen.

    liebe Grüße

    Mikky


  4. […] zu schlagen. Damit wird man schon lange nicht mehr reich, nicht einmal dem Klischee nach. Eher im Gegenteil: die Musikindustrie gilt heute als Heimstätte verarmter Ex-Prunk- und Protzsüchtiger. […]


  5. […] Zeitnot, Apathie oder einem dümmlichen Zeitgeist-Opportunismus. Es geht um die schlichte Frage, wie Urheber und ihre Sparringpartner & Dienstleister, zuvorderst Labels, Distributoren und […]


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