Bürgerkrieg 2.0

4. Dezember 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (88) „Wikileaks“ ist der Prüfstein eines radikalen neuen Medienverständnisses.

„Quod licet Iovi non licet bovi“ – was dem einen erlaubt ist, ist dem anderen noch lange nicht gestattet. Auf diese zeitlose Formel von Über- und Untermenschentum lässt sich die aktuelle Aufregung um „WikiLeaks“ verkürzen. In Österreich müsste der Spruch lauten: „Ja, dürfen’s denn des?“. Darüber schreiben gerade Kommentatoren, Verschwörungstheoretiker und Blog-Philosophen sich die Finger wund. Und reden sich den Mund fusselig. Staatsanwälte, Diplomaten, Bankiers, Politiker und Geheimagenten (eventuell auch solche in Diensten des neuzeitlichen „Geheimdienstes des Volkes“) wetzen unruhig auf ihren Bürostühlen hin und her. Das p.t. Publikum ist verwirrt: wer sind in diesem Thriller die Guten und wer die Bösen? Gewiss ist: das World Wide Web hat uns einmal mehr ein Phänomen beschert, das aufzeigt, welche tiefgreifenden, tatsächlich weltumspannenden Erschütterungen, Verunsicherungen und Aggressionen die Informationstechnologie auszulösen vermag.

Wer genau dieser Julian Assange ist – das einzige bekannte Gesicht einer (un)heimlichen Verschwörerschar, ein wichtigtuerischer Zyniker und Vergewaltiger oder ein Anarcho-Heroe des Digitalzeitalters –, werden wir eventuell nie erfahren. Aber es ist auch vergleichsweise unwichtig. Jedenfalls im Kontext der allmählich sickernden Erkenntnis, dass WikiLeaks ein Zauberlehrling in Sachen Transparenz ist, den man so schnell nicht wieder los werden wird. Ausser, und gewisse Anzeichen deuten darauf hin, die USA und Europa nähern sich im Cyberbürgerkrieg der nahen Zukunft – Netz-Demokratie versus Kontrollstaat – flugs China, dem Iran und Nordkorea an. Müssen wir uns die gesellschaftlichen Perspektiven der nächsten Jahre wie eine Film-Collage aus „Matrix“, „Brazil“ und „V wie Vendetta“ vorstellen?

Es sind weniger die Enthüllungen und Aktionen von WiKiLeaks, die Bestürzung zeitigen, als die Reaktionen – bis hin zum Mordaufruf. Die USA als Fackelträger demokratischer Tugenden und in der Verfassung festgeschriebener Informationsfreiheit werden jedenfalls ordentlich vorgeführt. WikiLeaks ist der Prüfstein eines radikalen neuen Medienverständnisses: jeder darf theoretisch alles wissen, niemand muss mehr praktisch irgendetwas verstehen. Ausser, dass die Welt grundsätzlich schlecht ist. Das ist natürlich Quatsch, ungefähr von jener Güte, wie ihn die Gatekeeper (Iovi) des Universums 1.0 gern verbreiten, um ihre Machtstrukturen und Privilegien einzuzementieren. Ob aber das Web 2.0 auf Dauer ein Instrument der Aufklärung ist oder ein perfektes Orwell-Organ, wird sich erst weisen. Von wegen „Terror der Transparenz“ (diesen Gedanken des „Falter“-Starjournalisten Florian Klenk habe ich mir mit gespitztem Bleistift notiert): wer oder was ist schon von unbedingtem „öffentlichen Interesse“?

Im Zweifelsfall gilt: alles, was öffentlich werden soll und veröffentlicht wird, ist Propaganda. Was nicht öffentlich werden soll und trotzdem veröffentlicht wird, ist Journalismus. Oder liefert zumindest das notwendige Rohmaterial. Und, ja, die Prüfung, Analyse, Interpretation und Kommentierung dieses Materials ist und bleibt eine wesentliche Aufgabe traditioneller „Systemmedien“ – das Monopol darauf haben sie längst verloren.

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2 Antworten to “Bürgerkrieg 2.0”


  1. Der „Kaiser ohne Kleider“ bleibt nackt auch wenn der Überbringer der Botschaft eliminiert wird:
    http://klauskarlbauer.wordpress.com/2010/12/06/213-251-145-96-endzeit-fur-wen-oder-was/


  2. […] Hass. Druck Gegendruck. Und so weiter. Und so fort. Was man vorgeblich zu verhindern versucht, generiert man so erst recht. Systematisch. […]


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